Entschuldigt bitte den Cliffhanger von letzter Woche, aber es war nicht vorgesehen, dass die Einleitung zum eigentlichen Artikel so lang wird. Wie versprochen widmen wir uns nun aber endlich der Methodik „laterales Lesen“. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das euer Verhalten online fundamental verändern wird. Und es ist auch noch überaus einfach zugleich.

Ich will hier auch nicht lange die Theorie durchkauen, sondern bevorzuge „learning by doing“. Ein Vorgehensweise prägt sich leichter ein, wenn man sie praktisch anwendet. Als Beispiel habe ich das immer noch beliebte (und bescheuerte) Graphen in Impfungen gewählt. Dazu sind alle möglichen Artikel verfügbar. Um auf missverständliche Verlinkungen hinzuweisen, habe ich den Beitrag von uncut-news.ch1gewählt. Eine Erklärung folgt gleich. Sehen wir uns also erstmal an, was uns da präsentiert wird.

Die Schlagzeile ist ja schon mal prächtig. „Keine Verschwörungstheorie mehr: Graphenoxid in Pfizer-Impfstoffen“. Weiter unten folgen Dokumente, die das scheinbar belegen und unter Verschluss gehalten werden sollten. Whistleblower und Links zu Dokumenten, ganz unten der wichtige Disclaimer „Unmanipulierte und freie Medien“. Da habe ich ja ein echtes Goldnugget ausgegraben.

Was viele Leute denken ist, dass man auf solchen Seiten ja Hinweise darauf findet, ob man, profan ausgedrückt, verarscht wird. Das ist nicht der Fall. Es gibt solche Exemplare, aber die sind die Ausnahme. Denn die Betreiber der Fakenewsschleudern machen das ja aufgrund wirtschaftlicher Interessen. Sie wollen Kunden gewinnen, die Werbung machen. Sie wollen sich profilieren. Sie wollen Anerkennung. Also sorgen sie dafür, dass ihre absurden Thesen glaubwürdig aussehen. Wie auch auf dieser Seite. Der Name ist schon klug gewählt. „uncut-news“. Ungeschnittene Nachrichten, also wird kein Detail weggelassen. Das suggeriert automatisch auch, dass andere Medien so etwas tun und dabei lügen.

Praktisch für unaufmerksame: Wenig Text und viele Bilder. Der Inhalt wird als Tatsache präsentiert. Am Ende folgt ein Update, dass in den Dokumente ja doch nicht steht, dass Graphen in Impfungen wäre. Direkt danach aber auch der Hinweis, dass es ja stattdessen bei der Produktion verwendet wird (Moving the goal posts: Wenn eine Aussage widerlegt wurde, erweitert man sie einfach oder verlegt das Thema, damit die Widerlegung an Relevanz verliert.) Als ob die Zielgruppe soweit lesen würde. Die interessiert sich nur für die Schlagzeile.

Spoiler, der Vollständigkeit halber: Graphen ist bei keinem einzigen Impfstoff in irgendeiner Weise beteiligt oder enthalten oder sonstiges.

Gehen wir aber davon aus, dass wir - für dieses Beispiel die breite Masse der Bevölkerung - gar keine Ahnung davon haben. Wir wissen nicht, was in Impfungen ist oder was sie bewirken. Jetzt wird uns so ein Artikel vorgesetzt, der Bullshit als Fakten verkauft. Wie können wir das nun beurteilen? Ganz einfach: indem wir lateral Lesen. Wir beschäftigen uns nicht mit dem Inhalt (vertikales Lesen), sondern damit, wer oder was uns sonst noch etwas zu dem Thema präsentieren kann. Wir öffnen also einen neuen Tab und untersuchen zuerst die Quelle.

Ja, das war eine Aufforderung. Macht mit. Neuer Tab. Wir nehmen die Webadresse „uncut-news.ch“ und suchen in Verbindung mit ganz generischen Begriffen wie „vertrauenswürdig“, „Kritik“, oder sogar „wikipedia“. Die werden nach dem ersten Buchstaben meist schon vorgeschlagen und ja, Wikipedia ist zur allgemeinen Einschätzung auch völlig in Ordnung, falls dort ein Eintrag zum Suchbegriff ist (in unserem Beispiel leider nicht). Und was sehen wir denn da?

