Auf https://www.3epunkt.de/studien ist eine Studie von Dr. Tim Meyer  erschienen zu Kostensenkungspotentialen im Verteilnetz

Die  deutsche Energiewende steht vor einer Zerreißprobe: Während immer mehr  Wärmepumpen, E-Autos und Solaranlagen ans Netz wollen, steigen die  Kosten für den Netzausbau rasant. Doch eine neue Studie des  Beratungsunternehmens 3EPunkt kommt zu einem überraschenden Ergebnis:  Eine Kostenexplosion ist nicht zwangsläufig. Durch eine Reform der  Organisation, eine bessere Auslastung und das Abschmelzen überhöhter  Renditen ließen sich bis 2045 jährlich über 12 Milliarden Euro  einsparen.

Die  Diskussion um die Stromnetze in Deutschland gleicht oft einer  Abwärtsspirale. Investitionsbedarfe von Hunderten Milliarden Euro werden  prognostiziert, eine Verdopplung der Netzentgelte für Haushalte gilt in  manchen Szenarien als wahrscheinlich. Immer häufiger wird die Frage  laut, ob das Tempo der Energiewende angesichts dieser Kosten überhaupt  beibehalten werden kann.

Eine  neue, von der European Climate Foundation unterstützte Studie des  Hamburger Beratungsunternehmens 3EPunkt von Dr. Tim Meyer stellt diese  scheinbare Alternativlosigkeit grundsätzlich in Frage. Die Analyse mit  dem Titel „Bestandsaufnahme Kostensenkungspotentiale im Verteilnetz“  kommt zu dem Schluss: Die befürchtete Kostenexplosion ist kein  Naturgesetz, sondern die Folge überholter Planungslogiken, einer  ineffizienten Zersplitterung der Netzbetreiber und regulatorischer  Fehlanreize. Werden diese Strukturen modernisiert, lassen sich jährlich  zweistellige Milliardenbeträge einsparen.

Die vier Hebel zur Kostensenkung

Die  Studie identifiziert vier zentrale Hebel, die nicht nur die absoluten  Netzkosten senken, sondern auch die Verteilung der Kosten auf die  Verbraucher fairer gestalten können.

1. Bessere Auslastung der Netze (Einsparpotential bis 2045: ca. 7,0 Mrd. Euro pro Jahr)

Einer  der größten Kostentreiber ist die unnötig niedrige Auslastung der  bestehenden Infrastruktur. Stromnetze werden traditionell auf Basis von  worst-case-Annahmen und dem Prinzip der „letzten kWh“ geplant: Es wird  erwartet, dass alle angemeldeten Verbraucher und Erzeuger gleichzeitig  ihre maximale Leistung abrufen. In der Realität ist das selten der Fall.  Solaranlagen speisen nur tagsüber ein, Windkraftanlagen nur bei Wind,  und viele Haushalte laden ihr E-Auto nicht gleichzeitig.

Die  Folge sind riesige Kapazitätsreserven. Die Studie zeigt, dass die  durchschnittlichen Lastfaktoren in den Netzen heute bei nur etwa 45  Prozent liegen. Durch Digitalisierung, flexible Anschlussverträge und  den gezielten Einsatz von Batteriespeichern ließe sich die Auslastung  deutlich erhöhen. Ein um nur vier Prozentpunkte höherer Lastfaktor würde  bereits zu einer relativen Kostensenkung von rund neun Prozent führen.  Insgesamt wird das Einsparpotential durch diesen Hebel auf bis zu 14  Prozent der gesamten Netzkosten beziffert.

2. Effizientere Organisation und Standardisierung (Einsparpotential bis 2045: ca. 3,5 Mrd. Euro pro Jahr)

Deutschland  hat 851 Verteilnetzbetreiber. Viele von ihnen sind sehr klein, arbeiten  mit eigenen technischen Vorgaben, eigenen Software-Systemen und eigenen  Prozessen. Diese Fragmentierung treibt die Kosten in dreifacher  Hinsicht: Sie verursacht hohe Strukturkosten (Personal, Verwaltung), sie  verhindert Skaleneffekte beim Einkauf von Hardware, und sie belastet  Elektriker und Dienstleister, die für jedes Netzgebiet unterschiedliche  Formblätter, Vorschriften und sogar Steckverbindungen berücksichtigen  müssen.

Die Studie  plädiert für eine drastische Standardisierung und Defragmentierung. Am  Beispiel des E.On-Konzerns wird gezeigt, dass eine Reduktion der  Variantenvielfalt bei Betriebsmitteln von 300 auf 50 zu  Kosteneinsparungen von 10 bis 15 Prozent bei der Beschaffung führte.  Insgesamt wird das Kostensenkungspotential durch eine schlankere  Organisation auf etwa 4,8 Prozent der Gesamtsystemkosten geschätzt.

3. Abschmelzen überhöhter Eigenkapitalrenditen (Einsparpotential bis 2045: ca. 2,7 Mrd. Euro pro Jahr)

Der  dritte Hebel ist der wohl politisch sensibelste: die Renditen der  Netzbetreiber. Der Netzbetrieb ist ein natürliches Monopol mit  gesicherten Erlösen durch die Netzentgelte. Das Risiko für Investoren  ist daher extrem gering. Die kalkulatorische Eigenkapitalverzinsung, die  die Bundesnetzagentur den Betreibern zugesteht, liegt bei etwa 3,5 bis  5,1 Prozent.

