Mindestens einmal im Kita-Jahr gestalte ich mit meinem Team einen pädagogischen Klausurtag zum Thema „pädagogische Haltung“. Ich finde es sehr wichtig, die eigene Haltung regelmäßig zu überprüfen und gegebenenfalls auch zu korrigieren, Teamprozesse zu betrachten und die pädagogische Arbeit im Team zu evaluieren.

Meine Teams, mit denen ich bisher gearbeitet habe, arbeiten alle wertschätzend und bindungsorientiert – bei letzterem oft auf einem guten Weg dahin. Ich habe das Glück, immer bei Trägern gearbeitet zu haben, die eine wunderbare Haltung Kindern gegenüber nicht nur in der Konzeption stehen haben, sondern diese auch leben. Tag für Tag. Vertreten durch ihre Fach – und Führungskräfte natürlich. Die Sicherstellung der Umsetzung des Konzeptes fällt in mein Aufgabengebiet als Kita – Leitung. Eines meiner Herzensthemen meiner Arbeit.

Und dennoch kann es auch den besten Fachkräften passieren, dass sie in manchen Situationen immer wieder daran erinnert werden müssen, ihre Haltung zu überprüfen. Oft ist es auch nicht die Haltung an sich, sondern situative Verhaltensweisen, die wenig wertschätzend dem Kind gegenüber sind. Diese Verhaltensweisen schleichen sich im Alltag ein und fallen oft gar nicht mehr auf. Umso wichtiger, darauf aufmerksam zu machen. Dann, wenn es mir auffällt oder einmal komprimiert als Erinnerung.

Zwei Beispiele

1.

Beim letzten pädagogischen Tag habe ich das Team in zwei Gruppen geteilt. Eine Gruppe ging mit mir nach draußen, die andere blieb im Personalzimmer.

Die Kolleg:innen, die mit mir nach draußen gingen, erhielten kleine Zettel mit Aufgaben, die sie ohne zu sprechen an ihren Kolleg:innen drinnen erfüllen sollten. Diverse Utensilien standen ebenfalls bereit.

Auf den Zetteln stand zum Beispiel:

  • Wische einer Kolleg:in mit einem kalten, feuchten Waschlappen unangekündigt durchs Gesicht
  • Putze einer Kolleg:in die Nase
  • Richte einer Kolleg:in die Frisur / das Zopfband
  • Nimm eine Kolleg:in unvermittelt in den Arm
  • Binde einer Kolleg:in von hinten ohne Vorwarnung ein Lätzchen um.
  • U.v.m

Nach kurzem Zögern erklärten sich alle bereit, erfüllten die gestellten Aufgaben und erwarteten gespannt die Reaktion der Überraschten.

Anschließend reflektierten wir das Ganze. Es war unglaublich spannend und teilweise auch mit einem „Aha – Effekt“ versehen, wie die Aktion erlebt wurde – und zwar von beiden Seiten.

Für die Ausführenden war es anfangs teilweise eine sehr große Überwindung, so mit ihren Kolleg:innen umzugehen. Sie empfanden es fast schon als unverschämt, zu nah, zu übergriffig. Genauso empfanden es auch die anderen. Sie waren überrascht, erschrocken, es war unangenehm, zu nah, zu übergriffig.

Niemand würde so mit einem anderen Erwachsenen umgehen.

Und doch passieren all diese Dinge im Alltag mit den Kindern. Natürlich vertreten wir die Haltung, dass wir die Kinder fragen, ob wir ihnen die Nase putzen dürfen (Krippe) oder kündigen den Waschlappen an oder binden nicht einfach unvermittelt ein Lätzchen um. Theoretisch. Praktisch passiert es leider im Eifer des Alltagsgefechts doch hin und wieder.

Bei einem Erwachsenen war die Hemmschwelle so groß, dass sie im Alltag vermutlich nicht überschritten würde. Bei einem Kind passiert das leichter. Wie schnell wird ein halboffener Pferdeschwanz im Vorbeilaufen geradegerückt, einem Kind von hinten schnell ein Lätzchen umgebunden oder mit einem Waschlappen im Gesicht herumgewischt? Wie wenig ist uns bewusst, dass diese Handlungen auch für ein Kind übergriffig ist?

Nun, nach dieser kleinen Teameinheit war es zumindest für den Moment jedem bewusst.