Die Liste ist verdammt lang.

Jede Menge Artikel darüber, was das für eine miese Seite ist. Nun ist nicht direkt ersichtlich, welcher davon nun wieder vertrauenswürdig ist, und die wirklich guten Sachen stehen bei solchen Suchen zumeist nicht ganz oben auf der Liste, aber wir haben nun eine gewisse Vorstellung davon, wie dort gearbeitet wird. Das Portal Medienkompetenz-Team3 zählt uncut news zu den Fakenews-Seiten, der Tagesanzeiger4 berichtet leider hinter eine Bezahlschranke über das putinsche Propagandaportal, higgs.ch erwähnt sie in einer Aufzählung zu Fakenews-Portalen. Besonders zu beachten ist der Beitrag von gegneranalyse.de5, eine Seite, die nicht nur Fakes entlarvt, sondern auch über die Hintergründe und Betreiber informiert. Die hat sich beispielsweise in jeder Hinsicht als vertrauenswürdig erwiesen.

Auch wenn wir jetzt schon einschätzen können, dass uncut news keine glaubwürdigen Inhalte bietet, gehen wir noch einen Schritt weiter und suchen nach der Behauptung der Schlagzeile. Wir suchen also mit dem Begriff „Graphenoxid in Pfizer-Impfstoffen“ und sind jetzt so gar nicht überrascht, was uns präsentiert wird.

Dutzende Einträge, dass es kein Graphen in Covidimpfstoffen gibt. Vom Bundestag, von verschiedenen ausgewiesen Faktenprüfern und auch von etlichen Medien. Wer den Bauernfängern schon auf den Leim gegangen ist, wird das nur als Teil der Verschwörung sehen. Wer hingegen wirklich an den Hintergründen interessiert ist, wird hier wohl alles zu dem Thema finden. Sehr interessant ist hier die Drucksache vom Bundestag. Denn dort wird die Frage nach Graphenoxid in Impfstoffen auch behandelt. Es sieht jedoch mehr nach einer rhetorischen Frage aus, da auch direkt eine Wirkung unterstellt wird, die die Bundesregierung erläutern solle. Überrascht es jemanden, dass das aus dem Lager der AfD kam?

Das Verfahren des "lateralen Lesens" könnt ihr auch anwenden, wenn euch nur Screenshots und keine echte Quelle präsentiert werden. So einfach ist das tatsächlich. Zeitaufwand weniger als 5 Minuten. Wenn mal ein Autor angegeben ist, kann man den mit denselben Begriffen durchleuchten. Es ist kein großer Aufwand. Es ist nicht kompliziert, man muss kein Hacker sein.

Ein paar zusätzliche Informationen noch zum Abschluss: Achtet bei Links auch auf die URL. Gerne werden gefälschte Seiten großer Portale gewählt, die man an ihrer Endung erkennt. Vor kurzem wurde ein gefälschter Artikel geteilt, der auf einer nachgeahmten Seite von Der Spiegel auftauchte. Die richtige URL endet auf .de, die gefälschte Seite hatte stattdessen ".de.com". Alles Weitere war vollständig kopiert und sämtliche Verlinkungen führten dann wieder auf die echte Seite. Ein perfides Spiel.

Es wird nicht für jede Behauptung und jede Seite brauchbare Ergebnisse geben, aber die allermeisten werden abgedeckt, selbst wenn Behauptungen erst wenige Stunden zuvor hochgeladen wurden.

Für den Fall, dass jemand fragt, woran man denn überhaupt glaubwürdige Faktenprüfer erkennt: dafür gibt es einen internationalen Verbund, nämlich poynter6, das internationale Netzwerk der Faktenprüfer.

Quellen:

1          https://uncutnews.ch/keine-verschwoerungstheorie-mehr-graphenoxid-in-pfizer-impfstoffen

2          https://medienkompetenz.team/unsere-projekte/votraege-workshops-barcamps/fake-news-im-internet/fake-news-erkennen/

3          https://www.tagesanzeiger.ch/millionen-von-klicks-fuer-pro-putin-portal-245770902613

4          https://www.higgs.ch/die-unterschaetzte-macht-der-fake-news/9652/

5          https://gegneranalyse.de/monitoring-03-uncut-news/

6          https://www.poynter.org/ifcn/