Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Fundstücke

1) What Liz Cheney’s Lopsided Loss Says About the State of the G.O.P.

Ms. Cheney had hoped the Jan. 6 riot would be a turning point for Republicans. It did prove to be a dividing line. But it was those who crossed Mr. Trump who have suffered the electoral consequences. [...] “Policy is not policy toward improving government,” Mr. Meijer explained. “It’s policy as a signifier of whether you’re part of the in group or the out group.” Refusing to repeat the lie that the 2020 election was stolen, he said, put Mr. Meijer squarely in the “out group.” “I can’t tell you the number of times somebody said, ‘You don’t have to believe the election is stolen, the important thing isn’t believing it, it’s saying it,’” Mr. Meijer recalled in an interview. “That is what a Republican is supposed to do right now.” [...] The cleansing of Trump critics from the Republican Party is still in progress and so thorough that much of it now happens without Mr. Trump’s direct involvement. Allies at local and state parties, as well as at Republican-linked organizations, censure or oust those who break with the new orthodoxy. [...] Some disagreement with Mr. Trump can be countenanced in the party but more open rebellion or disparagement is unforgivable. That presents a challenge for would-be Republican alternatives who are critical of Mr. Trump, like Gov. Larry Hogan of Maryland, who was seen flipping pork chops at the Iowa State Fair last week. (Shane Goldmacher, New York Times)

Auch wenn Thorsten Haupts das jetzt wieder in Bausch und Bogen abstreiten wird, aber die Liz-Cheney-Episode zeigt einmal mehr der Unterschied der GOP zu den Democrats: die ideologische Uniformität ist bei Letzteren wesentlich weniger stark ausgeprägt. Die meisten Versuche der progressiven Aktivist*innen, moderate Amtsinhaber*innen in den Primaries durch linientreue Kandidat*innen zu ersetzen sind gescheitert, und not for lack of trying. Das "Squad" aus immerhin vier (!) radikaleren Abgeordneten (etwa Omar und Ocasio-Cortez) ist in der Partei die Ausnahme, während das ideologische Spiegelbild bei den Republicans die Regel ist. Die aktuellen Vorwahlen belegen es erneut: neun von zehn Abgeordneten, die für das impeachtment gegen Trump stimmten, verloren ihre Vorwahl. Das Thema ist DER ideologische Lackmustest für alle Republicans.

2) Why was the Soviet Union created?

Consequently, it is not the political stability of what then constituted the USSR that was of paramount importance to its Bolshevik founding fathers but its openness. This is a point on which Lenin, Trotsky, Stalin and the entire leadership were in full agreement. The new federated Soviet Union was not the end- formation, but the beginning-formation. The Bolsheviks expected the success of the revolution in Germany, Austria and Hungary any time. Thus they expected that these new Soviet republics (as they indeed called themselves) would ultimately join them in a federated state even if they were defeated for now. It is notable that the USSR has no geographical denomination in its name. When the United States of America were created (in a somewhat similar fashion like the USSR) the founding fathers did include a geographical limit in its name. Not so the Union of Soviet Socialist Republics. [...] Perhaps for today’s generations that know very little about the communist ideology and the forces that led to the creation of the USSR, this may be difficult to grasp, but it would help to think by analogy: if instead of the USSR they think of the European Union. The EU is a similar supra-national and ideological creation, and it is at present thought “natural” in many parts of Europe to believe that countries will ultimately “accede” to that Union. It was likewise thought “natural” among the communists that, as individual countries became free, they would “accede” to the Soviet Union. (Branko Milanovic, Global Inequality)

Das ist eine super spannende Erklärung und war mir bisher so nicht geläufig. Klar, Lenin glaubte an die Weltrevolution, aber mir war nicht bewusst, dass die verbreitete Vorstellung war, dass alle Länder früher oder später Teil der UdSSR würden und diese dann quasi ein Weltstaat würde - der sich dann mit dem Sieg des Sozialismus selbst abschafft. Generell scheint mir, dass der übliche nationalstaatliche Blick auf die Geschichte, der glücklicherweise (ganz, ganz) langsam aus der Mode kommt, solche Zusammenhänge gerne verdeckt. Schaut man etwa die Geschichte der Revolution von 1918/19 oder der frühen Weimarer Republik an, erschließen sich völlig neue Zusammenhänge, wenn man die Geschehnisse im Ausland mitdenkt - ob jetzt in der Sowjetunion oder in der Türkei.