2.

Anschließend sind wir auf Knien durch die Kita gerutscht – wie groß und unerreichbar doch manches erschien! Wir haben uns räumlich in die Lebensweltwahrnehmung der Kinder begeben und auch hier gab es das eine oder andere „Aha – Erlebnis“. Die Räume wurden im Anschluss umgeräumt. Manches blieb unerreichbar, weil nicht kindgerecht und nach wie vor nur für die Erwachsenen bestimmt, vieles wurde so positioniert, dass es nun von den Kindern gesehen, erlebt und erreicht werden konnte.

Die Sexualpädagogin Deanne Carson sorgte mit ihrem Artikel, in dem sie rät „Babys vor dem Wickeln um Erlaubnis zu fragen“ für große Aufruhr. Wie soll das gehen und ist das denn nicht komplett übertrieben? Was, wenn mein Baby nein sagt?

Was steckt denn hinter dieser Aussage? Tatsächlich geht es darum, die Intimsphäre des Kindes zu wahren. Mit dem Kind in Kontakt sein, selbst einem Neugeborenen erklären, was man gerade macht, es mit einbeziehen und nicht etwa einfach die Hose runterziehen und wickeln.

In der Krippe fragen wir die Kinder, wer sie wickeln darf. Möchte ein Kind von einer pädagogischen Fachkraft nicht gewickelt werden, so wird es ohne Nachfragen akzeptiert. Eltern haben es da schon schwerer, aber auch zuhause kann man eine wertschätzende Umgebung schaffen, das Kind mit einbeziehen und die Intimsphäre wahren, darauf achten, dass nicht jeder aus der Familie oder gar Besuch unvermittelt wickeln geht. Sind die Kinder älter, kann man ein Nein hinterfragen und schauen, wie man die Wickelsituation angenehmer machen kann.

Irgendwann sind wir älter und vielleicht auch in einer Situation, in der wir wieder gewickelt werden müssen. Auch wir wünschen uns eine würdige und wertschätzende Begleitung dabei und daran sollten wir beim Wickeln der Kinder immer denken. Es ist ein Eingriff in die Intimsphäre, selbst bei einem noch sehr kleinen Baby. Natürlich lasse ich mein Kind mit voller Windel nicht stundenlang ungewickelt, aber ich beziehe es mit ein und respektiere diesen intimen Moment. Darum geht es.

Es gibt viele Situationen, in denen ein Perspektivwechsel helfen kann – einem selbst oder als Antwort auf Kommentare von außen.

