Das "einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat", sei das von der Intensivstation der Berliner Charité, tönte Ende April der TV-Komiker Jan Böhmermann. Einmal mehr schien das die Suche nach billigem Applaus: Zu diesem Zeitpunkt starrten beim Thema Corona ohnehin sämtliche Leitmedien einzig und allein auf die Intensivstationen. Nun brauchen manche Gemüter eine solche Form der Komplexitätsreduktion, statt die gesamte Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man aber auf zukünftige Pandemien vorbereitet sein möchte, ist es sinnvoller, die Gesamtsituation in den Blick zu nehmen – einschließlich der verheerenden Schäden, die eine allzu restriktive Corona-Politik erzeugt hat.

Zu diesen Schäden, die in den regierungstreuen Leitmedien kaum bis gar nicht thematisiert werden, gehören die rasant gestiegenen psychischen Probleme – nicht nur bei Kindern und Bewohnern von Pflegeheimen (bei diesen Gruppen wird das durchaus thematisiert), sondern in der breiten Bevölkerung insgesamt. Laut einer Anfang Juni veröffentlichten OECD-Studie entstanden diese Schäden nicht nur aus Furcht vor der Pandemie, sondern auch aufgrund der Corona-Maßnahmen der Regierungen.

Wenn wir uns trotz der Verbote der Böhmermänner unserer Gesellschaft mit dieser Studie beschäftigen, erfahren wir, dass in vielen OECD-Ländern die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus offenbar eine "schädliche Wirkung (...) auf die geistige Gesundheit der Bevölkerung" gehabt hatten. In einigen Ländern hätten sich Angststörungen und Depressionen sogar verdoppelt. Während speziell zu Deutschland keine eigenen Zahlen vorliegen, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass es sich hierzulande anders verhält.

Schließlich wurde die Basis für diese Entwicklung auch hierzulande vortrefflich gelegt. Wenn man gezielt planen würde, in einer Bevölkerung Angststörungen und Depressionen zu züchten, müsste man es genauso durchführen wie geschehen: die Menschen voneinander trennen, sie zu endlos scheinender sozialer Isolation zwingen, ihnen das meiste verbieten, was Lebensfreude erzeugt und sie währenddessen mit einer Kanonade immer drastischerer Horrorszenarien unter Beschuss nehmen. "Der Wettlauf gegen die Mutanten ist längst verloren" versicherte die Virologin Melanie Brinkmann auf Spiegel-Online. Für Anfang Mai 2021 wurde eine "Inzidenz von 2000" vorhergesagt. Spiegel-Online gruselte sich vor "bis zu 100.000 neuen Coronafällen am Tag ab Anfang Mai - trotz der aktuellen Einschränkungen".

Selbstverständlich war in diesem Klima der Dauergast in Talkshows wie "Markus Lanz" Karl Lauterbach und niemand, der die Maßnahmen der Regierung als überzogen kritisierte. Dieser einseitige Umgang mit dem Thema lud viele "Experten" geradezu ein, sich an diesem Überbietungswettbewerb des Grauens zu beteiligen: Wer mit den alptraumhaftesten Vorstellungen aufwartete, erhielt hierzulande am meisten Raum. Jemand wie der Professor für Epidemiologie John Ioannidis hingegen, der die Kollateralschäden des Lockdowns als mehr und schwerwiegender als die Auswirkungen der Pandemie erachtet, kann selbstverständlich nur im österreichischen Fernsehen auftreten: allzu weit ist seine Einschätzung von der deutschen Regierungslinie entfernt.

Noch am 19. April 2021 ließ Anne Will die Angst vor einer befürchteten "Triage" Anfang Mai verbreiten, also derart vielen Todkranken, dass die Ärzte gar nicht anders können, als viele davon sterben zu lassen. Auf Schauspieler, die diesen Alarmismus in der Aktion #allesdichtmachen ironisch hinterfragten, prügelten Journalisten der regierungstreuen Medien mit einer blanken Wut ein, als hätten diese Schauspieler jene Triage gefordert. Tatsächlich blieb diese Triage auf den Intensivstationen aus und entpuppte sich als Teil eines politischen Spiels: "Die Bundesregierung wusste, dass Krankenhäuser bewusst zu wenige freie Intensivbetten meldeten", fasst Frank Schmiechen für die Zeitschrift STERN zusammen. "Dennoch nutzte sie immer wieder die Angst vor dem Klinik-Kollaps, um Lockdowns durchzusetzen." Schmiechen sieht in diesem Manöver eine Form von "Freiheitsberaubung".

