368 Teil der Fantasyserie von Josh Fagora und Johannes Schütte

Die Dämmerung legte sich schwer und kühl über die alten Mauern der Junkarburg, als fünf finstere Gestalten den steilen Burgweg emporstiegen. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, ihre breiten Schwerter und scharfen Dolche blitzten im fahlen Licht, während schwere, dunkle Mäntel wild im Abendwind wehten.

Innerhalb der Burg ging indes das gewohnte Leben seinen friedlichen Gang. Frauen schleppten schwere Holzereimer voller Wasser von der Zisterne, Männer besserten mit geschickten Hammerschlägen das hölzerne Haupttor aus, und ausgelassene Kinder liefen kichernd zwischen den großen Weinfässern im Hof umher.Weit über dem Trubel, im sicheren, prunkvoll geschmückten Thronsaal, befand sich König Horo Adamus, der Herrscher der Junkarburg und Vater von Fagora.

Er war tief in ein Gespräch mit zwei seiner treuen Berater vertieft, in dem es um die bevorstehende Ernte und die Vorräte des kommenden Winters ging.

Unten im Burghof jedoch brach das Verderben herein.Ohne jede Warnung oder ein Zeichen der Vorwarnung stürzten sich die fünf Vampire wie Raubtiere auf die ersten zehn Burgbewohner, die ihnen im Weg waren. Mit eisernem Griff packten sie ihre Opfer an den Schultern, rissen sie gnadenlos zu Boden und schlugen ihre Fänge in deren Hälse. Die Schreie der Überrumpelten erstickten schnell und waren nur von kurzer Dauer. Die Gebissenen zuckten krampfartig, ehe ihre Augen erstarren und tiefschwarz wurden.

„Nicht wehren!“, schrie einer der älteren Burgbewohner mit verzweifelter Stimme in den Hof. „Sie sind zu stark!“

Die übrigen Bewohner gehorchten aus purem Schrecken. Wie gelähmt drängten sie sich an die kalten Steinwände des Hofes und mussten mit ansehen, wie ihre eigenen Nachbarn vor ihren Augen verwandelt wurden. Aus zehn Opfern wurden fünfzehn, aus fünfzehn wurden zwanzig. Die frisch gewandelten Kreaturen erhoben sich ohne Verzögerung, stießen ein leises, gieriges Zischen aus und stürzten sich an der Seite ihrer neuen Meister auf die nächsten Überlebenden.Im hinteren Bereich des Hofes hoben zwei massive Drachen träge ihre Köpfe. Ihre breiten Nüstern bebten im Witterungsversuch, doch sie blieben wie angewurzelt liegen. Kein Laut des Zorns entkam ihren Kehlen, kein Funken Feuer entzündete sich.

Die Drachen der Junkarburg waren über Jahrhunderte hinweg für den Frieden gezüchtet worden. Ein unerbittliches Gesetz band ihre Existenz: Ein Drache durfte niemals aus eigenem Antrieb handeln, sondern ausschließlich auf direkten Befehl des Königs Horo oder eines offiziell anerkannten Drachenreiters. Ohne diesen Befehl war ihnen jegliches Feuer strikt untersagt. Sie waren treue Wächter, keine blinden Angreifer. So mussten sie tatenlos zusehen, wie ihre Heimat fiel, und scharrten lediglich unruhig mit ihren riesigen, krallenbewehrten Füßen im staubigen Boden. Einer der Drachen versuchte in einem Anflug von Beschützerinstinkt, einen Vampir, der zu nah an seine Pranke herantrat, beiseite zu stoßen, doch die Angreifer waren zu schnell und wendig für die schwere Kreatur

.In diesem Augenblick schwangen die schweren Flügeltüren des Thronsaals auf. König Horo trat hinaus auf den umkämpften Hof. Der Anblick, der sich ihm bot, traf ihn wie ein Schlag; sein Gesicht entfärbte sich schlagartig zu blasser Kreide.Vor ihm stand Donkrar. Ein triumphierendes, lautes Lachen hallte über den Steinboden.

„König Horo“, rief Donkrar und breitete demonstrativ die Arme aus, während um ihn herum das Chaos tobte. „Wir verlangen nichts Geringeres als die Wiederherstellung der alten Ordnung – jene Ordnung, die zu den wahren Zeiten der Drachen herrschte. Und wir beginnen genau hier, mit der Umwandlung der Menschen und aller anderen Wesen.“

Horo schüttelte fassungslos den Kopf. Sein Gesichtsausdruck war von tiefem Entsetzen gezeichnet.

