Demonstration in Düsseldorf vor dem Landtag für Sichere Bildung in der Pandemie

Aus allen vier Himmelsrichtungen waren sie angereist: Eltern, die den Start in einen vollen Präsenzunterricht mehr als mit Sorge betrachten. Mit Stühlen und Kuscheltieren stellten sie vor dem Landtag eine Schulklasse nach, gaben Interviews an RTL/WDR und GA und hatten die Gelegenheit, mit @JosefinePaul, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag NRW zu sprechen. Sie war extra aus dem Landtag gekommen und brachte viel Zeit und ein offenes Ohr mit.

Hier stellen wir die vorbereiteten Reden zum Nachlesen und Verbreiten zur Verfügung. Sie sind alle so gut, dass es ein Jammer wäre, wenn sie nach einmaligem Hören in der Schublade verschwinden würden.

1. Rolf Haßelkus, Lehrer und GEW-Leitungsteam aus Bonn

2. Isabel Ruland, Pädagogin und Autorin aus Bonn

3. spontane Redebeiträge eines Sozialarbeiters und einer Mutter einer Schattenfamilie

4. Sava Stomporowski, Bildungsexpertin und Organisatorin der Veranstaltung aus Bonn


1. Redebeitrag: Rolf Haßelkus, Lehrer und GEW-Leitungsteam aus Bonn

Liebe Eltern, mein Name ist Rolf Haßelkus und ich bin vom Leitungsteam der Gewerkschaft, Erziehung und Wissenschaft (GEW) des Stadtverbandes Bonn und ich möchte mich zunächst bei Ihnen bedanken, dass Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, aus Sicht der Lehrkräfte zur Öffnung der Schulen ab einem Inzidenzwert von 100 Stellung zu beziehen.

Schon wieder werden die Empfehlungen der Wissenschaft und des Robert-Kochs-Instituts ignoriert – Schüler*innen sind ab heute wieder in voller Klassenstärke zurück und die Kitas gehen ab dem 7.6. wieder in den Regelbetrieb über. Die Empfehlungen des RKI sehen jedoch vor, oberhalb einer Inzidenz von 50 Wechselunterricht anzubieten, um die Abstandsregeln in den Klassen einhalten zu können. Ich komme z. B. aus einer Stadt wo wir seit Wochen bei einer Inzidenz von 80 (heutiger Stand: 79,1) liegen und die 7-Tage-Inzidenz von Kindern und Jugendliche bei über 170 liegt und wenn Sie, liebe Eltern und Zuhörer, bitte noch berücksichtigen, dass in Stadtteilen mit enger Wohnbebauung die Inzidenzzahlen teilweise noch höher liegen, können Sie vielleicht nachvollziehen, dass viele meiner Kolleg*innen heute mit einem mulmigen Gefühl in die Schule gekommen sind.

Herr Laschet und Frau Gebauer setzen wieder auf das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung ist, dass das Virus nicht nur eine „Sommerpause“ einlegt wie im trügerischen Sommer 2020. Schon mehrmals haben sie sich bei der Einschätzung der Corona-Lage im letzten Herbst und Winter verzockt. Sie ziehen wieder keine Lehren aus dem Infektionsgeschehen der vergangenen Monate und überbieten sich in einem populistischen Öffnungswettstreit. Es ist Wahljahr, die Bevölkerung ist „coronamüde“, da machen sich Mahnungen, dass wir z.B. nicht wissen, wie sich z.B. die indische Variante ausbreiten könnte, schlecht. Behutsamkeit und Vorsicht sind für sie Fremdwörter.

Letztendlich ist aber die vorschnelle Öffnung der Schulen nur ein Ablenkungsmanöver. Die Corona-Pandemie hat unsere Gesellschaft vor enorme Herausforderungen gestellt. Sie verstärkt existierende Ungleichheiten und Probleme und verschärft soziale Konflikte. Besonders betroffen sind häufig die ohnehin Benachteiligten – und ganz besonders Kinder.

Wir stehen als Gesellschaft vor einer der größten Herausforderung seit Jahrzehnten. Die Krise trifft unseren Sozial- und Bildungsstaat und unser aller Leben mit voller Wucht. Insbesondere Kinder und Jugendliche zählen leider zu den großen Verlierern.

