Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Die Wissenschaften in Bedrängnis
Bei der ZEIT wird ausführlich untersucht, wie die AfD den Wissenschaftsbetrieb an die Kandare nehmen will. Die Zitate aus dem offiziellen Wahlprogramm alleine sind absolut zum Gruseln und stellen mal wieder dringlich die Frage, wie genau eine demokratische Partei mit so was koalieren will.
"Die deutsche Universität soll wieder eine deutsche Universität sein. Wo es »deutsche Studiengänge und Studienabschlüsse« gibt und »die deutsche Wissenschaft zu ihrer alten Größe« geführt wird. Ohne »Genderismus, Postkolonialismus und sonstige poststrukturalistische Phrasendrescherei«. Ohne ein »Quotenunwesen«, das die Botschaft vermittle, »Geschlecht sei wichtiger für den Erfolg als akademische Leistung«. Dafür wird es »kritische Klimaforschung« geben, ein »Landesinstitut für kritische Islamforschung« sowie einen »Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft«, um das »Absterben unseres Volkes« zu erforschen."
Dieses Zitat ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zum einen dieses völkische Benutzen von "deutsch", das auch mal eben den Bolognaprozess komplett umdrehen will. Dann haben wir die Phrasendrescherei von "Genderismus" (was auch immer das sein soll außer einem Sammelbegriff für missliebige Dinge), "Postkolonialismus" (auch hier eine reine Phrase ohne jeden Inhalt) und "poststrukturalistische Phrasendrescherei" (Phrasendrescherei direkt aus dem 68er-Diskurs). Es geht ausschließlich darum, mittels Gummibegriffen missliebige Meinungen auszuschließen.
Und zuletzt haben wir dann das positive Gummiwort, "kritisch". Ich kenne das noch aus meiner linksradikalen Zeit, die NachDenkSeiten waren auch ständig "kritisch". Ich weiß, was das heißt. Die hier geforderten Lehrstühle sind zehnmal so politisch und ideologisch, wie das die Gender Studies je sein konnten. Und das "Absterben des Volkes" zu erforschen, meine Güte. Wie um alles in der Welt sollte eine demokratische CDU je so was mitmachen? Da erzählen mir Leute im selben Atemzug, die könnten niemals mit den Grünen, aber DAS sollen sie mitmachen können?
Nebenbei bemerkt sagt designierter AfD-Kultusminister Tillschneider: "Ich weiß, wie Landesregierungen Druck auf Hochschulen ausüben. Genauso werden auch wir unsere Vorstellungen durchsetzen." Also nur falls jemand meint, hier handle es sich um Leute, die irgendwie demokratisch seien. Weil hier ja irgendwie angezweifelt wird, was das für Typen sind. Woher weiß ich, dass sie keine Demokraten sind? Weil. Sie. Es. Uns. Sagen. Offen. Unverschämt.
Indessen droht den Universitäten auch aus anderer Richtung Gefahr: die Bausubstanz ist, wie die Morgenpost berichtet, völlig verrottet. Das ist ein seit mittlerweile Jahrzehnten bekanntes Problem, für das alleine man mittlerweile ein dreistelliges Milliarden-Sondervermögen bräuchte. Wie man in dieser maroden Substanz vernünftig arbeiten will, ist mir völlig schleierhaft. Auch das zeigt den niedrigen Stellenwert, den Bildung und Wissenschaft in dieser Gesellschaft haben.
2) Kürzungen an den falschen Stellen
Natürlich gibt es im Reformdiskurs nur "falsche" Kürzungen, weil entgegen so mancher Polemik (fast) jede Ausgabe eben doch ihren Sinn und deswegen ihre Verteidiger*innen hat. Aber das psychotherapeutische Angebot um rund 25% zusammenzustreichen, wo bereits jetzt die Plätze vorne und hinten nicht ausreichen, ist ganz besonders kurzsichtig. Menschen mit psychischen Krankheiten stehen dem Arbeitsmarkt für Monate und Jahre nicht zur Verfügung (wenn überhaupt je wieder) und kosten wahnsinnig viel. Stattdessen könnte man mit Diagnostik und rechtzeitiger Therapie in vielen Fällen vorbeugen. Aber nein, lieber "sparen" und später viele Milliarden verlieren.
