Es ist wieder an der Zeit: Während die Taskforce der Bundesregierung noch in der komplizierten Findungsphase ist, hat mit ALDI ein privates Unternehmen der Bevölkerung erste Schnelltests zur Verfügung gestellt. Die Tatsache, dass die Nachfrage an Tests das Angebot weit überstieg, nahmen jedoch einige Stimmen zum Anlass, ein Marktversagen zu konstatieren.

Bei Anlässen wie diesem wird wieder klar, wie leichtfertig in der öffentlichen Debatte mit dem Begriff des Marktversagens umgegangen wird. Werfen wir also einen Blick darauf, wie die Ökonomie den Begriff definiert. Marktversagen liegt dann vor, wenn die Austauschprozesse im Markt nicht zu einer effizienten Verteilung der Güter führen. Paradebeispiel hierfür sind die sogenannten externen Effekte, also eine Auswirkung ökonomischen Handelns auf unbeteiligte Dritte.

Diese können negativ sein, wie im Falle der Umweltverschmutzung. Werden deren Auswirkungen nicht vernünftig in die Transaktionen eingepreist, wird zu viel von dem Gut konsumiert und es treten negative Gesamtwohlfahrtseffekte auf. Umgekehrt haben positive externe Effekte günstige Auswirkungen auf Unbeteiligte. Wenn diese nicht monetarisiert werden können, könnte die Bereitstellung unterhalb des effizienten Niveaus liegen. Ein Beispiel hierfür könnten Überweisungen von Migranten in die Heimat sein. Diese sind immer noch relativ teuer, haben aber positive Effekte auf die Entwicklung der Wirtschaft in den Empfängerländern, die sogar den Effekt der offiziellen Entwicklungshilfe übersteigen könnten.[1]

Auch bei öffentlichen Gütern kann der Markt keine Versorgung sicherstellen. Dies liegt daran, dass man niemanden von der Nutzung dieser Güter ausschließen kann. Und wenn man niemanden ausschließen kann, ist es unmöglich, für diese Güter einen Preis zu verlangen. Beispiele für diese Güter sind zum Beispiel saubere Luft, ein funktionierendes Rechtssystem oder die Landesverteidigung. Oft werden diese Güter vom Staat bereitgestellt, der für die Finanzierung dieser Ausgaben Steuern erhebt. Die leer ausgehenden Käufer der letzten Tage dürften ausreichendes Indiz dafür sein, dass man sehr wohl Konsumenten vom Kauf von Schnelltests abhalten kann. Es handelt sich also nicht um öffentliche Güter.

Weitere mögliche Fälle für Marktversagen könnten Monopolisierungstendenzen aufgrund von Skalen- oder Netzwerkeffekten (insbesondere in der Plattformökonomie interessant) oder das Vorliegen asymmetrischer Informationen sein. Beide dürften im beschriebenen Fall nicht vorliegen.

Man könnte den Punkt machen, dass das Bereitstellen von Covid-19 Selbsttests (je nach Verwendung) mit enormen positiven externen Effekten verbunden ist. Allerdings reichen ein paar Tage im Frühling mit möglicherweise ineffizienter Versorgung nicht aus, um ein Scheitern der marktwirtschaftlichen Ordnung herbei zu schreiben. Sollten diese Effekte jedoch vorliegen, ist es (wie bei negativen externen Effekten auch) Aufgabe des Staates, die Einpreisung dieser Effekte durch einen Ordnungsrahmen sicherzustellen - zum Beispiel durch eine Bezuschussung von Schnelltests.

Kurz gesagt: Kurzfristig unzureichendes Angebot alleine reicht nicht aus, um von Marktversagen zu sprechen. Schließlich wäre vor Corona auch keiner auf die Idee gekommen, diese Diagnose beim Blick auf die Wartenden vor dem Louvre zu erstellen - oder bei den langen Warteschlangen vor den Applestores beim Release des jeweils neuesten iPhones. Und eine Frage muss am Ende erlaubt sein: Wenn die langen Schlangen vor dem ALDI genügen, um Marktversagen zu konstatieren, welches Wort ist dann für die schleppend vorangehende staatliche Impfkampagne angemessen?


[1]Für mehr Informationen: https://www.researchgate.net/publication/283389367_The_Role_of_Remittances_as_More_Efficient_Tool_of_Development_Aid_in_Developing_Countries

Dir gefällt, was David Ballaschk schreibt?

Dann unterstütze David Ballaschk jetzt direkt: