Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Misserfolg der Linken
René Pfister schreibt im Spiegel unter dem Titel "Wie die Partei lernte, den Misserfolg zu lieben" über die Misserfolge der politischen Linken (und, etwas paradox, nicht über die Partei LINKE). Er meint, dass diese ideologische Reinheit über politischen Erfolg stelle und sich in ihren eigenen, idiosynkratischen Debatten "verheddere". Wie anders etwa sei zu erklären, dass man nicht den Erfolg feiere, dass Cem Özdemir die Wahl gewonnen hatte, sondern sich vielmehr die Frage stellte, ob er denn progressiv genug, "türkisch genug" sei? Und er hat völlig damit Recht. Es ist eine Grunddynamik der Linken, die sie vom Erfolg abhält, seit der Französischen Revolution. Ich habe darüber schon 2011 geschrieben und es ein ständiges Schwanken "Zwischen Verrat und Triumph" genannt. Die Linken haben eine große Lust an der Totalopposition, immer noch (auch wenn die CDU und FDP da inzwischen immer mehr hin tendieren; Ariane und ich haben im Podcast schon öfter darüber gesprochen). Das hat auch Anteil an der Dauerkrise unseres politischen Systems.
2) Lieferkettengesetz reloaded
Relativ unter dem Radar haben die USA ein neues Gesetz erlassen, das festlegt, dass nur noch solche Router zugelassen werden, die komplett in den USA hergestellt wurden (Heise berichtet). Angesichts dessen, dass bisher gar keine solchen Produkte existieren, ist das ein massiver Schritt. Möglicherweise folgen weitere Produkte wie Handys oder Ähnliches. Diese Reorganisation (oder zumindest ihr Versuch) internationaler Verflechtungen ist letztlich eine Rückkehr zum Merkantilismus. Ich sehe den Macht-Aspekt, also den Versuch, unabhängiger von China zu werden und das Land wirtschaftlich zu isolieren, aber für die Volkswirtschaft ist das doch Gift. Der gesamte Prozess der De-Globalisierung, den wir gerade erleben, dürfte als ziemlicher Inflationstreiber dienen.
3) Melonis Justizreform
Georgia Meloni hat eine innenpolitische Niederlage erlitten: das Plebiszit zur "Justizreform" ist gescheitert. Meloni ist nicht die erste, die an diesem Komplex scheitert; die italienische Justiz ist legendär langsam und ineffizient, eine Reform wird seit einer halben Ewigkeit diskutiert. Man darf allerdings skeptisch sein, ob eine Reform, die der Politik mehr Macht über die Justiz gibt und das explizite Ziel verfolgt, das Justizsystem ideologisch nach rechts zu verschieben - schon Berlusconi beklagte, die Justiz sei links. Vermutlich meinte er damit, dass sie ihn für seine Verbrechen zur Rechenschaft zogen; can't have that. Auch Meloni verfolgte explizit das Ziel, das System rechter zu machen. Das passt ins Muster: die Rechtspopulisten arbeiten dieser Tage immer mit Kontrolle über das Justizsystem, siehe Ungarn, Polen, USA. Ob man deswegen von einer "tragischen Niederlage" sprechen muss wie Thomas Schmid in der Welt, halte ich für fraglich. Tragisch findet er sie vor allem, weil die Justiz einer Verschärfung des italienischen Migrationsrechts im Weg steht (oder auch: rechtsstaatliche Regeln einhält). Beides ist wahr: die Justiz bräuchte Reform, und Melonis Reform scheiterte zurecht. Darin liegt eine Tragik, aber nicht im Scheitern dieses spezifischen Versuchs.
4) Collien Fernandez
Im Skandal um Collien Fernandez hat sich eine Metadiskussion abgespalten, die sich am besten mit einem Streit um #NotAllMen umschreiben ließe. Es gibt wohl eine kleine Minderheit, die den Fall zum Anlass nimmt, um allgemeine Männerfeindschaft zum Ausdruck zu bringen. Ich habe das eigentlich nur durch die Welle an Artikeln, die sich daran abarbeiten, mitbekommen. Aber die diskutierten Themen sind interessant genug. Aus irgendeinem Grund hat das Thema vor allem beim Spiegel Konjunktur. Anna Clauß etwa fragt, ob man weiter mit Männern befreundet sein könnte, und beantwortet die Quatschfrage auch mit einem klaren "Ja", denn "das Patriarchat bekämpft man am besten gemeinsam". In einem längeren Essay fordert Tobias Becker, dass man mehr Empathie mit Männern haben sollte: sie emotional nicht ernstzunehmen hieße einerseits, sie den toxischen Influencern der Manosphere auszusetzen und andererseits, das Problem zu reproduzieren, das man eigentlich angehen wolle. Man müsse mehr darüber sprechen, wie Männer an den Ansprüchen von Männlichkeit scheitern und mehr über Männlichkeit sprechen. Ich kann ihm da nur zustimmen, ich schreibe ja auch immer wieder über das Thema, dass das Patriarchat auch den Männern schadet.
Weniger hilfreich finde ich den Essay von Margarete Stokowski, die sich an Männern abarbeitet, die sich feministisch geben, aber in ihren Taten oftmals in alte Muster zurückfallen. Und so sehr das ein Problem ist, so wenig ist die Haltung des "wenigstens sieht man bei den anderen sofort, wie böse sie sind", sonderlich zielführend. Ich bin da bei Becker, die emotional kaputten Leute und Frauenhasser ein viel größeres Problem, und es muss darum gehen, ein möglichst großes Zelt zu errichten. Leute auszustoßen, weil sie nicht perfekt genug der reinen Lehre anhängen, war noch nie eine gute Idee.