3) Blut, Schweiß, Tränen und ein Ruck
Samira El Ouassil hat im Spiegel einen großartigen Kommentar zur omnipräsenten Forderung nach einer großen Merz-Rede. Ich könnte den hier quasi Wort für Wort zitieren, aber lest ihn am besten selbst. Mein eigener Kommentar dazu: ich glaube, dieses Bedürfnis nach einer großen Rede ist auch so ein Hollywood-Ding. In jedem Gerichts- oder Politikdrama ist eine Rede immer der entscheidende Wendepunkt, dreht die Stimmung des ganzen Landes. Dabei hat Merz völlig Recht: keine Rede hat je etwas bewirkt. Wenn er sagt, dass nach Herzogs Ruck-Rede nichts folgte, hat er unzweifelhaft recht. Diese Reden - auch Churchills - werden immer erst im Nachgang so hochgejazzt. Kommunikation ist ein elementarer Bestandteil von Politik, aber sie ist nicht losgelöst davon und funktioniert vor allem durch Wiederholung. Dazu kommt noch, dass eine Rede umso effektiver ist, je weniger Adressaten sie hat. In unseren liberalen und hierarchisch flachen Gesellschaften müssen Reden sich aber an ein wesentlich breiteres Publikum wenden, als es ein Cicero früher tun musste. Entsprechend wenig können sie auch für sich genommen bewirken.
4) Heterodoxie
Im letzten Vermischten haben wir schon über die "Vier Reiter der Heterodoxie" gesprochen; im Economist wird die Frage gestellt, wie der "windfall of AI" am besten zu verteilen sei. Auffällig ist auch hier wieder die Heterodoxie: da es unmöglich ist, mit den bisherigen Instrumenten einem (möglichen) massiven Stellenabbau beizukommen und dessen Profite einigermaßen fair zu verteilen, brauche es entweder wesentlich höhere Steuern auf Kapital oder bestimmte Technologien (eine Art "Robotersteuer") statt auf Einkommen und Verbrauch (weil letzteres ja dem Umverteilungsziel zuwiderläuft) oder eine Möglichkeit, die Menschen zu Stakeholdern zu machen, was aber massive Umsetzungsprobleme mit sich bringt, unter anderem, dass der Staat im Vornherein prognostizieren müsste, WELCHE Unternehmen die relevanten sein werden, was er schlicht nicht kann. Eine Lösung dafür ist natürlich nicht in Sicht, aber wer nicht sucht, kann auch nicht finden.
5) Die "kleinen Leute"
Einer der ermüdensten Topoi ist der von den "kleinen" oder "normalen" Leuten. Gerne wird bemüht, dass Politiker*innen unbedingt "wieder" die Sprache derselben sprechen müssten, idealerweise auch aus diesen Verhältnissen stammen. Zuverlässig aber werden alle, die aus diesen Verhältnissen kommen, für eben diese kritisiert. Robert Pausch hat einen super Artikel zu diesem Phänomen geschrieben, die Beispiele sind Legion. Besonders lustig finde ich, dass praktisch zeitgleich mit Pauschs Darstellung, wie seinerzeit alle auf Kurt Becks mangelnder Hauptstadt-Raffinesse herumgekackt haben, René Pfister im Spiegel ausgerechnet den Vergleich mit Kurt Beck zieht und unironisch erklärt, dass die heutige SPD nicht mehr so reden würde. Was damals massiv kritisiert wurde. Aber es ist immer dasselbe: da haben wir Merkel und ihren konsensualen Stil, und alle wünschen sich Basta, und dann kommt Merz und alle stellen fest, dass dieses trampelhafte Basta ja nicht so cool ist und dass Merkel das ja viel besser gemacht hat. Oder es braucht dringend Politiker, die öffentlich nachdenken, dann macht Robert Habeck das und es ist nur ein Zeichen für seine intellektuelle Abgehobenheit. Und so weiter. Die einzige Konstante in der Kritik ist, dass immer kritisiert wird, was gerade da ist. Es ist so ermüdend.
