Er blickte von seinem Manuskript auf.
Gott, wie sehr er das Schreiben liebte. Nichts machte ihm so viel Freude, wie das hier. So viele Möglichkeiten. Einerseits, fühlte man sich dabei wie ein guter Handwerker, der genau wusste, was er tat, und seine Arbeit systematisch und gleichzeitig intuitiv bis zu ihrer Fertigstellung vorantrieb.
Andererseits, auch wenn er sich abgewöhnt hatte das zu äußern, fühlte man sich wie Gott. Diese Allmacht, die er spürte, wenn ihm klar wurde, daß er alles tun konnte. Er konnte ungestraft morden, Männer in die Hölle schicken, Liebende vereinen, ja, sogar den Teufel betrügen. Nichts stand ihm dabei im Weg.
Er griff sich aus der Stiftschale auf seinem Schreibtisch einen nagelneuen Bleistift und ein altes Rasiermesser mit Perlmutteinlagen im Griff. Er klappte das Rasiermesser auf und hielt es so, daß die Klinge das Licht seiner Schreibtischlampe reflektierte.
Klingen übten von jeher eine große Faszination auf ihn aus. Mit ihnen konnte man Dinge verändern. Ihnen andere Formen geben. Dieses Rasiermesser hatte er auf einem Flohmarkt gekauft. Seither benutzte er es zum Anspitzen seiner Bleistifte. Oder er betrachtete es einfach nur und ließ seinen Gedanken freien Lauf, so wie jetzt.
Was er besonders gerne tat, war Geschichten unerwartete Wendungen zu geben. Beim Leser über den Spannungsbogen eine gewisse Erwartungshaltung aufzubauen, um diese dann am Ende zu brechen. Es war inzwischen schon eine Art Markenzeichen von ihm geworden. Nun gut, dieses „Erwarten Sie das Unerwartete!“, das sein Verlag für die Promo-Tour seines dritten Bandes mit Kurzgeschichten verwendet hatte, war alles andere als subtil und auch nicht sehr originell. Aber es stimmte. Darin war er gut. Und er liebte es. Und, viel wichtiger, seine Leser mochten es auch. Das bestätigten sie ihm immer wieder.
Auch heute bei der Signierstunde, die er in einer kleinen Buchhandlung gegeben hatte, nachdem er einige seiner neusten Kurzgeschichten vorgelesen hatte. Er mochte den Kontakt zum Leser. Er mochte die Reaktionen und Rückmeldungen, die er auf seine Arbeit erhielt. Er mochte es auch, wenn Leute echtes Interesse an dem zeigten, was er tat und wie er es tat. Was er sich dabei dachte. Diejenigen Leser, die bei solchen Gelegenheiten mehr als ein signiertes Exemplar seiner Bücher wollten und mehr als nur ihre Begeisterung zum Ausdruck bringen, erkannte er inzwischen sofort.
So auch heute. Das junge Ding in der ersten Reihe, das während der ganzen Lesung mit weit aufgerissenen Augen an seinen Lippen hing, um auch keines seiner Worte zu verpassen, war ihm sofort aufgefallen. Und tatsächlich, als die Signierstunde begann, hatte sie sich in der Nähe seines Tisches aufgehalten, nah genug, um seine kurzen Unterhaltungen mit seinen Lesern mitzuhören. Aber sie hatte geduldig 90 Minuten gewartet, bis alle anderen gegangen waren und war erst dann, als sie sicher war, die letzte zu sein, mit leuchtenden Augen an seinen Tisch getreten. So war es immer, bei dieser speziellen Art von Leserinnen.
Was dann folgte waren erst schüchterne Komplimente, die schließlich in atemlose Lobeshymnen seiner Arbeit übergingen.
Während die junge Frau sprach, hörte er zwar zu, war aber nur halb bei der Sache. Was dieser Typ Leserin zu erzählen hatte, hatte er schon in tausenden Varianten gehört. Natürlich hatte sie alles von ihm gelesen. Natürlich fand sie alles großartig. Und natürlich schrieb sie selbst auch. Niemals so großartig wie er, das betonten sie alle, nur Gedichte und einige Kurzgeschichten bisher. Meistens ging es dabei um unerfüllte heimliche Liebe zu einem Idol, das aber selbstverständlich nichts von der Existenz der Protagonistin wusste.
Während sie sprach, war seine eigentliche Aufmerksamkeit auf die drei Dinge gerichtet, die ihn bei Frauen am meisten faszinierten. Die Augen, der Mund und die Hände.
Alles konnte man wunderbar betrachten, während man vorgab, aufmerksam zuzuhören.
Ihre großen blauen Augen blickten ihn die ganze Zeit offen an, während sie sprach, es sei denn, sie sprach von sich und ihren eigenen bescheidenen Schreibversuchen. Dann blickte Sie verlegen nach unten oder zur Seite.
Sie hatte schön geformte Lippen, deren natürliche Farbe einen Einsatz von Lippenstift geradezu untersagte.
Und dann waren da ihre Hände. Schlank, mit langen, grazilen Fingern. Ihre Hände flogen die ganze Zeit emsig durch die Luft, unterstrichen mit vielen Gesten ihre Worte, um zwischendurch immer wieder zu verharren, und sich an ihre Brust zu pressen, während sie, verlegen von ihrer Aufregung und überwältigt von ihrem eigenen Mut, Luft für die nächsten Sätze holte.
Sie war genau der Typ von Leserin, die niemals auf die Idee gekommen wäre, sein Angebot abzulehnen, das er ihr, nach dem der gröbste Redeschwall durch war, in einer Atempause unterbreitete.
„Wenn Sie später nichts Besonderes vor haben, “ hatte er zu ihr gesagt „können Sie mich gerne begleiten und sehen, wie ich arbeite. Ich habe vor, heute noch eine neue Kurzgeschichte zu schreiben. Dann könnte ich Ihnen auch veranschaulichen, wie man beim Leser eine Erwartungshaltung aufbaut, nur um diese dann zu brechen.“
Sie hatte den Atem angehalten und ihn aus ihren riesigen blauen Augen angesehen. Natürlich war ihm klar, daß sie sein Angebot annehmen würde. Dieser „Unschuld-vom-Lande“ Typ hätte sogar ihre Mutter auf dem Sterbebett allein gelassen für solch einen Abend. Sie sah ihn an, wie eine erzkonservative Katholikin, die gerade vom Papst persönlich gefragt worden war, ob sie sich seine private Reliquien-Sammlung anschauen wolle.
„Sehr gern.“ hatte sie errötend gehaucht, die hübschen Finger beider Hände an ihre Brust gepresst.

