Adam Tooze - Wages of Destruction (Hörbuch) (Ökonomie der Zerstörung)

Im Jahr 2006 wurde der Historiker Adam Tooze einer breiteren Öffentlichkeit mit seinem Magnum Opus "The Wages of Destruction" bekannt. Zum damaligen Zeitpunkt (und auch bis heute nicht) existierte keine Gesamtwirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, so dass sein Werk mit einem gehörigen Maß an Anspruch daherkam. Zusätzlich beanspruchte es nicht nur, deskriptiv die Wirtschaft des Dritten Reiches darzulegen, sondern auch, einen neuen interpretatorischen Rahmen zu bieten, den Tooze selbst gleich ausfüllte und zahlreiche bis dahin geltende Paradigmen in Frage stellte. Dass ihm dies weitgehend gelang - selbst die sonst so kritische HSozKult findet nur Details zu kritisieren - zeigt den anhaltenden Wert dieses Werkes, das ich selbst schon mehrfach gelesen habe und das bei jeder Lektüre neue Sichtweisen für mich hervorbringt, schon alleine, weil es so viele Informationen, Analysen und Deutungen enthält, die gleichzeitig notwendig kompliziert sind; Wirtschaftsgeschichte erfordert schließlich einen ganz anderen Referenzrahmen, den ich als eher mathe- und damit auch wirtschaftswissenschaftsaverser Mensch nicht mitbringe. Ich möchte auch noch die kleine Vorwarnung mitgeben, dass manche Teile des Buches viel ausführlicher rezipiert werden als andere; das hat mit der Qualität meiner Notizen und den jeweiligen Leseumständen zu tun. Das Buch ist wahnsinnig dicht und komplex und kann grundsätzlich nur unvollständig wiedergegeben werden; es lohnt in jedem Fall die eigene Lektüre. Doch damit genug der Vorrede.

Kapitel 1, die sehr ausführliche "Einführung", legt die Grundlagen für Toozes folgende Argumentation. Zentral für Adolf Hitlers Denken sei seine Vorstellung der Welt als eines rassischen Überlebenskampfes, in dem die Schwachen von den Starken verschlungen würden, gewesen. Den „endgültigen Feind“ des arischen Volkes sah er in den Juden, denen er sowohl die Katastrophe des Ersten Weltkriegs zuschrieb als auch die vermeintliche internationale Allianz des „Weltjudentums“, der er sich im Zweiten Weltkrieg gegenübersehen würde. Sollte Deutschland nicht als rassisch „reine“, militärisch potente Großmacht aus den Trümmern von 1918 auferstehen, so drohe – in dieser Logik – die Vernichtung der deutschen Nation selbst.
Das Problem bestand für Hitler darin, dass die führenden Weltmächte in diesem Weltbild unter jüdischer Kontrolle standen: sei es durch die jüdischen Banker der City of London oder durch jene, die angeblich in Washington die Fäden zögen – eine Verschwörung, die in Franklin D. Roosevelt ihren personifizierten Höhepunkt gefunden habe. Wie sollte Deutschland unter den Lasten von Versailles, Reparationen und Rüstungsbeschränkungen die Kraft aufbringen, mit dem britischen Weltreich oder der größten Volkswirtschaft der Welt, den Vereinigten Staaten, zu konkurrieren?
Tooze beschreibt zwei gegensätzliche Antworten auf diese Frage, verkörpert durch Adolf Hitler und Gustav Stresemann. Stresemann, von 1923 bis 1929 Außenminister der Weimarer Republik, setzte auf wirtschaftliche Erholung durch Kooperation mit den Siegermächten. Zwar sei er Nationalist gewesen und habe militärische Macht nicht grundsätzlich verworfen, doch habe die Niederlage von 1918 sein Vertrauen in das Militär als Instrument deutscher Machtpolitik erschüttert. Angesichts der realen Beschränkungen nach Versailles habe er Deutschlands Wiederaufstieg vor allem auf Industrie, Finanzen und Handel gründen wollen. Deutschland war zu diesem Zeitpunkt zu Reparationszahlungen verpflichtet, die es realistisch nicht leisten konnte, während Großbritannien und Frankreich ihrerseits bei amerikanischen Banken verschuldet waren. Der US-Kongress habe auf Rückzahlung bestanden, ebenso wie Paris und London auf Reparationen. Zugleich habe die deutsche Geldpolitik zur Hyperinflation geführt; Ende 1923 sei die Papiermark faktisch wertlos gewesen. Aus diesem Chaos heraus habe Stresemann die wirtschaftliche Wende organisiert.