3) Notwendig oder übergriffig? Aufregung über Habecks geplante Energie­spar­pflichten

Die Mittelstands- und Wirtschafts­union der CDU schimpfte dagegen in der „Bild“-Zeitung über Vorgaben wie das Verbot für Einzelhändler, ihre Türen dauerhaft geöffnet zu halten, damit keine Heizwärme „unkontrolliert entweichen“ kann: „Die Betriebe sparen schon Energie, wo sie können. Sie brauchen keine Diktate, sondern eine Regierung mit gesundem Menschenverstand.“ Auch der CDU-Wirtschaftsrat kritisierte die Pläne als „kleinteilige und völlig überzogene Regelungsflut“: „Der Verordnungs­entwurf verdeutlicht, dass die Bundesregierung keinem geordneten Plan folgt, der Bürger und Wirtschaft für die nächsten Jahre zuverlässig mit Energie versorgt und Energie wieder bezahlbar macht“, sagte der Generalsekretär des Vereins, Wolfgang Steiger, dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Anstatt das Problem mit längeren Atomlaufzeiten und langfristigen Gasverträgen zu lösen, „ergeht sich der Bundes­wirtschafts­minister in exzessivem Mikromanagement und will dezidiert vorgeben, wann Türen im Einzelhandel geschlossen, Handwaschbecken nur mit kaltem Wasser betrieben und Poolheizungen ganz verboten werden“. [...] Doch Einsparungen sind kein reines Ampelprojekt: In der EU besteht ein – allerdings freiwilliges – Energiesparziel von 15 Prozent für die Zeit von August bis April, gegenüber dem Schnitt der letzten fünf Jahre. Habeck will das mit seinen Paketen allerdings sogar übertreffen. Kein Wunder: Sein Ministerium hat errechnet, dass Deutschland etwa 20 Prozent Gas einsparen muss, um einen Mangel abzuwenden. Bislang liege die Einsparung erst bei 5 bis 8 Prozent. (Steven Geyer, RND)

Ich höre gar keine Begeisterung über Habecks klare Kommunikation mehr. Aber Spaß beiseite, es ist exakt das, was ich seinerzeit schon bemerkte und nun auch für Lindner analysierte: ob ein Kommunikationsstil ankommt oder nicht liegt nicht an dem Stil selbst, sondern an den Umständen. Wenn die halbe Republik begeistert blau-gelbe Fahnen ins Fenster hängt, braucht es keine brillante Kommunikation, um mit klaren Worten gegen Russland anzukommen. Und wenn man eine vermurkste Gasumlage in Zeiten gigantischer Energiepreisinflation verteidigen muss, kann auch ein Cicero einpacken.

Inhaltlich stimme ich zur Abwechslung der CDU mal zu. Es ist eine kleinteilige Regulierungsflut, und es ist einfach nur noch Mist. Damit setzt die Ampel nahtlos die Politik Merkels fort: kleinteiliges Rumregieren ohne jeden Plan, Symptombekämpfung und einfach auf jedes Problem Geld drauf werfen in der Hoffnung, dass es dann weggehen möge. Nur ist nicht eben zu erwarten, dass das mit der CDU anders wäre, das ist schon ziemlich eindeutig ein gesamtdeutsches Problem.

4) Deutschland-Lichtenhagen

Lange schon hatte die Union unter Helmut Kohl gefordert, das Grundrecht auf Asyl einzuschränken. Ähnlich wie die AfD unserer Tage hatten die rechtsradikalen Republikaner schon im Westen der Achtzigerjahre starke Ergebnisse geholt, Anfang der Neunziger war der Groll auf "Ausländer" und "Asylanten" in Ost wie West weit verbreitet. Das bedrohte die Union, aber auch die SPD, die einer Grundgesetzänderung zu Beschneidung des Grundrechts auf Asyl zustimmen musste, sich aber sträubte. Ausgerechnet während des Pogroms von Lichtenhagen gab sie schließlich nach. Am Sonntag, als die Neonazis erstmals in das Sonnenblumenhaus eindrangen, beschloss der Parteivorstand in Bonn-Petersberg, einer Verfassungsänderung "unter bestimmten Konditionen" zuzustimmen. Vielleicht ist das das Bitterste am Lichtenhagener Pogrom: Die rassistische Gewalt kann aus Sicht der Täter als Erfolg gedeutet werden. Und das wird sie auch. [...] Vielleicht ist "So sind wir nicht" ja tatsächlich das Beste, was ein Rostocker Stadtoberhaupt zum Gedenken an Lichtenhagen sagen kann. In diesem Satz steckt schließlich beides, das in der Stadt spürbar ist: Die Scham über das Geschehene und genauso der Wille, nicht länger damit identifiziert zu werden. Dass auch dieses "So sind wir nicht" leider nicht ganz der Wahrheit entspricht – das ist ein Problem, das nicht nur Rostock lösen muss. (Christian Bangel, ZEIT)

