Eine Erkältung ist nach spätestens zehn Tagen überstanden. Wer im Herbst deutlich länger mit laufender Nase und tränenden Augen unterwegs ist, hat häufig keinen Infekt, sondern eine Allergie. Der Auslöser liegt dann in vielen Fällen im eigenen Bett: Mit Beginn der Heizperiode erreicht die Belastung durch Hausstaubmilben-Allergene im Schlafzimmer ihren Jahreshöchststand.
Betroffen sind mehr Menschen, als viele annehmen. Je nach Region reagieren zehn bis 14 Prozent der Bevölkerung auf Hausstaubmilben, in einer Auswertung von 3.200 Personen aus Hamburg, Beelitz, Essen, Bochum und Marburg waren es 26 Prozent. Die Zahlen nennt der Allergieforscher Dr. Rüdiger Wahl, der selbst zu Hausstaubmilben geforscht hat, im Gespräch mit dem Luftreiniger-Anbieter Coway Europe. „Die Symptome sind sich sehr ähnlich, deshalb wird die Allergie so oft übersehen“, sagt Wahl. Vier Fragen helfen bei der Einordnung.
Die vier Fragen
Die erste Frage lautet: Juckt es? Bei einer Allergie jucken Nase, Augen und Gaumen, das Nasensekret bleibt klar und wässrig, dazu kommen Niesanfälle. Fieber, Gliederschmerzen und Halsschmerzen gehören nicht dazu. Eine Erkältung beginnt dagegen meist mit Halskratzen, das Sekret wird im Verlauf dicker, und oft kommen Abgeschlagenheit und leicht erhöhte Temperatur hinzu.
Die zweite Frage ist die nach der Dauer. Ein Erkältungsinfekt klingt in der Regel innerhalb von sieben bis zehn Tagen ab. Ist die Nase nach zwei Wochen noch genauso verstopft oder läuft unverändert weiter, spricht das laut Wahl gegen einen Infekt.
Die dritte Frage betrifft Ort und Uhrzeit. Treten die Beschwerden vor allem in der Wohnung auf, am stärksten im Schlafzimmer und morgens nach dem Aufwachen, ist das ein typisches Milbenbild. Im Bett finden die Tiere ihre Nahrung, denn ein Mensch verliert täglich rund 1,5 Gramm Hautschuppen. Entsprechend dicht sitzen sie dort: In einer Matratze finden sich etwa 100 Milben pro Gramm Staub, auf dem Fußboden nur zehn. Und über diesem Reservoir liegt die Nase acht Stunden pro Nacht.
Die vierte Frage lässt sich mit einem einfachen Praxistest beantworten: Bessert ein Antihistaminikum aus der Apotheke die Beschwerden innerhalb einer Stunde deutlich, spricht das für eine Allergie. Endgültige Klarheit bringt ein Test beim Allergologen. Wahl empfiehlt, dabei auch Vorratsmilben mitprüfen zu lassen. In seinen Untersuchungen war fast jeder zweite Hausstaubmilbenallergiker zusätzlich auf Vorratsmilben wie Acarus siro sensibilisiert, die in Mehl, Getreide und anderen Lebensmittelvorräten leben.
Warum die Beschwerden mit der Heizperiode beginnen
Dass die Beschwerden ausgerechnet im Oktober und November zunehmen, hängt mit dem Lebenszyklus der Milben zusammen. Hausstaubmilben sind etwa 0,3 Millimeter kleine Spinnentiere, die vor allem Feuchtigkeit brauchen. Über den warmen Sommer wächst ihre Zahl, im Spätsommer ist die Population am größten. Sobald die Heizungsluft die Luftfeuchtigkeit dauerhaft unter 50 Prozent drückt, sterben die Tiere in großer Zahl.
Mit dem Milbensterben verschwindet das Problem jedoch nicht, es verschärft sich. „Milbenzahl und Allergenbelastung sind zwei verschiedene Dinge“, sagt Wahl. Die Allergene stecken im Kot, der sich über Monate in Matratze, Kissen und Polstern angesammelt hat, und in den zerfallenden Tieren selbst. In trockener Luft wird daraus feiner Staub, der beim Aufschütteln der Decke und durch die Luftbewegung am Heizkörper aufgewirbelt wird und lange in der Raumluft schwebt. Gleichzeitig halten sich die Menschen mehr in geschlossenen Räumen auf und lüften seltener.