In einer bestimmten Form existierte diese Triage aber durchaus: Für Politik, Experten und Medien gab es eine Gruppe von Opfern, die der Aufmerksamkeit würdig waren (die nämlich, die an Corona erkrankt waren), während etwa die Menschen, die sich aufgrund des psychischen Dauerterrors umbrachten, höchstens mal einen einzelnen Artikel hinter einer Bezahlschranke erhielten: "In meinem Bekanntenkreis sind inzwischen fünf Kolleg*innen unterwegs", berichtet seine Autorin, "die in der letzten Zeit einen Suizid erwogen haben. Und darüber auch offen geredet haben. Fünf!" Vielleicht sind menschliche Wesen doch keine Maschinen, die man für acht Monate in die Garage stellen kann, wenn sie draußen im Weg rumstehen würden? Für Politiker allerdings rechnete es sich durchaus, nur eine Opfergruppe im Blick zu haben: Die Statistik der Corona-Toten wurde ihnen und ihrem Pandemie-Management immer wieder um die Ohren gehauen, die Opfer von Selbsttötungen keineswegs.

Selbst wer merkte, dass er seelisch immer mehr von einem Abgrund verschluckt wurde, konnte kaum etwas tun, um sich vor suizidalen Gedanken zu schützen. Die Regierung überließ es gerade nicht seiner eigenen Verantwortung und seiner eigenen Entscheidung, ob er ein Ansteckungsrisiko einging und sich verstärkt mit anderen Menschen traf, um seine seelische Zerrüttung aufzuhalten. In den Leitmedien galt er als gemeingefährlich. In den sozialen Medien stieß er bei denjenigen, die zum Beispiel aufgrund ihres Berufs noch soziale Kontakte hatten, entweder auf bräsiges Desinteresse an seiner Situation oder wurde von den Dauer-Empörungs-Bereiten als verantwortungsloser Widerling angefeindet. Psychosoziale Beratungsinstanzen, die ihn hätten auffangen können, waren ohnehin überlaufen. Der medizinethische Grundsatz "Primum non nocere" ("richte in erster Linie keinen Schaden an") wurde ersetzt durch "Richte bei einigen Menschen Schaden an, um andere vor den Folgen ihrer eigenen Entscheidungen zu schützen."

In Großbritannien haben Wissenschaftler die Bevölkerung inzwischen um Verzeihung dafür gebeten, mit dem Erzeugen von Angst eine totalitäre Gesellschaft herbeigeführt zu haben. Wie der britische Telegraph berichtet, haben dort Wissenschaftler eines Komitees, das den Einsatz von Angst zur Kontrolle des Verhaltens der Menschen während der Covid-Pandemie gefördert hat, zugegeben, dass ihre Arbeit "unethisch" und "totalitär" war. Gavin Morgan, ein Psychologe dieses Komitees, erklärte: "Es ist klar, dass die Verwendung von Angst als Mittel der Kontrolle nicht ethisch ist. Die Verwendung von Angst hat einen totalitären Beigeschmack. Es ist keine ethische Haltung für eine moderne Regierung." Es habe Diskussionen darüber gegeben, wie man die Angst in der Bevölkerung verstärken könnte, um das Einhalten der Vorschriften zu fördern. Letztlich habe es sich um eine "dystopische" und "schändliche" Form der "Gedankenkontrolle" gehandelt.

Auch hierzulande hat die Regierung Wissenschaftler für Rechtfertigung von Corona-Maßnahmen eingespannt. Die Forscher sollten Corona so sehr dramatisieren wie irgend möglich, heißt es in einem Bericht über dieses Geheimpapier. Man müsse in den Köpfen der Menschen Bilder wie diese entstehen lassen: "Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause." Bald schon schienen solche Regierungsanweisungen nicht mehr nötig zu sein. Die Leitmedien verhielten sich wie von selbst auf die gewünschte Weise. Wer aus der Reihe tanzte, galt schnell als Corona-Leugner, Aluhut-Träger und Volksschädling.