Dieses Schema sehen wir immer wieder. Wenn rechte Gewalt ausbricht, wird das gerne als "Volkes Stimme" angenommen und als Anlass für eine politische Kurskorrektur gesehen. Eine ähnliche Entwicklung habe ich beim Schwarzen Block und Antifa-Protesten (gottlob) bisher nicht wahrnehmen können. Das ist auch unabhängig von der Frage, ob die GG-Änderung generell und in ihrer dann spezifischen Ausgestaltung angebracht war oder nicht - diese Debatte führen wir letztendlich ja immer noch, weil auch die damalige GG-Änderung das Problem ja nicht gelöst hat. Noch immer hat Deutschland kein vernünftiges Einwanderungsrecht, aber periodische rassistische Debatten, die dann natürlich auch keine Lösung bringen, aber immerhin neue Gewaltwellen und Erfolge von Rechtspopulisten. Daran ist die Linke sicherlich auch nicht unschuldig, die jetzt nicht eben damit aufgefallen wäre, bessere Lösungen als die Rechte zu haben (ich glaube, niemand bei den Grünen lässt sich gerne an den Visa-Skandal erinnern).

Die Aufarbeitung von Lichtenhagen 30 Jahre später zeigt dagegen einmal mehr, welche blinden Flecken in der deutschen Gesellschaft weiterhin existieren. Wir hatten dasselbe Thema ja beim NSU-Untersuchungsausschuss: es herrscht eine fast reine Täter*innenperspektive vor; die Perspektiven der Opfer werden praktisch nicht wahrgenommen. Letztlich ist es eine selbstreferenzielle Debatte, in dem ein Teil der weißen Mehrheitsbevölkerung dem anderen entweder Rassismus vorwirft oder aber den Untergang des Abendlandes herbeizuführen, je nach Standpunkt. Sonderlich hilfreich ist das nicht.

5) Wasted Funds, Destroyed Property: How Sheriffs Undermined Their Successors After Losing Reelection

In Alabama, sheriffs are the law beyond city limits, ruling over small towns, unincorporated farmlands and suburbs. Unlike police chiefs appointed by mayors and beholden to city councils, sheriffs answer to no one but the voters who elect them. State legislators and other county officials are typically unwilling to cross them. Every day, the state’s 67 sheriffs make decisions about what laws to enforce, what their deputies should focus on and who they should arrest. They run county jails, partner with the federal government and other agencies, and campaign to stay in office. Many of them oversee multimillion-dollar budgets, and every sheriff is largely responsible for deciding what county law enforcement activities taxpayers should pay for. [...] In most of the counties that saw sheriffs voted out of office last year, their replacements said they believed the former sheriffs took detrimental steps that were motivated by pettiness or anger. [...] As they settle into their jobs, newly elected sheriffs say moves by their predecessors near the ends of their terms have made it more difficult for them to keep the public and their deputies safe, enforce laws and execute the essential duties of their offices. [...] Though counties foot the bill for most sheriff’s office salaries, building upgrades and other major and recurring expenses, discretionary funds are a lifeblood for sheriffs, who use them for everything from uniforms and ammunition to vehicles and office software. The money is generated by assessing fees for pistol permits, auctioning off confiscated items, selling items in jail commissaries and other efforts. It is then divided into separate accounts. (Connor Sheets, ProPublica)

Ich empfehle den ganzen Artikel zur Lektüre, was da abgeht ist wirklich atemberaubend. Ich sehe die hier geschilderten Fälle als Belege für meine langgehegte These, dass in den USA die größten Übel lokalen Ursprungs sind. Die im Vergleich zu Deutschland große Autonomie lokaler Behörden und Institutionen und ihre starke Demokratisierung führt paradoxerweise dazu, dass sie praktisch niemandem verantwortlich sind und weitgehend ohne Aufsicht handeln. Sie sind zutiefst korrumpiert.