Seine Strategie sah vor, amerikanisches Kapital für deutsche Unternehmen zu mobilisieren. Ein Teil dieser Kredite sollte die Reparationen finanzieren, die wiederum über Großbritannien und Frankreich in Form von Kriegsschulden an die USA zurückflössen. Gleichzeitig sollten amerikanische Gläubiger Druck auf die europäischen Siegermächte ausüben, ihre Forderungen zu mildern. Tatsächlich schien dieser Mechanismus zeitweise zu funktionieren: Anfang der 1930er Jahre war Deutschland der größte Schuldner der USA, und amerikanische Akteure drängten auf eine Neuordnung der Reparationsfrage. Doch diese „atlantische“ Strategie scheiterte. Die USA seien nicht bereit gewesen, Reparationen und Kriegsschulden offen miteinander zu verknüpfen, und die Weltwirtschaftskrise habe einen isolationistischen Kurswechsel ausgelöst, der im Smoot-Hawley-Zollgesetz gipfelte. Mit Stresemanns Tod 1929 öffnete sich der Raum für eine radikal andere Antwort: einen aggressiven, militärischen Nationalismus, dessen zentraler Vertreter Hitler war.
Hitler habe Geschichte nicht als Ergebnis von Arbeit und Industrie verstanden, sondern als Kampf um begrenzte Lebensgrundlagen. Großbritannien habe nur dank früherer militärischer Eroberungen vom Freihandel profitieren können. Deutschland hingegen müsse seinen Lebensstandard durch die gewaltsame Aneignung von „Lebensraum“ sichern – im Osten Europas. Industrie und Handel allein würden, so seine Überzeugung, nur eine Wiederholung von 1914 nach sich ziehen. Ein Schlüssel zu diesem Denken liege in Hitlers Blick auf die Vereinigten Staaten. Deren wirtschaftliche Überlegenheit erklärte er mit ihrem eigenen Lebensraum: einem riesigen Binnenmarkt, einer größeren Bevölkerung und reichlich Rohstoffen. Diese strukturellen Vorteile hätten strategische Folgen, da sie Europa zur Bedeutungslosigkeit zu degradieren drohten. Die Antwort darauf müsse von der stärksten europäischen Macht ausgehen – unausgesprochen: Deutschland.
Aus dieser Logik ergab sich die Notwendigkeit territorialer Expansion, verbunden mit Vertreibung und Vernichtung. Hitler habe eine Abfolge von Schritten vor Augen gehabt: Anschluss Österreichs, Unterwerfung Mitteleuropas, Ausschaltung Frankreichs, um den Weg nach Osten freizumachen. Großbritannien sollte dabei möglichst neutral bleiben oder gar als Partner gewonnen werden, da ein Konflikt mit dem Empire vermieden werden müsse.
Abschnitt 1, "Recovery", beginnt mit der Frühphase der NS-Wirtschaft. Diese wird oft als eine Art NS-"Wirtschaftswunder" erzählt, in der schnell Vollbeschäftigung erreicht und damit die düstere Zeit der Weltwirtschaftskrise hinter sich gelassen worden sei.
