Weil die Kulturschaffenden verarmen, wird das Fundament unserer Kultur brüchig

Neulich wurde ich Zeuge eines Gespräches, das meine 15-jährige Tochter im Fond unseres Autos mit ihren Freundinnen führte. Es ging darin um die für die jungen Menschen nicht unerhebliche Frage der Berufswahl – oder besser: der Berufswünsche. Ich hörte von Studienplänen, von Einkommenserwartungen und Karrierehoffnungen. Nur meine Tochter hielt sich bedeckt. Bis eine ihrer Freundinnen sich mit den Worten an sie wandte: „Und du wirst eine arme Künstlerin“. Da merkte ich auf. Denn die Verknüpfung des Adjektivs „arm“ mit dem Substantiv „Künstlerin“ ging so leicht über die Lippen dieser jungen Frau wie die von „grün“ und „Rasen“. Dass Menschen, die als Künstlerinnen oder Künstler ihren Weg durchs Leben gehen wollen, wenig oder keine Aussichten auf Wohlstand oder Reichtum geltend machen können, schien ihr offenkundig selbstverständlich.

Da kam mir das Stichwort „brotlos“ in den Sinn – auch sehr gerne im Zusammenhang mit „Kunst“ verwendet. Wie oft hatte ich es selber einst gehört, als ich zu Studienzeiten Onkels oder Tanten beichten musste, eine Promotion in Philosophie anzusteuern. „Ist das nicht eine brotlose Kunst?“, wurde ich dann gefragt, und mir blieb nichts anderes zu tun, als die sorgenvollen Mienen der Verwandten etwas aufzuheitern, indem ich ihnen davon erzählte, dass ich ja nebenher auch journalistisch arbeite und damit schon manche gute Mark verdient habe. Das beruhigte sie dann. Mich aber nicht: Denn die Sorge war nun einmal da und blieb seither eine ständige Begleiterin auf meinem Lebensweg. Von einer ungewissen akademischen Zukunft nach dem Ende meiner Promotion hielt sie mich ab und führte mich stattdessen auf den geraden und befestigten Weg in Redaktionen und Bildungseinrichtungen. Sie, die Sorge, war zufrieden. Ich hingegen war es nicht. Irgendwann vor nunmehr gut zwölf Jahren versuchte ich ihrzu entkommen und wagte den Schritt in die Freiheit – genauer: die Freiberuflichkeit. Ich wollte herausfinden, ob ich mit meiner Leidenschaft fürs Denken,  Schreiben, Reden und Lehren – mit meiner Liebe zur Weisheit(= philosophía) – nicht doch irgendwie den Broterwerb für meine Familie bestreiten könne. Irgendwie hieß es doch immer, man solle dem Ruf seines Herzens folgen und nicht allein der Sorge, sondern der Leidenschaft die Führung seines Lebens anvertrauen.

Geist und Geld vertragen sich nicht

Mit Anfang vierzig und zwei kleinen Kindern war das ein Wagnis und ein Abenteuer. Heute, aus der Retrospektive, erscheint es mir nachgerade als ein Wunder, dass wir irgendwie zurecht kamen: unseren Kindern eine behütete Kindheit ermöglichten und uns sogar einen kleinen Wohlstand erarbeiten konnte. Ohne die Unterstützung meiner Frau, die sich zunächst nebenberuflich und später dann in Vollzeit um unsere wirtschaftlichen Belange und das Management kümmerte, wäre es völlig undenkbar gewesen, als freischaffender Geistesarbeiter zu bestehen. Und auch so war es harte Arbeit: Ja, es gab zahlreiche schlaflose Nächte; ja, ich litt unter Burn-out Symptomen; ja, ich hatte Existenzängste – und ja, es gab die berauschende Freiheit, mich den Themen widmen  zu  können,  die  mich umtrieben.

Mehr noch: Ich konnte das Wehen des Geistes spüren, der mich zu meiner Arbeit begeisterte und der auf meine Zuhörer und Leser überzuspringen schien. Wenn immer das geschah, wusste ich, dass es die Mühe wert war.

Mit den Jahren wuchs die Resonanz– und in mir die Gewissheit, etwas Sinnvolles zu tun: den Menschen etwas zu geben, was sie wirklich brauchten, nachdem ihre Seelen nachgerade hungerten. Nicht nur den Privatkunden, die sich zu meinen philosophischen Reisen anmeldeten und meine Vorträge bevölkerten, sondern auch den stetig zunehmenden Geschäftskunden: den Führungskräften und Unternehmern, die mich buchten und zu Workshops einluden. Alle schienen sie begeistert, lobten meine Arbeit und pflichteten mir bei, dass es überaus wichtig sei, Geist und Denken in die Welt der Unternehmen zu bringen. Alles schien gut. War es aber nicht. Auch schon vor Corona. Die Angst wollte nicht weichen. Die Sorge blieb in all den Jahren stets in meiner Nähe. Und sie wurde immer aufdringlicher. Wieso?

Salopp gesagt: Der Erfolg blieb aus. Gewiss, Achtungserfolge gab es reichlich: Zahlreiche Bücher wurden geschrieben und ganz ordentlich verkauft. Immer wieder gab es Vortragseinladungen. Die Reisen wurden gebucht. Aber wir mussten immer härter dafür arbeiten. Ohne den Beistand meiner Frau, hätte ich definitiv Schiffbruch erlitten. So konnten wir uns über Wasser halten, aber wir mussten strampeln. Die Onkels und Tanten schienen recht zubehalten. Und ich fragte mich: Warum?