Das ist einerseits sichtbar, wenn man schaut, wie die Sheriffämter effektiv als kriminelle Organisationen agieren, die Schutzgeld erpressen, um sich zu finanzieren (eine völlige Perversität). Das sieht man daran, dass die allermeisten dieser Wahlen ohne Gegenkandidat*innen stattfinden und damit jede Verantwortlichkeit fehlt. Das sieht man daran, dass die Garantie für diesen Zustand die Wahrung des Status Quo und der besitzenden, privilegierten (wählenden) Schichten ist. Und so weiter und so fort. Dieses System ist völlig verrottet, und die restultierende Gesetzeslosigkeit im US-Polizeisystem - laws that protect, but do not bind, the in-group and bind, but do not protect the out-group - hat hier ihren Ursprung. Es ist wieder einmal ein Beleg, dass nur weil ein Posten gewählt wird das nicht automatisch mehr Demokratie, Partizipation und Rechte produziert. Die Tyrannei der Mehrheit ist eine sehr reale Gefahr, gegen die wir aus guten Gründen verbeamtete Polizei und Justiz eingerichtet haben.

Ich empfehle zur Lektüre auch dieses brillante Op-Ed über School Boards in Alabama. Gleiches Problem, gleicher Staat.

6) Die Mär von den Leistungsträgern

Aber wie lassen sich Einkommen und Leistung ins Verhältnis setzen? Wie kann man Arbeitsleistung messen? Daran, wie lange jemand arbeitet? Kaum. Neue Studien zeigen, dass Wohlhabende im Durchschnitt nicht länger arbeiten. Daran, wie hart und anstrengend die Arbeit ist? Oder wie gesellschaftlich bedeutsam? Beides ist nicht zu beziffern. Zudem zeigt die Realität, dass gerade körperlich anstrengende Tätigkeiten eher schlecht entlohnt werden – ebenso wie jene, die seit der Coronapandemie als „systemrelevant“ gelten. [...] Das lässt eigentlich nur den Schluss zu: Die „Leistungsgesellschaft“ huldigt gar nicht der Leistung. Sondern dem Erfolg. Denn die individuell erbrachte Arbeitsleistung lässt sich gar nicht messen. Deswegen erübrigt sich jede Frage nach der Leistungsgerechtigkeit des Einkommens. Diese Leistungsgerechtigkeit ist ein Konstrukt von Menschen wie Finanzminister Lindner, die Einkommensunterschiede rechtfertigen nach dem Muster: Jemand, der viel verdient, muss produktiver gewesen sein – andernfalls hätte er ja weniger verdient. Auch so kann man sich die Gerechtigkeit des Marktes herbeifantasieren. (Stephan Kaufmann, Deutschlandfunk)

Wir hatten es in der Diskussion um die Gratismentalität und das Dienstwagenprivilegs viel von Framing, das scheinbar eine Sache ist, die nur Linke machen. Aber natürlich sind Framings essenzielles Handwerkszeug des politischen Prozesses. Sie dienen dazu, ein Thema in ein genehmes Licht zu rücken und es aus bestimmten Blickwinkeln zu betrachten. Idealerweise - aus Sicht der politischen Akteure - schaltet man alle konkurrierenden Sichtweisen aus. Der Streit der Framings von "Leistungsträgern" auf der einen Seite und den "Ausbeutern" auf der anderen Seite etwa geht mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurück. Da ist nichts Neues unter der Sonne, und wie bei allen solchen Konflikten findet sich in jeder Sichtweise ein Korn Wahrheit.

So legt Kaufmann hier überzeugend dar, dass es nicht um Leistung, sondern eher wirtschaftlichen Erfolg geht - weil sich alles andere ohnehin nicht messen lässt. Mir kommt da spontan das TV-Duell von 2005 in den Sinn, als Merkel von den Leistungsträgern sprach und Gerhard Schröder mit dem Lächeln eines Hais, der Blut riecht, ihr genüsslich "Aber Frau Merkel, die Leistungsträger, das sind doch die Krankenschwestern und Polizisten..." vor den Latz knallte. Umgekehrt gilt, dass viele Superreiche das Geld schon irgendwo her haben (auch wenn die Hälfte es nur ererbt hat lässt das immer noch die andere Hälfte) und dabei auf die eine oder andere Art Werte geschaffen hat. Elon Musk ist ein Arschloch, aber der Mann hat Dinge geschaffen.

