Wann immer über Impfungen diskutiert wird, werden irgendwann im Verlauf die Vorwürfe bezüglich toter Kinder laut. Ist widerlich, geht komplett am Thema vorbei und wer auch immer diese Karte zieht, ist sowieso nicht einmal ansatzweise betroffen. Warum sollte es also bei den HPV-Impfungen anders sein? Hier wird in Impfgegnerkreisen sogar regelmäßig eine Anleitung geliefert, wie man tote Kinder am besten präsentieren kann. Je nachdem, wie weit die Akteure auf dem Laufenden sind, kommen sie mit Auswertungen über 44, 110, 390 oder noch mehr toten Mädchen „durch“ HPV-Impfungen. Wie kommen die aber auf diese Zahlen? Und noch viel wichtiger: Was ist da dran?

Wie immer das Ergebnis zuerst: Nichts ist da dran. Und warum das so ist, wollen wir jetzt erörtern.

Herausgepickt wurden diese Zahlen aus VAERS. VAERS, das ist die große US-Datenbank zu unerwünschten Impfreaktionen oder, gemessen an der Anzahl von Falschmeldungen, die Datenbank für Impfgegner-Wunschdenken. Wäre nicht das erste Mal, dass jemand einfach einen Todesfall erfindet, um seine Behauptung zu stützen. Daran sieht man schon, wie verlässlich der Spaß ist, nämlich gar nicht. VAERS ist keine Quelle. Es wird also wieder einmal Zeit zu erklären, was das für eine Datenbank ist und warum ihre Einträge niemandes Entscheidungen beeinflussen sollten.

Das Vaccine Advers Events Reporting System, kurz VAERS, zu deutsch etwa Impfnebenwirkungsmeldesystem, wurde 1990 in den USA eingeführt. Grundlage war ein Gesetz von 1986, dass Gesundheitsdienstleister dazu verpflichtete, gesundheitliche Veränderungen ihrer Patienten nach Impfungen zu melden - ein Deal mit den Pharmaunternehmen. Denn im selben Gesetz ist geregelt, dass die Hersteller von Impfungen nicht für bekannte Nebenwirkungen haftbar gemacht werden können und stattdessen der Staat die Kompensation übernimmt (ähnlich wie in Deutschland). Dieses Gesetz war eine Notwendigkeit, da das US-Rechtssystem horrende Schadensersatzzahlungen möglich macht. Ein bekannterer Fall dürfte der heiße Kaffee bei McDonalds sein. Jedenfalls waren und sind Impfstoffe kaum ein profitables Geschäft. In vielen Fällen ist die Forschung zu neuen Impfstoffen so teuer, dass das fertige Produkt niemals Gewinne einfährt. Deswegen gibt es heute auch kaum Unternehmen, die Impfstoffe herstellen. Wenn jetzt noch jeder wegen jeder Nebenwirkung auf Schmerzensgeld und Schadensersatz klagen würde, wären diese Unternehmen ruiniert - allerdings würden dann nicht nur die Impfstoffe verschwinden, sondern auch dutzende bis hunderte dringend benötigte andere Medikamente. Antibiotika, Antihistaminika, Blutdruckmedikamente, Schilddrüsenmedikamente, Schmerzmittel, Chemotherapien usw. Alles weg. Weil jemand 2 Tage nach der Impfung einen müden Arm hatte. Das war im Rahmen des Möglichen. Und das ist auch so passiert (ein anderes Mal mehr darüber). Also musste eine andere Regelung her.

Die Hersteller waren verpflichtet, bei der Beantragung einer Zulassung Wirksamkeit und Sicherheit nachzuweisen, zusammen mit beobachteten Nebenwirkungen, häufig ungeachtet ihrer Kausalität. Um nun nach der Markteinführung zu überwachen, ob noch andere Nebenwirkungen auftraten und in welcher Größenordnung, war ein Meldesystem nötig. Und so wurde VAERS entwickelt. Anfangs nur für Mediziner freigegeben, wurde später diese Restriktion aufgehoben. Schließlich dürfen in den USA nicht nur tatsächliche Ärzte impfen, sondern je nach Bundesstaat auch Apotheker, Physiotherapeuten, holistische Schamanen, nymphomane Sektenführer etc. Und natürlich besteht die Option, den Impfstoff selbst zu injizieren (auch wenn dabei sämtliche Ansprüche verloren gehen, wie auch bei uns).

Das Problem mit dieser Öffnung der Datenbank ist damit ersichtlich: einerseits kann so ziemlich jeder alles eintragen und durch Anonymität ist eine Überprüfung oftmals ausgeschlossen. Andererseits kommt es natürlich immer wieder vor, dass Nebenwirkungen nicht gemeldet werden, wenn vielleicht gar kein medizinisches Fachpersonal involviert war. Die tatsächliche Zahl an Vorfällen ist nicht zu ermitteln.

Ich habe also betreffend HPV-Impfungen die Datenbank befragt, was es denn für Einträge gibt. Das Ergebnis (Stand 17.05.2023):

-Gardasil-4: 46.995 gemeldete Nebenwirkungen, 393 Todesfälle

-Gardasil-9: 19.453 gemeldete Nebenwirkungen, 50 Todesfälle

Das sind zwar ziemlich große Zahlen, aber ihre Aussagekraft ist dagegen winzig. Denn jedes Mal, wenn eine Impfung öffentlich in Kritik gerät, schießen plötzlich Nebenwirkungen in die Höhe. Exemplarisch gut sichtbar ist das beispielsweise bei der MMR-Impfung: 1990 wurde sie durch eine mangelhafte Studie mit SIDS in Verbindung gebracht. Ein Jahr zuvor, also 1989, gab es lediglich 97 Meldungen. 1990 nach Erscheinen der Studie waren es plötzlich 657, 1991 dann sogar 1.901. Bis 1998 blieben die Zahlen ungefähr auf diesem Niveau, aber dann veröffentlichte Wakefield seine gefälschte Studie und die Meldungen stiegen wieder an bis auf ihren Höchstwert im Jahr 2003 mit fast 4.000 Meldungen. Danach sank das Interesse und damit auch die Meldungen. Seitdem gab es kleiner Spikes in Jahren mit Ausbrüchen, bis jetzt wurden für das Jahr 2023 noch keine 400 Nebenwirkungen gemeldet. Es hängt also sehr davon ab, was durch die Medien geistert.