Anfangs machte ich den Fehler aller, die sich in ähnlichen Situationen befinden: Ich suchte den Grund bei mir selbst: „Du bist  nicht  gut  genug! Du musst mehr arbeiten! Du musst den digitalen Raum erobern! Du musst Marketingkonzepte ausarbeiten!“ So schwirrte es mir des nachts durch mein überstrapaziertes Hirn. Bis ich langsam, langsam lernte, dass das nur – nein, nicht einmal, die halbe Wahrheit war. Nein, es lag nicht nur an mir: Es liegt vor allem am politisch-ökonomischen System, in das ich eingebunden bin und dem ich nicht entkommen kann. Deshalb geht es auch nicht mir alleine so, sondern dem Gros all derer,  die als Freiberufler oder Künstler sich um die Kultur und um den Geist unserer Gesellschaft mühen – und, wie ich nun lernen musste, dabei meistens vergeblicher Liebesmüh anheimfallen. Denn eine von Ökonomismus, Liberalismus und Egoismus dominierte Gesellschaft wie die unsere misst der Ressource Geist mitnichten den Wert bei, der ihr in Wahrheit zukommt. Geist und Sinn und Schönheit oder Wahrheit gelten ihr seit Langem – entgegen anders lautender Beteuerung in Sonntagsreden – nur noch als ein nice-to-have, nicht aber als ein must-be –, was sie doch in Wahrheit sind.

Was unsere Gesellschaft nicht begriffen hat, ist dass sie selbst verarmt, wenn sie es zulässt, dass die Geistesmenschen, Künstler und Kulturschaffenden nach und nach verarmen. Sie verschließt beharrlich die Augen davor, dass sie ihre Kraft zur Transformation und damit ihre Zukunftsfähigkeit einbüßt, wenn sie meint, auf die Ressource Geist verzichten zu können. Und genau das tut sie – vielleicht nicht einmal bewusst, sondern bloß aus purer Ignoranz und Dummheit. Das macht die Sache aber nur noch schlimmer. Denn so gibt es allen Grund zur Sorge, dass unsere Gesellschaft weiterhin die Augen davor verschließt, dass der Boden, auf dem sie gegründet ist, brüchig wird, wenn der Geist erodiert.

Nun muss ich deutlicher werden und die Faktoren nennen, die meines Erachtens zur Erosion des Geistes führen. Ich werde mich dabei auf drei besonders besorgniserregende Tendenzen beschränken: Die fehlende Bereitschaft, geistige Arbeit angemessen zu vergüten; die Ausbreitung sozialer Medien und digitaler Technologien und die Allgegenwart von Netzwerken und Seilschaften im Kulturbetrieb. Das alles gab es – wie gesagt– schon vor der Corona-Krise. Unter dem Brennglas der Pandemie sind diese Symptome der Erosion des Geistes allerdings noch deutlicher hervorgetreten. Und darin liegt auch eine Chance. Denn zugleich mit dem Ausmaß der nunmehr drohenden kulturellen Katastrophe könnten auch mögliche Auswege erkennbar werden.

Geist oder Geld?

Dass Geist und Geld sich schlecht vertragen, ist seit der griechischen Antike wohlbekannt. Nicht zufälliger zählte man sich schon zu Zeiten von Sokrates und Platon von dem vermeintlich ersten Philosophen der Geschichte namens Thales von Milet, er sei ob seiner Mittellosigkeit von seinen Landsleuten verspottet worden– habe allerdings durch kluges Investment in Olivenölpressen aus Spaß ein Vermögen verdient, um den Nachweis dafür zu erbringen, dass ein Mensch des Geistes durchaus wohlhabend sein könne, wenn er wolle – nur sei es ihm halt nicht so wichtig. Seither hält sich in der europäischen Kultur hartnäckig der Glauben, dass Philosophen, Künstler oder andere Arbeiter des Geistes eigentlich kein Geld benötigen – dass sie auch mit bescheidenen Mitteln gut zurechtkommen, ggf. wie der alte Diogenes freiwillig in einer Tonne wohnen oder sich wie Nietzsche gern mit einer schmalen Pension durchs Leben schlagen. Wer vom Geist lebt, braucht nicht auch noch Geld, so raunt man sich seit Hunderten von Jahren zu; besonders gerne unter Verlegern, Veranstaltern oder Auftraggebern.

Gewiss, das war schon einmal anders. Es gab Zeiten, zu denen Geistesmenschen und Kulturschaffende reich werden konnte (manche können das immer noch, aber nicht als Kulturschaffende, sondern als Geschäftsleute, wie noch zu zeigen sein wird). So manche Philosophen – um bei meiner Zunft zu bleiben – des 19.und 20. Jahrhunderts konnten als Professoren in stattlichen Villen residieren und verkehrten in den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Davon sind wir heute weit entfernt. Vor allem außerhalb bestallter Professuren. Auch wenn man gemessen an anderen europäischen Ländern an deutschen Hochschulen immerhin noch ordentlich bezahlt wird, stehen die Bezüge doch in keinem irgendwie darstellbaren Verhältnis zu den Gehältern, die in der sogenannten „freien“ Wirtschaft üblich sind. Und wenn wir uns den Sätzen zuwenden, mit denen Lehrbeauftrage vergütet werden, dann fällt einem passend zum Nomen „Broterwerb“ nichts anderes ein als „Hungerlohn“. Zwischen 16 und 21 Euro pro Unterrichtsstunde „verdient“ ein einfacher Lehrbeauftragter an einer Fachschule in Ländern wie Rheinland-Pfalz, Hessen oder Bremen. In anderen Ländern sind die Honorare etwas üppiger, in manchen aber noch schmaler – die Vorbereitungs- oder Nachbereitungszeit bleibt dabei selbstverständlich unvergütet. Wenn man sich vor Augen führt, dass es Menschen gibt, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, versteht man sofort, worauf sich das Schlagwort „Bildungsprekariat“ bezieht.

