Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Autofreie Stadt
Im Magazin "Energy Mix" wird eine neue Konzentration auf die de-facto-Abschaffung des Autos gefordert. Grundsätzlich teile ich dieses Ziel für die Großstädte, aber die Kritik vor allem aus liberaler und konservativer Seite, dass die Realität auf dem Land nicht abbildet, wo eine öffentliche Verkehrsinfrastruktur oft nicht einmal für Schulbusse wirklich existiert, wird mir von den entsprechenden grün-progressiven Zirkeln allzu oft ignoriert. Projekte wie die in Barcelona und Paris erfordern letztlich ultradichtes Wohnen - oder zumindest einigermaßen verdichtetes. Ich sehe das in der Region, in der ich selbst lebe. Eine Stadt wie Fellbach mit ihren rund 44.000 Einwohnenden und S-Bahn-Anbindung kommt, sofern man sich für den Job entlang der Bahnstrecke bewegt, ohne eigenes Auto aus, weil es nur stark zehn Minuten ins Stuttgarter Zentrum sind. Bereits die Kleinstädte drumherum und weiter hinein ins Remstal - also quasi zehn Minuten in jede beliebige Nicht-Stuttgart-Richtung sind ohne eigenes Auto kaum zu navigieren. Da muss ich nicht erst ins schwäbische Outback hinter Tübingen oder gar auf die Schwäbische Alb oder ins Allgäu hinauf, wo man gefühlt bereits Allradantrieb braucht (natürlich nicht, aber so fühlt es sich an). Solange die grünen Kräfte hier keine Lösung anbieten, werden sie immer die metropolitische Hipsterpartei bleiben.
2) Serien falsch schauen
In "Pop Heist" schreibt Matthew Jackson darüber, dass das "detektivische" Schauen von Serien, also das ständige Analysieren, wie es weitergehen könnte, in weiten Teilen der Fangemeinschaft zu einem toxischen Sehverhalten geführt hat, das mit einem Anspruchdenken an den Fortgang der Geschichte einhergeht - und äußerst aggressiv auf Enttäuschungen dieses Anspruchdenkens reagiert. Dabei stehen sich die Leute damit selbst im Weg und nehmen sich selbst die Freude: "Lass eine Geschichte einfach mit dir geschehen, anstatt jeden einzelnen Handlungsverlauf zu hinterfragen, nur weil du dir eine andere, ideale Version ausmalst, die du ohnehin nie zu sehen bekommen wirst (es sei denn, du schreibst Fanfiction – aber das ist ein ganz anderes Thema und würde hier zu weit führen). Erlaube dir den Luxus, dein inneres „Kontobuch“ und deine Checkliste beiseitezulegen, Erwartungen loszulassen und dich stattdessen für alles zu öffnen. Wenn du das tust, werden Geschichten nicht nur besser – du wirst sie auch besser verstehen und intensiver fühlen. Die Geschichte schuldet dir nichts. Aber wenn du es zulässt, kann sie dir alles geben." Und das ist genau der Punkt. Man muss die Geschichte auf sich wirken lassen und keine Erwartungen haben. Paradoxerweise hat man dann wesentlich mehr davon. Zumindest, wenn die Geschichte es wert ist, erzählt zu werden. Aber gerade trennt sich dann die Spreu vom Weizen.
3) Männerbilder
Maximilian Helmerzheim analysiert in der Welt eine Achse zwischen Grünen-Vorsitzendem Daniel Banaszak, AfD-Größe Tino Chrupalla und CDU-Nachwuchsaspiranten Philipp Amthor. Sie alle würden versuchen, Männlichkeit politisch zu definieren, wenngleich auf unterschiedliche Weise. Er sieht jeden dieser Versuche als Fehler, weil sie ideologisch vorgehen würden und die Lebensrealität nicht treffen könnten, weil die viel diverser sei. Und: ja, sicher. Nur ignoriert Helmerzheim hier in meinen Augen einen wichtigen Punkt, nämlich dass die Politik ja durchaus Diskurse anstößt und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zumindest begleitet. Was genau ist seine Anforderung? Dass die Leute schweigen? Es gibt keinen "natürlichen" Zustand, und die Politik ist ja auch nicht neutral in der Frage; die traditionelle Familie wird ja sogar grundgesetzlich geschützt. Ich halte die Kritik daher für verfehlt: selbstverständlich haben Politiker*innen das Recht, ihre Ansichten in den Diskurs einzubringen. Eine amtliche Definition des "Mann-Seins" liegt ja weder bei Amthor noch bei Banaszak vor, nur - wie Helmerzheim ja durchaus richtig erkennt - bei Chrupalla.