Mein Punkt ist: alle framen, und jedes Framing ist korrekt - von einem gewissen Standpunkt aus, wie Obi-Wan Kenobi sagen würde. Und jedes Framing ist von einem anderen Standpunkt aus nur perfide Propaganda. Alle sind Held*innen der eigenen Geschichte. Die Person, die von sich sagen würde "ja, ich will Schlechtes für mein Land und tue, was ich tue, aus niederträchtig-eigennützigen Motiven" muss erst noch erfunden werden.

7) Why Every New Trump Crime Just Makes Republicans Angrier at the FBI

Obviously, the weirdest thing about this trust heuristic is that it assumes the more credible party to this dispute is serial lawbreaker and pathological liar Donald Trump rather than the lifelong Republican he appointed to lead the agency. But the deeper and more twisted belief system being expressed by Trump’s allies is the premise that the FBI has engaged in a pattern of political bias against their party since the Clinton saga. The truth is just the opposite: The FBI has often bent over backward to placate Republicans only to be met with distrust when its results fail to conform to their most paranoid fantasies. [...] In 2016, the FBI made its investigation into Clinton public while keeping its investigation of Trump secret, a choice that very likely swung the razor-tight outcome. The mistreatment of Clinton was so blatant that Trump even used it as a pretext to fire Comey the next year. Yet Republicans have created an upside-down history in which Clinton was coddled and Trump smeared. [...] One lesson here is that Mueller’s understandable belief that he needed to maintain legitimacy with Republicans by bending over backward to demonstrate his fairness ultimately backfired. It allowed Trump and his allies to frame Mueller’s findings as proving “no collusion” — which Mueller did not say — and from there to paint the entire probe as a “witch hunt.” (Jonathan Chait, New York Magazine)

Im Umgang mit dem FBI drängt sich der Vergleich zu Hillary Clinton 2016 geradezu auf. Natürlich haben die Democrats allgemein und Clinton speziell sich auch über das FBI beschwert (nicht zu Unrecht). Aber das FBI, schon immer eine Republican-nahe Behörde, hat sich 2016 aktiv in den Wahlkampf eingemischt, auf eine Art, wie es das hier nicht tut. Stattdessen sehen wir bei Trmp genau die Zurückhaltung, die auch bei Clinton angemessen gewesen wäre. Die Lektion ist leider auch diese: Wut und Angriffe zahlen sich aus. Die Aggressivität der Republicans sorgt dafür, dass man ihnen in vorauseilender Gehorsam entgegenzukommen versucht, einmal ganz abgesehen davon, dass es die eigenen Anhänger*innen gegen mögliche Ergebnisse immunisiert. Inwiefern diese Strategie im Fall Mueller tatsächlich viel geändert hat, sei dahingestellt. Sieht man sich an, wie die Partei sich generell geriert, habe ich nicht das Gefühl, dass selbst die offenste Kommunikation irgendwelcher Befunde etwas geändert hätte.

8) Nachhaltige Städte müssen höher und dichter sein

Doch Städte sind ein Umwelterfolg. Der Grund dafür ist ihre hohe Bevölkerungskonzentration. Je mehr Menschen auf einem Quadratkilometer zusammenleben, desto nachhaltiger wird die Stadt. Denn Menschen auf dem Land und in Vorstädten sind meist auf das Auto angewiesen und müssen jeden Tag viele Kilometer fahren. Außerdem leben sie häufig allein, nur mit ihrer Familie oder einigen wenigen Parteien in großen Einfamilienhäusern. So verbraucht das Leben im ländlichen Idyll viele natürliche Flächen, nimmt Tier- und Pflanzenarten den Raum und ist extrem CO2-intensiv. Städter hingegen leben meist in energieeffizienten Mehrfamilienhäusern, die in die Höhe schießen statt in die Breite. Und sie legen deutlich weniger Kilometer mit dem Auto zurück, weil sie Vieles zu Fuß, mit dem Rad oder der Straßenbahn erreichen können. Der konzentriert-urbane Lebensstil spart so Naturflächen und befördert Biodiversität. Während dicht bebaute Städte vielen Ökos auf den ersten Blick als grau erscheinen, macht ihr geringer CO2-Ausstoß die Welt doch grüner. Trotz des wissenschaftlichen Konsenses über die grünen Vorteile dicht besiedelter Städte findet man leider nur wenige Ökos, die hohe Bevölkerungskonzentrationen feiern. Stattdessen findet man viele Thoreausche Romantiker, die die Farbe Grün im Stadtbild mit der „grünen“ Stadt zu verwechseln scheinen. (Justus Enniga, Welt)