Ich selbst habe das Glück, gelegentlich als Lehrbeauftragter an privaten Hochschulen oder in der Schweiz zu unterrichten und somit etwas besser gestellt zu sein als die vielen Kolleginnen und Kollegen, die mit ihren Lehrtätigkeiten den Betrieb der deutschen Hochschulen am Leben halten und dabei ständig am Existenzminimum krebsen, andere Jobs  annehmen  müssen und sich auf diese Weise ob ihrer Begeisterung oder vagen Hoffnung auf eine akademischen Laufbahn gnadenlos ausbeuten lassen. An dieser Praxis der öffentlichen Hand ist nichts schön zu reden. Sie macht überdeutlich, dass in Ministerien und Amtsstuben die Meinung vorherrscht, geistige Arbeit nicht angemessen honorieren zu müssen.

Natürlich ist eine offene Frage, was „angemessen“ bedeutet. Besonders virulent ist sie im Blick auf Vortragshonorare. Öffentliche Veranstalter wie Volkshochschulen, Kulturämter oder auch kirchliche Akademien sind offenbar der unerschütterlichen Meinung, ein angemessenes Vortragshonorar für einen Geistesarbeiter liege bei maximal  300  Euro  brutto.  Gerne  gibt  man sich großzügig und stellt die Übernahme der Fahrtkosten (2. Klasse!) und Hotelkosten in Aussicht. Wir haben immer wieder Veranstalter am Telefon, die vor dem Gespräch noch nie auf den Gedankengekommen sind, ein solches Honorar könne dem Angefragten unangemessen niedrig erscheinen – die nie einen Gedanken darauf verwendet haben, dass Vorträge eine gewisse Vorbereitung erfordern; und die nie sich die Frage  gestellt haben, wie viele solcher Vorträge ein Referent wohl pro Monat halten müsste, um eine vierköpfige Familie ernähren zu können. In Kirchen und bei öffentlichen Veranstaltern herrscht ungebrochen der Glauben, die von ihnen angefragten Referentinnen oder Referentinnen verdienten irgendwo anders ihr Geld, so dass man sie mit einer „Aufwandsentschädigung“ abspeisen könne. Die Wahrheit aber sieht ganz anders aus: Wer anderswo sein Geld verdient, hat es nicht nötig, seine Zeit mit kümmerlich honorierten Auftritten zu verschwenden – es sei denn, er hat ein übersteigertes Geltungsbedürfnis oder Sendungsbewusstsein. Diejenigen, die sich auf 300-Euro-Vorträge  einlassen, sind meistens solche, die die blanke Not dazu veranlasst.

Anders ist es freilich in der Welt der Unternehmen. Dort werden andere Honorare gezahlt. Und mir ist es schon widerfahren, dass ich bei einer Unternehmensveranstaltung für exakt denselben Vortrag, den ich bei  einer Volkshochschule gehalten habe, das zwanzigfache Honorar gezahlt bekommen habe. Und das war für meinen Auftraggeber keine ungewöhnlich hohe Ausgabe. Es gibt Philosophen, die nicht unter 15.000 Euro pro Vortrag anfangen. Es gibt auch welche, die für 150Euro dankbar sind– und die nicht schlechter reden, zweifellos jedoch ein schlechteres Marketing haben; und weniger Connections. Darauf komme ich zurück.

Bleiben wir noch kurz beim Thema Vortragshonorare. Unternehmen zahlen, wie gesagt, unverhältnismäßig mehr – und manchmal, unverhältnismäßig viel. Aber in der Welt der Unternehmen weht dabei ein völlig anderer Wind als an den Volkshochschulen oder Kirchlichen Akademien oder sonstigen Bildungseinrichtungen; ein lebendigerer und motivierenderer Wind, aber  auch  ein  rauerer  und schärferer. Denn die Zahl der Konkurrenten ist dort groß: Keynote- Speaker, Coaches und Berater rangeln sich um Auftrittsmöglichkeiten, ganz zu schweigen von Event- und Redneragenturen, die alle etwas vom fetten Kuchen abbekommen wollen. Dafür wird dann oft ein ungeheures Marketing-Geklingel inszeniert, das zuweilen eher an einen orientalischen Markt erinnert denn an einen Ort des Geistes. Und so ist es letztlich auch, denn in der Welt der Unternehmen reüssiert am ehesten, wer entweder Kontakte hat oder das beste Marketing. Geist spielt in der Regel keine Rolle. Denn der Geist hat auch in diesen Sphären wenig oder keinen Wert. Wert hat, was Erfolg verspricht oder zumindest eine gute Unterhaltung bietet. Geistesarbeiter und Künstler haben es von daher schwer, in Unternehmen Fuß zu fassen. Und selbst wenn sie es – ich rede aus Erfahrung – schaffen, dort Vorträge zu halten oder Workshops anzubieten, hält die Begeisterung der Auftraggeber meist nicht lange vor. Nicht weil man zu schlecht wäre, sondern weil die Zeit in Unternehmen so schnell getaktet ist, dass längere Commitments äußerst selten sind.