Und so waren sie zu ihm gefahren, nachdem er in der Buchhandlung alles erledigt hatte. Sie hatte auch die gesamte Fahrt über geredet. Ihm zu, wie es ihm schien, allen Geschichten, die er jemals geschrieben hatte, erzählt, wie es ihr beim Lesen ging, und beschrieben, wie sie die Muster seiner Aufbauten des Spannungsbogens genau erkannt hatte.
Er hatte die ganze Zeit nur still gelächelt. Dieser Typ war ihm am liebsten. Bei ihr würde der Lerneffekt am größten sein, wenn er ihr aufschlüsselte, wie er wirklich dachte und arbeitete. Und dafür wäre sie sicher sehr dankbar.
Sie war erst verstummt, als sie seine Wirkungsstätte erreicht hatten.
Er hatte sich, nach dem Erfolg seiner ersten beiden Bücher, für einen Spottpreis auf einem verlassenen Industriegelände eine alte Fabrikhalle gekauft und das obere Stockwerk zu einem 300qm großen Loft umbauen lassen, wo er arbeitete und, wenn er an größeren Projekten saß, auch lebte.
Er mochte die industrielle Atmosphäre, außerdem war hier Tag und Nacht kein Mensch im Umkreis von einem Kilometer und sein Loft bot einige spektakuläre Ausblicke.
Wenn man allerdings das erste Mal spät Abends herkam, war es etwas einschüchternd.
Während sie schweigend im Fahrstuhl nach oben fuhren, konnte er im Augenwinkel sehen, wie sie ihn heimlich von der Seite betrachtete. Wahrscheinlich weil sie sich fragte, ob er vor hatte, sie in dieser Abgeschiedenheit zu foltern und abzuschlachten, um sie als Anschauungsmaterial in einer seiner nächsten Geschichten zu verwenden. Der Gedanke hatte ihn grinsen lassen.
Als sie schließlich an der Tür zu seinem Loft angekommen waren, hatte er das erste Mal wieder das Wort an sie gerichtet.
„Also, das sind die Spielregeln.“ hatte er gesagt. „Wenn wir diese Tür durchschritten haben, sagen sie kein Wort mehr, bis ich sie dazu auffordere. Sie dürfen mir beim Arbeiten zusehen und danach werde ich ihnen ausführlich erklären, wie man einen Spannungsbogen aufbaut, beim Leser eine Erwartungshaltung konstruiert, diese manipuliert und sie schließlich bricht. Danach, und erst danach, werden sie Gelegenheit haben, Fragen zu stellen. Wenn Sie sich daran halten können, erleben Sie eine Nacht, die Sie ihr Lebtag nicht vergessen werden. Wenn nicht, findet dieser Abend ein sehr abruptes Ende. Haben Sie noch Fragen?“
Sie schüttelte verschüchtert den Kopf.
Ihm war bewusst, daß es eine harte Ansage war, aber, was diese besonderen Abende anging, war er rigoros. Sonst machte es beiden Seiten nicht den Spaß, den es machen konnte.
„Gut, “ sagte er und schloss die Tür auf „dann treten Sie bitte ein. Herzlich Willkommen in meinem Refugium“