Ich muss sagen, ich bin etwas lost. Ich habe den Artikel gelesen und gedacht: jawohl, klingt soweit sinnvoll. Und dann bin ich über den Thread von Claas Gefroi gestoßen, der es für kompletten Blödsinn erklärt. Und jetzt hab ich keine Ahnung. Ich hoffe, dass jemand sich besser auskennt und in den Kommentaren etwas Licht ins Dunkel bringen kann, aber ich versuche derweil eine eigene Synthese: Hochhäuser sind nicht so CO2-effizient, wie Enniga es hier darstellt, aber das Einfamilienhaus im Grünen bleibt die schlimmere Klimasünde. Generell scheint mir an Verdichtung der Besiedlung kaum ein Weg vorbeizuführen, langfristig gesehen (bei gleichzeitiger Aufgabe bisheriger Flächennutzung).

Was mich an dem Artikel etwas stört ist der typische anti-Grüne Sound der Welt. Klar feiern "Ökos" die Städte nicht als ästhetische Traumwelt (wer macht das schon?), aber gleichzeitig sind es, wie ja bis zur Ermüdung immer wieder herausgestellt wird, gerade die Anhänger*innen von Grünen, die überdurchschnittlich häufig in den Städten wohnen, was gerne zu ihrer Delegitimierung herangezogen wird - im gleichen Organ. Also was ist es nun? Sind die Ökos schlecht, weil sie in Städten leben, oder sind sie schlecht, weil sie die Farbe grün mögen...? Der Artikel wäre stärker ohne die Invektiven.

9) Die Katastrophe ist doch so lukrativ!

Klar ist aber: Die Vorräte, über die die diese börsennotierten und staatseigenen Unternehmen noch verfügen, übersteigen das Restbudget, das wir noch an CO₂ in die Atmosphäre pusten können, um die Durchschnittstemperatur bei 1,5 oder auch nur 2 Grad über vorindustriellen Zeiten zu halten, um ein Vielfaches. Sowohl die Staaten, denen diese Vorräte gehören, als auch die Investoren, die in diese Konzerne investiert haben, müssen dringend dazu gebracht werden, das CO₂ im Boden zu lassen. Es gilt, gewaltige Mengen fiktiven Geldes zu vernichten, um nicht die menschlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Die globale Wirtschaft ist ein Junkie, verzweifelt auf der Suche nach der tödlichen Überdosis. Und die privaten und staatlichen Öl-, Gas- und Kohlekonzerne sind gern bereit, alles zu unternehmen, damit diese Überdosis auch fristgerecht bei der Kundschaft ankommt. Sowohl für die Organisatoren von Klimaprotesten als auch für Regulierer sollte längst klar sein: Es geht jetzt darum, den Leuten, die am Weltuntergang verdienen, das Geschäft zu verderben. Vermutlich werden wir aber auch eine Art CO₂-Rettungsschirm brauchen. Manche der Finanzdienstleister, die ihren Kunden weiterhin Öl-, Gas- und Kohleaktien andrehen, haben es nicht besser verdient – sollen sie ruhig pleitegehen. Aber den Staaten, die nahezu vollständig von ihren Einnahmen mit dem tödlichen Gift für die Erdatmosphäre abhängen, muss ein Ausweg geboten werden. Gerade da sind reiche, rohstoffarme Länder wie die Europas in der Pflicht. (Christian Stöcker, SpiegelOnline)

Stöcker hat auf Twitter auch noch einen ergänzenden Thread geschrieben. Zum Thema: Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass Stöcker in der Analyse selbst offene Türen einrennt. Dass das Geschäft mit der Katastrophe unrentabel werden muss, ist glaube ich Konsens. Die ganze Idee der CO2-Besteuerung, bei all ihren Schwächen, geht ja genau von dieser Idee aus. Der Streitpunkt ist weniger beim Ziel als bei den Methoden zur Erreichung dieses Ziels. Und da gibt es halt alles, aber keine Einigkeit.