Meine Lehre aus dem Vortragsbusiness ist folgend: Geist hat keinen Wert – zumindest keinen Wert, der monetär abbildbar oder in Geldwert übersetzbar wäre. Die Vergütung der Leistung, die man als Geistesarbeiter oder Künstler erbringt, richtet sich ausschließlich nach der Finanzkraft und Gunst der Auftraggeber, keineswegs aber nach der Qualität der Arbeit. Sie richtet sich auch nicht nach dem Bedarf der Kulturschaffenden. Sie folgt keinem irgendwie rationalen Muster. Und das ist deprimierend. Es ist sogar demütigend, wenn die Vergütung einer geistigen Leistung überhaupt nicht mehr in monetärer Währung verrichtet wird, sondern lediglich und bei vollem Bewusstsein der Täter in dem Medium des neuen digitalen Marktes: der Aufmerksamkeit.

Seit etwa drei Jahren häufen sich Anfragen wie diese: „Wir wollen Sie gern für einen Vortrag bei einer Konferenz gewinnen. Leider können wir Ihnen kein Honorar in Aussicht stellen, aber im Publikum werden lauter Top-Führungskräfte und Multiplikatoren sitzen, so dass Sie sicher lukrative Folgeaufträge generieren können.“ Jede dieser Anfragen ist ein Schlag in den Nacken. Denn jede dieser Anfragen lautet übersetzt in die Sprache der Wahrheit: „Wir wollen, dass Sie für uns arbeiten, aber Ihre Arbeit ist uns nichts wert“. – Soviel zum Thema Wertschätzung. Geschäftsgebaren wie diese beobachten wir nicht nur bei Startups, die sich als Kongress- Veranstalter hervortun. Wir bekommen sie ebenso von Unternehmerverbänden, DAX-Unternehmen und wohlsituierten Stiftungen oder arrivierten Unternehmen. Vollends zum Schlag ins Gesicht werden sie, wenn Veranstaltungsagenturen sich mit solch unmoralischen Angeboten vorstellig machen: Agenturen, von denen man weiß, dass sie sich ihre Dienste von ihren Auftraggebern üppig vergolden lassen und die bedenkenlos diejenigen ausnutzen, die ihnen am Ende den Event stemmen sollen: die Künstler, Kulturschaffenden und Geistesarbeiter. Wenn ich mir diese Entwicklung vor Augen führe, dann erinnert sie mich zunehmend an die Öl-Industrie. Alle wollen sie an der Tonne Öl verdienen: vom Ölkonzern über den Tankwart bis zum Staat. Nur diejenigen, die den Rohstoff fördern und im Schweiße des Angesichts das Zeug aus der Erde pumpen werden mit Hungerlöhnen abgespeist. Genauso ist es mit der Ressource
Geist – nur dass sie, wie wir noch sehen werden, bei Lichte besehen viel wichtiger ist als Rohöl: Diejenigen, die an der Quelle arbeiten und dem Geist Sprache und Form geben – die Dichter, Denker, Künstler und Kulturschaffenden –, verdienen kaum daran. Den Reibach machen all die anderen: die Agenten und Agenturen, die Verlage und Veranstalter, etc.

Es ist ein übles Spiel, das hier gespielt wird. Und es ist ein falsches Spiel: Denn der Deal „Vortrag gegen tolles Publikum und Folgeaufträge“ ist nach meiner Erfahrung noch nie aufgegangen. Das einzige, was man als Geistesarbeiter oder Künstler davon hat, ist in den meisten Fällen: mehr Arbeit und mehr Frust. Denn die Wahrheit – die traurige– ist nun mal: Von einem tollen Publikum und deren Aufmerksamkeit kann niemand leben. Zumal deshalb nicht, weil die vielberufene Aufmerksamkeitsökonomie sich mit geistiger Arbeit noch schlechter verträgt als die konventionelle monetäre Ökonomie.

Qualität oder Quote?

Die Aufmerksamkeitsökonomie hat ihren Ursprung im Internet, genauer in den sozialen Medien. Da digitale Angebote im Netz in den meisten Fällen kostenlos zur Verfügung gestellt werden, müssen sich die Anbieter durch Werbung finanzieren. Um üppige Erträge zu erwirtschaften, müssen sie möglichst viele Nutzer möglichst lange an ihre Seiten binden. Werbeeinkünfte sind bei Lichte besehen der Schlüssel, nach die Währung der Aufmerksamkeit in die monetäre Währung konvertiert wird. Diese Dynamik ist für Geistesarbeiter und Künstler fatal. Sie zwingt sie dazu, irgendwie Aufmerksamkeit für ihre Werke zu generieren. Nicht mehr die Qualität entscheidet über ihren Wert, sondern ausschließlich die Quote.

