Erstmals veröffentlicht in raum&zeit Heft 79/1996

Was wir unser Wissen zu nennen gewohnt sind, haben wir zum größten Teil, sagen wir zu neunzig Prozent, gehört, gelesen, beigebracht bekommen, also in vielfälti­ger Form von anderen übernommen. Es sind teils Denkschemata, Hypothesen, die einmal eine gewisse Nützlichkeit zeigten und weitergereicht wurden, teils kleine Infor­mations­splitter, Details, die irgendwann jemandem mitteilenswert erschienen, deren Gehalt wir kaum prüfen können. Woran sollten wir sie prüfen? Dazu bedürfte es etwas absolutem. Kann eine Theorie, eine Hypothese einen solchen Maßstab liefern? Kann es die Sinnes­wahrnehmung oder ihre kristallisierte Form, die Erfahrung?

Modellbildung

Jede Theorie ist eine Modellvorstellung der Wirklichkeit, nie die Wirklichkeit selbst. Ein Modell entsteht durch Abstraktion (lat. ,weg-ziehen‘): ich klammere aus der Über­fülle der Wirklichkeit einen Teil – einen sehr großen Teil, mindestens alles, was mir nicht bewußt ist – aus, strukturiere das Übrige, bilde Begriffe und komme somit zu einem reduzierten Etwas, das ich mit meinem Denken noch beherrschen kann. Habe ich geschickt ausgeklammert und Wesent­liches behalten, dann kann ich mich in der Wirklichkeit besser zurechtfinden, kann sie manipulieren, voraussagen; das Modell gilt damit als bestätigt, ist nützlich und ver­breitet sich. So weit, so gut – solange jeder, der es verwendet, sich bewußt ist, ein Modell vor sich (in sich) zu haben, und: die Abstraktion kennt, die Auswahlkriterien, die Verein­fachun­gen, und damit auch die Grenzen.

Das aber ist tatsächlich die absolute Ausnahme. In der Regel werden die Verein­fachungen, die Grenzen nicht mitüberliefert oder sind gar nicht bekannt; die Folge: das Bewußtsein des Modell­haften schwindet, das erfolgreiche Modell mutiert zur Lehrmei­nung, es wird zur Wahrheit erklärt und als Wahrheit verbreitet, es verselbständigt sich [i].

Und etwas Paradoxes geschieht: die Menschen messen die Wirklichkeit am Modell; was nicht mit dem Modell in Übereinstimmung zu bringen ist, wird geleugnet. „Sachverhalte, für die das Modell keine Begriffe bereitstellt, sind nicht darstellbar.“ [ii]

Modelle formen die Identität

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, kann diesen Mechanismus täglich um sich herum in voller Wirksamkeit beobachten; wer ebenso offen in sich hineinschaut, wird entdecken, daß er mit solchen mutierten Modellen angefüllt ist, sein Denken größtenteils aus ihnen besteht und von ihnen bestimmt wird. Sie sind der Maßstab, mit dem wir die zu uns gelangenden Informationen – auch unsere Sinneseindrücke – filtern: was zu unserem favorisierten Modell paßt, behalten wir als wahr, was nicht, verwerfen wir als falsch; und das Resultat nennen wir Wissen. Das Modell schützt sich selbst. Die Gesamtheit unserer Modelle bildet unsere Welt­anschau­ung, unsere Identität, unser Ich; daran hängen wir.

Haben wir nun den Wahrheitsgehalt der Informationssplitter geprüft? Nein, sondern wir haben sie eingeordnet, sortiert, nach einem subjektiven, einem relativen Maßstab.

