Ich muss hier was gestehen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in jüngeren Jahren auf einen wie Fynn Kliemann reingefallen wäre, ist einigermaßen hoch. Wäre mein jüngeres Ich in seinen Bannkreis geraten, mit Feuereifer wäre ich wohl dabeigewesen. Hätte kostenlos oder gegen ein warmes Abendessen Arbeitsstunden in seinem Kliemannsland gekloppt. Und wäre mächtig stolz drauf gewesen, Teil von etwas so Schönem zu sein. Hätte noch danke gesagt dafür.

Hätten mir welche gesagt bzw. mich gefragt: Ähhh, bist du sicher? Ich meine, du arbeitest da für nix und dessen Laden scheint irgendwie immer größer zu werden und... - ich hätte wahrscheinlich im Brustton geantwortet: Ey komm, geh mir weg mit deinem Kapitalistenscheiß! Geht schließlich darum, eine bessere, freundlichere Welt zu erschaffen. Da darf man doch nicht immer alles nur in Geld bemessen. Und der Fynn, der macht das doch nicht des Geldes wegen. Gut, ja, der hat seine Kosten und muss schließlich auch von was leben. Aber sonst?

Dummer Junge, dummer! Ich musste erst so Mitte dreißig und einmal gewaltig verarscht werden, bis ich solche Touren endlich durchschaute und lernte, dergleichen Typen mit größtmöglichem Misstrauen zu begegnen. Zu kapieren, dass das, was sie, entgegen allen anderslautenden Beteuerungen, vor allem mal besser machen wollen, ihr Kontostand und/oder ihr Ego ist. Geholfen hat da übrigens auch ein Fall aus dem Umfeld: Die Dame war an einen 'alternativen  Heiler' geraten. Die verkaufen einem mitunter, dass die böse Schulmedizin und die Pharmamafia allein aus Geldgier handelten. Sie selbst, die sie sich mutig gegen dieses System stellten, aber schließlich auch ihre Aufwändungen hätten und daher leider, leider eine Rechnung schreiben müssten. Was er reichlich tat. Merke: Geldgierig sind immer die anderen.

(Was ich auch lernen musste: Sein Hobby zum Beruf machen, ist Blödsinn. Ein Hobby ist etwas, das man macht, um Abstand zu bekommen von seinem Beruf. Wer sein Hobby zum Beruf macht, braucht danach also ein neues Hobby.)

Es ist natürlich leicht, Kliemann jetzt zu verteufeln. Abgesehen davon, dass er mir unsympathisch ist und ich seine Musik nicht mag (was beides im Zweifel mein Problem sein kann), glaube ich ihm sogar, wenn er sagt, er habe nie einen Unterschied gemacht zwischen privatem Geld und Firmenkapital. Kann ich nachvollziehen. Für einen Unternehmer ist Geld immer auch Arbeitsmittel, das vergisst man als abhängig Beschäftigter leicht. Zudem sind die, die da für einen feuchtwarmen Händedruck mitgetan haben und mittun an der Mehrung des Kliemannschen Reichtums, wie es aussieht, allesamt erwachsene Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen getroffen haben. Mögen sie mit den Konsequenzen umgehen und daraus lernen.

Anders sieht es aus mit den Geschäften,  die er z.B. mit Masken getätigt hat. Zwar habe ich die ganzen Mails und  Chatprotokolle nicht gelesen, aber es scheint nirgends anzuklingen,  dass ihm angesichts der in Bangladesch zu den üblichen Bedingungen  hergestellten Masken und der Tatsache, dass er sie als in Europa fair  produziert ausgegeben hat, jemals Zweifel gekommen wären oder er Skrupel  geäußert hätte. Für einen, der so rumposaunt, eine bessere Welt  aufbauen zu wollen, vielleicht ein wenig dünne.

Wenn ich eines an Marktwirtschaft und Kapitalismus immer einleuchtend fand, dann dieses Bonmot, es sei besser, der Bäcker verkaufe sein Brot nicht aus Sympathie, weil ich so ein prima Kerl bin, sondern aus reinem Eigeninteresse. Das mag auf den ersten Blick nicht nett sein und ist auch nicht sehr herzenswarm, sorgt aber für klare Verhältnisse. Du-mir-geben-Hinkelstein-ich-dir-geben-Sesterzen. Keine Soße

Andernfalls wäre man nämlich abhängig vom Gutdünken oder der Gnade des Bäckers. Würde ich auch nicht wollen. Daher lehne ich auch Freundschaftspreise ab. Wer etwas für mich für Geld tut, soll einen ehrlichen Preis nennen, den ich wenn irgend möglich auch bezahle. Keinen Bock auf Schuldgefühle und Diskussionen der Marke "Ich habe das damals doch nur getan, weil..." Die Welt wäre vermutlich eine bessere, zumindest aber ehrlichere, wenn wirklich überall, wo es um Leistung gegen Leistung geht, so verfahren würde.

Ehrenamtliche Arbeit ist in alle möglichen Geschäftsmodelle fest eingepreist, und zwar nicht erst seit Kurzem. Events wie Olympische Spiele und andere Sportveranstaltungen oder Musikfestivals waren und sind kaum machbar ohne die un- bzw. kaum bezahlte Arbeit zahlloser Freiwilliger. Jeder kreativ Tätige kennt diese Anfragen, "mal eben" dieses oder jenes für umme zu machen, weil "ist ja auch irgendwie Werbung für dich und wir kennen uns doch und  so" (machte es niemand, gäbe es solche Anfragen übrigens nicht). Von Veranstaltungen wie den 'Tafeln' oder so genannten Ein-Euro-Kräften habe ich noch gar nicht angefangen.

Es ist gut, dass Kliemanns diverse Geschäftsgebaren jetzt ans Licht kommen und man sollte ihn gewiss nicht unnütz in Schutz nehmen. Ein Einzelfall ist er aber definitiv nicht, im Gegenteil. Jetzt mit dem Finger bloß auf ihn zu zeigen, hätte daher was von billigem Exorzismus.






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