Danach hatte er ihr Gelegenheit gegeben, sich im Hauptraum, seinem Arbeitszimmer, umzusehen, wortlos selbstverständlich, und sie dann zum großen Lehnstuhl dirigiert, der in der Nähe seines Schreibtisches stand und sie gebeten, sich zu setzen.
Und dort saß sie nun und hatte ihn still bei der Arbeit an seiner Geschichte beobachtete in den letzten – er riss seinen Blick von der Reflexion der Rasierklinge los, und blickte auf die Uhr – ups, zwei Stunden.
Er hatte ein bißchen ein schlechtes Gewissen, denn normalerweise ließ er seine weiblichen Fans nicht so lang auf die Erläuterung zur Erwartungshaltung warten, die nun folgen würde. Andererseits freute er sich. Wenn sie es zwei Stunden ausgehalten hatte zuzusehen, wie er wortlos in seine Geschichte vertieft war, zeugte das von besonderer Ausdauer und Leidenschaft für die Sache. Es versprach ein aufregender Abend zu werden.
Er drehte sich auf seinem Stuhl zu ihr um, Bleistift und Rasiermesser noch in der Hand. Sie saß immer noch im Lehnstuhl und sah ihn mit großen Augen an. Sie hatte nicht einmal die Hände mit den schönen grazilen Fingern von den Armlehnen genommen. Selbst der Kaffee und das Glas Wasser, die er ihr auf dem kleinen Tischchen direkt vor ihrer rechten Hand bereit gestellt hatte, waren unangetastet. Donnerwetter, dachte er, die Kleine war hart im Nehmen. So regungslos und geduldig warteten nur die Wenigsten darauf, das er seinen kleinen Vortrag begann. Hoffentlich behielt sie ihre Nehmerqualitäten den Rest der Nacht bei, dann würde es noch richtig aufregend werden.

„Entschuldigen Sie, daß ich sie so lange warten ließ. Manchmal vergesse ich alles um mich herum, wenn ich an einer guten Geschichte sitze. Wenn Sie möchten, erkläre ich Ihnen nun, wie man eine Erwartungshaltung beim Leser schürt, diese manipuliert und für ein überraschendes Finale ausnutzt.“
Sie sah in mit ihren großen blauen Augen an und nickte langsam.
„Gut. Dann fangen wir an.“ Er zog sich seinen Stuhl ran und setzte sich ihr direkt gegenüber. Dieser Teil solcher Abende machte ihm immer besonders viel Spaß. Also abgesehen von den späteren Höhepunkten.