Aufeinandertreffen der Modelle

Was geschieht, wenn ein anderer, sagen wir ein Wissenschaftler und nennen wir ihn B, aus der Fülle der Wirklichkeit anders abstrahiert, weniger ausschließend vielleicht, oder auch nur mit anderem Akzent? Ist er modellbewußt und stellt das Neue behutsam neben das Alte – mit der Grundhaltung „so könnte es sein, seht und prüft“, nicht etwa „das ist es, alles andere ist falsch“ –, dann können die zwei Modelle friedlich koexistieren, jedes bildet seinen Teil der Wirklichkeit ab, jedes kann in seinem Bereich, seinem Gültig­keits­bereich, nützlich sein. Ist das zweite Modell umfassender, dann kann doch das erste für vieles genügen; wer es genauer wissen oder einen anderen Aspekt beleuchten will, bedient sich des zweiten oder dritten. Beispiele für diesen guten Verlauf kennen wir besonders in der Technik, schon weniger in der Naturwissenschaft, soweit sie die ,unbelebte‘ Materie erforscht, selten aber, wenn die Gesellschaft, die belebte Natur oder gar der Mensch Gegenstand des Mo­dells sind. Es ist dies eine Linie zuneh­mender Komplexität der Wirklichkeit: immer größer wird die Zahl der Einflußfak­toren, immer geringer der Teil, der uns bewußt ist; eine zunehmend größere Zahl ,richtiger‘ Modelle wird mög­lich.

Objektivität

Wir kommen hier an einen wunden Punkt der Wissenschaftstheorie. Wenn wir nur in Begriffen überhaupt denken können, jeder Begriff schon ein Modell impliziert und jedes Modell letztlich subjektiv ist, da es aufgrund von Vorstellungen und Wünschen durch willkürliche Auswahl und Interpretation eines Realitäts-Ausschnittes gebildet wurde, ist Objektivität im üblichen Sinn eine Illusion. Das „Ding an sich“ ist und bleibt dunkel; streng genommen ist jede Behauptung, daß etwas „so sei“, schon eine Lüge. Wir müssen Objektivität als Basis ernstzunehmender wissenschaftlicher Arbeit neu definieren als möglichst umfassendes Modell-Bewußtsein; dazu gehört dann auch, die eigenen Vorstellungen und Wünsche, die eigenen Gefühle zu erforschen und anzuerkennen, die an den Auswahlkriterien und damit an der Modellbildung ent­scheidenden Anteil haben.

Die Voraussetzung echter wissenschaftlicher Arbeit ist also Selbsterkenntnis, vereint mit dem Bewußtsein der eigenen Unvollkommenheit, der Bescheidenheit. Diese Eigenschaften finden sich dann auch bei allen wirklich großen Forschern wieder, oft verbunden mit einer unverkennbar religiösen Grundhaltung. Da weitaus die meisten Menschen diese Reife noch nicht haben, sehen wir beim Aufeinandertreffen zweier Modelle häufiger einen der folgenden drei Verläufe:

1) Das Gegenmodell

Das erste Modell steht zum zweiten im Widerspruch, ist aber schon zur sub­jektiven Wirklichkeit vieler, insbesondere einflußreicher Menschen geworden. Dann werden diese das neue Modell als persönlichen Angriff empfinden und alles daransetzen, es zu unterdrücken, denn es geht dabei um ihre Identität! Dieser Gegenangriff erfolgt ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt des neuen Modells, ja, häufig findet eine sachliche Auseinandersetzung, der Versuch eines Gegenbeweises (Falsifikation) gar nicht statt, mehr noch: sie ist gar nicht möglich, weil durch den Filtereffekt des mutierten ersten Modells Informationen, die für das zweite Modell sprechen würden, blockiert werden. Für die Betroffenen käme das Zulassen, das in-sich-Hineinlassen solcher Informationen einer Selbstaufgabe gleich. B kann von Glück sagen, wenn er lediglich lächer­lich gemacht wird. Die Geschichte der Naturwissenschaft kennt viele große Beispiele für diesen Mechanismus. Denken wir an Kopernikus, an Galilei und die Weigerung der Kleriker, durch sein Fernrohr zu blicken.

