Schon am 06.07.2021 hatte ich meine Twitter-Leser vorgewarnt: Nach "Morgellons"* und „Shedding“** wird Graphen (genauer: Graphenoxid) das neuste Steckenpferd der Querdenker*innen.

Die Warnung stammt daher, dass Graphen zu diesem Zeitpunkt bereits in den USA zum Thema in Bezug auf COVID-Impfungen geworden war – und Deutschland meist in wenigen Tagen nachzieht, wie es eben bei Shedding und Morgellons und magnetischen Impfungen*** der Fall war.

Und natürlich, Telegram ließ nicht lange auf sich warten:

Forscher in Spanien decken die tatsächlichen Inhaltstoffe im Pfizer-Biontech Impfstoff auf 99% GIFT in allen analysierten Dosen - es ist ein weltweiter (freiwilliger) GENOZID im Gange.... Dr. Jane Ruby präsentiert die Ergebnisse bei Stew Peters
Bild von @Elitiker auf Twitter

Hier stellen sich nun folgende Fragen:

1.       Was ist Graphen bzw. Graphenoxid?
2.       Woher kommt die Behauptung?
3.       Findet man Graphen(oxid) in Covid-Impfungen?

Was ist Graphen bzw. Graphenoxid?

Graphen (sprich: Gra-phe~n) ist ein sehr dünner Werkstoff aus Kohlenstoffatomen, die hexagonal angeordnet sind und eine sehr dünne Schicht bilden (ein Atom breit). Der Stoff ist flexibel, leitend, relativ durchsichtig und stark. Tatsächlich ist Graphen eine ein-Atom-breite Schicht aus dem Stoff, aus dem unsere Bleistiftminen sind. Die Entdeckung geht darauf zurück, dass eine sehr dünne Schicht Graphit an einem Klebeband hängen blieb (naja - es ist ein wenig komplizierter als das). Graphen ist an sich aber nicht einfach und günstig herzustellen. Deshalb ist Graphenoxid, die oxidierte Form des Graphens, ein interessanter Kandidat für den kommerziellen Gebrauch. Hier befinden sich am hexagonalen Raster des Stoffs einfach Oxygengruppen.

Graphenoxid (Wikimedia Commons)

Graphenoxid eignet sich als elektrischer Konduktor, als Nanofilter, Biosensor (weil es fluoresziert) und auch als medizinischer Carrier. Aus diesem Grund wurden Graphen und Graphenoxid auch bereits im Zusammenhang mit Impfungen (ja, auch COVID-Impfungen) in der medizinischen Fachliteratur erwähnt, aber bisher nicht in diesem Sinne verwendet. Es steht noch sehr viel Forschung aus – und wenn in wissenschaftlicher Literatur erwähnt wird, dass man sich einen neuen Stoff als medizinischen Carrier, Konduktor oder Solarpanel vorstellen kann, muss dies nicht heißen, dass man schon wüsste, wie das funktioniert oder den Stoff schon zu diesem Zwecke massenproduzieren könnte. Oft sind solche Visionen Versuche, dem Leser (und den Geldgebern) zu erklären, wie wichtig und interessant die eigene Forschung ist – um zum Beispiel weiter forschen zu können, Kollaboratoren zu finden und finanzielle Unterstützung an Land zu ziehen.

2. Woher kommt die Behauptung?

Hier müssen wir zum Teil Vermutungen anstellen und zum Teil ein paar Dinge nachvollziehen. Die Vermutung liegt nahe, dass das Wort Graphen oder Graphenoxid von Querdenker*innen aus der Literatur gezogen wurde, ohne ein wirkliches Verständnis des Forschungsstandes (noch nicht produktionsreif!) zu haben, noch sich darum zu kümmern, ob es im Sinne der bisherigen Forschung derzeit überhaupt verwendet wird. Man denke an die Publikation vom Ligeng Xu et al. aus dem wissenschaftlichen Journal „Nanoscale“: „Functionalized graphene oxide serves as a novel vaccine nano-adjuvant for robust stimulation of cellular immunity“ (2016). Grob gesagt, wurden hier die Carrier-Eigenschaften eines Carriers, der Graphenoxid enthielt, anhand eines Impfstoffs getestet - an Mäusen. Da ist man weit von einem klinischen Trial für ein Vakzin am Menschen entfernt. Oder reden wir über die Arbeit von Pawan Kumar Raghav und Sijata Mohanty aus dem Journal „Medical Hypotheses“ zum Thema „Are graphene and graphene-derived products capable of preventing COVID-19 infections?“ (2020). Der Name des Journals sagt es schon: Hier geht es um die hypothetische Möglichkeit, dass eine Graphenschicht auf Masken oder anderem Produkten zum persönlichen Schutz (Personal Protective Equipment, PPE) vielleicht vor dem Virus schützen könnte. Auch hier ist man noch weit von einer Verwendung entfernt. Aber wie wir wissen, lesen Querdenker*innen selten mehr als den Titel einer Veröffentlichung.

Kurz gesagt: Es gibt Ansätze zur Verwendung des Stoffs als Biomarker, Werkstoff und in Impfungen, aber noch handelt es sich forschungstechnisch um potentielle Verwendungen. Dabei geht es um Mengen, die laut Dr. Amesh Adalja von der Johns Hopkins Universität, Spezialist für infektiöse Erkrankungen, für Menschen nicht toxisch sind.

Wenn wir dann darüber reden, dass sich Graphen-Partikel aufgrund ihrer elektrischen Eigenschaften in das 5G-Netzwerk einwählen und menschliche Nervenzellen manipulieren, gelangen wir in den Bereich der querdenkerischen Fiktion, selbst wenn die zugelassenen COVID-Impfungen Graphenoxid enthielten.

Genauer kommt die Behauptung, in den Impfungen sei Graphenoxid, allerdings von spanischen Forschern. Nun ja - eigentlich kommt sie von nur einem Forscher, nämlich von Prof. Dr. Pablo Campra Madrid der Universität von Almería.

Graphene Oxide Detection in Aquaeous Supension; Oversvational Study in Optical and Electron Microscopy; Interim report (I), June 28, 2021, Prof. Dr. Pablo Campra Madrid
Twitter erlaubt die Verlinkung des Bildes wegen Falschinformation übrigens nicht.

Das Schriftstück ist weder wissenschaftlich durch ein Peer-Review-Verfahren geprüft worden, noch in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht worden.

Obwohl Prof. Dr. Pablo Campra Madrid selbst in diesem Schriftstück deutlich macht, dass er dort nicht die Meinung der Universität widerspiegelt, hat die Universität sich noch einmal schriftlich von diesen Aussagen distanziert:

Es scheint, die Universität hatte diese Forschung weder beauftragt noch davon gewusst. Die Universität bestreitet die Schlüsse des Professors, der eine Probe unbekannten Ursprungs analysiert hat, von der er behauptet, es soll sich dabei um den BioNTech/Pfizer Impfstoff Comirnaty gehandelt haben.

Forciert wurde das Ganze übrigens in den USA von Lokalshow-Host Stew Peters (ca. 30.000 Follower auf Facebook) und der TV-Persönlichkeit und Rechtskonservativen Dr. Jane Ruby, einer Gesundheitsökonomin ohne medizinischen oder naturwissenschaftlichen Abschluss. Dr. Ruby hatte bereits zuvor über „magnetische Impfungen“ berichtet. An ihrer Glaubwürdigkeit lässt sich also begründet zweifeln.

Findet man Graphen(oxid) in Covid-Impfungen?

Naiverweise könnte man meinen, dies sei möglich. Twitter-User @Chemguy2_0 merkt an, dass die Lösung mit dem Impfstoff tatsächlich durchsichtig wäre, selbst wenn es die in Telegram angegebenen 99% der Impfung wären. Sehen könnte man das Graphenoxid also nicht.

Die Inhaltsstoffe der Impfstoffe, auch von Comirnaty, sind allerdings bekannt:

Inhaltsstoffe der Corminaty-Impfung

Graphenoxid ist, wie man sieht, nicht darin enthalten, und dies wird auch unter anderem von Pfizer, vom Massachussett’s Institute for Technology und dem Children’s Hospital von Philadelphia bestätigt. Auch das Paul Ehrlich Institut und die amerikanische FDA würden um diesen Inhaltsstoff wissen, wenn er darin enthalten wäre.

Warum man der Meinung ist, solche Gerüchte in die Welt zu setzen, entzieht sich leider meinem Verständnis. Man sollte meinen, wenn man Impfgegner*in wäre, wäre es eher kontraproduktiv für die eigene Position Lügen zu erfinden. Leider scheinen solche Erfindungen aber anzukommen – insbesondere dann, wenn darin ein Fünkchen Wahrheit versteckt ist - zum Beispiel, dass Graphenoxid tatsächlich im Zusammenhang mit Impfungen diskutiert wird und leitende Eigenschaften hat.

Es bahnt sich übrigens schon die nächste Verschwörungstheorie zum Thema an: Neuerdings malen die Impfgegner die Einstichstelle der Impfung mit Leuchtstiften an und wundern sich dann, dass diese unter entsprechend anregendem Licht leuchtet. Manchmal halten sie auch einfach ein Licht drauf und halten den Lichtkegel für ein großes, böses Wunder. Hoffentlich finden die nicht heraus, dass Graphenoxid fluoresziert...

Jemand hält ein lilafarbenes Licht über seine Haut, so dass dort ein lilafarbener Lichtkegel entsteht. Text in Großbuchstaben: Mother and her daughter tested what they put in the vaccine.
via @BadVaccineTakes (Twitter)

Lasst euch keinen Nanobären aufbinden, liebe Leser. Wie jede Verschwörungstheorie fällt auch diese schon allein dadurch auseinander, dass dabei so viele Behörden, unabhängige Forscher und Länder beteiligt sein müssten, dass es unmöglich wäre, so etwas durchzuziehen. Wir Menschen scheitern ja schon regelmäßig daran, Geburtstagsüberraschungsparties geheim zu halten.


*Shedding: Die Behauptung, dass geimpfte Menschen Viruspartikel ausscheiden würden, die Einfluss auf die Menschen in ihrer Umgebung haben

**Morgellons: Fussel, die beim Mikroskopieren in den unsauberen Räumen der Querdenker*innen auf Masken gefunden werden und sich eventuell unter dem Atem oder durch Temperaturschwankungen bewegen - und die von Querdenkern völlig überinterpretiert wurden. Mehr über Morgellons gibt es hier.

***magnetische Impfungen: Dinge bleiben an der Haut haften, meist weil die Haut verschwitzt, dreckig oder normal fettig ist. Dabei ist es unerheblich, ob der haftende Gegenstand wirklich magnetisch ist (zum Beispiel Münzen), solange die Querdenker fest daran glauben, dass der Gegenstand magnetisch ist.

[Vielen Dank an meine Editorin @Borgziege (Twitter)]