Schon jetzt ist festzustellen, dass psychische Erkrankungen oder Übergewicht stark zugenommen haben. In den Schulen stellen wir fest, dass neben einem Rückgang der kognitiven Lernleistungen und Wissenslücken die Probleme im sozialen, emotionalen und motivationalen Bereich der Kinder und Jugendlichen immer größer werden. Die Zahl der Schulabbrecher und Schulverweigerer hat schon in diesem Schuljahr stark zugenommen.

Auch wir als Bildungsgewerkschaft GEW bewegen uns in stürmischen Zeiten und werden mit den verschiedenen Interessen und Meinungen unserer Mitglieder*innen konfrontiert. Am selben Tag erreichen uns Mails, in denen Mitglieder mit dem Austritt drohen, wenn wir uns nicht sofort und öffentlich für eine Öffnung aller Schulen für alle Kinder und Jugendlichen einsetzen würden genauso wie Mails, in denen Mitglieder mit dem Austritt drohen, wenn wir uns nicht sofort und öffentlich für einen Distanzunterricht einsetzen, wenn nicht alle Kolleg*innen vollständig durchgeimpft seien.

Das diesjährige Motto der GEW zum 1.Mai hieß: „Solidarität ist Zukunft – Bildung ist Zukunft“. Diese Krise hat viele Missstände sichtbar gemacht. Sie hat die Spaltung in der Gesellschaft verstärkt, aber sie zeigt zugleich, dass eine Gesellschaft ohne Solidarität keine Zukunft hat. Eine Gesellschaft, in der man sich aufeinander verlassen kann, in der jede und jeder nicht nur an sich denkt, die hat Zukunft.

Die Pandemie hat Schwächen und Schieflagen gnadenlos aufgezeigt. Wenn das Gegeneinander stärker ist als das Miteinander und das Ich wichtiger als das Wir, dann steht es nicht gut um unsere Demokratie. Eine Gesellschaft der Spaltung, ist eine Gesellschaft, die die am rechten Rand, im Lager von Verschwörungstheoretikern und sogenannten Querdenkern gerne haben wollen. Sie machen mobil gegen unser demokratisches System und die gemeinsamen Anstrengungen zur Eindämmung der Pandemie. Das, liebe Eltern, ist nicht nur unsolidarisch gegenüber den Familien der mehr als 80.000 Toten, gegenüber all den vielen Menschen, die die starken Einschränkungen des öffentlichen und ihres privaten Lebens hinnehmen, um aller Gesundheit zu schützen – sondern auch gegenüber den Menschen, die tagtäglich dazu beitragen, den „Laden am Laufen zu halten“ - ihnen allen gehört unsere Solidarität.

Extrem kurzfristige und chaotische Kommunikation, fehlender Wille schon im Herbst ein Testkonzept zu etablieren, immer wieder nur mühsam erkämpfte Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes statt eines Konzeptes, viel zu spät landesweite Impfangebote an alle Beschäftigten in den Schulen in NRW: solidarisch mit den Kindern und Jugendlichen und ihren Familien sowie mit uns Beschäftigten ist die Bildungspolitik in diesem Land nicht.

Das wird überdeutlich, wenn der Familienminister, den Eltern lediglich davon abrät, die KiTa-Kinder während der Hochphase der Pandemie in die KiTa zu schicken.

Das wird überdeutlich, wenn der Ministerpräsident wiederholt öffentlich Maßnahmen – wie unlängst die Testpflicht – verkündet, ohne dass irgendjemand darauf vorbereitet ist und Schulen zu Testcentern gemacht werden. Denn nun müssen wir Lehrkräfte auch noch Testbescheinigungen fürs Shoppen ausstellen. Der Verwaltungsaufwand ist enorm und die Aussagekraft der Testbescheinigungen umstritten, denn stellen Sie sich einmal die Realität vor: Wir beaufsichtigen 30 Kinder im Raum, die Testungen gleichzeitig durchführen. Wie soll ich erkennen, ob jeses Kind 2 cm tief im Nasenloch war, beide Seiten 5 mal gedreht hat, 10 mal in der Flüssigkeit gerührt hat, 1 Minute gewartet hat und nun 5 Tropfen auf das Testtäfelchen geträufelt hat. Und dann sollen wir Lehrkräfte mit unserer Unterschrift garantieren, dass die Schüler*innen sicher fürs Einkaufen, Fitnessstudio oder für den Besuch des Opas im Altenheim sind?