Begeht B zudem noch den Fehler, seine Argumente mit Spott und Schmähung zu vermischen, dann ist sein weiteres Bemü­hen umsonst: er hat den ohnehin schmalen Zugang zum Du selbst zerstört, seinen – vielleicht ursprünglich durchaus interessierten – ,Gegnern‘ die Anerkennung seines Modells vollkommen unmöglich gemacht. Die natürliche Reaktion auf Schmähung ist Haß.

Eine besonders unangenehme Spielart stellt sich ein, wenn am ersten Modell gut verdient wird, wenn eine Macht­position (Marktposition) damit verbunden ist. Der Filter wird dann sehr verstärkt. In dieser Gefahr steht die gesamte industriell finanzier­te Auftragsfor­schung. Im Extrem kann es dazu kommen, daß ein falsches Modell im vollen Bewußtsein seiner Falschheit verteidigt wird, und das ist keine Seltenheit. Halten wir uns vor Augen: es ist nicht unbedingt Schlechtigkeit, was uns immer wieder veranlaßt, die Augen und Ohren so fest zu verschließen oder das andere verächtlich zu machen, sondern menschliche Schwäche, Existenzangst, von der sich nie­mand freisprechen kann. Es geht hier nicht um Wahrheit, sondern um Sein oder Nicht-Sein.

Letztlich können wir in diesem Mechanismus die Ursache aller Kriege sehen: die Unvereinbarkeit subjektiver Wirklichkeiten, der Drang, die andere Wirklichkeit zu vernichten, um die eigene, um das Ich zu schützen.

2) Zwei ,Wahrheiten‘

Das zweite Modell ist mit dem ersten vereinbar und gleichrangig, wird jedoch ohne Bewußtsein des Modellhaften überliefert und als neue Wahrheit hingestellt. Da es aber nur eine Wahrheit geben kann, geraten die ,Wahrheit‘ des ersten Modells und die ,Wahrheit‘ des zweiten Modells unweiger­lich in Konflikt, und es entsteht der sinnlose, kräftezehrende Meinungsstreit der Gelehr­ten (bzw. der Modellvertreter), den wir so gut kennen. Tatsächlich bilden beide Modelle die eine Wirklichkeit aufgrund unter­schiedli­cher Abstraktionen lediglich aus unter­schiedli­chen Blickwinkeln ab, könnten sich also ergänzen und jedes für sich nützlich sein, statt sich zu behindern. Ein hervorragendes Beispiel liefert die Medizin, wo sich Allopathen und Homöopathen seit Jahrhunderten, Schulmedizin und Alternativmedizin seit Jahr­zehnten erbittert in den Haaren liegen. Die ungeheure Komplexität der Wirk­lichkeit ,Mensch‘ ermöglicht hier ganz besonders eine große Vielzahl von richtigen, aber eng begrenzten Modellen.

3) Das fremde Modell

Das zweite, neue Modell ist wesentlich umfassender als das erste, hat weniger ausgeklam­mert, ist also näher an der Wirklichkeit und beschreibt sie besser, und enthält das erste Modell als Sonderfall, als Vereinfachung in sich: wir haben also eine ,Theorie höherer Ordnung‘ vor uns. Entscheidend ist dabei die fremdartige oder sprunghafte, also nicht-evolutionäre Qualität; eine allmähliche Weiterentwicklung wird in der Regel leicht verkraftet. Dieses neue Modell dagegen schafft Unsicherheit, Ärger, denn um es anzu­nehmen, müßten die Vertreter und Nutzer des alten Modells ihr Weltbild stark ver­ändern, dazulernen; diese geistige Beweglichkeit bringt nicht jeder auf, zumal wenn das alte Weltbild stark gefestigt und bequem und mehrheitlich anerkannt war. Sie müßten auch die Beschränktheit ihrer alten Sichtweise erkennen und eingestehen, möglicherwei­se sogar öffentlich, das bedeutet in unserer unreifen Gesellschaft leider einen erheblichen Prestigeverlust. Jeder Vertreter und Nutzer eines neuen Modells steht naturgemäß anfangs in einer Minderheit, damit ist eine Urangst verbunden.