„Die Idee zu einer Geschichte ist im Grunde nicht viel anders, als dieser Bleistift.“ Er hielt den Bleistift hoch und drehte ihn hin und her.
„Fabrikneu, ganz klar in seiner Bestimmung definiert, aber in seinem Rohzustand völlig unbrauchbar. Was es also braucht, ist das Werkzeug und die Fähigkeit, ihm seine endgültige Form zu geben.“
Er hob das Rasiermesser. „Genau wie ein Bleistift braucht eine Geschichte eine Spitze. Und die Aufgabe des Autors ist, sie ihr zu geben. Je präziser die Spitze ausgearbeitet ist, desto besser funktioniert die Geschichte. Deshalb ist es wichtig, genau zu wissen, was man tut.“
Er setzte die Klinge des Rasiermessers an den Bleistift und fing an, diesen langsam und sorgfältig mit äußerster Präzision anzuspitzen.
„Unser Hauptthema, das mir am meisten Spaß macht, und Sie, wie ich meinte rauszuhören, am meisten begeistert, ist das unerwartete Ende. Die gebrochene Erwartungshaltung des Lesers.“ Er hielt kurz inne und betrachtete den Bleistift.
„Die einfachste Form ist der Aufbau einer unverfänglichen Situation, die dann abrupt einen völlig anderen Verlauf nimmt. Sie kennen das aus meiner Kurzgeschichte ‚Nachtisch‘.
Das Ende kommt plötzlich wie eine Ohrfeige. Ohne weitere Erklärung. Ohne Fortführung. Der Leser, eben noch auf die Beschreibung einer ganz normalen Situation konzentriert, sitzt auf einmal da und weiß gar nicht, was überhaupt passiert ist.“
Er betrachtete wieder den Bleistift und fuhr dann damit fort, ihn sorgfältig anzuspitzen.
„Natürlich eignet sich so etwas am besten für sehr kurze Geschichten, besonders, wenn es so ein irreales und verstörendes Ende nimmt wie bei ‚Nachtisch‘. Wenn Sie sich hingegen etwas mehr Zeit lassen wollen, müssen Sie zunächst eine Situation schaffen, in die der Leser sich hinein orientieren muß. Das kann eine ganz normale Sitation sein oder eben auch eine, die bereits von Anfang an verstörend und beklemmend ist. Wie in meiner Geschichte ‚Dachboden‘, in der dieser Künstler auf dem Dachboden rumschleicht, wo er etwas versteckt hält. Sie erinnern sich?“
Sie nickte langsam, ohne ihren Blick von ihm zu nehmen.
„Da habe ich eine beklemmende Situation geschaffen, die sich dann als etwas recht normales entpuppt, aber trotzdem, mit den letzten Sätzen, beim Leser ein beklemmendes Gefühl hinterlässt. Das ist dann schon eine Stufe weiter. Und wenn Sie das ein paar mal hinbekommen haben, wird es erst richtig interessant. Haben Sie erstmal den Ruf weg, stets für ein unerwartetes Ende zu sorgen, glaubt der Leser, zu wissen, was auf ihn zu kommt. Und dann können Sie ihn nach Herzenslust manipulieren. Dann haben Sie nicht eine spezielle, sondern eine allgemeine Erwartungshaltung geschürt.“
Er betrachtete wieder seinen Bleistift. Er war inzwischen viel spitzer, als es überhaupt sinnvoll war, wenn man damit schreiben wollte.
„Sie können dann die vorhandene Erwartungshaltung schüren oder ablenken. Sie können ihr eine Richtung geben. Zum Beispiel in meiner Geschichte ‚Spielplatz‘. Ich habe sehr oft gehört, daß die Leser schon sehr früh, mit einem solchen Ende gerechnet haben. Aber eben nicht mit diesem Ende.“
Er lachte. „Natürlich haben sie das. Weil ich es so wollte. Der Ort des Geschehens legte ein solches Ende nahe, aber ich habe die Aufmerksamkeit des Leser umgelenkt. Und wodurch? Durch die Beschreibung des fremden Jungen, ganz zu Beginn. Geschildert aus Sicht des anderen Jungen. Natürlich völlig subjektiv. Der Leser glaubt, eigene Eindrücke zu sammeln, eigene Gedanken zu haben, aber er bekommt nur genau das, was ich will, das er bekommt. Jeder, der die Geschichte liest, ist sehr früh ganz sicher, wie sie endet. Und am Ende haben doch alle Gänsehaut.“
Er betrachtete wieder seinen Bleistift. Das obere Drittel war eigentlich nur noch Spitze. Die vorderen Zentimeter bestanden nur noch aus der Graphitmine, die so spitz war, das sie an eine Nadel erinnerte.
„Wichtig ist, worauf man die Aufmerksamkeit des Lesers lenkt. Und ob man sie darauf lenkt, um abzulenken, oder um ihn in Sicherheit zu wiegen. Das können Beschreibungen an Personen sein, Details, die oft erwähnt werden. Oder ganz alltägliche Dinge, die aber fremd erscheinen. Nehmen Sie zum Beispiel diesen Bleistift.“
Er hielt ihn hoch. „Ein ganz alltägliches und harmloses Objekt. Aber kombinieren Sie ihn mit einem weniger alltäglichen Objekt, das sogar etwas Bedrohliches ausstrahlt, wie zum Beispiel einem alten Rasiermesser, “ er hielt es hoch „und einer ungewöhnlichen Tätigkeit, wie dem übereifrigen Anspitzen durch einen schwadronierenden Autor, “ er lachte, dann verfinsterte sich seine Miene plötzlich „bekommt dieser Bleistift etwas beklemmendes. Er wird zu einer unterschwelligen Bedrohung. Und der Leser, egal wie sehr er glaubt den Stil ihrer Geschichten zu kennen, weiß nicht einmal, für wen. Vielleicht ja sogar für den Autor selbst?“
Er lachte wieder auf.
„Oder der Bleistift spielt später überhaupt keine Rolle mehr, sondern diente nur dazu, die Aufmerksamkeit des Lesers zu wecken und seine Erwartungshaltung zu kanalisieren, und verschwindet danach auf Nimmerwiedersehen. Gerade wenn der Leser glaubt, zu wissen, was er von ihnen zu erwarten hat, ist es am einfachsten.“ Er fuhr damit fort, den Bleistift zu bearbeiten.