Mich macht es fassungslos, dass nach 14 Monaten Pandemie, unsere Bildungseinrichtungen weiterhin so im Regen stehen gelassen werden. Die in Aussicht gestellten weiteren zwei Milliarden Euro des Bundes dürfen nicht in private Nachhilfeinstitute gesteckt werden, sie müssen den Schulen zugutekommen und mehr Personal und kleinere Klassen ermöglichen.

Bildung ist Zukunft, liebe Kolleg*innen, aber diese Zukunft muss in der Gegenwart gegründet werden. Die Postleitzahl darf nicht über Ausstattung der Bildungseinrichtungen und über Bildungserfolg entscheiden. Nur mit gleichen Bildungschancen bereiten wir die Zukunft vor.

Wir müssen jetzt eine Bildungsoffensive starten. Wir brauchen jetzt dringend Initiativen und Förderprogramme, wie man die jüngere Generation unterstützen kann. Lasst uns Aktionen wie diese heute auf breiter Basis starten, um auf die Missstände im Bildungswesen aufmerksam zu machen. Lasst uns in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen werben, damit auf breiter Basis Nachhilfe- und Förderprogramme eingerichtet werden.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt darüber zu diskutieren und zu planen, welche Unterstützung, Hilfen und Förderung Kinder und Jugendliche brauchen, um Lernlücken zu schließen, psychische Schäden wie Essstörungen, Depressionen und Ängste abzubauen oder wieder soziale Erlebnisse zu ermöglichen. Doch leider passiert viel zu wenig. Kinder und Jugendliche werden vergessen, weil sie nicht am 26.9.21 ihre Stimme bei den Bundestagswahlen abgeben können.

Bildung ist Zukunft, Solidarität ist Zukunft! Ich bedanke mich bei Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.


2. Redebeitrag: Isabel Ruland, Pädagogin und Autorin aus Bonn

Mein Redebeitrag ist eine persönliche Ansprache an die Kultusministerin Frau Gebauer, die uns hier gegenüber ihre Büroräume hat. Und auch wenn sie heute vielleicht nicht dort sitzt und uns sehen und hören kann, so werden unsere Worte hier auf verschiedenen Wegen zu ihr gelangen. Frau Paul von den Grünen ist hier und wird sicher unser Anliegen mit ins Gebäude des Landtages nehmen.

Die Schulministerin Yvonne Gebauer verkündet heute, am 31. Mai 2021 auf twitter zum Start des vollen Präsenzunterrichtes, die Freude bei allen Beteiligten sei groß, dass es nun wieder losgehe.

Der WDR stellt dagegen – zwar verhalten aber dennoch sachgerecht – dar, dass der volle Präsenzunterricht von denen, die ihn konkret erfüllen und gestalten müssen, ambivalent gesehen werde.

Das ist nämlich nicht die Schulministerin, die – es sei ihr gegönnt – hinter Plexiglas, mit Luftfiltern und geimpft ihrer Arbeit nachgeht, sondern das sind Lehrerinnen und Lehrer, die weder Luftfilter noch Plexiglas haben und viele auch noch nicht geimpft werden konnten; das sind weitere Schulbeschäftigte, die ebenfalls ohne Luftfilter oder Plexiglas und viele ebenfalls nicht geimpft sind. Das sind aber in erster Linie unsere Kinder und Jugendlichen, die alle noch nicht geimpft sind, die keine Luftfilter und keine Plexiglaswände zu ihrem Schutz im Klassenraum haben.

Der einzige wirksame Schutz, den sie bislang hatten, waren die AHA-Regeln und der Wechsel- bzw. Distanzunterricht.

Diese AHA-Regeln können nun nicht mehr eingehalten werden, d.h. die elementaren Schutzregeln, die für jedermann in Deutschland gelten und unbedingt eingehalten werden sollen, gelten hier für unsere Jüngsten und Schützenswertesten der Gesellschaft – unsere Kinder – nicht. An der Schule meiner Kinder – einem wunderschönen denkmalgeschützten Altbau im Inneren der Stadt – sind die Klassenräume teilweise so eng, dass man NICHT zwischen den Tischreihen hindurchgehen kann. Auch dort sitzen ab heute die Kinder wieder eng zusammen.