Schimmelsporen und Ambrosia als weitere Auslöser
Hausstaubmilben sind allerdings nicht der einzige Auslöser der Saison. Im feuchten Laub steigt die Zahl der Schimmelpilzsporen, die Arten Alternaria und Cladosporium haben jetzt Hochsaison. Draußen blüht außerdem Ambrosia, das beifußblättrige Traubenkraut, bis zum ersten Frost und in warmen Jahren bis in den November. Schon sechs bis zehn Pollenkörner pro Kubikmeter Luft reichen für Symptome, bei Gräserpollen sind dafür etwa 50 nötig. Die leichten Pollen fliegen Hunderte Kilometer weit. Schwerpunkte liegen in Brandenburg, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg, am stärksten betroffen ist die Niederlausitz in Südbrandenburg.
Was gegen Milben hilft
Bei einer Erkältung helfen Ruhe, ausreichend Flüssigkeit und Geduld, die Beschwerden klingen von selbst ab. Bei einer Milbenallergie zielt die wirksamste Maßnahme auf das Bett. Wahl empfiehlt an erster Stelle Encasings, milbendichte Überzüge für Matratze, Kissen und Decke, die das Allergen physisch von der Atemluft trennen. Sie haben die beste Studienlage, und bei nachgewiesener Allergie übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten in der Regel auf Rezept. Bettwäsche sollte alle ein bis zwei Wochen bei 60 Grad gewaschen werden, bei 40 Grad überleben die Milben. Entscheidend ist dabei nicht allein die Hitze, sondern dass das Wasser die Allergene ausspült.
Was nichts bringt
Einige verbreitete Maßnahmen bringen dagegen nichts. Bettzeug oder Kuscheltiere einzufrieren, tötet zwar die Milben, die Allergene bleiben aber erhalten, weil Kälte sie nicht zerstört. Wahl hat das mit einem selbst entwickelten Test nachgewiesen. „Was nicht in die Waschmaschine kann, gehört in ein Encasing – oder nicht ins Bett“, sagt er. Eine neue Matratze ohne Encasing ist nach wenigen Monaten wieder besiedelt, und der Tausch von Daunen- gegen Kunstfaserfüllung ändert nichts, weil die Milben in beiden von Hautschuppen leben. Der Teppich muss nicht zwingend raus, wichtiger ist regelmäßiges Saugen, möglichst nicht durch den Allergiker selbst.
Raumklima, Medikamente und Hyposensibilisierung
Ergänzend rät Wahl zu einem kühlen Schlafzimmer um 18 Grad, einer Luftfeuchtigkeit unter 50 Prozent und morgendlichem Stoßlüften. Ein Luftreiniger mit HEPA-Filter kann die feinen Allergenpartikel zusätzlich aus der Raumluft holen. Antihistaminika und kortisonhaltige Nasensprays lindern die Symptome. Wer dauerhaft Ruhe möchte, kann mit dem Allergologen eine Hyposensibilisierung besprechen. Sie dauert in der Regel drei Jahre und senkt das Risiko, dass aus dem allergischen Schnupfen ein Asthma wird. In warmen Herbstwochen gilt für Pollenallergiker zusätzlich: Pollenflugvorhersage verfolgen, abends die Haare waschen und Straßenkleidung nicht mit ins Schlafzimmer nehmen.
Wann ein Arztbesuch sinnvoll ist
Ein Arztbesuch ist sinnvoll, wenn Schnupfen und tränende Augen länger als zwei Wochen anhalten, jeden Herbst in gleicher Form wiederkehren oder Husten, pfeifende Atmung und Kurzatmigkeit hinzukommen. Auch Fieber über mehrere Tage und starke Kopf- oder Gesichtsschmerzen gehören in ärztliche Hände, weil sich aus einem Infekt eine Nebenhöhlenentzündung entwickeln kann. Beides schließt sich im Übrigen nicht aus: Eine Allergie kann mit einem Infekt zusammenfallen, dann halten die Beschwerden länger an als bei einer Erkältung allein. Wahls Rat bei Erkältungssymptomen, die nicht enden wollen: neben dem Hausarzt den Allergologen aufsuchen und testen lassen, ob hinter der vermeintlichen Erkältung eine Milbenallergie steckt. Erst mit dem Ergebnis lässt sich das Schlafzimmer gezielt umrüsten – und die laufende Nase bekommt endlich einen Namen.
