Vorbemerkung

Corona stellt alles in Frage, woran wir  bislang so fest glaubten und was wir für selbstverständlich hielten. Darin liegt  die Chance für uns alle, die mit dieser Pandemie gegeben ist. Bei aller Tragik  einzelner Schicksale, an denen es nichts zu beschönigen gibt, sollten wir uns  diese Gelegenheit nicht nehmen lassen. Das Virus könnte unser aller Lehrer  werden, denn es ruft mit leiser aber eindringlicher Stimme eben das, was einst  unsere Kultur hervorbrachte: „Erkenne dich selbst“! Dieses Wort aus dem antiken  Delphi sagt, wofür die Zeit gekommen ist: eine geistige Quarantäne, um in uns zu  gehen und zur Besinnung zu kommen. Wir müssen unsere Selbstverständlichkeiten  und unser Selbstverständnis auf den Prüfstein stellen: unser Verhältnis zur  Natur, unser Verhältnis zu anderen Menschen, unsere Ökonomie, unsere Politik,  unsere privaten Prioritäten. Für die Zukunft der Menschheit wird entscheidend  sein, ob wir den Mut dazu aufbringen, uns dem Anspruch Coronas auszusetzen und  verantwortungsvolle Antworten auf ihn zu geben: Antworten, die die Welt  verändern müssen. Die Richtung, die es dabei einzuschlagen gilt, nennt ein  anderes Wort aus dem antiken Delphi: „Das Beste ist das Maß.“

1. Die Natur lässt sich nicht  beherrschen

Im Jahr 1637 schrieb der Philosoph René  Descartes, der Mensch sei „Herr und Meister der Natur“. Jedenfalls sei dies  seine Bestimmung. Das war der Startschuss zu einer beispiellosen Nutzbarmachung,  Beherrschung und Zerstörung der Natur. Seither glaubt der Mensch der Neuzeit,  sich die Welt mit Wissenschaft und Technik dienstbar machen zu können. Diesem  Glauben verdanken sich nicht nur Wohlstand und Komfort der Gegenwart, sondern  auch die von den IT-Giganten des Silikon-Valley verheißene Erlösung des Menschen  von der Natur durch seine Umwandlung in Daten und in Algorithmen. Wir standen so  kurz vor dem Ziel… - und nun das!

Oder etwa nicht? Zweifel sind erlaubt.  Descartes glaubte, die lebendige Welt sei nichts anderes als eine große  Maschine, die der Mensch gebrauchen könne. Heute glauben wir, sie sei ein  einziger Datenbestand, den wir mit Hilfe unserer Maschinen berechnen und  perfektionieren können. Corona aber lehrt  uns, dass es ganz so leicht nicht geht: dass das Leben weder eine Maschine, noch  ein Algorithmus ist, sondern ein fragiles Ereignis inmitten eines großen,  wundersamen Schauspiels, das die Griechen phýsis nannten: Natur. Dieses  Schauspiel folgt zwar ehernen Gesetzen, aber gleichwohl gibt es Raum für  Anarchie und Improvisation. Unvorhersehbares ist im Spielgeschehen der Natur  vorgesehen. Die Quantenphysik lehrt, dass alles stets auch anders sein könnte –  und dass unsere sichtbare und scheinbar so verlässliche Welt auf einem schwanken  Ozean von Möglichkeiten schwimmt.

Mikro-Organismen können jederzeit  mutieren. Mikroben, mit denen wir eben noch in friedlicher Koexistenz lebten,  können schlagartig zur Gefahr werden. „Alles fließt“, wusste schon Heraklit –  ohne dass er dabei ahnte, dass dieser Planet mitnichten das „Dominium Terrae“  eines gottgleichen Menschentums ist, sondern das Imperium unermesslich vieler  Lebewesen, deren unsichtbares Miteinander allererst die Voraussetzungen schafft,  unter denen Menschen leben können. Die Wahrheit ist: Wir sind nur Gäste in einer  von uns unbeherrschbaren Natur, die augenblicklich ihre Muskeln spielen lässt.  Uns das im Zeitalter des Klimawandels zu  Bewusstsein zu bringen und es zu beherzigen ist die dringendste Lektion, die uns  das Virus lehrt.

Christoph Quarch, Fulda, 12.3.2020