Ein wichtiger Baustein der AHA-Regeln, die Abstände, kann selbst bei größtem Bemühen nicht eingehalten werden und hat keine Gültigkeit mehr für Kinder und Jugendliche.

Das Testen an den weiterführenden Schulen ist ein unzureichender Baustein und mit seiner großen Fehleranfälligkeit viel zu unzuverlässig, die Tests wurden NIE als Türöffner und Lockerungsrechtfertigung konzipiert und Fachleute raufen sich die Haare, wozu dieses wertvolle Mittel der Inzidenzsenkung und -kontrolle seit Wochen von politischen Entscheidungsträgern missbraucht und verbrannt wird. Lollitests an Grundschulen sind eine sichere Alternative – wenn sie denn zu einer schnelleren Information der Betroffenen führen würden. Bis zu einem Testergebnis und entsprechenden Konsequenzen hatte ein Kind im Infektionsdrehkreuz „Schule“ schon längst Hunderte Kontakte.

Die korrekte Durchführung der Tests ist für Lehrerinnen und Lehrer praktisch nicht kontrollierbar, schon gar nicht, wenn jetzt wieder bis zu 30 Kinder in die Klassenräume gepfercht werden. Während des Tests werden die Masken abgenommen, es wird gesprochen, gelacht gefragt, das Testen verursacht Husten- und Niesreiz – also auch hier ein weiterer Baustein der AHA-Regeln, der für die Kinder und Jugendliche nun keine Gültigkeit mehr hat.

Natürlich freuen sich Kinder und Jugendliche, ihre Freunde wieder sehen zu können.

Natürlich sind Eltern froh, wenn ein Stück Normalität in den Familienalltag einkehren kann.

Natürlich begrüßen Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie alle Kinder wieder im Klassenraum sitzen haben. Niemand würde das je bestreiten.

Aber wir leben immer noch in einer Pandemie, auch wenn der Blick in politische Entscheidungen gerade den Eindruck erweckt, wir könnten beginnen, erste Geschichtsbücher über die Zeit der Pandemie zu schreiben.

Die gegenwärtige Realität sieht anders aus: Wir sind mit den Impfungen Lichtjahre davon entfernt, einen ausreichenden Bevölkerungsschutz aufgebaut zu haben. Kinder und Jugendliche sind nicht geimpft, alle Ankündigungen der Politiker sind u.E. wahlkampftaktische leere Versprechungen, die an der Impfstoffverfügbarkeit und an einer klaren glaubwürdigen Kommunikation, die den Schutz der Kinder in den Vordergrund stellt, scheitern. Viele Eltern sind nicht geimpft, viele Großeltern sind nicht geimpft. Sie fallen bislang durch jedes Raster durch und werden sich weiter ganz hinten anstellen dürfen.

Trotzdem erleben wir eine Öffnungsgeschwindigkeit, die atemberaubend ist und auf Kosten der Gesundheit der Beteiligten geht. Ich wage einen Vergleich: wenn wir in dem Tempo impfen würden, wie wir öffnen, Luftfilter in den Schulen hätten und noch ein wenig Geduld aufgebrächten, würden wir Eltern heute SO nicht hier stehen.

Nein, Frau Gebauer, nicht ALLE sehen mit großer Freude den vollen Präsenzstart – das ist ein Trugbild.

Lehrerinnen und Lehrer sind kritisch. Die AHA-Regeln können nicht eingehalten werden und das Klassenzimmer mutiert jetzt noch zum unzuverlässigen Testzentrum für nachmittägliche schulferne Freizeitaktivitäten. Dabei sagen Sie, Frau Gebauer, doch schon so lange, dass es Ihnen bei Schule um Bildung und soziale Kontakte geht.

Schülerinnen und Schüler sind kritisch. Sie fühlen sich in den Schulen nicht sicher. Sie sind nicht blöd, unsere Kinder, sie wissen genau, dass sie nicht geimpft sind, keine Luftfilter haben, die AHA-Regeln nicht einhalten KÖNNEN und die höchsten Inzidenzen in ihren Altersklassen haben. In Bonn liegt die Inzidenz der ungeimpften Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren bei fast 180! Das wissen auch die Kinder und Jugendlichen. Wenn Sie Frau Gebauer, Bildung so hoch halten: hier haben sie gebildete Kinder und Jugendliche.

