Ein Appell an diejenigen, die noch zuhören wollen


Von einem, der die etablierten Parteien auch verlassen hat.


Ich war Mitglied der FDP. Ich habe sie verlassen, weil ich sah, dass die Partei nicht mehr für das stand, wofür ich eingetreten war. Dann habe ich in einer Kleinpartei Hoffnung gesucht, bei den Piraten, deren Slogan "Klarmachen zum Ändern" ich damals für ehrlich hielt. Nichts hat sich geändert. Ich weiß also, wie es sich anfühlt, wenn politische Heimaten zerfallen. Ich weiß, was es bedeutet, das Vertrauen in Institutionen zu verlieren. Ich schreibe diesen Text nicht aus einer gemütlichen Mitte heraus, die nie zweifeln musste.

Ich schreibe ihn, weil 29 Prozent der Deutschen und 42 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt im Jahr 2026 eine Partei wählen wollen, die nicht nur falsch liegt, sondern die Grundbedingungen demokratischer Politik selbst angreift. Und ich glaube, ein Teil dieser Menschen kann noch erreicht werden.


Die Wut ist berechtigt. Wirklich.

Die Deutschen im Osten haben 1990 keinem Experiment zugestimmt. Sie sind einem Sozialstaat beigetreten, der in der Verfassung Würde und Teilhabe versprach. Was viele von ihnen tatsächlich erlebt haben, war die Abwicklung ganzer Industriezweige, die Entwertung von Biografien, Löhne unter Westniveau für dieselbe Arbeit, das Gefühl, als Objekt des Mitleids behandelt zu werden, nicht als gleichwertige Bürger.

Und dann kam Gerhard Schröder und schleif den Sozialstaat systematisch. Hartz IV war kein Naturgesetz, sondern eine politische Entscheidung. Die Entscheidung, die Kosten wirtschaftlicher Transformation auf die Schwächsten abzuwälzen. Auf Menschen, die bereits zweimal verloren hatten: einmal die DDR, einmal die Versprechen der Wiedervereinigung.

Wer das erlebt hat, wer gesehen hat, wie Parteien Versprechen brechen und Lobbyinteressen bedienen, der hat jedes Recht auf Zorn. Dieser Zorn ist politisch und er verdient eine politische Antwort.

Die AfD ist nicht diese Antwort.


Was die AfD tatsächlich ist

Die AfD wurde 2013 von Professoren und Ökonomen als eurokritische Partei gegründet. Sie war unangenehm, aber noch erkennbar Teil des demokratischen Diskurses. Was sie seither geworden ist, lässt sich nicht mehr beschönigen.

Die AfD leugnet den menschengemachten Klimawandel. Nicht als politische Position, sondern als Faktenleugnung. Das ist ein bedeutsamer Unterschied, der oft verwischt wird, auch in seriösen Medien. Ein Beispiel: Die Tagesschau schrieb einmal, die AfD "zweifle am menschengemachten Klimawandel und erschüttere damit den wissenschaftlichen Konsens."

Dieser Satz ist falsch. Nicht weil die AfD keine Meinung haben darf, sondern weil eine Meinung, auch eine von Millionen geteilte, keine physikalischen Gesetze erschüttern kann. Der wissenschaftliche Konsens zum Klimawandel beruht auf Messungen, Modellen und reproduzierbaren Experimenten. Er ist keine Abstimmung. Wenn man ihn "erschüttern" könnte, indem genug Menschen dagegen stimmen, dann wäre er keine Wissenschaft, dann wäre er Folklore.

Ludwig Wittgenstein schrieb, die Welt sei alles, was der Fall ist. Sie besteht aus Tatsachen, nicht aus Meinungen darüber. Dass die Erde sich erwärmt, dass der Mensch dazu beiträgt, dass die Konsequenzen verheerend sind: das ist der Fall. Eine Partei kann diese Tatsachen nicht wegwählen.

Was bedenklicher ist: Wenn selbst die Sprache des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beginnt, zwischen Fakten und Meinungen zu nivellieren, dann hat die Erzählung der Faktenverdreher bereits die Mitte der Gesellschaft erreicht.


Warum das kein Zufall ist

Es ist kein Zufall, dass Parteien wie die AfD gezielt Wissenschaftsleugnung betreiben. Wer nicht glaubt, dass der Klimawandel real ist, wird auch keine Klimapolitik verlangen. Wer nicht glaubt, dass Statistiken verlässlich sind, wird auch keine evidenzbasierte Sozialpolitik einfordern. Wer glaubt, dass Experten lügen, ist anfällig für einfache Erklärungen, die keine komplexen Lösungen erfordern.

Das ist das Produkt. Die Unzufriedenen sollen nicht zu Wählern besserer Politik werden. Sie sollen zu Wählern einer Politik werden, die Unzufriedenheit braucht, um zu überleben.

Die Piraten hatten Ende 2012 bundesweit bis zu zehn Prozent in Umfragen. Dann wurden sie marginalisiert. Man kann darüber streiten, warum. Aber man kann beobachten, dass das Unzufriedenheitspotential, das sie repräsentierten, nicht verschwand. Es wanderte. Ein Teil davon wanderte zur AfD.

Das wäre erklärbar, wenn die AfD die Probleme adressieren würde, die Menschen zur FDP, zu den Piraten, weg von der SPD trieben: fehlende Teilhabe, Demokratiedefizite, wirtschaftliche Ungleichheit. Aber das tut sie nicht. Sie benennt Sündenböcke. Sie benennt Migranten, Muslime, Medien, Wissenschaftler. Das ist kein Programm. Das ist das älteste Ablenkungsmanöver der politischen Geschichte.


Was stattdessen nötig wäre

Die Unzufriedenheit verdient echte Antworten. Ein Wirtschaftssystem, das Menschen unter die Verwertungslogik des Kapitals stellt, braucht Korrekturen. Ein Rentensystem, das Lebensleistungen entwertet, ist ungerecht. Eine Politik, die Lobbyinteressen über Bürgerinteressen stellt, verdient keine Stimme.

Aber die AfD ist nicht die Korrektur. Sie ist die Vertiefung. Sie verteidigt wirtschaftliche Deregulierung, sie verhöhnt sozialstaatliche Solidarität, sie bietet Stammtischparolen statt Strukturreformen.

Wer die AfD wählt, um "denen da oben" zu zeigen, was er von ihnen hält, gibt seine Stimme einer Partei, die "denen da oben" in fast jeder wirtschaftspolitischen Grundfrage recht gibt, solange man ihm gleichzeitig jemanden zeigt, den er noch mehr verachten kann.


An alle, die noch zuhören

Ich mache mir keine Illusionen. Ein Artikel ändert keine Überzeugungen, die über Jahre gewachsen sind. Aber vielleicht erreicht er jemanden, der noch zweifelt. Der spürt, dass etwas nicht stimmt, aber noch nicht sicher ist, was.

Der Zorn auf das System ist kein Fehler. Er ist Information. Die Frage ist, was man damit macht.

Eine Partei zu wählen, die Fakten leugnet, Minderheiten verfolgt und demokratische Institutionen aushöhlt, ist keine Antwort auf diesen Zorn. Es ist seine Entführung.

Das System verdient Kritik. Diese Kritik verdient eine bessere Stimme als die AfD.


Die zitierten Umfragewerte stammen aus INSA-Erhebungen vom Mai 2026.

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