Was hinter dem Mythos steckt

Ein nüchterner Blick auf eine beliebte Stammtischthese

Wer sich in sozialen Netzwerken über den Karenztag – also die Abschaffung der Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag – streitet, begegnet unweigerlich einem Argument, das klingt wie eine Selbstverständlichkeit:

„Und trotzdem sind die Besserverdiener seltener krank. Die Selbstständigen so gut wie gar nicht. Komisch.”

Das „Komisch” am Ende ist dabei kein Ausdruck echter Verwunderung. Es ist eine Einladung, eine Schlussfolgerung selbst zu ziehen, die unausgesprochen bleibt: Wer häufiger krank ist, simuliert vielleicht. Oder ist selbst schuld. Die Aussage klingt nach Fakt – ist aber keiner.

Was die Statistik wirklich sagt

Die großen deutschen Krankenkassen – AOK, DAK, BKK – veröffentlichen jährlich detaillierte Fehlzeitenreporte. Diese schlüsseln Krankheitstage auf: nach Alter, Geschlecht, Branche, Berufsgruppe und Bundesland.

Nach Einkommenshöhe? Fehlanzeige.

Diese Daten werden systematisch nicht erhoben. Krankenkassen kennen den Beruf ihrer Mitglieder, aber nicht deren genaues Gehalt. Eine direkte Statistik, die Krankheitstage mit Verdienstgruppen verknüpft, existiert in Deutschland nicht. Die Behauptung, Besserverdiener seien nachweislich seltener krank, schwebt damit vollständig im Datenleeren.

Was man stattdessen weiß

Es gibt Daten, die einen indirekten Zusammenhang nahelegen – aber in eine völlig andere Richtung, als die These suggeriert.

Der AOK-Fehlzeiten-Report zeigt seit Jahren konsistent: Berufe mit den meisten Krankheitstagen sind körperlich belastende Berufe – Pflegeberufe, Bauberufe, Lagerhaltung. Diese Berufe sind im Durchschnitt schlechter entlohnt als Bürotätigkeiten. Daraus lässt sich eine Korrelation ableiten: Wer mehr verdient, hat im Schnitt weniger körperliche Belastung und meldet sich seltener krank.

Aber: Diese Korrelation entsteht aus dem Zusammensetzen zweier verschiedener Datensätze – Berufsgruppe und Einkommen. Sie ist kein direkter Beweis für einen Zusammenhang zwischen Gehaltshöhe und Gesundheit. Methodisch ist das schwächer, als es klingt.

Selbstständige: krank, aber arbeitend

Bei Selbstständigen ist das Bild noch klarer – und gleichzeitig am häufigsten missverstanden.

Selbstständige suchen nachweislich seltener einen Arzt auf und reichen seltener Krankmeldungen ein. Das ist messbar. Aber bedeutet es, dass sie gesünder sind?

Nein. Es bedeutet, dass sie sich das Kranksein schlicht nicht leisten können.

Wer selbstständig ist, hat keine Lohnfortzahlung. Jeder Krankheitstag ist ein Tag ohne Einkommen – und womöglich ein Tag, an dem ein Kunde zur Konkurrenz wechselt. Selbstständige gehen krank zur Arbeit, weil die wirtschaftlichen Konsequenzen des Ausfallens für sie unmittelbar und persönlich sind. Sie erscheinen in der Statistik als „kaum krank” – sind es aber in Wirklichkeit nicht weniger als andere.

Ein historisches Beispiel, das alles erklärt

Die Geschichte der Lohnfortzahlung selbst liefert das stärkste Argument gegen die These.

Bis in die 1970er Jahre gab es in Deutschland einen Unterschied: Angestellte hatten bereits seit dem 19. Jahrhundert nach § 616 BGB Anspruch auf Gehalt bei „unverschuldeter Verhinderung” – also auch am ersten Krankheitstag. Arbeiter hatten diesen Anspruch lange nicht.

Was machten nun viele Arbeitgeber mit Schreibkräften – also Bürotätigkeiten ohne körperliche Belastung? Sie stellten sie als Arbeiterinnen ein und rechneten stundenweise ab, obwohl sich die Tätigkeit in keiner Weise von der einer Angestellten unterschied. Der Grund: Damit entfiel die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag.

Als 1970 die Lohnfortzahlung auf Arbeiter ausgedehnt wurde, verschwand diese Praxis umgehend. Die Schreibkräfte wurden wieder als Angestellte eingestellt – weil der finanzielle Anreiz zur anderen Klassifizierung entfallen war.

Was lehrt uns das? Die Statusbezeichnung hatte nichts mit dem tatsächlichen Krankheitsrisiko zu tun. Dieselbe Person, dieselbe Tätigkeit – einmal mit, einmal ohne Lohnfortzahlung. Die Krankheitstage änderten sich nicht mit dem Status. Die Abrechnung schon.

Was gemessene Krankheitstage wirklich messen

Hier liegt der eigentliche Denkfehler in der populären These: Gemessene Krankheitstage sind kein zuverlässiges Maß für tatsächliche Erkrankungen.

Sie messen vor allem:

  • Wer es sich leisten kann, zuhause zu bleiben – wer keine Lohnfortzahlung hat oder fürchtet, aufzufallen, geht auch krank zur Arbeit.
  • Wer Druck verspürt, trotz Krankheit zu erscheinen – Niedriglohnbeschäftigte berichten häufiger von Präsentismus (krank zur Arbeit gehen).
  • Wer überhaupt Zugang zu einem Arzt hat – ohne Krankmeldung gibt es keinen offiziellen Krankheitstag.

Wer also sagt, Besserverdiener seien seltener krank, könnte genauso gut sagen: Wer keine Lohnfortzahlung braucht zu fürchten, schreibt sich seltener krank. Das ist eine Aussage über Anreizsysteme – nicht über Biologie.

Was die Forderung nach dem Karenztag wirklich bedeutet

Den Karenztag gab es in Deutschland schon einmal. Er wurde 1970 abgeschafft – nach Jahrzehnten der Erfahrung, dass er das Ziel, Krankfeiern zu reduzieren, nicht zuverlässig erreichte, dafür aber kranke Menschen in die Arbeit zwang und das Ansteckungsrisiko erhöhte.

Wer heute seinen Wiedereinstieg fordert, muss sich an dieser Geschichte messen lassen. Und an der Frage: Wenn der Karenztag so effektiv ist – warum wurde er abgeschafft?

Die Antwort darauf ist unbequemer als jedes „Komisch.”

Quellen: AOK-Fehlzeiten-Report; § 616 BGB; Lohnfortzahlungsgesetz 1970; Barmer GEK Arztreport

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