„Aber, kehren wir zurück zum allgemeinen Aufbau der Erwartungshaltung. Zum nächsten Schema. Sie können natürlich, statt dem ganzen eine Wendung zu geben, eine Situation auch immer weiter steigern. Nehmen wir meine Geschichte ‚Pathologische Liebschaften‘. Sie beginnt bereits etwas beklemmend. Alltäglich zwar, aber durch Ort und Situation durchaus beklemmend. Wenn sie dann im Mittelteil zur Nekrophilie übergeht, denkt der Leser, dies sei bereits das eigentliche Thema. Und warum? Weil die Beschreibung, Leiche hin oder her, für viele Leser sehr erregend war. Das Denken tritt in den Hintergrund. Und, wie ich Ihnen versichern kann, nicht nur bei den Männern.“ Er zwinkerte.
Für einen Augenblick war nur das Schaben der Rasierklinge am Bleistift zu hören. Er sah, wie sich auf ihren Unterarmen Gänsehaut bildete. Aha, dachte er, hab ich Dich.
Sie war, wie so viele, eine von den Leserinnen, die bei der Beschreibung im Mittelteil von ‚Pathologische Liebschaften‘ Bilder davon im Kopf hatten, wie sie diese Situation selbst erlebten. Natürlich, mit einem lebenden Menschen. Am besten, mit dem Autor dieser Worte. Er musste grinsen.
„Wissen Sie, der menschliche Körper und Geist sind etwas faszinierendes. Viele Gefühle, auch wenn sie eigentlich völlig gegensätzlich sind, haben eine gemeinsame Basis. So ist eine Frau, die vorher intensiv Angst verspürt hat, zum Beispiel sexuell sehr viel erregbarer als ohne diese Angst. Weil viele Prozesse im Köper sich bei beiden Gefühlen sehr ähneln. Die Angst lässt gewissermaßen schon mal den Motor warm laufen für die folgende sexuelle Erregung.“
Einen Augenblick lang sah er in ihren großen blauen Augen eine intensive Hoffnung aufkeimen, den späteren Verlauf des Abends betreffend. Er lächelte.
„Natürlich funktioniert das auch in die entgegengesetzte Richtung. Wie bei ‚Pathologische Liebschaften‘.Der Schock über das Ende hätte beim Leser nicht halb so tief gesessen, wäre vorher nicht die unterschwellige sexuelle Erregung da gewesen und der anschließend folgende, fast zärtliche Tonfall, den die Gedanken der Protagonistin angenommen haben.“
Einen Moment lang herrschte wieder Schweigen. Die Spannung, die zwischen den beiden herrschte, lag so deutlich in der Luft, daß sie bereits körperlich spürbar war. Er durchbrach sie, in dem er fortfuhr.
„Ich persönlich finde allerdings die plötzliche Wendung der Ereignisse am spannendsten. Eine Wendung, die zwar unerwartet kommt, aber bei der dem Leser im Nachhinein klar wird, daß es bereits im Vorfeld deutliche Anzeichen dafür gab. Aber diese Anzeichen, machen es gerade so spannend. Der Leser weiß nie, auf welches Detail er sich konzentrieren muss, wenn er auf das Ende vorbereitet sein will. Das können Dinge sein, die beiläufig erwähnt werden, die sich oft wiederholen, aber auch Dinge, die er partout nicht zu sehen bekommt, nur damit sie dann plötzlich gezeigt werden. Und selbst wenn er sicher ist, worauf er seine Aufmerksamkeit richten muss, weiß er nie, ob diese Details nur dazu dienen, ihn abzulenken.“
Er betrachtete wieder ihre Finger. Sie waren wirklich außergewöhnlich schön. Wie würde es wohl sein, sie zu berühren? Sie überall auf seinem Körper zu spüren? Nun, wenn der Abend seinen üblichen Verlauf nahm, würde er es bald wissen. Er beschloss, das Ganze etwas zu verkürzen. Sie hatten beide schon lange genug gewartet.

