Frau, Mann, Divers, Homosexuell, Heterosexuell, Deutsch, Farbig; Der Mensch denkt sich selbst in Kategorien, um sich selbst, also seine Persönlichkeit zu beschreiben und sie somit auszudrücken.
Gewisse Kategorien sind mit gewissen Eigenschaften verbunden. Abweichungen von diesen Eigenschaften und damit von den Kategorien führen zu Missverständnissen und Dissonanzen. Eine Person, die beispielsweise eigentlich in der Kategorie Mann gesehen wird, jedoch aber nicht die Eigenschaft der Maskulinität umfänglich besitzt, weil sie sich zum Beispiel sehr feminin gibt, wird automatisch in anderen Kategorien gesehen, weil ihre Eigenschaften ihrer zugehörigen Kategorie widersprechen.
Dieser Widerspruch wird mit dieser Neueinordnung versucht aufzulösen.

Das Nicht-Verstehen und die Ablehnung von Personen, welche sich selbst nicht in gängigen Kategorien wiederfinden, sein es nun non-binäre Personen oder allgemein queere Personen, resultiert somit auch daraus, dass die Anzahl an Kategorien nicht die Mannigfaltigkeit der tatsächlich bestehenden Eigenschaften und ihrer Kombinationsmöglichkeiten wiedergibt. Besonders das breite Spektrum an "neuen" Sexualitäten, in denen sich viele Menschen wiederfinden, zeigt dies.
Zwar gibt es heutzutage genau dieses breite Spektrum an Kategorien von Sexualitäten, beispielsweise Asexuell, Pansexuell oder Polysexuell, jedoch weisen diese auch das grundlegende Problem der menschlichen Kategorien auf, da sie zur Bestimmung ihrer Zugehörigkeit gewisse Eigenschaften voraussetzen. Diese Eigenschaften können aber in ihrem Bestehen fließend sein, sie sind also nicht absolut, sondern wandlungsfähig und uneindeutig. Erst die Bestimmung von Zugehörigkeiten zu Kategorien versuchen diesen Eigenschaften eine Eindeutigkeit zu verleihen.
Ein Beispiel dafür ist das sehr späte Outing einiger nicht heterosexueller Menschen. Sie waren vielleicht schon verheiratet, gründeten eventuell sogar schon eine Familie, erkennen nach vielen Jahren aber erst, dass ihr bisheriges Leben gar nicht ihrer Sexualität entspricht. Insofern sie es zuvor nicht erkannten, dann lag es nicht daran, dass sie Angst vor ihrem "Anders-Sein" hatten, denn sie sahen sich selbst nicht als anders, sondern sie sahen sich als zugehörig zu einer Kategorie und schrieben sich entsprechend dieser Kategor ie gewisse Eigenschaften zu, welche sie dann jedoch später als gar nicht vorhanden erkannten. Wir sind also in der Lage, uns durch menschliche Kategorien selbst zu manipulieren und zu belügen.  

Abgesehen davon geben uns Kategorien einen Vorteil: Gewissheit. Wenn wir glauben zu wissen, wie wir sind und uns auf Grundlage dessen gewissen Kategorien zuordnen, können wir unser Handeln und unser Denken viel zielgerichteter koordinieren. Aber darin liegt ein entscheidender Trugschluss. Diese Gewissheit ist nicht nachhaltig. Sie mag für kurze Zeit von Vorteil sein, auf Dauer jedoch stellt sich diese Gewissheit als eine nur vermeintliche heraus. Selbstzweifel entstehen. Bin ich doch nicht so, wie ich mich stets gesehen und gedacht habe? Zu beachten ist, dass sich dies nicht nur auf Kategorien von Geschlecht und Sexualität bezieht, sondern auch auf weitere Persönlichkeitsmerkmale: Ordentlichkeit, Freundlichkeit, Verantwortungsbewusst zum Beispiel. Auch dies sind Eigenschaften von menschlichen Kategorien.
Am Beispiel des Burnout lässt sich dies gut erkennen. Das Selbst-Sehen als Zugehörig-Sein zu einer gewissen Kategorie und die damit verbunden Eigenschaften wie auch Erwartungen, und das dennoch Handeln und Denken entgegen diesen Eigenschaften und nicht erfüllen dieser Erwartungen, kann zu massiver Erschöpfung führen. Man kann dabei auch von einer kognitiven Dissonanz sprechen: Eigenes Handeln oder Denken widerspricht dem eigentlichen eigenen Sein. Wie wir uns in Kategorien sehen und was wir davon ausgehend von uns erwarten, somit dementsprechend Denken und Handeln, kann also unserer eigentlichen Persönlichkeit und unserem eigenen momentanen Zustand widersprechen oder auch nur nicht entsprechen.

Die Annahme von menschlichen Kategorien führt also zu diversen Problemen. Ein weiteres davon sind Vorurteile. Sie sind letzten Endes nichts anderes als Zuschreibungen gewisser Eigenschaften aufgrund des als Zugehörig-Sehens einer Person zu einer menschlichen Kategorie. Man mag nun argumentieren, dass Vorurteile den Vorteil bringen, Sicherheit im Umgang mit Menschen zu haben, wenn man erahnen kann, wie sie eventuell sind, jedoch liegt auch dort der Trugschluss der vermeintlichen Gewissheit. Die Ahnung oder die Gewissheit besteht nur so lange, wie man nicht durch Informationseinholung bei der bestimmten Person weitere Eigenschaften erfahren kann. Die vorherige Gewissheit ist also redundant, da zwecklos, da sie sich in dem Moment aufzulösen beginnt, wo der Kontakt zur Person und damit die Informationseinholung beginnt, die Gewissheit aber eigentlich dem Zweck der Sicherheit im Umgang mit Menschen dienen soll. Diese Sicherheit kann jedoch im Vorhinein nicht gewährleistet werden.  
Der Begriff "Vorurteil" beschreibt dies selbst schon ganz gut: Es ist ein Urteil, welches gefällt wird, bevor man den eigentlichen Sachverhalt im Detail kennt. Ist der Sachverhalt, also die Person bekannt, muss das Urteil neu gefällt werden.

Es ist also effizienter, erst gar nicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kategorie auszugehen, sondern lediglich sein Handeln und Denken auf als weitestgehend eindeutig wahrnehmbare Eigenschaften zu richten und durch das Einholen weiterer Informationen weitere Eigenschaften zu erschließen, womit auch kein Widerspruch zu einer zuvor angenommen Kategorie und damit verbunden Eigenschaften entstehen kann.

Seht ihr das Ganze anders? Könnte man beispielsweise annehmen, dass das Denken in Kategorien doch effizienter und sicherer ist? Lasst uns in den Kommentaren diskutieren!

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