Die  Realität sieht anders aus. Die Studie hat die handelsrechtlichen  Jahresabschlüsse von 22 Verteilnetzbetreibern für das Jahr 2024  ausgewertet. Das Ergebnis: Die durchschnittliche Eigenkapitalrendite  betrug 24 Prozent. Einige Unternehmen erzielten sogar Renditen von über  60 oder fast 100 Prozent. Diese Differenz entsteht durch die spezifische  Methodik der Anreizregulierung, die unter anderem zu hohe  Fremdkapitalzinsen ansetzt und Anreize für Kostenverschiebungen in  sogenannte „Fotojahre“ setzt.

Die  Studie argumentiert, dass für diese risikoarme Anlageklasse eine  Rendite von 7,5 Prozent völlig ausreichend wäre. Eine Absenkung auf  dieses Niveau würde die Netzkosten um etwa 3,7 Prozent oder 2,7 Mrd.  Euro jährlich senken.

4. Verbreiterung der Bemessungsgrundlage (Senkung der Netzentgelte)

Die  ersten drei Hebel senken die absoluten Systemkosten. Der vierte Hebel  betrifft die Verteilung dieser Kosten. Immer mehr Strom wird nicht mehr  über das Netz bezogen, sondern direkt vor Ort verbraucht – zum Beispiel  aus der eigenen Solaranlage. Dieser Eigenverbrauch ist von Netzentgelten  befreit. Waren es 2002 noch etwa fünf Prozent, liegt der Anteil  inzwischen bei rund zehn Prozent. Parallel dazu erhalten Industriekunden  umfangreiche Netzentgeltprivilegien, die sich jährlich auf etwa 1,5  Mrd. Euro summieren.

Würden  diese Eigenverbrauchsmengen und Privilegien verursachergerecht in die  Finanzierung der Netze einbezogen, ließen sich die spezifischen  Netzentgelte für alle Kunden spürbar senken – im Basisszenario der  Studie um 3,5 Prozent.

Das Gesamtpotential: Bis zu 17,8 Mrd. Euro Einsparungen

Addiert  man die Effekte der drei Einsparhebel, ergibt sich ein gewaltiges  Potential. Die Studie modelliert drei Szenarien (Minimal-, Basis- und  Maximal-Fall) und kommt zu folgendem Ergebnis für das Jahr 2045:

  • Minimal-Szenario: 9,0 Mrd. Euro Einsparung pro Jahr
  • Basis-Szenario: 12,4 Mrd. Euro Einsparung pro Jahr
  • Maximal-Szenario: 17,8 Mrd. Euro Einsparung pro Jahr

Im  Basis-Szenario entspricht das einer Reduktion der gesamten Netzkosten  um 17 Prozent. Übertragen auf die heutigen Kosten würde dies bedeuten,  dass die Stromkunden jährlich mit rund 5,2 Mrd. Euro entlastet werden  könnten – ohne dass eine einzige Kilowattstunde weniger verbraucht oder  eine einzige Kilowattstunde Erneuerbaren weniger erzeugt wird.

Politikempfehlung: Eine „Agenda 2030“ für die Netze

Die  Studie sieht die Ursache für die aktuell hohen Kosten weniger in der  Energiewende selbst, sondern in einer veralteten Organisation des  Netzbetriebs. Sie empfiehlt daher eine tiefgreifende Strukturreform, die  über kleinteilige Anpassungen hinausgeht.

Konkret  schlägt der Autor Dr. Tim Meyer eine „Agenda 2030“ vor – ein  gemeinsames Reformprojekt von Politik, Bundesnetzagentur, Netzbetreibern  und Eigentümern. Ziele dieser Agenda sollten sein:

  1. Paradigmenwechsel in der Planung: Weg vom Prinzip „Netzausbau vor Digitalisierung“ hin zu einem System, das höhere Auslastung durch Flexibilisierung belohnt.
  2. Stärkung der Netzkunden: Im natürlichen Monopol müssen die Rechte der Kunden gestärkt werden.  Die Regulierung sollte nicht nur fragen, was ein Netzbetreiber an  Aufwand hat, sondern auch, welche Leistung für den Kunden dabei  herauskommt.
  3. Transparenz und Wissenslücken schließen: Es braucht verbindliche Kennzahlen zur Netzauslastung und systematische  Studien, um die Potenziale für Kostensenkungen sichtbar zu machen.
  4. Überarbeitung der Anreizregulierung: Die aktuellen Anreize führen zu überhöhten Renditen und Investitionen in „mehr Kupfer“, statt in Digitalisierung und Effizienz.

Die  Studie endet mit einem klaren politischen Appell: Die Frage ist nicht,  ob die Energiewende zu teuer ist, sondern ob Politik und Regulierer  bereit sind, die veralteten Strukturen des Verteilnetzbetriebs  konsequent zu modernisieren. Die Technologien und das Wissen, um die  Netze effizienter zu betreiben, sind vorhanden. Was fehlt, ist der  politische Wille, die bestehenden Privilegien und Strukturen zu  überwinden.

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