„Das Schöne ist, sie können all das beliebig kombinieren. Je mehr der Leser glaubt zu wissen, was er von Ihnen zu erwarten hat, desto einfacher ist es, ihn zu manipulieren. Sie können eine harmlose Situation bedrohlich umschlagen lassen. Sie können eine bedrohliche Situation als harmlos auflösen. Sie können eine harmlose Situation bedrohlich wirken lassen, sie dann entspannen, um sie plötzlich fürchterlich enden zu lassen. Wenn Sie die Erwartungshaltung des Leser kennen, weil Sie ja diejenige sind, die sie geschürt haben, können Sie sie auch brechen, so einfach wie das Genick eines jungen Hundes.“
Sie sah ihn erschrocken an.
Er lachte verlegen. „Entschuldigen Sie, ich fürchte, meine Bildsprache ist durch meine manchmal etwas perfiden Geschichten etwas in Mitleidenschaft gezogen worden. Also, fahren wir fort. Sie können auch ganz grausam sein und eine harmlose Situation mit einigen Andeutungen und Unklarheiten anspannen und dann überhaupt nichts passieren lassen. Und das Beste ist, der Leser hat keine Chance sich dagegen zu wehren. Im Gegenteil. Sie können ihm sogar direkt vor Augen führen, was sie tun und wie, trotzdem kann er unmöglich voraussehen, was ihn erwartet. Sie könnten “ er hob das Rasiermesser wie einen mahnenden Zeigefinger und zwinkerte „sogar so weit gehen, eine Geschichte über einen Autor zu schreiben, der einer Leserin einen Vortrag über seine schriftstellerischen Techniken zu Spannungsbogen und Erwartungshaltung hält, ohne daß der Leser, obwohl ihm alles vor die Nase gehalten wird, die Anzeichen erkennen würde, um zu wissen, was ihn erwartet. Ohne zu wissen, ob der Zuhörerin ein grausames Ende droht, oder dem Autor. Oder beiden. Oder es sich alles als spannungsgeladene aber harmlose Situation auflöst. Oder vielleicht sogar als Traum. Natürlich “ er senkte das Rasiermesser wieder „erfordert das Mut, eine gewisse Dreistigkeit und entsprechendes Können. Denn bei längeren Geschichten müssen Sie ja eine schlüssige Gesamtsituation konstruieren, die die entsprechende Auflösung überhaupt zu lässt. Und“ diesmal hob er den bis zum Äußersten angespitzten Bleistift „sie müssen natürlich in der Lage sein, die Situation mit nur wenigen Sätzen umschlagen zu lassen. Der Leser darf keine Zeit haben, sie in sich arbeiten zu lassen. Sie müssen die Ereignisse auf dem Papier genau so schnell passieren lassen, wie in der Realität. Und das können nicht viele. Besonders, wenn sie einen mehrfachen Wechsel vollziehen. Außerdem “ er seufzte „brauchen sie dafür natürlich auch gute Leser. Erst im Kopf des Lesers reift eine Geschichte zu der ihr innewohnenden Perfektion heran. Oder gärt, im Falle mancher meiner Geschichten.“ Er lachte kurz auf.
„Nur im Kopf des Lesers, werden Bilder gezeigt, die sie nie beschreiben könnten. Nur er denkt unausgesprochene Gedanken zu Ende. Und nur er denkt die Geschichte weiter, wenn sie ihn mit einem überraschenden, aber halb offenen Ende stehen lassen. Ohne gute Leser nützen ihnen alle Bemühungen nichts.“