So kommt es, daß umfassendere Modelle nur sehr langsam durchdringen, im Laufe von Generationen, da häufig die Vertreter der alten Modelle tatsächlich aussterben müssen, während gleichzeitig das Aufnahmevermögen in breiteren Schichten anfangs nicht ausreicht und nur allmählich wächst. Die Konsequenzen der modernen Naturwis­sen­schaft werden von 99% der Menschen nicht zur Kenntnis genommen, und dies nicht nur der Komplexität ihrer Modelle wegen, sondern vor allem, weil sie unser gewohntes Weltbild sprengen würden, wenn wir uns mit ihnen befaßten. Denken wir auch an die Beharrlichkeit, mit der viele glauben, die Welt wäre mit noch mehr Technik und der Wohlstand mit noch mehr Wirtschaftswachs­tum zu retten, während umfassendere Modelle uns die Ganzheit­lichkeit und Komplexität des Ökosy­stems Erde einerseits und den drohenden Abgrund andererseits vor Augen führen.

Vom Modell zur Wirklichkeit

Der Schluß drängt sich auf, daß die Wirklichkeit unserem Denken und Fühlen ebenso wie unseren Sinnen prinzipiell und strukturell unzugänglich bleiben muß. Ein Schleier liegt davor. Jeder lebt in seiner eigenen Realität.

Was kann nun der tun, der sich dennoch aus einem unlöschbaren Durst, einer tiefen Sehnsucht heraus mit der Wahrheit, der Wirklichkeit selbst verbinden will? Er muß von der Selbst-Erkenntnis weiterschreiten zur Selbst-Entledigung. Er muß all die mutierten Modelle in seinem Denken radikal demaskieren, sich ihrer bewußt werden, sich von ihnen lösen; damit löst er sich zugleich von seinem Ich, gibt es auf. Er schafft in sich Platz. Und in diesem leeren, stillen Raum kann etwas vollkommen neues geboren werden.

Dies ist eine Verständnisebene des Bibelwortes: „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird ES erhalten.“ Es ist eine Ansicht des taoistischen Nicht-Seins, ein wesentlicher Aspekt des Endura der Katharer, der goldene Tod. Es war Krishnamurtis Haupt- und Dauerthema. Es ist der Beginn des Prozesses der wahren Menschwerdung.

Wir können im ausgehenden 20. Jahrhundert beobachten, wie sich die umfassenden neuen Modelle der Physik und Biologie einigen sehr alten Modellen der östlichen wie auch der westlichen Philosophie und Religion – letztere in ihrer esoterischen Ansicht – annähern, die schon seit Jahrhun­derten bis Jahrtau­senden darauf warten, in das Bewußtsein der Menschheit durchzudrin­gen. Ein Student der esoterischen Wissenschaft macht immer wieder die verblüffende Entdeckung, daß alles, was exoterische Wissenschaft mit dem Verstand stückweise und mühevoll erkennt, den Eingeweihten aller Zeiten schon bekannt war – auf der Basis der Intui­tion, die nur erhält, wer Mensch geworden ist.

Anders herum: wir können einige Aussagen, die zuvor nur aus der Intuition heraus überhaupt getroffen werden konnten, heute aus der Reflexion heraus, mit unseren Verstandeskrücken kontrollieren und ihre Gültigkeit evident beweisen. Damit ist auch die Intuition als solche bewiesen. Und das ist tatsächlich so etwas wie ein Gottesbeweis.


[i]    „Ein abstraktes Modell, daß die [unstrukturierten] Ausgangsdaten zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufassen vermag, zwingt dem Betrachter eine Sichtweise der Dinge auf, von der er sich nur schwer wieder lösen kann.“

Schmidt, B.: Systemanalyse und Modellaufbau: Grundlagen der Simulations­technik. Berlin: Springer, 1985.

[ii]   ebenda