Diese Dynamik beschleunigt die prekäre materielle Situation vieler Geistesarbeiter und die Erosion des Geistes. Die materielle Situation verschärft sich, weil Geistesarbeiter infolge der Digitalisierung gezwungen werden, bei steigenden Ausgaben sich selbst zu verdoppeln: Wenn sie mithalten wollen, kommen sie nicht umhin, sich nicht länger bloß auf dem analogen, sondern ebenso auf dem digitalen Marktplatz zu zeigen. Das wiederum setzt voraus, viel Zeit und Geld für die Präsenz in sozialen Medien zu investieren, häufig auf Instagram zu posten, ggf. eine Webseite zu unterhalten, in bestimmten Foren aufzutauchen etc. Das alles sind zunächst reine Investitionen, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Selbst wenn das gelingen sollte, ist es dann immer noch ein weiter Weg zurück in die analoge Welt, um dort ein Werk, einen Text, einen  Vortrag,  ein  Seminar  oder sonst was zu verkaufen. Die Vorleistungen, die infolge der digitalen Verdoppelung der Welt erbracht werden müssen, stehen oft in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag. Und die hohen Click-Raten oder Likes auf dem Instagram-Konto schmeicheln zwar vielleicht dem Ego (was immerhin etwas wert ist), füllen aber keineswegs das Konto und helfen nicht, die Ausbildung der Kinder zu finanzieren.

Hier droht eine gewaltige Falle, in die schon manche Kollegin und mancher Kollege getappt sind: die Verheißung der digitalen Technik sind so leuchtend; es scheint so einfach, seine Inhalte an den Mann zu bringen; es schaut so gut aus, wenn man viele Follower und Freunde hat – doch am Ende des Tages ist es alles Schall und Rauch. Die Zeit und das Geld, die man investierte, sind dahin, ein paar Webdesigner haben gut verdient, doch man selbst gerät in Teufelsküche. Denn nun muss man zwei Welten gleichzeitig bespielen – um am Ende doch nur (mit viel Glück) in einer der beiden Geld zu verdienen. Die Zeit wird dafür immer knapper. Und der Geist, um dessentwillen man das Ganze angefangen hat, verrinnt zwischen den Fingern und beginnt zu erodieren. Nichts, so will mir nach zwanzig Jahren digitaler Medien und digitaler Aufmerksamkeitsökonomie scheinen, hat die Erosion des Geistes so vorangebracht, wie seine digitale Simula- tion im Internet. Wir bekommen von dort immer mehr Information, aber immer weniger Inspiration. Und wer inspirieren will, findet inmitten der Informationsflut immer weniger Zeiten und Räume, in denen er das könnte – vor allem immer weniger Publikum, dass dafür zu zahlen bereitwäre. Die Armut nimmt im digitalenRaum dramatisch zu: die geistige Armut der Gesellschaft und die materielle Armut der Geistesarbeiter. Zumal die Luft im analogen Raum auch immer dünner wird.

Kompetenz oder Kontakte?

Vor wenigen Tagen erhielt ich eine Mail von einem politisch aktiven Freund und Kunden. Er wies mich auf eine Veranstaltung in meiner Heimatstadt zum Thema „Change-Management aktiv gestalten“ hin, als deren Hauptredner der ortsansässige Bischof annonciert worden sei. Sein Vorschlag, zu einem Thema, bei dem es um Innovation und Transformation gehe, nicht ausgerechnet einen kirchlichen Repräsentanten einzuladen, sondern jemanden, der sich seit Jahren in seinen Veröffentlichungen Gedanken über ein zukunftsfähiges Wirtschaften macht, hatten keine Resonanzgefunden – für ihn, wie inzwischen auch für mich – symptomatisch: Wo immer Tagungen, Konferenzen, Symposien oder dergleichen stattfinden, greifen die Veranstalter vorzugsweise auf ihre bewährten Netzwerke zurück. In Kleinstädten bleibt da durch die Kulturlandschaft ein Monopolbetrieb für ein paar wenige: meistens diejenigen, die in der richtigen Partei sind, einen guten Draht zur Kirche haben oder sonst irgendwie in die üblichen Honoratioren- Seilschaften gelangt sind. Man schustert sich gegenseitig nicht nur Pöstchen zu, sondern auch Aufträge im Kultur-oder Bildungsbereich. Wer nicht dazu gehört – oder dazugehören will, weil ihm oder ihr die geistige Freiheit lieb und teuer ist, bleibt außen vor.

Was im Kleinen zutrifft, gilt nicht weniger im Großen. Der Berliner Musik-Kabarettist Pigor schrieb vor einigen Jahren einen passenden Song zu dem Thema. Titel: „Fernsehmoderatoren laden sich gegenseitig ein“. Was er dabei sagen wollte: In Sendeanstalten ebenso wie in den Feuilletons der großen Blätter gilt das eherne Gesetz des „Üblicherweise“. Redakteure und Programmmacher haben über die Jahre ihre Netzwerke gebaut, aus dem sie hofiert werden und indem tragfähige und belastbare Abhängigkeitsverhältnisse herrschen. Daraus kann man sich bedienen – darin ist man auf der sicheren Seite. An Neuem, Innovativen oder Unkonventionellen besteht kein Bedarf. Und falls das etablierte Netzwerk nichts hergibt, dann sucht man sich die (Gesichts-)Prominenten, von denen man glaubt, man könne mit ihnen nichts falsch machen. Anders jedenfalls lässt sich nicht erklären, warum sich so manche nichtssagende Kulturschaffende seit Jahren in den prominenten Talkshowstummeln, obwohl in der zweiten, dritten und vierten Reihe hunderte sitzen, die dorthin einen frischen Geist mitbringen könnten.

