Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Soft Power Chinas
Der anhaltende Wachstumskurs Chinas und seine Übernahme der Technologieführerschaft in vielen Bereichen gibt immer wieder Anlass zu allerlei Jeremiaden. Gleichzeitig steigen die Befürchtungen vor chinesischem Einfluss. Ich finde immer wieder etwas merkwürdig, wo der Fokus dieser Befürchtungen liegt: so thematisiert fast niemand, dass etwa 20% von Daimler chinesischen Staatskonzernen gehören, die den Kurs des deutschen Konzerns auf eine chinafreundliche Linie bringen (und ihn etwa gegen Strafzölle gegen chinesische Autos lobbyieren lassen), aber stattdessen gibt es eine Riesenaufregung um ein paar Influencer*innen auf Tiktok. Michael Sauga behauptet etwa in einer Spiegel-Kolumne, die soft power Chinas nehme massiv zu. Was für den Bereich von Technologien ja durchaus zutreffen mag, finde ich im kulturellen Bereich völlig überzogen. China ist meilenweit von der soft power entfernt, die die USA auf dem Feld seit Jahrzehnten genossen haben und immer noch genießen. Chinesische Unterhaltungsprodukte sind hierzulande irrelevant, ihre Mode spielt keine Rolle und chinesische Fastfoodketten gibt es auch nicht. Ein paar Influencer*innen, die die Vorzüge von heißem Wasser preisen, machen noch keinen Sommer. China hat keine kulturell anziehende Botschaft und scheint dies auch nicht wirklich zu beabsichtigen.
2) Soziale-Medien-Verbot
In der Welt wird ein Social-Media-Verbot gefordert, weil die so süchtigmachend wie Zigaretten seien. Diese Argumentationslinie verbreitet sich immer mehr, und vermutlich gibt es auch keinen Weg an dem Thema vorbei. Ich habe ja selbst vor einigen Jahren eine Verteidigung des Handys in Bildungseinrichtungen geschrieben, die ich nicht ohne Grund in die Rubrik meiner Fehlschläge gesteckt habe. Was mein Problem mit der Thematik ist, ist die große wissenschaftliche Unsicherheit, die das alles umgibt. Sind die sozialen Medien das Problem? Sind es die Geräte selbst? Da werden so viele Sachen durcheinander geworfen, was es schwierig macht, eine vernünftige Policy zu entwickeln. Ich sehe vor allem drei Hauptargumentationsstränge: a) Digitale Medien müssen komplett verbannt werden, Schreiben nur mit Papier und Stift. Argumentiert wird hier mit Studien, dass das bessere Lernleistungen erbrächte. b) Das Problem ist die Ablenkung. Dementsprechend wäre ein vom Internet abgekoppelter und auf Word und Co reduzierter Rechner oder Tablet kein Problem. c) Das Problem sind die sozialen Medien. In dem Fall wären die Geräte selbst harmlos. Wie man schon sehen kann, fordert jede dieser Analysen eigene Policies: im einen Fall ein Geräteverbot, im anderen eine Geräteeinschränkung, im dritten eine reine Softwareeinschränkung. Welche ist es? Welche wollen wir verfolgen? DAS wäre mal gut zu wissen.
3) Der Irrsinn durchschnittlicher Wählender
Die New York Times hat eine Fokusgruppe von Trump-Wähler*innen befragt, und es ist ein weiterer Beleg für das Bonmot, dass das beste Argument gegen die Demokratie fünf Minuten mit einem durchschnittlichen Wähler seien. Einige kommentierte Highlights: "I thought I was helping us get and save more money with taxes. I thought that they would get rid of taxes so we would get our full paycheck instead of just half of it."Hier zeigt sich exemplarisch diese weit verbreitete krasse Unkenntnis über Steuern. "The other half", are you fucking serious? Das ist ein so basales Unverständnis von dem, was der Staat überhaupt leistet und was Steuern tun, da schlackern einem die Ohren. Oder: "Tariffs are really impacting me, especially at work, because I work for a company that has offices abroad. The tariffs are just creating chaos at work between all of our customers, not understanding all the changes that are happening, and the rollbacks, and are they going to get a refund. It’s just constant chaos."Das gehört ebenfalls zu dem Bereich der wirtschaftspolitischen Unkenntnis. Alle Expert*innen haben davor gewarnt. Es war völlig klar, was passieren würde. Aber nein, wer vertraut schon den Leuten, die Ahnung haben!
Oder: "I was excited because I thought Trump, being a smart man like he calls himself, had realized the errors of his past. So I thought, OK, he’s going to jump on this and he’s going to be one of the best presidents that we had in a four-year term." Das ist so ein Ding, das ich auch bei vielen professionellen Journalist*innen nicht verstehe: habt ihr keine Augen zum Sehen? Wie kann jemand 2020, much less 2024, nicht vollständig klar sein, was für eine Person Trump ist? Oder: "I mean, I don’t like it. But he does what he says he’s going to do, whether we like it or not." Das ist für mich die größte Idiotie überhaupt. Weil Trump "Stärke" beweist, ist das eine Qualität? Das ist genau das Mindset, das Autoritäre und Diktatoren geil findet.