Eltern sind kritisch. Ihnen ist klar: viele sind nicht geimpft, unsere Kinder sind nicht geimpft, die AHA-Regeln können nicht eingehalten werden und die notwendigen Schutzmaßnahmen sind unserer Schulministerin schlicht „zu teuer“. Vor einigen Monaten verlautete von der Kultusministerkonferenz, man wolle nicht allzu viel Geld in die Pandemieanpassung der Schulen investieren, weil man diese Maßnahmen ja sehr bald nicht mehr brauche.

Soviel Wert ist also der Schutz der Schützenswertesten.

Kinder und Jugendliche wurden zu lange nicht gesehen. Ja, das sehen wir auch so, aber daran ändert sich gerade gar nichts. Der technische Schutz unserer Kinder und Jugendlichen ist Ihnen, Frau Gebauer, „zu teuer“, die AHA-Regeln setzen Sie ohne mit der Wimper zu zucken aus, eine Impfung ist nicht in Sicht.

Frau Gebauer, unser Grundgesetz hat ganz weit oben den Art. 2, Absatz 2, Satz 1: dort ist das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit garantiert. Grundrechte schützen die Bevölkerung vor Übergriffen der öffentlichen Gewalt, sie sind Abwehrrechte der Bevölkerung. Dieses Grundrecht in der Pandemie umfasst den Schutz auch der Kinder vor einer wissentlich vermeidbaren Infektion in Schulen, deren Verlauf niemand – auch Sie nicht, Frau Gebauer – garantieren kann und der die Gefahr schwerer Verläufe und LongCovid-Folgen mit Multiorgan- und Gefäßschäden und auch Todesfälle für Kinder und Jugendliche nach sich ziehen kann.

Dieses in unserer Verfassung sehr hoch angesiedelte Grundrecht sehen wir verletzt – für 2,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in NRW.

Aber wir sind nicht nur mit Kritik gekommen, wir haben Vorschläge und Forderungen, die Schule für alle Kinder sicher machen können:

  1. Kein voller Präsenzunterricht, bevor die Inzidenz unter den Kinder und Jugendlichen ein Nierdriginzidenzniveau erreicht hat. Einhaltung aller AHA-Regeln, v.a. mit Blick auf die in Deutschland vorherrschende infektiösere britische Variante (Alpha) und der auch in Deutschland schon mehrfach unzusammenhängend nachgewiesenen noch infektiöseren indischen Variante (Delta).
  2. Einrichtung von Luftfiltern mit HEPA 13/14-Technologie in allen Klassenräumen. Eltern, Fördervereine und Initiativen bieten seit Monaten an, dies zu unterstützen.
  3. Intensivierung der Distanzangebote – jede Schule MUSS verpflichtend qualitativ hochwertige Distanzangebote vorhalten, das Hin- und Herschicken von Arbeitsblättern darf an keiner Schule mehr zulässig sein. Das ist wichtig für weitere mögliche Distanzphasen, für Quarantänen und v.a. für die Kinder aus Risikofamilien, die sogenannten Schattenfamilien, die einer besonderen lebensbedrohlichen Gefahr im Präsenzunterricht ausgesetzt sind. In Schattenfamilien lebt mindestens eine Person mit einer Behinderung oder Vorerkrankung, die bei einer Covid-Erkrankung einen schweren Verlauf wahrscheinlich macht. Sie heißen so, weil sie im Schatten stehen, niemand sieht oder beachtet sie in der gleißenden Sonne öffnungswütiger Entscheidungsträger.
  4. Verpflichtende Einrichtung von Studyhalls an allen Schulen für Kinder, denen eine betreute Lernsituation angeraten ist, sei es aus beruflicher  Systemrelevanz der Eltern oder aufgrund familiär schwieriger Lebensverhältnisse. Diese Situationen kennen die Pädagogen sehr genau.
  5. Digitale Ausstattung für Familien, die nach 15 Monaten Pandemie in Deutschland immer noch nicht am digitalen Lernen teilhaben können.
  6. Intensivierung der aufsuchenden Hilfe durch Jugendämter und Sozialarbeiter:innen. Die Themen häusliche Gewalt, Überforderung von Eltern und prekäre Lebensverhältnisse müssen in den Fokus genommen werden. Die Lösung kann aber nicht Präsenzunterricht mit Infektionsgefahr heißen – gerade benachteiligte Familien haben ein erhöhtes Risiko und eine deutlich erschwerte Situation bei Quarantäne/Isolation und Erkrankung oder möglicher LongCovid-Betroffenheit, wenn die Erwerbstätigkeit der Eltern und die Versorgung der Kinder gefährdet ist. Es kann nicht sein, dass Sozialarbeiter:innen weiterhin in Kurzarbeit oder mit Verwaltungsaufgaben betraut sind, während viele Familien weit über dem Limit laufen. Wie viele Probleme in den Familien, die Sie, Frau Gebauer, nun als Rechtfertigung benutzen, hätten verhindert werden können, wenn Sie den betroffenen Familien mit Geld und Mut geholfen hätten?
  7. Und als letzte Forderung – setzen Sie die Präsenzpflicht für alle aus! Das  haben viele andere Bundesländer getan. Die von Ihnen, Frau Gebauer, dramatisch dargestellten Folgen eines inflationären Missbrauchs dieser Eigenverantwortung ist dort erstaunlicherweise ausgeblieben.