Ohne Connections scheint es unmöglich, in lukrativen Medien zu landen. Nicht nur, weil sich die Verantwortlichen dort schon lange nicht mehr die Mühe machen, nach neuen, frischen, geistreichen Gesichtern Ausschau zu halten, sondern auch, weil die wenigen Plätze an der medialen Sonne heißbegehrt und hart umkämpft sind. Leider neigen Kulturschaffende und Geistesarbeiter deshalb zunehmend dazu, ihrer Kolleginnen und Kollegen als Konkurrenten zu betrachten und sich möglichst vom Leib zu halten. Wir haben Jahre lang vergeblich versucht, Philosophinnen und Philosophen dazu zu bringen, sich zusammenzuschließen, um gemeinsam zu agieren. Gelungen ist es erst vor kurzem mit der digitalen Plattform DenkDuett www.denkduett.de .

Doch für die wenigen Medienstars und gut Verdienenden unter den Kulturschaffenden ist das Leben auch nicht wirklich komfortabel. Denn während die weniger vom Glück begünstigten verzweifelt und vergeblich um die Aufmerksamkeit der Medienmacher buhlen, versuchen eben diese soviel es irgend geht aus ihren Stars herauszuquetschen. Wer erst einmal oben angekommen ist, zahlt einen hohen Preis dafür, die Position zu halten. Denn die Vermarktungsmaschinerie schlägt eisern zu, ist es doch viel einfacher, einen einzigen dicken Fisch auszunehmen als viele kleine.

Was in diesem ganzen Kultur- und Medienbetrieb vollends auf der Strecke bleibt sind Untergeist, Innovationsbereitschaft und Mut. Die Szene ist von einer beispiellosen Angst besetzt, die jeden Versuch, etwas Neues zu wagen, unbekannte Künstler zu fördern, junge Autoren aufzubauen, Talente zu fördern oder dergleichen sofort unter dem unerbittlichen Diktat des Kostendrucks – ach was: der Controller – erstickt. Die Folgen liegen auf der Hand. Der kreative  Nachwuchs  bleibt  aus,  kulturelle  Innovation  findet nicht statt, Inspiration zu einer echten und nachhaltigen Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft erlahmt. Wir treten deshalb auf der Stelle, verarmen geistig, während die Kulturschaffenden auch materiell verarmen.

Corona und die Folgen

Diese für sich genommen düstere Diagnose ist seit März 2020 infolge der Covid-19 Pandemie noch finsterer geworden. Für freischaffenden Geistesarbeiter und Künstler droht seither das Ende ihrer Profession. Wer anderes behauptet, redet die Dinge schön. Was sie definitiv nicht sind  –  denn  mit dem Berufszweig der freien Kulturschaffenden stirbt die freie Kultur und mit ihr der freie Geist, ohne den kein freies Gemeinwesen vorstellbar ist.

Auch hier bin ich versucht, den nächstes Absatz mit „gewiss“ zu beginnen: Gewiss, die Regierenden in Bund und Ländern haben sich der Kulturschaffenden erinnert und ihnen finanzielle Hilfen  gewährt  –  Peanuts im Vergleich zu dem, was man für ‚systemrelevante‘ Spartenauszugeben bereit ist, aber immerhin. Doch sechs Monate nach dem Beginn des Lock- down zeichnet sich ab, dass die bisherigen Hilfsmaßnahmen nur ein Tropfen auf den heißen Stein waren. Das soll ihre Bedeutung nicht schmälern, aber doch daran erinnern, dass noch immer eine große Zahl von Menschen in ihrer professionellen Existenz bedroht ist, wenn nicht sehr bald wieder Kulturveranstaltungen, Vorträge etc. in alter Form stattfinden können.

Ob die durch Corona beschleunigte Erosion des Geistes im Ganzen aber noch zu stoppen ist, muss nach den Erfahrungen der letzten Monate allerdings bezweifelt werden. Denn was geschah? Ich plaudere aus dem Nähkästchen – wohlwissend, dass es vielen anderen genauso ging. Noch im März 2020 wurden Vorträge, Workshops, Seminare etc. bis zum Ende des Jahres storniert. Die Pandemie der Absage griff um sich und entmutigte, ja demoralisierte Tausende Kulturschaffende. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es vielerorts den Zuständigen in den Behörden weitaus einfach erschien und erscheint, eine Veranstaltung „wegen Corona“ abzusagen, als sich ein kluges Konzept einfallen zu lassen, wie es trotzdem gehen könnte. Angst und Bequemlichkeit, die an- gestammten Todfeinde des Geistes, haben seit März 2020 in diesem Land Hochkonjunktur – bedauerlicherweise gefüttert von einer unglücklichen Kommunikationspolitik der Regierenden.

Auch in vielen Unternehmen funktionierte Covid-19 wie ein Lackmus- Test oder Katalysator. Wie viel Wert misst man dem Geist dort wirklich bei, das war die Frage, die sich stellte. Die Antwort lässt an Klarheit nicht zu wünschen übrig: wenig oder keinen. Alle meine Prozesse der „Denkbegleitung“ wurden ausgesetzt – meistens unter aufrichtigen Bekundungen des Bedauerns. Aber ich müsse doch verstehen: In Zeiten der Not gelten andere Prioritäten. Auch könne man Eigentümern oder Aufsichtsräten nicht vermitteln, warum inmitten einer Krise mit einem Philosophen ein Workshop über Vertrauen oder Verantwortung veranstaltet werden müsse. Ja, so ist es wohl… - Die Erosion des Geistes ist weit fortgeschritten und beschleunigt sich immens.