Anders als die britischen Wissenschaftler erscheinen die deutschen unfähig zur rückblickenden Selbstkritik. Angesprochen auf die gigantische Kluft zwischen den Horrorszenarien der Forscher und der Wirklichkeit, geben sie sinngemäß Antworten wie "Schon mal was vom Präventions-Paradox gehört?" Christian Drosten, der sich sicher war, dass sich 70 Prozent der Deutschen mit Corona infizieren würden, stellt es in seinem Coronavirus-Update vom 11. Mai 2021 fast schon als Anmaßung dar, dass man seine Prognosen rückblickend zu hinterfragen wagt. Viola Priesemann, ein weiterer TV-Dauergast mit schwärzesten Szenarien, erklärte, sie habe 20 verschiedene Vorhersage- Modelle erstellt, und es sei nicht ihre Schuld, dass die Medien sich das Gruseligste herausgesucht hätten. (Von diesen 20 verschiedenen Modellen habe ich allerdings in all den Interviews mit Priesemann, die ich mitverfolgt habe, von ihr nie etwas gehört.) Karl Lauterbach erklärte bei "Hart aber fair" den Zuschauern mit unerschütterlichem Sendungsbewusstsein, warum es genau so kommen musste, wie er es nicht vorausgesagt hat. Und warum sollten sich die Wissenschaftler auch selbst hinterfragen, wenn sie in den Medien bis hin zu "Superhelden" überhöht werden?

Einer der wenigen, der mit dem Auslaufen der Pandemie eine kritische Aufarbeitung solcher Entwicklungen fordert, ist der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. "Es ist einfach nicht die Aufgabe von Journalismus, die eigenen Ängste oder Haltungen unter die Leute zu bringen", befindet Palmer in einem Statement auf Facebook, "sondern möglichst objektiv zu informieren. Wie viele soziale und wirtschaftliche Existenzen wurden durch diese Politik und diese Art von Journalismus vernichtet? Wie konnte es sein, dass massiv übertriebene und durch kein Präventionsparadox gerechtfertigte Prognosen als Wissenschaft dargestellt wurden, jede andere Auffassung aber als fahrlässig oder gar menschenverachtend?"

Erst ganz allmählich und nachdem das Kind längst in den Brunnen gefallen ist, kommen auch hierzulande einige Fachleute mit ihren Bedenken zu Wort. Es sei "unverantwortlich, immer wieder mit Endzeitszenarien zu operieren", erklärte kürzlich der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, Prof. Dr. Dr. med. René Gottschalk, befindet, es sei "wesentlich, den Alarmismus endlich zu verlassen und Wissen statt Angst zu verbreiten". Angst und Lagerdenken seien nämlich keine guten Berater.

Für die Münchner Biostatistikerin Professor Annika Hoyer, die sich mit dem Epidemie-Geschehen in Deutschland gründlich befasste, lautet eine zentrale Frage, "welches Menschenbild bei solchen Warnungen aus der Politik vorherrscht". Halte man die Bürger für vernunftbegabt, richte man sich nach dem Menschenbild aus dem Zeitalter der Aufklärung und erkläre verständlich die Situation. Wer hingegen Drohbilder aufbaue, zeige dadurch, was er über die Vernunftbegabung seiner Mitmenschen denke. Wissenschaft basiere auf Argumenten und richte sich an Vernunft und Einsichtsfähigkeit. "Angst- und Panikmache", so Professor Hoyer, "haben nichts mit Wissenschaft zu tun."

Als sich Anfang Mai ein Zusammenkrachen des Horrorszenarios nicht mehr vermeiden ließ und die Realität komplett anders aussah als vorhergesagt, fragten sich viele, wie Menschen, die beständig den Slogan "Folgt der Wissenschaft" im Munde führten, derart falsch liegen konnten. Der Journalist Jan Fleischhauer vermutete, ein Problem könnte in Leuten liegen, die ihre Rolle als Wissenschaftler nicht mehr von ihrer Rolle als politischen Aktivisten trennen können.

Auch deshalb ist eine Aufarbeitung der Corona-Panik-Debatte dringend notwendig: Mit der Debatte um den Klimawandel steht uns etwas sehr ähnliches ins Haus. Auch um ihn zu bekämpfen, befindet etwa Karl Lauterbach, brauche man Maßnahmen, "die analog zu den Einschränkungen der persönlichen Freiheit in der Pandemiebekämpfung sind". Bei Corona hat sich gezeigt, dass ein Drittel der Deutschen zu einem Lockdown von acht Monaten bereit waren und er einem weiteren Drittel nicht hart genug war. Um dieses Stimmungsbild zu erzeugen, hatte man den Leuten nur tüchtig Angst machen müssen, was alles passieren konnte, wenn sie sich nicht wegsperren ließen. Der Journalist Heribert Prantl und ein paar FDPler wirkten mit ihrem Pochen auf Grundrechte wie sonderbare Zausel, die allein auf weiter Flur standen. Für die meisten Deutschen sind Grundrechte offenbar ein verzichtbarer Luxus und nur für Zeiten gedacht, in denen es uns gut geht. Für die Zukunft lässt das nichts Gutes ahnen.

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