Oder: "My boyfriend looks Mexican. Dark hair, black mustache, beard. He was pulled over by ICE, immigration, and they checked his ID and all that, I feel just because of how he looked. I see them pulling people over, and it seems like it’s one race, which is unfortunate." Die Formulierung "unfortunate" ist auch eine Klasse für sich, aber auch hier: das war 100% absehbar. Selbstverständlich musste genau das passieren. Das kann man einpreisen oder gutheißen, aber das kann einen doch nicht überraschemn! Oder: "People don’t feel safe leaving states or countries, because even though they are legal, they still might be found illegal in his eyes or in his administration’s eyes."Gleiche Kategorie: natürlich würden die das völlig willkürlich auslegen. Das war zu erwarten. Es wurde öffentlich angekündigt. Bereits im Wahlkampf.
Oder mein Favorit: "He did initiate the ending of the penny, silly as that is. And he initiated getting us out of the World Health Organization and the Paris climate agreement. Two positive things, I guess, if you really look at it on the whole. I mean, that was accounting for a lot of our budget money." Diese Antwort verrät ein völliges Versumpfen in irgendwelchen Filterbubbles. In dem Fall sind es rechte, aber ich kann mir problemlos eine linke vorstellen, in der irgendwelcher Gaza-Unsinn mit dem weltumspannenden McKinsey-Netzwerk propagiert wird oder so. "A lot of our budget money"? Dasselbe Phänomen haben wir übrigens auch in Deutschland, wo die Leute auch regelmäßig eine absurde Unkenntnis darin beweisen, wohin das Geld aus dem Haushalt eigentlich fließt.
Was also ist die Erkenntnis aus solchen Befragungen? Dass man praktisch alle tollen Wahlanalysen in die Tonne kloppen kann, die ernsthaft behaupten, irgendwelche Policy- oder Message-Details würden Wahlen entscheiden. Es ist völlig egal, die meisten Leute haben nicht die geringste Ahnung. Es geht um normative, grundlegende Narrative. Und vor allen anderen Dingen um Motivation und Unzufriedenheit. Diese Leute wechseln nicht zu den Democrats, sie bleiben zuhause. Oder werden mobilisiert. Je nachdem. Aber sie werden sicher nicht auf dem "Marktplatz der Meinungen" das beste Produkt aussuchen.
4) Reformen
Im Spiegel verlangt Christian Reiermann eine "Steuerwende", für "vor allem die SPD sich bewegen muss". Seine Argumente sind grundsätzlich richtig: Spitzenverdiener ab 3000€ zu definieren, ist...gewagt (siehe dazu auch die Welt). Und die ständige Belastung von Arbeitseinkommen ist kein sinnvoller Weg, weil durchaus zutreffend ist, dass die bereits zu viel belastet sind. Allerdings leiden Reiermanns Folgerungen leider an dem üblichen Problem: er erklärt, dass man die Steuerzuschüsse für die Rente streichen solle, um dafür Einkommens- und Unternehmersteuer zu senken, und das ist...einfach nicht machbar? Wovon sollen die Rentner*innen denn leben? Man kann endlos die Zuschüsse bejammern, aber letztlich müssen diese Leute versorgt werden, aus welcher Kasse auch immer. Oder will Reiermann sie einfach hungern lassen? Sein pejoratives "diese Leute" lässt das anklingen, aber das geht schon verfassungsrechtlich nicht. Gleichzeitig spricht Reiermann auch überhaupt nicht an, wo sich die CDU bewegen müsste: Vermögens-, Erbschafts- und Kapitalertragssteuer. Denn ja, seine Kritik an der SPD und der zu hohen Belastung der Arbeitseinkommen ist korrekt. Aber solange die Debatte immer diese völlig unrealistischen "Alternativen" hat, wird da nichts herumkommen.
Resterampe
a) Die Welt kann sich auch nicht entscheiden, ob die SPD nun böse alle Reformen verhindert oder böse keine Politik für ihr Klientel macht. Ist halt immer das Genre von "dem politischen Gegner die Strategie empfehlen".
b) Weil Peter Gauweiler zu der Idiotie noch nichts gesagt hat: Die Vorteile eines Minderheitskanzlers. Es bleibt Schwachsinn. Siehe auch hier.
c) Progressive Activists Are Sometimes on the Wrong Side of History. Ohja, und bei dem Thema konsquent seit Jahrzehnten.
d) Das Märchen von der Migrationswende. Belegt auch mal wieder meine These vom Stühlerücken. Es ist nie genug.
e) Dreimal die 1, zweimal die 5, einmal die 6 – das Zwischenzeugnis für das Kabinett. Ich finde diese journalistische Hybris schon echt ein bisschen abstoßend.
g) Animal Farm Is Not for Kids but They Made It a Kids’ Movie Anyway. Ich habe sehr viel gelacht. Über die Rezension, nicht den Film.
h) Der tödliche Irrtum der SPD. Wen wird es überraschen? Sie macht nicht genug AfD-Politik. Politikanalysen des Todes.
i) Korrekte Analyse des 9€-Tickets.
j) Die angeblich gecancelte Julia Ruhs produziert munter weiter Sendungen, und möglicherweise war die Kritik gerechtfertigt.
l) Paradox of Awareness. Das Ding ist: die Awareness ist nicht für die Betroffenen wichtig, sondern für das Umfeld!
Fertiggestellt am 7.5.2026
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