Er rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich hoffe, Sie konnten meinen Ausführungen folgen.“
Stummes Nicken ihrerseits. Während des ganzen Vortrags hatte sie ihren Blick nicht von ihm genommen, sich nicht gerührt. Sehr ausdauernd, dachte er und grinste innerlich.
„Sehr gut, denn ein Verständnis ist wichtig, da wir uns nun dem vorläufigen Höhepunkt nähern. Dem Durchbrechen der Erwartungshaltung. Da fällt mir ein, “ er nickte in Richtung ihrer Tasse “ möchten Sie vorher vielleicht einen frischen Kaffee?“
Langsames Kopfschütteln. Nun, die Spielregeln waren zwar strikt, doch auf diese Frage hätte sie ruhig antworten können. Aber das Stück Tuch, das er ihr als Knebel in den Mund gestopft hatte, machte das natürlich unmöglich. Und herausziehen konnte sie es nicht, schließlich waren ihre Hände mit breiten Lederriemen an die hölzernen Armlehnen des Stuhls gefesselt.
„Ganz wie sie möchten. Also, da sie mein Gast sind und so ein geduldiger dazu, dürfen sie entscheiden, wie wir fortfahren. Mit den Augen“ er hielt die Bleistiftnadel hoch „oder“ er hob das Rasiermesser „mit ihren wunderschönen Lippen?“
Sie riss erschrocken die Augen auf, realisierte dann wahrscheinlich den Bleistift und kniff sie fest zu, sichtlich bemüht, vor lauter Angst nicht hinter ihrem Knebel zu schreien. Er grinste. Als ob ihr das etwas genützt hätte. Er fing an zu lachen.
Sein Lachen war so herzlich und laut, so ohne jede Bosheit, daß sie die Augen öffnete und ihn erstaunt ansah.