„Ihr habt meine Tochter entführt, und ich weiß noch immer nicht, wo sie sich befindet“, sprach Horo mit einer Stimme, die trotz aller Anspannung fest blieb, wenngleich sie leicht zitterte. „Ihr steht unter dem bannenden Einfluss von Volthur und Oseka. Kehrt um und lasst uns in Frieden leben! Meine Tochter wird sich erheben und Perna beschützen.“

Donkrar quittierte die Warnung nur mit einem noch lauteren, höhnischen Lachen. Auf sein kurzes Handzeichen stürzten sich die fünf Vampire sofort auf den König. Sie packten ihn unerbittlich an den Armen und zerrten ihn fort.Inzwischen strömten weitere Vampire durch das weit aufgerissene Tor. Sie nahmen die gesamte Festung Stück für Stück ein und machten aus den verbliebenen Bewohnern methodisch neue Verbündete. Die Junkarburg war verloren.

Selbst die mächtigen Drachen vermochten nicht einzugreifen; ohne den erlösenden Befehl ihres Herrn blieben ihnen die Hände gebunden. Sie lagen auf dem blutigen Boden, gaben leise, dumpfe Brlaute von sich und schlugen nur hilflos mit ihren gewaltigen Schwänzen gegen die Mauern.

Draußen, gut geschützt hinter der äußeren Wehrmauer, stand ein weiterer Drache, der nicht an die Gesetze der Burg gebunden war. Er stieß ein scheinbar friedliches Brüllen in den weiten Himmel aus und entfachte dabei mit einem leisen Fauchen nur ein winziges, harmloses Flämmchen im Gras – ein unauffälliges Zeichen an die Nacht.

Horo riss sich kurz aus dem eisernen Griff der Wächter, die ihn festhielten, und blickte Donkrar mit ernstem, bohrendem Blick an.

„Kehre um, Donkrar“, flüsterte Horo fast beschwörend. „Du bist König im Namen meiner Tochter, und deine Schwester war einst ihre engste Vertraute. Wohin schleppt ihr mich?“

Einer der älteren Vampire mit einem zerfurchten, grauen Bart wandte den Blick zur fernen Nachbarburg am Horizont, deren Türme dunkel in den Abendhimmel ragten – zur Vampirburg.

„Deine Tochter weilt bei Volthur“, antwortete der alte Vampir kalt. „Und du wirst deine Tage im tiefsten Verlies verbringen.“

Mit brutaler Härte zwangen sie Horo auf den Rücken eines fremden Drachen namens Itor. Itor gehörte nicht zur Junkarburg; er gehorchte allein den Vampiren. Mit einem mächtigen Flügelschlag stieß sich das Ungeheuer ab und erhob sich in die Luft, um den gefangenen König und seine Entführer zur Vampirburg zu tragen.

Weit entfernt von all dem Schrecken, im fernen Land Drakar, führten zu derselben Stunde wachsame Augen Fagora zu einem uralten, tiefschwarzen Drachen. Fagora blieb abrupt stehen. Ihr Blick richtete sich wie magisch angezogen zum nächtlichen Himmel

.Plötzlich begann ihre hölzerne beziehungsweise steinerne Halskette aus Pernatium zu pulsieren. Sie strahlte in einem so grellen, phosphoreszierenden Grün auf, dass ihr helles Licht scharfe Schatten auf den Boden warf.Fagora spürte die Erschütterung bis tief in ihr Mark. Durch die Kraft der Kette durchbrach die Dunkelheit der Ferne: Sie sah ihren Vater. Sie sah Horo, wie er gefesselt auf dem Rücken des Drachen Itor durch die Lüfte getragen wurde.

„Vater, ich komme bald zu dir!“, rief Fagora mit voller Kraft gegen den aufkommenden Wind.Danach legte sich absolute, eisige Stille über das Land.

Ende

1.

369 Teil der erfolgreichen Fantasyserie.

Tief im Inneren der Drakarburg, verborgen im feuchten, eisigen Verlies, saßen drei Magier auf einer kalten Steinbank und blickten erstaunt auf die Frau, die gerade vor ihnen auf den Boden geworfen worden war.Es waren Zerah, Mystica und Osmodar

.Da war sie nun. Königin Fagora.