  • Ich biete meinem Besuch etwas zu trinken und zu essen an und regiere, wenn ein Wunsch geäußert wird – das Gleiche mache ich erst Recht mit meinem Baby, indem ich sofort reagiere, wenn es weint und somit ein Bedürfnis äußert. Der Gast kann im Zweifel selbst zum Kühlschrank gehen – mein Baby nicht.
  • Wenn ich traurig bin oder einen blöden Tag habe, vertraue ich mich meinen engsten Bezugspersonen an – meinem Mann, meiner besten Freundin. Nie würde jemand auf die Idee kommen, mich deswegen als „Ehemann – Frau“ zu bezeichnen. Macht mein Baby das Gleiche, wird es als „Mama – Kind“ bezeichnet. Verrückt, oder?
  • Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch und könnte oft Dinge, die nicht sofort klappen, in die Ecke werfen. Ich bin oft sehr schnell gefrustet, wenn etwas nicht so klappt, wie ich es mir vorstelle. Ich kenne einige Erwachsene, die alles auf einmal haben möchten und eine sehr geringe Frustrationstoleranz haben – wie kann ich da von einer Zweijährigen mitten in der Autonomiephase erwarten, kontrolliert zu handeln und einen Wutanfall als Trotz bezeichnen?
  • Wenn ich traurig bin, möchte ich auf den Arm. Wenn Menschen, die ich liebe, traurig sind, tröste ich sie, nehme sie ebenfalls in den Arm und bin für sie da. Sätze wie „Jetzt stell dich nicht so an“ „Es gibt doch keinen Grund, traurig zu sein“ oder „das ist doch jetzt nicht so schlimm?“ helfen da nicht weiter. Oder? Kindern ebenfalls nicht.
  • Ich habe Angst vor großen Spinnen. Ein „du brauchst doch keine Angst zu haben“ hat mir noch nie geholfen. Euch? Welche Ängste habt ihr? Möchtet ihr da lieber ernst genommen werden oder tröstet euch ein „Du bist doch schon groß!“? Mich nicht. Ich möchte in meiner Angst ernst genommen werden, auch wenn mein Gegenüber diese vielleicht nicht nachvollziehen kann. Kinder möchten das auch. Und überhaupt – wer bin ich denn, über die Angst anderer urteilen zu können? Ich persönlich habe keine Angst vor einer knisternden Brottüte, meine damals 5 Monate alte Tochter ist jedoch fast zu Tode erschrocken, als ich unvermittelt diese Tüte geöffnet habe. Andere können meine Angst vor großen Spinnen nicht verstehen. Ändert an meiner Angst so rein gar nichts und vermittelt mir nur das Gefühl, dass meine Angst lächerlich ist. Das ist nicht schön. Für Erwachsene nicht, für Kinder nicht. Also lasst uns bitte Ängste ernst nehmen, egal um welche sie sich handeln.
  • Ich genieße es, seit 15 Jahren neben meinem Partner einschlafen zu können. Babys schlafen 9 Monate in Mamas Bauch, dann bei den Eltern und zack – irgendwann im eigenen Bett im eigenen Zimmer. Allein. Plötzlich. Wachen mitten in der Nacht auf und sind allein. Wenn mein Partner mal auf Dienstreise ist und ich allein schlafe, wache ich nachts auch öfter auf und habe ein komisches Gefühl – so allein im großen Haus. Einem Kleinkind aber wird das oft ohne mit der Wimper zu zucken abverlangt und erwartet, dass es diese Situation schon gut hinbekommt – schließlich ist es ja schon „so groß“. Das heißt nicht, dass ich dafür plädiere, dass Kinder bis zum Teeniealter im elterlichen Schlafzimmer schlafen. Das halte ich eh für sehr unwahrscheinlich.  Ich plädiere aber dafür, das Kind gut zu begleiten, den Moment abzuwarten, bis es vom Kind aus geht und den Übergang fließend zu gestalten.
  • Ich möchte wahrgenommen werden, ich möchte von meinem Tag erzählen, ich möchte mich mitteilen, ich möchte gelobt werden, wenn ich etwas Tolles vollbracht habe, ich möchte getröstet werden, wenn ich traurig bin, ich möchte umsorgt werden, wenn ich krank bin, ich möchte gesehen und respektiert werden von den Menschen, die ich liebe. Ich möchte, dass meine Bedürfnisse einen Stellenwert haben. Kinder möchten das auch.  Ich bin eine erwachsene Frau und kann in manchen Situationen zurückstehen, mich gedulden, abwarten. Kinder müssen das alles erst lernen. Und auch wenn ich das alles kann, empfinde ich trotzdem diese Gefühle und Wünsche, nur bin ich in der Lage, mich entsprechend zu regulieren. Ein Kind ist das noch nicht. Es braucht unsere Unterstützung, unser Verständnis, unsere Begleitung. Ein Kind braucht unsere Aufmerksamkeit und kann oft noch nicht bewusst verstehen, warum es diese im Moment nicht bekommen kann. Hier braucht es uns, zu verstehen und zu lernen. Das sollten wir nicht vergessen.
  • Ich drohe meinem Partner nicht, ihn zu verlassen, wenn er etwas im Supermarkt vergessen hat. Ergo sage ich auch nicht zu meinem Kind, dass ich es im Supermarkt zurücklasse und allein nach Hause gehe, wenn es trödelt und / oder einen Wutanfall bekommt.

Es gäbe noch so viele Beispiele.

Ich möchte sensibilisieren, im Umgang mit Kindern die gleiche Wertschätzung anzubringen wie die, die wir selbst von unserem Gegenüber erwarten. Rein von der Natur her herrscht ein Ungleichgewicht in den Machtgefällen – wir können diesen Umstand ausnutzen oder darauf verzichten und unseren Kindern auf kindgerechter Augenhöhe begegnen. Lasst uns so achtsam unseren Kindern gegenüber sein, wie wir es für uns selbst wünschen und auch einfordern.

Damit uns dies immer wieder bewusst wird, hilft ein Perspektivwechsel.

„Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.“

In diesem Sinne.

Alles Gute.

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