Kürzlich sah ich einen interessanten Panorama-Bericht zur aktuellen coronabedingten Misere in der Kreuzfahrtbranche. Da werden gerade beauftragte Schiffe nicht abgenommen, die Werften haben also genauso wirtschaftliche Probleme wie die Reedereien oder die Reiseveranstalter, weil zurzeit so gut wie niemand Lust darauf hat, bei einer immer noch nicht ausgestandenen Pandemie mit Tausenden von fremden Leuten auf einem Schiff eingepfercht zu sein. Dabei ist mir dann in den Sinn gekommen, dass Kreuzfahrten eigentlich ein sehr treffendes Sinnbild für das sind, was im Neoliberalismus so alles schiefläuft und woran dieses System krankt.

Das „Arbeitsplätze“-Geschrei

In dem Bericht geht es ja auch um die Arbeitsplätze, die nun aufgrund von Corona in der Kreuzfahrtbranche und deren Zuliefererbetrieben gefährdet sind – und weswegen auch gleich mal staatliche Unterstützung eingefordert wird. Nun sind Arbeitsplätze immer sehr selektiv relevant, nämlich wenn es darum geht, Konzerne zu unterstützen (was ich schon mal vor einigen Jahren in einem Artikel beschrieben habe). Durch das Ausbremsen der Energiewende sind ja nun beispielsweise auch etliche Arbeitsplätze verloren gegangen, genauso wie das eigentlich immer die Regel ist bei Privatisierungen – aber da interessiert das niemanden. Überspitzt gesagt: 1990 sind auch viele Arbeitsplätze bei der Stasi und beim innerdeutschen Grenzschutz weggefallen – hätte man die jetzt auch aufrechterhalten sollen? Wohl kaum …

Sinnvoll wäre es m. E., Arbeit mal komplett anders zu denken: Welche Arbeit brauchen wir als Gesellschaft und wie bekommen wir die möglichst so verteilt, dass alle etwas machen, keiner unbeschäftigt ist und jeder nur so viel arbeitet, wie nötig ist. Dann kommt man nämlich darauf, dass viele Jobs gar nicht sinnvoll sind. Aber das übersteigt natürlich die Fantasie der meisten im neoliberalen Denken Verhafteten …

Der „freie Markt“ kann’s nicht richten

Zudem sieht man an den Problemen der Kreuzfahrtbranche mal wieder, wie die Apologeten des „freien Marktes“ ins Schwimmen kommen, wenn eine Krise auf einmal ihr Größer-Schneller-Weiter ausbremst. Da wird dann augenblicklich wieder nach öffentlichen Geldern geschrien und um Unterstützung gebettelt – aber, hey, der Staat soll sich doch aus allem Wirtschaftlichen raushalten, wenn’s nach den Marktradikalen geht.

Ach so, das gilt nur dann, wenn es gut läuft, wenn es mal Probleme gibt, dann darf die Öffentlichkeit, der man ja sonst die ihr eigentlich zustehenden Anteile am Unternehmensgewinn gern mal dank Steueroasen und Steuersparmodellen, vorenthält, einspringen. Das ist nicht nur schäbig, sondern auch in hohem Maße inkonsequent – und war ja genau so auch schon nach der Finanzkrise von 2008 zu beobachten.

Doch wurde daraus etwas gelernt? Nö, überhaupt nicht, Gewinne werden nach wie vor privatisiert (und vor allem, wie ja der Panorama-Bericht auch aufzeigt, mitunter überhaupt erst mit öffentlichen Geldern ermöglicht) und Verluste sozialisiert. Und immer noch wird das Hohelied des allmächtigen „freien Marktes“ gesungen und von viel zu vielen auch geglaubt.

Wirtschaften auf Kosten von Umwelt und Klima

Kreuzfahrtschiffe sind ja nun eines der Sinnbilder dafür, hemmungslos auf Kosten der Biosphäre und damit der Allgemeinheit seine Gewinne einzufahren – was damit übrigens auch zum Entstehen von genau solchen Pandemien, wie wir sie jetzt gerade erleben, beiträgt (s. dazu hier): Kreuzfahrten beschleunigen den Klimawandel und sind extrem umweltschädlich (s. dazu hier), was wiederum das Artensterben forciert. Und das führt dann direkt dazu, dass sich Viren in populationsärmeren Regionen schneller verbreiten können, zudem verursachen Umweltzerstörung und Klimawandel ja auch, dass Wildtiere zu dichterem Kontakt mit menschlichen Siedlungen gezwungen werden (das Bild vom im Müll wühlenden Eisbären kennt ja eigentlich jeder), was dann wiederum zur Übertragung von Viren auf den Menschen führt.

Einen entsprechenden Hinweis hätte ich mir in dem Bericht noch gewünscht, stattdessen sieht man alte Leute, denen es bisher egal war, was ihr Freizeitvergnügen für einen Schaden anrichtet, die aber jetzt erst darauf verzichten, wenn sie selbst geschädigt werden könnten. Was aber auch wieder bezeichnend für unsere durch und durch egoistische Gesellschaft ist.

Entsolidarisierung: Verzicht ist nicht drin

Zumindest ist Verzicht nur dann ein Thema, wie man bei den beiden alten Kreuzfahrtfans in dem Panorama-Bericht sieht, wenn die negativen Konsequenzen des eigenen Verhaltens auch einen selbst betreffen. Viel besser kann man die Entsolidarisierung unserer Gesellschaft eigentlich nicht darstellen:

Hey, dein Verhalten verschmutzt die Umwelt und schädigt das Klima, sodass kommende Generationen riesige Probleme haben werden? – Na und, mir doch wurscht …

Hey, du kannst dir mit deinem Verhalten einen Virus aufsacken! – Huhuhu, dann lass ich das mal lieber schnell bleiben – und mach dann damit weiter, wenn mir das nicht mehr passieren kann!

Ihr Verhalten ändern müssen zunächst mal „die anderen“

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon von Kreuzfahrern zu hören oder lesen bekommen habe, dass ja „die anderen“ genauso schlimm, wenn nicht sogar schlimmer sind: Die Handelsschiffe beispielsweise würde ja noch viel mehr zur Umweltverschmutzung beitragen als die paar Kreuzfahrtschiffe.

Klar ist es bescheuert, dass Waren aus Kostengründen über den halben Globus gekarrt werden, und da sollte auch dringend dran gearbeitet werden, das zu verändern. Nur wäre es wohl schon irgendwie deutlich einfacher, auf ein reines Vergnügen wie Kreuzfahrten zu verzichten, als mal eben das gesamte Welthandelssystem umzukrempeln, oder?

Aber Fehlverhalten von anderen anzuprangern ist halt so viel bequemer, als sich selbst zu hinterfragen – diese „Auf-die-anderen-Zeiger“ habe ich ja vor etwa einem Jahr schon mal in einem Artikel beschrieben.

Und was noch dazukommt: Wenn wir es nicht mal schaffen, so einen überflüssigen Kram wie Kreuzfahrten zu verbieten, dann wird es ohnehin nichts mit dem Abwenden der Klimakatastrophe. Und das ist eigentlich die erschreckendste Erkenntnis aus dem derzeitigen Dilemma der Kreuzfahrtindustrie und dem Bemühen, dieses Blödsinn mit viel Geld weiter künstlich am Leben zu erhalten.