6) Geschichtsunterricht
Christine Brink beklagt in einem Gastartikel den Stand des Geschichtsunterrichts über die DDR. Zu wenig erführen die heutigen Schüler*innen über die Schlechtigkeit des Regimes. Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie das in Ostdeutschland aussieht, aber zumindest hierzulande treffen ihre Kritikpunkte schon aus biografischen Gründen nicht zu (und selbige zumindest für den Osten auch kaum mehr). Was mich aber besonders nervt ist folgender Abschnitt: "Lebendige Geschichte der DDR kann genauso unterrichtet werden. Wer mit den Schülern die Serie „Weissensee“ anschaut und diskutiert, hat den ganzen Kosmos der DDR vor Augen. Man kann Erich Loest lesen oder Wolf Biermann. Zeitzeugen und Opfer der DDR-Justiz gibt es genug." Da merkt man wieder, dass Leute reden, die vom Unterricht keine Ahnung haben. Das wurde schon in ihrer Kritik offenkundig, dass ein guter Teil der Schüler*innen nur Stichworte wie "17. Juni, Mauerbau, Reiseverboten, Überwachung, Stasi und Montagsdemos" kenne. Ich wäre oft ja schon froh, wenn die bekannt wären. Brink begeht hier den klassischen Fehler, den wir Lehrkräfte aus Betriebsblindheit auch gerne machen, das eigene Interesse zu verabsolutieren. Natürlich, wer sich für Geschichte interessiert, für den gibt es natürlich eine reiche Welt der Entdeckungen und Erkenntnisse. Nur, wer sich nicht dafür interessiert, wird beim Vortrag des Zeitzeugen abschalten, wird bei Weissensee den Kopf auf den Tisch legen, wird Erich Loest und Wolf Biermann nicht lesen (der wohl realitätsfernste der Vorschläge). Schule ist nicht wie im Film, wo die Lehrkraft irgendeinen coolen Move abzieht und dann lauter wilde Gedanken rauskommen. Die meisten Schüler*innen wissen wenig von DDR und Holocaust, weil es sie schlicht nicht interessiert, genauso wie ich wenig von Biologie und Chemie weiß. Darüber kann man die Systemfrage stellen, aber es wird nicht damit getan sein, gemeinsam eine Serie zu schauen (in welcher Zeit, um Gottes Willen?) und dann darüber zu diskutieren (mit welcher Fragestellung? über was?). Was für ein ahnungsloser Unsinn.
Resterampe
a) Spannende Ergebnisse einer gerade erst entdeckten Großstudie von Adorno Anfang der 1950er Jahre. Grundsätzlich nicht überraschend, aber doch immer wieder lesens- und bedenkenswert.
b) Sehr gutes Video zum Thema, warum alle immer glauben, dass "1984" ihren Punkt beweisen würde. Ist auf Nebula, aber der Service lohnt die geringe Gebühr sehr.
c) Nettes Video zur Kritik an den ÖRR.
d) Jemand hat mal Fellanis Behauptungen nachgerechnet. Wenig überraschend sind sie Unsinn.
e) Jana Hensel zu Schwarz-Grün.
f) Elon Musk Gets a Reality Check. Alle in einen Sack und draufhauen, triffst du nur die Richtigen, pflegte mein Vater früher immer zu sagen.
g) Andreas Fulda hat einen Thread zur Selbstvasallierungsthese geschrieben, die er im Podcast ausgerollt hatte.
h) Schön, dass es Leute bei der CDU zu merken scheinen.
i) Sehr guter Punkt von Christina Dongowski zum Verschwinden der SPD-Kernwählendenschaft.
k) Vernichtender Artikel über Keir Starmer, Labour und eigentlich die ganze britische Politik.
l) Der mehrheitsfähige Liberalismus.
m) Mal wieder was zur Schweiz. Deswegen warne ich vor diesen Ländervergleichen. Man sieht immer nur, was man halt sehen will. Auch bei Dänemark übrigens.
n) Sehr knapp und präzise von Alan Posener.
Fertiggestellt am 19.05.2026
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