Wie gut dann doch, so dachte mancher in der Not der Stunde, dass es digitale Medien gibt. Immerhin kann die Kultur ja dorthin ausweichen, so schien es. Und so waren wir gerührt, als uns aus Italien die Bilder eines auf Zoom zusammen singenden Chores zugespielt wurden; und wir waren voller Zuversicht und Hoffnung, als uns erste Anfragen für schlecht, aber immerhin doch bezahlte digitale Vorträge erreichten. In der Not, so sagt das Sprichwort, frisst der Teufel Fliegen. Die Verlagerung ins digitale Medium war für viele Geistesarbeiter und Kulturschaffende eine wichtige Erfahrung. Sie half Berührungsängste überwinden und nötigte gleichsam dazu, Gehversuche auf einem für viele ansonsten noch unbekannten Planeten zu wagen. Dabei zeigten sich sehr bald die Stärken und die Schwächen digitaler Kommunikation. Die Stärke war zunächst unzweifelhaft, dass es über entsprechende Web-Plattformen möglich war, digitale Angebote zu unterbreiten und so im Gespräch mit Kundinnen und Kunden zu bleiben – die Schwäche lag jedoch darin, dass man, notgedrungen, seine Angebote unentgeltlich auf den digitalen Marktplatz schleppte und dort nun zwar die ersehnte Aufmerksamkeit fand, nicht aber die dringend gebrauchten Einkünfte. Mit der Zeit und wachsender Erfahrung entstanden dann zwar auch Ideen zu neuen Geschäftsmodellen, die auch funktionieren können – nur auf einem deutlich niedrigeren Niveau als Veranstaltungen im analogen Raum. Auf Dauer, so viel zeichnet sich in meinen Augen deutlich ab, wird sich das analoge Kulturgeschehen nicht von der Bühne oder aus der Galerie in den digitalen Raum verlegen lassen. Und wenn doch, bleibt weiterhin die Last der Verdoppelung der eigenen Profession bei weiterhin nur 24 Stunden Zeit pro Tag.

Gravierender noch für viele Kulturschaffende aber ist, was ich „das Schweigen der Monitore“ nenne. Was ich damit sagen will, ist folgendes: Wirkliche Begeisterung kommt bei digitalen Veranstaltungen nicht auf. Damit der Geist weht und Menschen inspiriert, braucht es nach der Erfahrung der Corona-Monate die physische, leibhaftige Begegnung. Es war für mich ein großes Fest, nach fünf Monaten der Abstinenz endlich wieder open Air an einem milden Sommerabend einen philosophischen Vortrag vor lebenden Menschen halten zu dürfen. Und mir scheint, die Anwesenden genossen es auch, einmal wieder physisch dem Geist zu begegnen. Sollte solches dauerhaft und bleibend nicht mehr möglich oder nur sehr eingeschränkt möglich sein, wird die Erosion des Geistes weiter um sich greifen.

Der Umzug der Kulturschaffenden in den digitalen Raum ist so gesehen ein ambivalentes Geschehen. Dies auch unter dem Aspekt, dass der Trend zur Vetterleswirtschaft im Kulturbetrieb durch ihn begünstigt wird. Je mehr nämlich Kunstschaffende und Geistesarbeiter aus dem öffentlichen Raum verschwinden, desto unwahrscheinlicher, dass eine oder einer von ihnen, die oder der noch nicht zu den Arrivierten oder Stars gehört, irgendwie entdeckt oder gefunden werden könnte. Das heißt: Der Trend geht dahin, dass sich im digitalen Raum eine Armada mehr oder minder mittelloser Kulturschaffender versammeln wird, die idealerweise kleine Fangemeinden um sich sammeln– ungeachtet der Qualität ihrer Arbeit – während im analogen Raum nur noch, vermutlich für zunehmend teureres Geld, diejenigen auftauchen werden, die sich einen gut geölten Marketingapparat leisten können und in den bestehenden Netzwerken bereits wohlgelitten sind. Die Schere wird auch hier infolge von Corona weiter auseinandergehen. Und verlieren wird dabei … der Geist – und mit ihm die Kultur. Oder etwa nicht?

Die Notwendigkeit des Geistes

Covid-19 hat, ich sagte es bereits, die wunderbare Eigenschaft, die Dinge deutlicher ins Licht zu rücken. Das gilt nicht nur für die alles in allem bedrohliche Lage der Kulturschaffenden, es gilt auch für die alles in allem bedrohliche geistige Verfassung unserer Gesellschaft. Denn tatsächlich wurde in den letzten Wochen sichtbar, wie sehr deren geistige Verarmung schon vorangeschritten ist. Denn bis heute ist es hierzulande nicht gelungen, der Pandemie geistig beizukommen. Gravierender noch: Man hat es nicht einmal versucht. Nicht Künstler oder Philosophen wurden in die Talkshows eingeladen, um der Krise Sinnperspektiven abzugewinnen. Stattdessen hing man an den Lippen der Virologen, die zwar wissenschaftliche Erkenntnisse mitteilen konnten, zur Sinnstiftung und moralischen Energetisierung der Gesellschaft jedoch nichts beitrugen; ebenso wenig wie die Kirchen übrigens, die sich eher auf Hygienekonzepte für Gottesdienste oder digitale Klingelbeutel fokussierten als auf die Frage, wie man Menschen in Krisen seelisch und geistig aufbauen kann: oder wie man ihre mentale Resilienz stärkt. Hier klafft ein Vakuum, dessen Bedrohlichkeit dadurch nicht gemildert wird, dass viele Menschen schon gar nicht mehr in der Lage sind, es wahrzunehmen und es verzweifelt dadurch zu füllen versuchen, dass sie sich auf vermeintlich alles erklärende Verschwörungstheorien stürzen oder bei ‚Hygiene-Demos‘ mitmarschieren.