Bereits in Kapitel 2, "Every worker his work", verkompliziert Tooze dieses Bild jedoch wesentlich. Der Fokus liegt hier auf den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, etwa dem Autobahnbau, in der Propaganda des Dritten Reichs eine große Rolle spielten. Tooze bleibt jedoch nicht beim Thema Autobahnen stehen, sondern verfolgt die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu ihrem Ursprung in Ostpreußen, wo die unterbeschäftigte Landbevölkerung zur Landkultivierung herangezogen wurde. Dieses mit großem Aufwand erbrachte Projekt war zwar erfolgreich. Der Erfolg relativiert sich aber schnell: verglichen mit den eingesetzten Mitteln betraf es wenige Leute und das unter idealen Bedingungen, einer hohen Arbeitslosigkeit bei kaum vorhandenen Fertigkeiten und in einer unterentwickelten Region. Kurz gesagt konnte hier mit der Hand am Arm (und am Spaten) tatsächlich einigermaßen sinnvolle, wenngleich ökonomisch effiziente Arbeit betrieben werden. Den Arbeitslosen in Hamburg nutzte das gar nichts, hier war das Prinzip nicht anwendbar.
Das war aber letztlich auch egal, da die Nazis gar nicht vorhatten, die Arbeitsbeschaffung auf breiter Basis auszurollen. Tooze weist nach, dass sie in der Propaganda des Regimes eine wesentlich geringere Rolle spielte als gemeinhin angenommen und, vermutlich entscheidender, in den wirtschaftspolitischen Konzeptionen ebenfalls kaum vorkam. Diese konzentrierten sich vielmehr auf klassische Fragen der "balance of payment", der Austerität, Auslandsschulden etc. Das Arbeitsbeschaffungsprogramm selbst endete bereits 1934, und letztlich abgesehen von einigen stark hervorgehobenen Pilotprojekten auch ohne großen Einfluss. Das hieß jedoch nicht, dass die Erholung nicht real gewesen wäre; tatsächlich verschwand die Arbeitslosigkeit ja weitgehend. Dies war auch auf direkte staatliche Intervention zurückzuführen, aber nicht im Reichsarbeitsdienst, sondern in der Rüstungsindustrie.
Das bedeutete zwangsläufig einen Abschied von jeder Kooperation mit Großbritannien, Frankreich oder den USA. Kapitel 3, "Breaking away", zeigt die Aufkündigung der Stresemann'schen Politik durch die Nazis. Die größte Frage in diesem Zusammenhang war die um die Auslandsschulden. Effektiv nutzte das Reich die Uneinigkeit der Gläubiger aus, um bilaterale Deals mit Schuldenschnitten zwischen 20 und 80% (!) zu erreichen. Die Drohung, die Zahlungen ganz einzustellen, war wegen der offiziellen Autarkiepolitik einerseits und der Uneinigkeit der demokratischen Länder durchaus glaubhaft; ein Vergleich etwa mit Griechenlands Lage in der Krise 2010ff. zeigt das mehr als deutlich auf.
Zudem versuchten die Nazis, Deutschland so weit wie möglich aus dem internationalen Handelsgeflecht herauszunehmen. Hitler hielt überhaupt nichts von der Idee, dass es möglich sei, mit Exporten einen Außenhandelsüberschuss zu erreichen und auf diese Art zu dem Wohlstandsniveau aufzuschließen, das die westlichen Länder besaßen. Die deutsche Wirtschaft war dafür nicht leistungsfähig genug, die Abhängigkeit von den Weltmärkten etwas, das ideologisch auch nicht zu akzeptieren war. Diese Zurückweisung der liberalen Weltordnung war ein Policy- wie ideologisches Kernelement der NS-Politik.
Und das Wohlstandsniveau, das betont Tooze immer wieder, war krass unterschiedlich. Deutschland besaß damals ein BIP und einen Lebensstandard, die in einem globalen Vergleich auf dem Stand von 2006 dem Südafrikas und Irans entsprochen hatten - ein Vergleich, den Tooze noch als für NS-Deutschland schmeichelhaft bezeichnet, weil Iran und Südafrika in der Lage seien, durch Importe bestimmte Lücken zu schließen, eine Möglichkeit, die dem Nazireich verwehrt blieb. Seine Wirtschaft war insgesamt zurückgeblieben, das Wohlstandsniveau und der Lebensstandard niedrig.