Der stellvertretende Ministerpräsident Joachim Stamp hat diese Eigenverantwortung allen Eltern von Kita-Kindern dringend ans Herz gelegt. Jeder Öffnungsschritt in der Gesellschaft wird mit der Mahnung an die Eigenverantwortung der Bevölkerung – also auch an uns Eltern und unsere Kinder – flankiert.

Für die Schulen aber steht diese Eigenverantwortung unter Misstrauensbekundung und betonharter Ablehnung. Das können wir so nicht akzeptieren.

Wen kein anderer Schutz mehr von Ihnen zu erwarten ist, Frau Gebauer – überlassen Sie den Schutz unserer Kinder UNS! Setzen Sie die Präsenzpflicht aus!

#ProtectTheKids #ProtectTheFamilies

3. Spontan meldete sich ein Teilnehmer zu Wort: er und seine Frau sind Sozialarbeiter:innen.Sie wurden schon früh in Kurzarbeit geschickt oder mit Verwaltungsaufgaben betraut. Man hatte der Kultusministerin Yvonne Gebauer schon vor Monaten angeboten, auf Anhieb 120 Kräfte zur Verfügung stellen zu können, um benachteiligten Familien, Kindern in prekären Lebenssituationen oder Schüler:innen, die im Distanzunterricht Schwierigkeiten haben, effektiv und nachhaltig zu helfen. Es wurde ABGELEHNT. Stattdessen leiden Familien unter der Belastung, während Sozialarbeiter:innen in Kurzarbeit oder anderweitig eingesetzt sind.

Ein weiterer spontaner Redebeitrag kam von einer Mutter einer Schattenfamilie. Das sind die Familien, in denen mindestens ein Familienmitglied eine Behinderung/Vorerkrankung hat, die bei einer Covid-19-Erkrankung einen schweren Verkauf wahrscheinlich macht. Die Mutter berichtete sehr empathisch und bewegend, wie es Schattenfamilien seit 15 Monaten Pandemie geht, worunter sie leiden, wie sie sich fühlen, wie ihre Kinder „Schule“ erleben. Ein Bericht, der sehr unter die Haut ging und die Kaltherzigkeit und Ignoranz der Entscheidungsträger, aber auch vieler Medien und Menschen in der Bevölkerung deutlich vor Augen führte. Schattenfamilien müssen VIEL mehr Gehör und öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Wir hoffen, dass Frau Paul hier besonders gut zugehört hat und die Worte einen Nachhall in ihr haben, so dass sie den Schattenfamilien auf politischer Ebene mehr Aufmerksamkeit und Schutz verschaffen kann.


4. Sava Stomporowski, Bildungsexpertin und Organisatorin der Veranstaltung aus Bonn

Überall sinkende Inzidenzen, immer mehr Menschen bekommen ein Impfangebot, wenn man sich die Politik anhört, wird hier gerade das Ende der Pandemie eingeläutet.

Aber – warum stehen wir heute hier? Kinder und volle Schulklassen + Kitas, das geht gar nicht. Kinder spielen in der Pandemie definitiv eine Rolle, dennoch müssen sie ohne Abstand wieder in Präsenz gehen. Wir sagen NEIN.