5) Wahlerfolge der AfD
Fatina Kellani schreibt in der Welt darüber, was die AfD tun müsse, um satisfaktionsfähig zu werden. Ich möchte über ihr eigentliches Argument gleich sprechen, aber sie schreibt in ihrer Einleitung einige Sätze, die sie wohl für völlig selbstevident hält, die aber das Kernproblem ihres Umgangs (pars pro toto für ihr Milieu) mit der AfD: "Warum tun die Wähler das? Offenbar verspüren sie Leidensdruck und wollen den regierenden Parteien einen möglichst schmerzvollen Tritt vors Schienbein versetzen. [...] Wer AfD wählt, votiert also weniger für deren Personal als gegen den Zustand des Landes. Der Frust speist sich aus alltäglichen Erfahrungen: [...]" Und diese Haltung ist das Problem der Konservativen. Die Annahme ist, dass die Wählenden ihr Kreuz bei der AfD machen, weil sie dieselben Haltungen teilen wie die Welt-Redaktion und angepisst sind, dass sie das nicht bekommen. Das halte ich, gelinde gesagt, für problematisch. Denn es infantilisiert die AfD-Wählenden und nimmt sie keine Sekunde ernst. Man sollte vielleicht bei der Annahme starten, dass diese Leute wissen, was die AfD ist, und sie DESWEGEN wählen, nicht OBWOHL.
Die Forderungen, die Kellani an die AfD stellt - Fachpolitiker*innen aufstellen, die konkrete Vorschläge zu Migration und Energie ausarbeiten, Extremisten ausschließen und sich zu Rechtsstaat und Demokratie bekennen - würden sie koalitionsfähig mit der CDU machen, was ja genau das ist, was diese Leute wollen. Und ich halte es für eine solide Strategie für die CDU, genau das einzufordern. Ich fürchte aber, es ist Wunschdenken. Denn wahrscheinlicher ist, dass die Konzentration auf Sachthemen zeigt, dass die AfD eben NICHT koalitionsfähig ist. Dass die Wählenden nicht "zurückgewonnen" werden können, weil sie eben etwas anderes wollen, und dass dieses "andere" fundamental unvereinbar mit der liberalen Demokratie ist. Deswegen wäre es gut, diese Klärung voranzutreiben. Vielleicht zeigt das manchen Leuten, wie sehr sie sich selbst belügen.
Resterampe
a) Im Spiegel gibt es einen Artikel zu "Chinamaxxern". Ich zweifle nicht daran, dass es das gibt, aber ich würde behaupten, dass das kein großer oder anhaltender Trend ist. Oder um die Frage im Artikel zu beantworten: Nein, China wird nicht "gerade cool".
b) Die Welt zeichnet den "Schulterschluss" der radikalen Linken mit dem Islamismus nach. Es ist, was ich schon lange beschreibe und spiegelbildlich für den Antiamerikanismus durchgespielt habe, eine vulgäre "Feind meines Feindes"-Logik, die leider viele Gruppen und Lager betrifft.
c) Sehr guter Punkt zu den Meta-Einkommensströmen.
d) David Baum fordert im Stern den Rücktritt Weimers.
f) Die offene Politisierung von Demokratieförderung durch die Unionsparteien wird immer krasser. Das führt auch dazu, dass die Anti-Antisemitismusprogramme der Anne-Frank-Stiftung mitten in der Laufzeit einseitig gekündigt werden. Und das von denen, die bei jeder Gelegenheit (zurecht!) den wachsenden Antisemitismus beklagen.
g) Wichtiger Kontext zu dem tödlichen Unfall auf LaGuardia.
h) BYD stellt eine neue Technologie vor, die eAutos in 5 Minuten von 10 auf 70 Prozent lädt. Dieses Zeug sollte in Deutschland erfunden und produziert werden, nicht in China. Aber wir sind techologieoffen.
i) Die Republicans reden offen darüber, ICE zur Unterdrückung der Wahl 2026 zu nutzen.
j) Die politischen Karten von Paris seit 1789 sind alle sehr ähnlich.
k) Die Korruption unter Trump ist so lächerlich in ihrem Ausmaß. Und es wird nicht ein Bruchteil so viel darüber gesprochen wie Hillarys Reden oder Hunter Bidens Laptop.
l) Die Unterschiede in der Sprache der beliebtesten Popsongs innerhalb der EU sind spannend.
m) Die Arbeiterklasse, das unbekannte Wesen. Der Begriff ist als Analyse borderline nutzlos.
n) Interessanter Beitrag zur Ökonomie der Straße von Hormuz gerade.
o) Steinmeiers moralische Überheblichkeit. Die "moralische Überheblichkeit" ist laut der Welt, dass Steinmeier sagt, der Krieg gegen Iran sei völkerrechtswidrig. Bezweifelt das irgendwer? Der Vorwurf des Moralismus wird mittlerweile so reflexhaft erhoben, dass er langsam bedeutungslos wird. Ich kann ja sagen, der Krieg ist völkerrechtswidrig und trotzdem richtig (haben wir bei Kosovo ja auch so gemacht). Aber was genau hat das mit "moralischer Überheblichkeit" zu tun, und inwiefern ist es keine moralische Überheblichkeit, den Krieg für notwendig zu erklären und alle anzugreifen, die etwas anderes sagen? Es ist so ermüdend.
Fertiggestellt am 25.03.2026
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