„Sie haben es geglaubt, nicht wahr? Knapp drei Stunden auf diesen Stuhl gefesselt und mein fast manischer Vortrag haben gereicht, Sie glauben zu lassen, ich würde Ihnen die Augen ausstechen oder die Lippen mit einem Rasiermesser abschneiden. Nein, meine Liebe, nichts von beidem. Sie haben eben eine höchst exklusive praktische Vorführung dessen bekommen, worüber ich die ganze Zeit sprach.“
Er schüttelte belustigt den Kopf, während sie ihn aus aufgerissenen Augen ungläubig ansah.
„Überlegen Sie, wie oft wurde heute Ihre Erwartungshaltung aufgebaut, manipuliert und schließlich gebrochen? Von einer Lesung Ihres Idols mit Aussicht auf ein Autogramm, über den verheißungsvollen Einblick in seine Arbeit und der unausgesprochenen Möglichkeit einer Nacht voller knisternder Erotik, “ er legte Bleistift und Rasiermesser auf dem Beistelltischchen vor ihr ab, und zählte mit den Fingern mit „dann finden Sie sich auf einem beängstigenden Fabrikgelände wieder, mitten in der Nacht, mit einem Ihnen eigentlich fremden Mann, betreten plötzlich die beruhigende Atmosphäre eines luxuriösen Lofts, nur um dann gefesselt zwei Stunden einem Mann zuzusehen, wie er wortlos über seinem Manuskript brütet.“
Er schüttelte den Kopf und lachte wieder.
„Und dann hält Ihnen dieser Mann einen Vortrag über literarische Techniken, als säßen Sie in einem Kurs für kreatives Schreiben und nicht gefesselt auf einem Stuhl. Während dessen fuchtelt er Ihnen mit bedrohlichen Gegenständen vor dem Gesicht herum, nur um Sie abschließend mit Folter und Tod zu bedrohen. Und jetzt? Jetzt müssen Sie begreifen, daß Sie gerade nur auf höchst anschauliche Weise etwas über Spannungsbögen und gebrochene Erwartungshaltungen gelernt haben. Herzchen, “ sagte er und schüttelte wieder den Kopf „wenn Sie den Aufbau meiner Geschichten nur halb so gut begriffen und verinnerlicht hätten, wie Sie dachten, dann wären die letzten Stunden zwar unbequem, aber eher aufregend als beängstigend gewesen. Haben Sie denn den Werbe-Slogan meines Verlags nicht gesehen? ‚Erwarten Sie das Unerwartete!'“
Er zog ihr den Knebel aus dem Mund.
„Jetzt dürfen Sie Fragen stellen, wenn Sie möchten.“

Während sie noch verzweifelt nach Atem rang, stellte er das Tablett mit dem Wasser und dem inzwischen kalten Kaffee bei Seite.
„Selbstverständlich, “ sagte er und grinste wieder „dürfen Sie natürlich auch einfach laut schreien, während ich Sie von Ihren wunderschönen Fingern trenne.“
Mit diesen Worten ging er zum Regal und holte die große Papierschneidemaschine, die dort schon die ganze Zeit bereit gestanden hatte.


Nachwort des Autors:

Ich hoffe, Sie hatten Spaß an meiner kleinen Geschichte. Trotz (oder vielleicht ja sogar wegen?) ihres bizarren Endes.
Wenn die Geschichte zu lesen Ihnen nur halb so viel Vergnügen bereitet hat, wie es mir Vergnügen bereitet hat, sie zu schreiben, wäre ich schon glücklich. Und vielleicht fand sich ja sogar der eine oder andere für Sie interessante Gedankengang dazu, wie unterschiedlich Geschichten aufgebaut sein können.
Wie Sie vielleicht wissen (oder vielleicht auch nicht) habe ich vor Kurzem meinen Beruf aufgegeben, um mich ganz dem Schreiben zu widmen. Denn das ist das, was ich am liebsten tue und von dem ich glaube, das ich es am besten kann.
Sollte Ihnen meine Geschichte gefallen haben, würde ich mich sehr darüber freuen, wenn Sie dies hier über den Unterstützen-Button mit einem kleinen Trinkgeld honorieren würden. Oder auch über meine Patreon Seite, wenn Ihnen das mehr zusagt.
Selbstverständlich dürfen Sie meine Geschichte auch genossen haben, ohne mir eine Münze in meinen digitalen Hut zu werfen, das wäre völlig okay. Allerdings hilft mir jeder Euro, mein Ziel, nur noch und ausschließlich Geschichten wie diese (und noch sehr viel längere, bis hin zum Roman) zu schreiben, weiter konsequent zu verfolgen. Und ich habe noch sehr viele Geschichten zu erzählen, das kann ich Ihnen sagen.
Vielleicht wollen Sie die ja auch noch lesen?

So oder so danke ich Ihnen für Ihr Interesse.
Ohne gute Leser ist selbst die beste Geschichte nutzlos.

Es grüßt Sie, Ihr

Herr Balsam

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