Seit einem Jahr erleben wir, wie bei Kindern und Jugendlichen versucht wird, entweder das Virus weg-zu-definieren oder zu betonen, dass Schulen keine „Treiber“ seien. Erinnern wir uns an den Sommer vor einem Jahr als die Bild-Zeitung Drostens Kinder-Studie über die Infektiösität mit einer vernichtenden Kritik überzog.

Mittlerweile hat der österreichische Virologe Michael Wagner bestätigt, dass Kinder genauso infektös sind und jetzt – ein Jahr später – hat Christian Drosten eine neue Studie vorgelegt, in der er bestätigt: alle Altersgruppen haben ungefähr eine gleich große Infektiösität.

Dabei hat die britische Variante, B117 eine zehnfach höhere Viruslast. Die indische Variante, die sich gerade auf den Weg macht in England B117 zu verdrängen, ist noch einmal infektöser. Diese Variante ist bei uns in Deutschland auch in NRW angekommen, zum Beispiel in Bonn.

Was wir alles in den letzten Monaten gehört haben über „Kinder sind keine Treiber“ oder „Schulen sind keine Treiber“… mit der Präsenzpflicht stiegen im letzten Herbst die Inzidenzen der Kinder und Jugendlichen. Plötzlich lagen sie höher als bei Erwachsenen.
Dank der Impfungen gingen die Inzidenzen bei den Älteren zum Glück zurück. Aber wir haben die Gefahr und das Risiko immer wieder Jojo-Effekte zu bewirken.

Das Land NRW hat jetzt eine Inzidenz von 40,2, aber die Stadt Bonn, wo bereits die indische Mutante aufgetaucht ist, liegt heute bei fast 80 genauer gesagt 79,5! Die Inzidenzen bei den Schulkindern liegen weitaus höher.

Bonn hatte am Donnerstag bei den 5-9jährigen einen Wert von 182,8  
bei den 15-19jährigen 167,8
bei den 10-14jährigen einen Wert von 147,4 (am Freitag sogar 160,2).
Auch in Mettmann sind die Werte noch viel zu hoch, genauso wie in Gütersloh oder Dortmund und diese Inzidenzwerte sind Werte aus dem Wechselunterricht. Sie werden in den nächsten Tagen wieder rasant ansteigen.
Trotzdem sollen die Schülerinnen und Schüler ab heute über 6-8 Stunden ohne Abstand in eine Klasse gehen.

Wie kann das Ministerium einfach erklären, dass unsere Kinder in den Schulklassen keine Abstände brauchen?
Warum kann sich das Ministerium einfach darüber hinwegsetzen, nicht die RKI-Regeln einzuhalten?
Wer denkt sich so etwas aus?

Wenn man sich die Situation in England anschaut, setzt sich die indische Mutante gerade durch. Die britische Mutante war schon infektiöser, aber die indische ist es sogar noch mehr. In England sind die Impfungen weiter fortgeschritten, und doch bahnt sich eine Verdrängung der Kent-Variante durch die indische und eine neue Welle an.

Aber was mich und auch viele Eltern hier in dieser Pandemie immer wieder enttäuscht, sind die Tricks oder mit welcher Bauernschläue oft die Zustände bei Kindern und an Schulen verschleiert werden. Mit der Bundesnotbremse sind die Werte, die beim RKI gemeldet werden, relevant. Und plötzlich wurden Nachmeldungen beim RKI nicht mehr in die Inzidenzwerte eingerechnet. So, als ob es diese Infektionen einfach nicht gäbe.
In was für einem Staat leben wir eigentlich, dass so etwas durchführbar ist?

Würden wir einem Arzt vertrauen, der die Laboruntersuchung einschickt und die meist erst ein paar Tage später eintrifft, aber dann diesen Teil der Diagnose nicht aufnimmt?
Solche Tricksereien passieren aber in aller Öffentlichkeit und vor aller Augen und verspielen das Vertrauen.

Dafür haben wir in Diskussionen zunehmend gehört Inzidenzen nicht mehr als Orientierung zu nehmen – und stattdessen will man die Bettenzahlen auf den Intensivstationen als Kriterium. Nein, nicht nur wir Eltern finden das zynisch, weil auch jüngere Generationen – also auch wir als Eltern – von einem schweren Verlauf betroffen sein können, wovor Christian Drosten gewarnt hat.
Aus diesem Grunde ist die Impfpriorität doch aufgehoben worden – obwohl wir nicht mehr Impfstoff haben und noch keinen für Kinder.