Tooze erklärt damit auch einleuchtend das Mysterium, warum in Deutschland keine fordistische Massenproduktion Fuß fasste. Dies lag nicht an einer Unkenntnis der Technologien, sondern vielmehr daran, dass ein Markt für fordistische Produkte nicht existierte: die Deutschen konnten es sich schlicht nicht leisten. Die Zahl der PkW im Ursprungsland des Automobils war vernachlässigbar; in Privatbesitz befand sich so gut wie keines. Die Nazi-Fantasien von Autobahnen und Volkswagen werden erst vor diesem Hintergrund wirklich verständlich; sie beschrieben eine Zukunft, die in den 1930er Jahren fantastisch anmuten musste.
Trotzdem - oder gerade deswegen - fanden die Nazis, wie in Kapitel 4, "Partners: The Regime and German Business", beschrieben, willige Komplizen in der deutschen Wirtschaftselite. Diese war nämlich, anders als heute, auch nicht auf Freihandel und Export orientiert und besaß wenig Probleme mit der Vorstellung großer Konglomerate und staatlicher Nachfragepolitik. Die Autarkiefantasien der Nazis stießen zwar nicht zwingend in allen Vorstandsetagen, aber auf der Ebene darunter auf willige Helfer: neue Technologien, nicht marktreif und schon gar nicht rentabel, konnten plötzlich in gewaltigem Umfang ausgebaut werden. Das prominenteste Beispiel dafür ist IG Farben und die synthetische Herstellung von Kraftstoff aus Kohle: ein ineffizientes Verfahren, das aber versprach, ein Desiderat der deutschen Führung abzudecken. Entsprechend erhielt IG Farben gigantische Subventionen (verkalkulierte sich aber, weswegen die Gewinne zu einem großen Teil an den Staat gingen; die Bosse waren zu vorsichtig gewesen). Ähnlich sah es in anderen Bereichen, wo die Nationalsozialisten einerseits ein hohes Subventionsniveau versprachen, das Expansion und Gewinne ermöglichte, andererseits aber durch staatliche Nachfrage in klar gegliederte Bereiche, vor allem die Schaffung von Militärgerät, ging.
Allerdings erklärt das alles nicht, warum ein so großer Teil der Wirtschaft auf die Linie der Nationalsozialisten umschwang - und das übrigens erst im Moment der Machtübergabe; noch in den Wahlkämpfen 1932 unterstützte die Wirtschaft, anders als von der linken Propaganda behauptet, vor allem die reaktionären Rechtsextremisten, vor allem die DNVP; dieses Bündnis war auf beiden Seiten ein opportunistisches. Die deutschen Unternehmer waren im Großen und Ganzen Antidemokraten und auch Antiliberale, aber die meisten waren eben keine Nationalsozialisten. Neben der Opportunität war das größte verbindende Element das glaubwürdige und direkt 1933 umgesetzte Versprechen des Zerschlagens der Arbeiterbewegung: die Gewerkschaften wurden zerstört und die Unternehmer im Rahmen der Führerideologie zu unumschränkten Herrschern ihrer Betriebe gemacht, was dem Ego der Wirtschaftsbosse sehr entgegenkam (und, nebenbei bemerkt, die olle Kamelle von der "linken" NSDAP völlig albern macht).
Wie wenig am NationalSOZIALISMUS neben wohlklingender Phrase an Substanz zu finden war zeigt Kapitel 5, "Volksgemeinschaft on a budget". Von der KdF zu den großen Feierlichkeiten des Regimes über sein Winterhilfswerk wurden viele Initiativen rhetorisch zu gewaltigen Kraftanstrengungen aufgeblasen, die insgesamt ziemlich wenig Substanz hatten. Das ist auch kein Wunder, denn das Regime besaß für mehr überhaupt nicht die Mittel. Die angebliche Volksgemeinschaft musste ohne eine Unterfütterung durch einen funktionierenden Sozialstaat auskommen.