Gleichzeitig regt sich Widerstand gegen die Kritik an Männlichkeitsvorstellungen generell, der wiederum auf harsche Gegenkritik stößt. Wolfgang Schmidtbauer etwa fragt in der ZEIT, ob denn auch jemand an die Kinder denke, die darunter litten, wenn ihre Väter unter Generalverdacht gestellt werden, während Andrea Geier diesen Ansatz auf Bluesky harsch kritisiert. Ich finde, die Kritiker*innen haben hier schon einen Punkt: Formulierungen wie "Frauen sind im Wald sicherer, wenn sie einem Bären begegnen, als einem Mann" sind als Zuspitzungen des Themas vielleicht gerade noch erträglich, aber wenn sie ernstgemeint sind, drohen sie, das Ding in eine Richtung zu drehen, das Männer grundsätzlich unter den von Schmidtbauer kritisierten Generalverdacht stellt und damit dem Anliegen, gegen Männergewalt vorzugehen, einen Bärendienst erweist.
4) Französische Aussichten
In Politico gibt es ein lesenswertes Porträt der europapolitischen Forderungen des rechtsradikalen Präsidentschaftsbewerbers Bardella. Der erklärt, dass er den "zunehmenden deutschen Einfluss" bekämpfen will. Dass Frankreich seine eigenen Forderungen immer mehr durchgesetzt sieht, ist dabei eigentlich offenkundig - auch wenn das die Rechtsradikalen natürlich ignorieren. Schließlich ist die Integration der EU in Sicherheits- und außenpolitischen Fragen ein reichlich französisches Projekt. Eigentlich. Der ohnehin stets vorhandene Verdacht, dass die Franzosen sie nur als Plattform ihrer eigenen Großmachtpolitik nutzen wollten, lässt sich jetzt, wo eine deutlich größere deutsche Rolle im Raum steht, nur schwer abschütteln. Generell ist ein möglicher Bardella-Sieg bei den Wahlen ein echtes Problem für die EU, weil eine ihrer treibenden Kräfte damit auf einen Anti-Kurs schwenken würde. Zwar steht ein Frexit nicht in den Karten, aber wenn nach Italien die zweite Gründungsmacht der Union in diese Richtung geht, kann das nicht gut sein - auch und gerade für den Aufbau militärischer Kapazitäten zum Schutz der Ostflanke, bedenkt man, wie sehr sich der FN gegenüber Russland prostituiert und wie exponiert sein Spitzenpersonal gegenüber Putin ist.
5) Nina Warken
In der Welt feiert Jacques Schuster "ganz nüchern" Nina Warken als "Person des Jahres", weil sie die "GKV geschaffen hat, die wir uns leisten können". Ich bleibe dabei, dass Warkens Reformwerk aktuell das wohl beste Projekt ist, das aus dieser Regierung hervorgegangen ist, auch wenn das nur wenig aussagt, einfach weil es tatsächlich nach allen Seiten hin wirkt. Etwas schmunzeln muss ich über das selbstherrliche "ganz nüchtern" von Schuster, das natürlich eine Phrase ist. Ich kann auch ganz nüchtern feststellen, dass Habeck recht hatte. Aber letztlich bleibt das eine Bewertung, die sich aus meinen normativen Prämissen ergibt, ob nüchtern formuliert oder nicht. Die kleinen Tricks im Werkzeugkasten. Dasselbe gilt für das "die wir uns leisten können". Mein Verdacht wäre, dass Schuster nicht auf den GKV-Katalog angewiesen ist. Manchmal würde ich mir wünschen, dass es ein Transparenzgesetz geben würde, nach dem Journalist*innen, wann immer sie von "wir" schreiben, offenlegen müssen, ob sie betroffen wären oder nicht.