Noch etwas wurde häufig in den Diskussionen gesagt: Wer infiziert ist, ist nicht gleich krank. Daher seien wir Eltern ja nur „ängstlich“. Frau Gebauer sprach in einer Elternkonferenz mit der LEK vor 500 Eltern von „Helikoptereltern“. Mit solchen Äußerungen und Reden haben Gebauer, Laschet und auch Familienminister Stamp viele Eltern einfach nicht ernst genommen.

Es stimmt: zum Glück sind Kinder meistens nicht gefährdet, ihr Leben zu verlieren. Aber dann kamen die Berichte über LongCovid auch bei Kindern sowie PIMS. 1: 1.000 Kinder erkranken an PIMS, Longcovid bekommen ungefähr 8%; das Risiko liegt um einiges höher. Zudem weiß man nicht, ob und welche anderen Krankheiten im Körper (langfristig) folgen können. Die Folgeerkrankungen tauchen in der Statistik nicht mehr als Covid-Fälle auf, weil dann die Viren nicht mehr nachweisbar sind. Ein Kind mit MIC-C oder ICU steht also nicht in der Covid-Statistik. Und dann reden Kinderärzte darüber, dass das Risiko im Vergleich zu Impfungen niedrig sei.

Mit ihrer Tatenlosigkeit und Äußerungen hat die Politik dieser Landesregierung uns Eltern Eines gezeigt: wir können kein Vertrauen in ihre Entscheidungen haben. Die Verantwortlichen in der Bildungspolitik reden nicht darüber, wo man sich das Virus am wahrscheinlichsten einfängt. Hier stehen geschlossene Räume, Schulklassen an obersterStelle. Das RKI fordert weiterhin auf, den Abstand in den Schulen und Klassen einzuhalten. Aber ab heute sitzen unsere Kinder in vollen Klassen mit bis zu 30 Kindern über 6-8 Stunden. Wir fordern von Frau Gebauer Wechselunterricht oder Distanzunterricht – wo es bisher gut klappt.

In der Schulpolitik hat der Elternwille immer wieder eine wichtige und bedeutende Rolle gespielt – so zum Beispiel bei der Schulwahl, ob das Kind auf ein Gymnasium darf, zuletzt auch bei der Frage G9. Es war meist die Handschrift der „bürgerlichen“ Parteien, die auf das Elternrecht pochten, nicht immer zum Wohl der Kinder. Ausgerechnet in dieser Pandemie treten die CDU und FDP den Elternwillen mit Füßen und heben die Präsenzpflicht nicht auf.

Dabei reden unser Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Laschet sowie Schulministerin Gebauer über das Leiden von Kindern und verkürzen das Glück ihres Daseins auf den Schulbesuch. Es geht ihnen nicht um die Frage, dass sie ihre Freizeitaktivitäten machen können und auch nicht darum, was wichtig ist, wenn sie wieder ihre Schulklasse und Freunde sehen.
Schlimmer noch, sie reden von einer Triage in der Kinder- und Jugendpsychatrie – Behauptungen, die sich als falsch erwiesen haben. Sie tun es nicht, um den Kindern zu helfen, sondern um sie zu benutzen, damit die wirtschaftlichen Restriktionen aufgehoben werden und damit wir Eltern hübsch arbeiten gehen.

Wir haben immer noch nicht genügend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung, Eltern und Kinder sind noch nicht geimpft, es gibt Risikokinder oder Eltern – Schattenfamilien, die sich von den kurzfristigen Fristen und ständig neuen Anträgen gegängelt fühlen. Aber auch andere Eltern würden gerne ihre Kinder nicht dem Risiko aussetzen und trotzdem werden sie nicht von der Präsenzpflicht entbunden.

Seit Monaten fordern wir Eltern:

  1. keine Präsenzpflicht an den Schulen
  2. die Einhaltung der RKI-Regeln: Abstand und keine vollen Klassen in Präsenz
  3. Lösungen für das nächste Schuljahr: geeignete Luftfiltergeräte

Danke, dass ihr alle gekommen seid, danke Frau Paul, dass Sie sich Zeit genommen haben!