Ich denke auch, dass Stöcker richtig liegt, was den Ausweg aus dem Dilemma angeht. Branko Milanovic hat da am Beispiel Norwegens gute Gedanken formuliert: wenn ein reiches Land wie Norwegen, das so offen 100% CO2-Neutralität anstrebt, es nicht schafft vom Export fossiler Energieträger wegzukommen und nun sogar neue Vorkommen in der Arktis erschließt, wie soll man das von Mexiko oder Nigeria erwarten? Einen Ausweg aus diesem Dilemma habe ich auch nicht, aber auch hier gilt: ich wäre gespannt auf eure Ideen.

10) Wenn wir zwei Dinge ändern, wird die Schule ein besserer Ort (Interview mit Gerald Hüther)

Hüther: Lernen ist etwas, das immer stattfindet und die wichtigsten Lernerfahrungen macht man dann, wenn es unter die Haut geht und wenn man wirklich mit dem Herzen dabei ist. Diese Lernerfahrungen werden dann im Gehirn auf eine andere Weise verankert, nämlich nicht nur in den kognitiven Bereichen des Cortex. Jede Erfahrung, die ich mache und die mir unter die Haut geht, führt auch zu einer emotionalen Aktivierung. Da werden also auch emotionale Bereiche mit aktiviert.

Was bedeutet das genau?

Hüther: Die eher kognitiven Leistungen werden im linken Cortex verankert, die bei eigenen Erfahrungen gemachten, werden in den für emotionale und ganzheitliche Verarbeitungsprozesse zuständigen Bereichen des rechten Cortex abgespeichert.

Anschaulich wird das, wenn man ein Kind fragt, das aus der Schule kommt, nachdem es vom Lehrer erfahren hat, dass es in Mathe nichts zustande gebracht hat – dann kann das Kind sehr genau beschreiben, was der Lehrer gesagt hat und es kann aber auch sagen, wie es ihm dabei gegangen ist. Und dieses “wie es mir dabei geht” – das ist der emotionale Anteil.

Als Erfahrung wird beides miteinander verkoppelt und deshalb sind Erfahrungen immer kognitiv-emotionale Kopplungen, die im Hirn verankert werden. Häufiger gemachte Erfahrungen werden dann gewissermaßen im Hirn zu einer Meta-Erfahrung, einem Bündel von Erfahrungen, zusammengebunden. Und daraus entsteht etwas, das wir im Deutschen als innere Einstellung und Haltung, als feste Überzeugung, bezeichnen.

Das heißt, wenn man schlechte Erfahrungen mit dem Lernen macht…

Hüther: Dann entsteht eine Haltung und die heißt: Null Bock auf Schule.

Was wir unseren Kindern aber eigentlich wünschen sollten, ist, dass sie positive Erfahrungen bei ihren Versuchen machen, sich in der Welt zurechtzufinden. Dabei geht es nicht so sehr darum, Wissen abzurufen, sondern es geht um Kompetenzen, die man erwirbt, und da spielen die so genannten exekutiven Frontalhirnfunktionen die entscheidende Rolle. (Gina Louisa Metzler, Focus)

Ich finde hier zwei Dinge hervorhebenswert. Erstens, dass Lernen von Kindern eine gesamtheitliche Sache ist, während es in der Diskussion in diesem Land (besonders während der unsäglichen Corona-Debatte) ständig auf Unterricht im Klassenzimmer und Prüfungen verengt wird. Und zum anderen, dass schlechte Erfahrungen mit Lernen riesige Flurschäden hinterlassen. Letzteres ist in meinen Augen viel zu unterbewertet. Ich hatte das ja in meinem Artikel zum Strafen auch angesprochen, aber schlechte Noten sind ein mieses Erziehungsmittel. Sie regen nicht zum Lernen an und demotivieren nur.

Resterampe

a) Sehr gute Gesamtschau des Ukrainekrieges von Jeremy Cliffe.

b) Oh hey, Elon Musk schreibt mal wieder was das direkt das Problem ist. Man beachte das Gendern im Post.

c) Dieser Thread von Nicole Diekmann ist sehr, sehr treffend.

d) Guter Thread zu Liz Cheney.

e) Sehr lohnenswerter Artikel über einen bayrischen Gelehrten, der zu Unrecht vergessen ist.

f) Guter, differenzierter Artikel zum Thema cultural appropriation im westeuropäischen Kontext.

g) Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes.

h)

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