Ihre einst prunkvolle Kleidung war in Fetzen gerissen, ihr langes, blondes Haar war schmutzig und verklebt von Asche und dem roten Nebel, der seit Monden über Drakar gelegen hatte. Aber ihr Rücken war noch immer stolz und gerade. Selbst im Dreck lag eine königliche Würde in ihrer Haltung, die selbst das Verlies nicht brechen konnte. Ihre blonden Locken fielen ihr ins Gesicht, und unter dem Schmutz schimmerte noch immer Gold .Zerah war der Erste, der seine Sprache wiederfand. Seine Stimme war laut, rau vom Hunger, sodass alle Gefangenen im überfüllten Gewölbe ihn verstehen konnten

."Was ist mit dir geschehen, Königin Fagora?", fragte e

r.Fagora bäumte sich vor Schmerzen auf. Sie keuchte und ihre blauen Augen weiteten sich.

"In der Vampirburg haben mich Volthur und Oseka gefangen genommen", sagte sie bitter."Oder besser gesagt, ich tat es freiwillig, um andere Völker und die Burg zu retten. Aber die Vampire sind im Bann der Halbgötter. Sie wollen die alte Ordnung wieder haben, wie es vor Jahrtausenden war. Und ich störe dabei. Ich will Frieden für Perna und lebe danach."

Mystica, die zweite Magierin, runzelte die Stirn. Sie schüttelte den Kopf und ihr Blick wanderte zum schweren Eisentor.

"Hier in Drakar kamen Volthur und Oseka", erklärte sie. "Sie erschufen einen Nebel und besetzten die Burg, indem sie Hunderte töteten und den Rest ins Verlies steckten."

Fagora zog sich mühsam auf die Steinbank. Sie setzte sich zwischen die Magier und blickte in die ängstlichen Gesichter der fünfzig Gefangenen.

"Drachen wie Udia werden kommen", sagte sie. "Auch befreundete Völker. Sie werden Volthur und meine Schwester töten. Dann sind wir frei. Ich unterstütze Drakar mit allen Mitteln und werde auch Volthur töten, wenn es sein muss. Leider ist die Magie verschwunden und ich werde dann zum Arthrassee fliegen. Mein Gatte und meine Tochter werden mich befreien."

Draußen standen vier Drachen auf der grossen Wiesen am Rande des Kyptawaldes.Der Drache . Udia ließ den roten Nebel mit seinem Atem verschwinden.

Am Waldrand lagerten die Lichttrolle unter Königin Mixed. Sie hatten ein Zeltlager aufgeschlagen und beobachteten wie sich die Drachen verhielten und hatten auch die Burg der Magier ständig im Blick.

Im Verlies öffnete sich die Tür.Fagora stand auf. In der Tür stand Oseka.Sie wirkte nicht mehr wie die Schwester, an die Fagora sich erinnerte. Sie war wie eine Eisprinzessin. Ihr Haar war weiß wie frischer Schnee, zu langen Zöpfen geflochten, durchzogen von kleinen Eiskristallen. Ihre Haut war bleich und schimmerte bläulich. Sie trug eine Rüstung aus blauem Eis, an den Schultern spitz wie Eiszapfen, besetzt mit Schneeflocken aus Kristall.

. Aus Prakar, wo sie Eisdrachen erzogen hatte, hatte sie die Kälte mitgebracht. Erstaunlicherweise schmolz das Eis nicht.

"Oseka, meine Schwester. Warum verbindest du dich mit Volthur? Er ist der Bruder von Sethur und Rethor und will die dunkle Magie", fragte Fagora

.Oseka lachte laut und schallend, dass die Gefangenen erschraken. Ihr Atem bildete kleine Eiswolken in der kalten Luft.

"Weil ich als Erstgeborene deinen Platz einnehmen müsste", sagte Oseka, und ihre Stimme klang wie klirrendes Eis. "Unsere Mutter hatte den Verstand beim Sterben verloren, als sie dich zur Königin machte. Und ich habe mich deswegen mit Volthur und früher Sethur verbunden. Unser Onkel Zaltor hatte mich nach Prakar verbannt, wo ich Eisdrachen erzog."

Drei Wächter der Vampire aus Junkar kamen herein und packten die blonde Königin an den Armen. Sie zerrten sie durch die schwere Gefängnistür.

"Wohin bringt ihr unsere Herrscherin?", rief Zerah nervös.

.Oseka drehte sich schmunzelnd um, die Eiskristalle in ihrem weißen Haar funkelten.

"Sie wird durch ein Schwert oder Drachen getötet. Volthur und ich teilen uns die Herrschaft über Perna und für Vampire wird die alte Ordnung wieder hergestellt. "

Die Tür fiel zu.

Königin Fagora ist zu Tode verurteilt und ihr Vater Horo Adamus wird

zum Gefangenen des Halbgottes Volthur.

wie geht es weiter...??