Haben die Kreuzritter ihre Frauen gezwungen, Keuschheitsgürtel zu tragen?

Nein, das haben sie nicht.
Echte Keuschheitsgürtel wurden erst um das Jahr 1800 erfunden.

Hier sehen wir einen "eleganten" Keuschheitsgürtel.
Ausgestellt ist er im „Museum für Sexmaschinen“ in Prag.

Aber… er ist eine Fälschung, auch wenn er durchaus alt ist.

Was wir glauben – oder, was man uns erzählt und in irgendwelchen Filmen gezeigt hat, ist folgendes:

"Geht ein Rittersmann auf Reisen, legt er seine Frau in Eisen."

oder:

„Einst, als die Ritter zu ihren Kreuzzügen aufbrachen, wollten sie sicherstellen, dass ihre zurückgelassenen Frauen keinen Ehebruch begingen und nicht untreu wurden.
Dazu verwendeten sie sogenannte Keuschheitsgürtel, das sind flexible Metallbänder oder -Gürtel, die die Genitalien bedecken und dann mit Vorhängeschlössern verschlossen werden.“

Das… ist falsch.
Neuere Erkenntnisse der Geschichtsforschung schließen eher aus, dass solche Instrumente tatsächlich verwendet wurden.
Zumindest nicht im Mittelalter.

Oben sehen wir eine Miniatur in einer französischen Handschrift aus dem 13. Jahrhundert.
Sie stammt aus dem „Decretum Gratiani“, einer Sammlung kirchenrechtlicher Bestimmungen aus der Zeit um 1140, in der der Keuschheitsgürtel (Cingulum castitatis) in einem rein metaphorischen Sinn erwähnt wird.

Die erste Beschreibung eines Objekts, das vage an einen Keuschheitsgürtel erinnert, stammt aus dem Jahr 1405. Sie findet sich in einem Manuskript, nämlich in Konrad Kyesers Bellifortis, das sich mit der Militärtechnik der damaligen Zeit beschäftigt.

Das gezeichnete Gerät erinnert fast eine Rüstung. Es wird als ein Werkzeug beschrieben, das den florentinischen Frauen von eifersüchtigen Ehemännern aufgezwungen wurde.
Doch wenn man sich genau mit Kyesers Kommentaren beschäftigt, stellt man schnell fest, dass sie durchwegs ironisch gemeint sind.
Und die Zeichnung wurde wahrscheinlich auf der Grundlage von Hörensagen und nicht als Kopie eines authentischen Objekts angefertigt.

Das nächste Bild zeigt einen Stich aus dem 16.Jahrhundert.
Zugeschrieben wird er Hans Sebald Beham, einem Maler und Kupferstecher aus Nürnberg.
Wir sehen dort eine Frau, die einen mit einem Vorhängeschloss verschlossenen "Keuschheitsgürtel" trägt. Sie steht zwischen zwei Männern – von dem einen bekommt sie Geld und dem anderen gibt sie es.

Der Stich zeigt nach Meinung der Historiker eine Prostituierte, die von einem Freier Geld erhält und dieses ihrem Zuhälter gibt. Der öffnet das Vorhängeschloss nur gegen Bezahlung der Dienstleistung.

Darstellungen von Keuschheitsgürteln tauchten im 16. Jahrhundert auch in satirischen Illustrationen und Spottbildern auf – so machte man sich über die Eifersucht mancher Ehemänner lustig.

Die ersten "echten" Keuschheitsgürtel sind diejenigen, die im neunzehnten Jahrhundert in Museen landeten.
Wie zum Beispiel der folgende, der in einer Ausstellung im Semmelweis-Museum für Medizin in Budapest zu sehen ist.

Auf dem nächsten Bild sehen wir einen "eleganten" Keuschheitsgürtel für Männer aus dem 17. Jahrhundert, der im Museum für Sexmaschinen in Prag aufbewahrt wird.

Und hier ein Keuschheitsgürtel aus viktorianischer Zeit.

Er diente als Instrument, um Masturbation zu verhindern.

In der viktorianischen Ära war das in Mode. Solche Gürtel wurden unter der Kleidung getragen. Das war jene Epoche, in der vor allem in den angelsächsischen Ländern der Puritanismus wiederentdeckt wurde - Keuschheitsgürtel wurden damals zu einem fast alltäglichen Gebrauchsgegenstand.
Bei ihnen handelte es sich jedoch um weichere Gürtel, die nur für kurze Zeit getragen werden sollten.
Dadurch sollten Frauen vor einer Vergewaltigung geschützt oder Heranwachsende von einer Masturbation abgehalten werden.

Heute sind Keuschheitsgürtel aus den verschiedensten Materialien nur noch ein Werkzeug, das als erotisches Spiel in der Praxis des Sadomasochismus eingesetzt wird.
Auf dem letzten Bild wurde ein S&M-Keuschheitsgürtel (mit Photoshop) in ein Bild der kanadischen Schauspielerin Laura Vandervoort montiert.

Quellen:
Keuschheitsgürtel – Wikipedia
Cinture di castità: la storia di un falso storico - Focus.it

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