Während leicht (und vor allem: bekannte und zu erwartende) Impfreaktionen und Nebenwirkungen nur selten genauer betrachtet werden, ist bei Todesfällen das Interesse natürlich höher, ihre Ursache herauszufinden. Teilweise ist das durch die Berichte zur Meldung auch geschehen. Dabei zeichnet sich aber ein anderes Bild ab, denn die wenigsten bieten konkrete Daten, die meisten können gar nicht zurückverfolgt werden. Und natürlich gibt es manchmal auch Informationen über die bisherige Krankheitsgeschichte, die Impfgegner bewusst unterschlagen, da sie ihre emotionalen Angriffe abschwächen würden.

Eine Auswahl (ich übersetze mal relativ direkt; auf diese Weise seht ihr vielleicht schon den Unterschied zwischen privaten und beruflichen Einträgen):

- starb an Herzversagen 6 Tage nach Impfung, war seit 3 Jahren wegen Herzfehler in Behandlung

- starb an Lungenembolie, Autopsie zeigte mehrere Thrombosen und Herzfehler

- Information zu einem Todesfall wurde von Arzthelferin gemeldet, Patientin wurde mit Gardasil geimpft (Datum unbekannt) und verstarb drei Stunden später an Blutgerinnsel. Patientin ist weder in Praxis bekannt noch wurde sie dort geimpft.

- Bericht wurde eingereicht von 2 Mädchen über eine Webseite auf der sich tausende Mädchen über Nebenwirkungen der HPV-Impfungen (Lot-Nr. unbekannt) unterhielten, beide hätten „lebenszerstörende Nebenwirkungen“ erfahren, eine sei verstorben. Keine weiteren Informationen verfügbar

- Informationen wurden eingereicht von einer Pflegerin betreffend ihren 17jährigen Neffen, von dem sie „dachte“ er sei mit Gardasil im November 2010 geimpft worden (Lot-Nr. nicht verfügbar). Pflegerin berichtete, Patient fiel 2 Wochen nach Impfung mit Gardasil (Zeitpunkt schätzungsweise November 2010, auch berichtet als „vor 2 Wochen“ am 11.April 2011) auf dem LaCross-Spielfeld nach einem Herzinfarkt zusammen. Keine Angaben zu Medikation, Diagnostik oder Autopsiebericht. Pflegerin verweigerte weitere Auskunft oder Namen.

Wie man an dieser kleinen Auswahl sieht, sind die Berichte bestenfalls lückenhaft, teilweise wird sofort klar, dass sie erfunden sind. Einige wenige echte Autopsieberichte kommen auch vor, aber die sind dann schon wieder zu lang, um sie hier einzufügen. Und selbst bei denen werden Vorerkrankungen hervorgehoben, die die Todesfälle begünstigt hatten. Kurz und knapp: Es gibt keine nachweisbaren Todesfällen direkt durch die HPV-Impfung. Zeitlich traten diese Fälle zwar nach der Impfung auf, aber nach dieser Logik könnte ich auch den Frühstückskaffee dafür verantwortlich machen, wenn ein Betrunkener in mein Auto knallt.

Um irgendwie aus all den Daten etwas Brauchbares zu filtern, vergleichen CDC und FDA die Raten, mit denen Nebenwirkungen zu Impfstoffen eingetragen werden. Das taten sie 2009 mit den ersten rund 12.000 Eintragen zu HPV-Impfstoffen1.

Darunter fanden sie zwei Fälle mit Symptomen ähnlich ALS, einige mit Thrombosen und Blutgerinnseln, von denen die meisten aber durch Medikamente bereits vorbelastet waren. Nach den Erkenntnissen der Schweinegrippepandemie und einer Impfstoffcharge, bei der signifikant öfter das Guillain-Barré-Syndrom berichtet wurde, untersuchten sie die Datenbank auch dahingehend, konnten aber keine Risikofaktoren feststellen. Sie verblieben bei einer Verordnung für Mediziner, die Patienten nach der Impfung zu beobachten, da einige bewusstlos wurden. Es gab keine weiteren Erkenntnisse.

Aus den gemeldeten Todesfällen lässt sich nur in den wenigsten Fällen überhaupt ein Zusammenhang mit Impfungen konstruieren, und selbst dann sind die Informationen wage. Es muss also jedem Nutzer klar sein, dass solche Datenbanken für den Privatgebrauch ungeeignet sind und nicht einmal in den üblichen Medien verwendet werden sollten. Sonst kommen eben Impfgegner-Trollanleitungen heraus, die ungefiltert Zahlen präsentieren, die fernab der Realität stehen. Es bleibt, wie es ist: Weltweit gab es seit Einführung der HPV-Impfungen nicht einen einzigen Todesfall, den sie verursacht hätten.

Quellen:

VAERS und

1 https://web.archive.org/web/20091110193808/http://www.cdc.gov/vaccinesafety/Vaccines/HPV/jama.html