Stattdessen blieb das Deutsche Reich eine deutliche Klassengesellschaft. In den Städten lebten die Arbeiter immer noch in reichlich erbärmlichen Umständen, und selbst das Bürgertum genoss einen Lebensstandard, der kaum an den von amerikanischen Facharbeitern heranreichte, von ihren Klassengenossen in den US-Metropolen ganz zu schweigen. Die größten wahrnehmbaren Effekte besaß die "Volksgemeinschaft" in den erzwungenen Gemeinschaftsmaßnahmen (von denen etwa Sebastian Haffner in seiner "Geschichte eines Deutschen" aus erster Hand berichtet), bei denen der ungewaschene Plebs in Machtpositionen gesetzt wurde, um der Bourgeoisie einmal ordentlich einzuheizen. Solche Maßnahmen dienten aber dem Bedienen von kleinbürgerlichen Ressentiments, die die NS-Führung selbst hegte, als dass eine strukturierte und geplante Auflösung von Klassen wie im Sowjetkommunismus angestrebt worden wäre.
Die mörderischen Energien der Nazis richteten sich vielmehr auf jene Elemente, die man bewusst aus der "Volksgemeinschaft" exkludierte: auf der einen Seite die rassisch als minderwertig gebrandmarkten Juden, Sinti/Roma und Slawen, auf der anderen Seite ideologische Gegner wie Sozialdemokraten, Kommunisten oder Zeugen Jehovas. Sie wurden in das rapide expandierende Netz an Lagern gesteckt, die in dieser Zeit aus dem Boden wucherten.
Eine spezielle Gruppe war die Bauernschaft, die Thema von Kapitel 6, "Saving the peasants", ist. Aus ideologischen Gründen war die deutsche Landwirtschaft für die Nazis von großer Bedeutung. Sie war einerseits seit dem frühen Kaiserreich notorisch ineffizient und konnte nur dank massiver staatlicher Hilfen überhaupt überleben; die große Rolle der Junkerklasse im Lobbying des Kaiserreichs und Weimar reflektiert dies ebenso wie ihre ideologische Nähe und frühe Unterstützung für die Nazis. Auf der anderen Seite gab es eine Reihe von kleinen Familienbetrieben auf marginalem Land, die ebenfalls nicht sonderlich rentabel waren. Der ganze Sektor basierte immer noch auf körperlicher Arbeit; mechanisiert war noch so gut wie nichts (anders als etwa in den wesentlich effizienteren USA oder Großbritannien und selbst Frankreich mit seinem großen und fragmentierten, aber mit wesentlich besserem Boden ausgestatteten Agrarsektor).
Deutschlands Rolle als Nahrungsmittelimporteur war für Hitler und Chefideologen Darré nicht akzeptabel. Hier manifestierte sich die Lebensraumideologie in ihrer krassesten Form: die Lösung für die unzweifelhaft vorhandene Landnot war nicht Rationalisierung und Mechanisierung, sondern gewaltsame Eroberung und ethnische Säuberung. Die Ablehnung von Mechanisierung und Rationalisierung hatte neben der unzweifelhaften Rolle der Ideologie auch wirtschaftliche Ursachen: die deutsche Volkswirtschaft war schlicht nicht in der Lage, die Mechanisierung zu stemmen. Alle entsprechenden Ressourcen gingen, wie wir noch sehen werden, in die Aufrüstung.
Gleichzeitig mussten aus ideologischen Gründen die kleinen Betriebe erhalten bleiben. Die Nationalsozialisten schufen deswegen das so genannte Erbhofsystem: wer arische Vorfahren bis mindestens 1800 nachweisen konnte und eine Reihe strenger Auflagen akzeptierte (strikte Primogenitur und Entrechtung der anderen Familienmitglieder, vor allem Frauen; Verkaufsverbot; Hypothekenverbot) kam in den Genuss umfangreicher Schutzmaßnahmen und durfte sich fortan "Bauer" nennen; alle anderen mussten sich mit der Bezeichnung "Landwirt" zufriedengeben. Das ursprüngliche Gesetz war völlig starr und unpraktikabel, wurde aber mit dem Input der Betroffenen schnell erweitert und flexibilisiert - ein Schema, das auch in der Industrie durch die Partnerschaft der Nazis mit der Wirtschaft (siehe Kapitel 4) Anwendung fand.
