Lauterbachs Mogelpackung

Die Ankündigung, des Gesundheitsministers „Homöopathie“ aus der Kassenleistung zu streichen, klingt gut.

Auf den ersten Blick.

Beständiger Kritikpunkt in der Diskussion um die Erstattung durch Krankenkassen war, dass hierdurch eine Adelung der gefährlichen Scheinmedizin erfolgte. Jetzt wird die Streichung der „Homöopathie“ als Kassenleistung von Lauterbach in einem Atemzug mit dem Begriff „Zusatzversicherung“ genannt. In der zunächst verlockenden Konsequenz bedeutet dies, dass Menschen, die an „Homöopathie“ glauben, sich diese Dienstleistung künftig erkaufen können, wie eine Kinokarte. Zusatzversicherungen sind den allermeisten Menschen bekannt aus dem Bereich der Zahnmedizin. Seit vielen Jahren haben sich hier Zusatzversicherungen bewährt als Mittel, um zu einem sorgenfreien (und bezahlbaren!) Lächeln zu gelangen. Kaum jemand möchte sich gerne mit Stahlkronen als Kassenversorgung zeigen. Auch ich empfehle allen PatientInnen, bei denen eine künftige Versorgungsnotwendigkeit absehbar ist, eine Zusatzversicherung – wenn ich gefragt werde. Meine Empfehlung gilt dabei stets der kleinstmöglichen Versicherungsvariante – ohne Inlays, ohne Implantate, ohne Schnick-Schnack. Damit sind 99 % aller Versorgungsnotwendigkeiten abgesichert, ohne dass jährlich hunderte von Euro auf das Konto der Versicherung fließen. Diese für die allermeisten PatientInnen sinnvollen, weil günstigen Standardtarife, werden leider nur ungern von Versicherungsmaklern angeboten. Es reicht in den allermeisten Fällen aber völlig aus, wenn der Festbetrag der Gesetzlichen Krankenkasse im Falle einer prothetischen Versorgungsnotwendigkeit um den selben Festbetrag aufgestockt wird. Somit werden ästhetische Versorgungen mit Vollkeramikkronen nicht mehr zum finanziellen Risikoereignis. Versicherungen bieten dagegen gerne teure „Rund-um-sorglos-Tarife“ an, die mit Leistungen überfrachtet sind, die in der Regel nicht gebraucht werden, oder für die es sinnvollere, nicht invasive Alternativen gibt. So warten sie denn wieder, die Versicherungen „Homöopathie“ im Paket als Zusatzversicherung andienen zu können, um auch weiterhin mit das Land mit gefährlicher €soterik versorgen zu können. Lobbygruppen scheuen seit jeher weder verlogene, aber millionenschwere „Sanft-und-Natürlich“-Werbung. Sie beauftragen sogar Meinungsforschungsinstitute um zu postulieren, dass „Homöopathie“ ja so „beliebt“ sei.

Als Student lernte ich an der Uni, dass ich als Arzt das zu tun habe, was PatientInnen dient und ihre Genesung fördert. Gefälligkeitstherapien dagegen, also Dinge oder Handlungen, die sich PatientInnen wünschen sind ethisch nicht vertretbar und daher zu unterlassen. Lauterbach will aber mit seiner Mogelpackung genau diese Tür öffnen. Eine Tür, die für viele Menschen – insbesondere TumorpatientInnen, die nach Strohhalmen greifen – der sichere und nachweislich vorzeitige Tod bedeutet. Lauterbach sollte darüber aufklären, dass sich PatientInnen Gesundheit wünschen können. Oder einen empathischen, gesprächsbereiten Arzt, der einen im Falle einer ernsten Krankheit durch die schwere Zeit begleitet, aber nicht auf Irrwege führt.

Wer als Gesundheitsminister glaubhaft die Scharlatanerie abschaffen will, der schafft keine Schleichwege, sondern er schafft die „Besonderen Therapierichtungen“ ab, entzieht der „Homöopathie“ den im Ausland schon seit langem belächelten Arzneimittelstatus und damit auch synchron den privaten Krankenversicherungen auf wirksame Weise die Legitimation für Scharlatanerie.

Wer dagegen die "Homöopathie" weiterhin ungehemmt im ärztlichen Revier wildern lässt, indem er mit Privat- und Zusatzversicherungen den Nimbus der "Medizin für Reiche" fördert, hat seinen Auftrag als Gesundheitsminister nicht verstanden.

Das Votum der Bremer Ärztekammer, das zu einer Streichung der "Homöopathie" in der ärztlichen Weiterbildungsordung führte, in der Folge von nahezu allen anderen Landesärztekammern bundesweit goutiert wurde und in der Folge zur Änderung der Musterweiterbildungsordnung auf dem Ärztetag in Bremen führte, muss konsequent weitergedacht werden.

Dieses Votum darf nicht aus falscher Gefälligkeit durch peinliche Versicherungskonstrukte ad absurdum geführt werden.


Die Tagesschau hatte mich zum Thema "Zusatzversicherung" befragt.