Der SWR-Mitarbeiter Ole Skambraks wurde am Donnerstag vom öffentlich-rechtlichen Sender SWR gekündigt. Der Grund: Er äußerte sich mit einem Offenen Brief im "Multipolar-Magazin" kritisch über eine vermeintlich einseitige und manipulierende Berichterstattung zur Corona-Krise. Wie weit darf man den Regierungskurs öffentlich hinterfragen, ohne seine Arbeit und Lebensgrundlage zu verlieren? Ein Kommentar.

Titelbild: Ole Skambraks im Gespräch über einseitige Corona-Berichterstattung mit dem österreichischen Sender "ServusTV". Screenshot: www.servustv.com

Ole Skambraks Offener Brief vom 5. Oktober mit dem Titel "Ich kann nicht mehr" liest sich wie eine Abrechnung mit der Corona-Berichterstattung. Sein Brief wurde inzwischen 1,5 Millionen mal gelesen und wurde in vier Sprachen übersetzt. Skambraks arbeitete zwölf Jahre als redaktioneller Mitarbeiter beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er listet dort 13 "Ungereimtheiten" auf, "die keine substanzielle Berichterstattung bekommen haben". Es gebe eine Einschränkung des Diskurses, die so weit gehe, dass bei live übertragenen Parlamentsdebatten die Reden kritischer Politiker nicht ausgestrahlt würden. Skambraks fragt: "Sieht so das neue Demokratieverständnis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus? Alternative Medienplattformen florieren zuallererst, weil die Etablierten ihren Aufgaben als demokratisches Korrektiv nicht mehr nachkommen."

Der medienpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg, Dr. Rainer Podeswa MdL, sagte zum Offenen Brief: "Was der Journalist 'Ole Skambraks' heute im Online-Magazin Multipolar schrieb, lässt nur den Schluss eines 'vermeintlichen Konsens' zu, 'der nicht mehr hinterfragt wird'."

Skambraks wird beurlaubt, dann gekündigt

Der SWR wirft seinem Redakteur nach Skambraks Offenem Brief ein zerstörtes Vertrauensverhältnis und falsche Tatsachenbehauptung vor und beurlaubte Skambraks am 22. Oktober. Am vergangenen Donnerstag wurde der Redakteur schließlich ganz entlassen. Skambraks selbst hat seine Entlassung schon in seinem Offenen Brief voraus geahnt: "Diese Zeilen schreibend komme ich mir vor wie ein Ketzer; jemand, der Hochverrat begeht und mit Strafe rechnen muss."

Die dpa veröffentlichte am Tag seiner Beurlaubung einen Faktencheck, der Skambraks Argumentationen widerlegen soll. Die Journalisten vom Multipolar-Magazin bewerten die Überschrift des Faktenchecks als irreführend und legten Beschwerde beim Presserat ein. Inzwischen berichten auch etablierte Medien über den Fall Skambraks, die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie die Stuttgarter Nachrichten widmen dem Geschehen je einen erfrischend wertfreien, sachlichen Artikel.

Der Fall Skambraks: Reaktionen

Gegenüber dem Multipolar-Magazin äußerte sich Ole Skambraks folgendermaßen über den Druck, der auf kritischen  Journalisten lastet: "Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich kritisch über die Coronaberichterstattung geäußert haben, sind mittlerweile verstummt und befinden sich in einer sozialen Isolation auf der Arbeit."

Die Herausgeber des Multipolar-Magazins kommentieren die Kündigung durch den SWR: "Die Senderverantwortlichen leben inzwischen in einer Realität, die hermetisch gegen jeden Zweifel abgeschottet ist und die mit massiver Gewalt verteidigt wird." Skambraks Entlassung diene der Einschüchterung: "Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sender, die insgeheim kritisch denken, aber gegenüber Vorgesetzten und der Öffentlichkeit bislang geschwiegen haben um ihren Job nicht zu riskieren, dürfte klar sein: Die Botschaft dieser Kündigung richtet sich vor allem an sie. Der Rauswurf soll einschüchtern."

Der Wissenschaftsjournalist und Mitglied des Deutschen Presserates, Peter Welchering, kritisiert auf Twitter das Schweigen des Deutschen Journalistenverbands.

Facebook zensiert Skambras Offenen Brief

Auch ansonsten unbeteiligte Personen sind von diesem Vorfall längst betroffen: Der Lektor und Blogger Karl Haas berichtet auf Publikum.net, dass Facebook Beiträge seiner politischen Diskussionsgruppe mit rund 1800 Mitgliedern im Feed weiter unten aufführen will, weil ein Mitglied der Gruppe dort Skambraks Offenen Brief geteilt hat. Facebook begründet dies mit irreführenden Informationen: "Deine Gruppe verbreitet teilweise falsche Informationen." Haas kommentiert: "Es wird also von irgendwelchen Faktencheckern bestimmt, was richtig und was falsch ist, ohne das hinreichend an Ort und Stelle zu diskutieren. Ich empfinde das zumindest als unangemessene Bevormundung, da die Internet-User so davon abgehalten werden, sich durch den Vergleich von Pro und Kontra selbst ein Bild von einem Sachverhalt zu machen."

Kein offener und freier Journalismus

Der Fall Skambraks ist ein wichtiger Vorfall und geht die Öffentlichkeit an. Was und wie viel darf man noch hinterfragen, ohne seine Arbeit und damit seinen Lebensunterhalt zu verlieren? Können Journalisten aus Angst vor beruflicher Benachteiligung und Kündigung überhaupt noch frei arbeiten, recherchieren und "schreiben, was ist"? Oder müssen sie sich an einen oft beklagten mutmaßlichen Mainstream anpassen und "schreiben, was sein soll"? Können Bürger öffentlich-rechtlichen Medienanstalten und der Presse vertrauen, die wie im Fall Skambraks kritische Mitarbeiter entlassen?

Die Entlassung Ole Skambraks zeigt, dass das Hinterfragen der vorherrschenden Sichtweise zur Corona-Krise für Journalisten und Redakteure gefährlich sein kann. Aber durch Angst, Einschüchterung und Einheitsmeinung entsteht weder guter Journalismus, noch korrekte Wissenschaft, noch gesunde Politik. Dazu bedarf es Freiheit und Sicherheit.

Es ist die Aufgabe von Journalismus, kritisch zu hinterfragen und zu berichten. Dazu gehört auch eine gesunde Skepsis gegen die Regierenden, gerade in der Corona-Krise. Das bedeutet, zu recherchieren und das zu veröffentlichen, was mächtige und reiche Menschen nicht veröffentlicht sehen wollen. Alles andere ist Propaganda. Dass so eine Arbeit kaum ohne Widerstand geht, ist klar. Erstaunlich nur, dass der Widerstand aus den eigenen Reihen kommt, vom eigenen Sender.