In früheren Zeiten, zu denen das geistige Vakuum noch nicht so groß war wie heute, hätte man damit rechnen dürfen, dass die Pandemie und ihre Folgen in den meinungsbildenden Blättern diskutiert würde: dass Kulturschaffende in ihren Arbeiten die existenziellen Stimmungen der Krise aufgreifen und verarbeiten; ja, dass Politiker oder politische denkende Intellektuelle über Visionen für die Post-Corona-Zeit nachdenken. Nichts davon. Über die Fantasie eines Cappuccino im September, bei dem der Lockdown wie eine verblasste Erinnerung aus einem schlechten Traum erscheint, sind wir nicht hinweggekommen. Stattdessen richten sich noch immer alle Blicke der Verängstigten auf die Labors der Pharmaindustrie, in denen unter Hochdruck am erlösenden Impfstoff geforscht wird. „Ja, wenn ich erst geimpft bin, werde ich auch wieder ins Theater gehen“, habe ich zuletzt häufig zu hören bekommen. Ja, wenn es denn dann noch Theater gibt, bin ich zu antworten versucht.

So oder so: Die Covid19-Krise zeigt in aller Deutlichkeit, in welchem Maße das geistige Fundament unserer Gesellschaft bereits erodiert ist. Und sie zeigt leider auch, wohin es führt, wenn dieser Trend sich fortsetzt: Massenhysterie, Populismus, Radikalismus – bei gleichzeitigem Mangel an Inspiration, Begeisterung, Kreativität, visionärem Denk, Mut und Leidenschaft. Die Erosion des Geistes mussgestoppt werden. Eine weitere geistige Verarmung können wir uns nicht mehr leisten. Und als Sofortmaßnahme muss etwas gegen die materielle Verarmung der Kulturschaffenden und Geistesarbeiter unternommen werden. Fragt sich nur was?

Ausblick

Aus der Entwicklungszusammenarbeit weiß man seit Jahrzehnten: Einem notleidenden, schwächelnden Staat tut man langfristig nichts Gutes, wenn man ihm gelegentlich ein paar Milliarden überweist. Besser als solche Hilfszahlungen (die zur unmittelbaren Linderung von Not durchaus berechtigt sind), sind langfristige Projekte nach dem alten Motto Hilfe zur Selbsthilfe. Aus der sozialen Arbeit weiß man Ähnliches. In Not geratenen Menschen hilft man nicht durch milde Gaben (die ihre Empfänger schlimmstenfalls beschämen), sondern durch eine systematische und langfristige Unterstützung, die ihnen den Weg zur Partizipation an der Gesellschaft ebnen können. Diese Erkenntnisse und Erfahrungen sollten sich unsere Regierenden zunutze machen, wenn im Jahr 2021 die große Insolvenzwelle der privatwirtschaftlichen Kulturbetriebe und Solo-selbständig-Kulturschaffenden über uns hereinbrechen wird. Dann wird es mit dem staatlichen Ankauf von Kunstwerken oder ein paar tausend Euro nicht getan sein; dann wird es  an der Zeit sein, langfristig angelegte Maßnahmen zur Rettung der Kultur im Lande zu ergreifen – vorausgesetzt, man will das wirklich.

Da ich kein Politiker bin, kann ich diesbezüglich nicht mit elaborierten Vorschlägen aufwarten. Hier ist die Politik gefordert– idealerweise im Dialog mit Vertretern der selbständig Kulturschaffenden, die sich unter dem Druck der Krise zunehmend in Berufsverbänden organisieren. Das Spektrum möglicher Maßnahmen dürfte von Steuervergünstigungen bis zu einem Arbeitsplatzförderung für Kulturschaffenden, die in Unternehmen, Organisationen usw. über einer bestimmten Beschäftigten Zahl eingestellt werden - die Hälfte der Kosten übernimmt hierfür der Staat. (Idee: Künstler in Unternehmen).  Sicherlich werfen solche Modelle Fragender Durchführbarkeit auf, etwa wie bestimmt werden soll, wer berechtigte Ansprüche auf solche Leistungen erheben kann. Aber dafür Lösungen zu finden ist kein Hexenwerk für eine Regierung, der es nicht schwerfällt, Milliarden für Bankenrettungen freizugeben.

So oder so: Es muss etwas geschehen. Um des Bestandes und der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft willen dürfen wir uns nicht damit ab- finden, wenn es junge Menschen im Sommer 2020 für eine ausgemachte Sache halten, dass ihre Freundin, die so gerne malt und musiziert, später einmal eine arme Künstlerin sein wird.

Christoph Quarch www.christophquarch.de, Fulda September 2020