Julian Aé fordert indessen im Spiegel ("Warum Globuli nicht länger auf Kassenkosten erstattet werden sollen"), dass die Streichung von "Esoterik" weiter gehen solle als nur für Globuli. Er gibt zu, dass das monetär ziemlich belanglos ist, aber postuliert eine wichtige Signalwirkung. Ich bin geneigt, zuzustimmen. Es fühlt sich völlig falsch an, auf wichtige Dinge verzichten zu sollen und Zuzahlungen zu erhöhen, aber gleichzeitig diesen Unfug zu finanzieren, egal, wie wenig es kostet. Aber ich bin natürlich auch nicht betroffen: ich lehne Homöopathie ab und bin nicht in der GKV. Transparenz. :)
6) Energiepolitik
Katharina Reiche und kein Ende: Thomas Schmid schreibt in der Welt eine Hagiografie über Katharina Reiche ("Die Schwarze Mamba"), die mich an die besten Zeiten des Springer'schen Guttenberg-Fanatismus erinnert. Dass Reiche ein etwas flexibles Verhältnis zur Wahrheit hat, spielt dabei keine große Rolle. Ich finde es auffällig, wie sehr die Ministerin bei Springer weiterhin gepusht wird. Es trägt zu der Schwächung Merz' als Kanzler bei, über die ich mit Manuel Schwalm im Podcast gesprochen habe.
Wir müssen ja froh sein, dass die ideologiegetriebene Sabotage der Energiewende bei uns nur auf dem Niveau Reiches stattfindet: In den USA bezahlt Trump Firmen dafür, damit sie ihre Investments in Erneuerbare aufgeben. Das ist wirklich der Höhepunkt des Irrsinns: staatliche Subventionen dafür, dass bereits finanzierte Investments aufgegeben werden. Manche wollen die Welt einfach brennen sehen.
Zuletzt fordert Marc Felix Serrao wie immer eine Koalition mit der AfD, dieses Mal für die Reaktivierung der Atomkraftwerke (eine in sich völlig fixe und wirklichkeitsfremde Idee), und ist wie immer zu feige, das klar zu benennen. Ich habe auch das im oben verlinkten Podcast angesprochen; ich finde es so lästig, dass diese Leute nicht zu dem stehen, was sie da fordern. Eine unglaubliche Feigheit, die aber zu den Leuten passt.
Resterampe
b) Kubicki will "den Raum zwischen CDU und AfD füllen". Der Tweet hier kommentiert es treffend: das tut die FDP mit ihren 3% aktuell.
c) Die Mineralölkonzerne haben die Benzipreise um 14 bis 16 Cent angehoben, bevor der Tankrabatt greift. Was für eine Farce.
d) Ein Artikel zu der fixen Idee einer Minderheitenregierung, der keinen weiteren Kommentar erfordert. Quasi das definitive Schriftstück.
e) Tesla bricht offen das Arbeitsrecht.
f) Woher die Profite der Unternehmen in der Krise kommen.
h) Law and Order Marke CDU. War übrigens 100% vorhersehbar und wurde von mir auch prophezeit.
i) Spannender Thread zu den Problemen von Leuten, die mehr als eine halbe Million im Jahr verdienen.
j) Testfall für die Brandmauer.
k) Sehr guter Punkt zum Vertrauensverlust.
m) Ich frag nochmal diejenigen, die immer sagen, dass der Wille der Bevölkerungsmehrheit nach härterer Migrationspolitik unbedingt befolgt werden muss, nach den Konsequenzen hiervon.
n) Die Union bleibt fiskalpolitisch unseriös.
o) Zuckersteuer: Limonade und andere Softdrinks werden teurer. Endlich!
p) Vernichtende, aber zutreffende Kritik von Dieter Schnaas in der WiWo.
q) Die CDU in Schleswig-Holstein verweigert sich einem Demokratieschutzgesetz. Ich glaube, die sind überoptimistisch.
Fertiggestellt am 05.05.2026
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