In der Propaganda wurde die Rolle des Bauernstandes immer wieder betont. Tooze beschreibt ausführlich das Reichserntedankfest 1934, bei dem Hitler - noch nahbar - von zehntausenden Bauern, die man aus ganz Deutschland zu einer beeindruckenden Massenveranstaltung und Demonstration der Organisationsfähigkeiten und oberflächlichen "Modernität" des Regimes zusammengezogen hatte, diese Rolle publikumswirksam in Szene setzen konnte. Wie wir noch sehen werden, konnten die Nazis in der Praxis die wirtschaftlichen Fliehkräfte trotzdem bestenfalls teilweise aufhalten.
Abschnitt 2, "War in Europe", beschreibt den Weg in den Krieg und die ersten Kriegsjahre. Das Ziel der Nationalsozialisten war von Anfang an das Führen eines rücksichtslosen Eroberungskriegs. Unklar waren nur Zeitpunkt und Strategie, aber die Zielrichtung einer Expansion nach Osten war ideologisch von Beginn an festgelegt und fand ihren Niederschlag auch in der Wirtschaftspolitik.
Den klarsten Ausdruck fand das in den in Kapitel 7, "1936: Four years to war", behandelten Vier-Jahres-Plänen. Unter Hermann Göring entstanden neue Konglomerate und Behörden, die eine unglaubliche Konzentration vor allem der stahlerzeugenden Industrie herbeiführten, die die Größe von US Steel erreichte - nicht im Umfang, aber in der Konzentration. Tooze stellt auch die Rolle der technologischen Veränderungen heraus. So war Anfang der 1930er Jahre noch das aus Holz und Leinwand gebaute Flugzeug Stand der Technik; das Rüstungsprogramm von 1936 sah den Bau tausender Vollmetallflugzeuge vor, und 1943 würden die ersten Jetflugzeuge von deutschem Boden abheben. Das verschlang immense Ressourcen. Dasselbe galt für den durch interne Ränkespiele massiv aufgeheizten Flottenbau, und in abgespecktem Maße auch für die Wehrmacht: die Panzer, die Deutschland Mitte der 1930er Jahre besaß, waren Panzer I und II, mit Maschinengewehren ausgestattet: kaum die Waffen, die später den Blitzkriegmythos begründen sollten.
Bei alledem aber blieb die deutsche Armee eine "arme" Armee. Auch wenn das Ziel ausgegeben wurde, mechanisierte Divisionen aufzustellen, so würde der Großteil der Soldaten doch zu Fuß gehen und die Artillerie von Pferden gezogen werden. Die Hybris, die aus den Plänen spricht, wird durch den nüchternen Stil Toozes, in dem dieser die Zahlen auflistet und die Pläne und Herausforderungen beschreibt, umso krasser deutlich.
Auch auf finanziellem Gebiet hatte das Dritte Reich von Beginn an mit erheblichen Problemen zu kämpfen – insbesondere im Hinblick auf seine Zahlungsbilanz. Deutschlands starke Abhängigkeit von Rohstoffimporten, die mit dem wirtschaftlichen Wiederaufschwung nach der Weltwirtschaftskrise noch zunahm, traf auf chronisch schwache Exportleistungen. Die Folge war ein permanenter Devisenmangel, der die Beschaffung jener Materialien blockierte, die für eine wirklich umfassende Aufrüstung nötig gewesen wären. In der Rüstungspolitik trat dieser Engpass noch deutlicher zutage – und zwar umso bedrohlicher, als die potenziellen Gegner Deutschlands ihre eigenen Rüstungsprogramme massiv beschleunigten. Großbritannien, Frankreich und die USA reagierten damit zumindest teilweise auf das aggressive Auftreten des Regimes seit 1933.
Die Kriegsplanungen bedeuteten einen unaufhaltsamen Vormarsch in Richtung Krieg spätestens ab 1936. Kapitel 8, "Into the danger zone", zeigt auf, dass von Beginn an die Innen- und Außenpolitik des Dritten Reiches auf die kompromisslose Durchsetzung ideologischer Ziele ausgerichtet war. In der Industrie bedeutete dies die absolute Priorität für Rüstungsproduktion. Tatsächlich gelang es dem Regime, den Anteil der Militärausgaben am Sozialprodukt innerhalb von sechs Jahren von unter einem Prozent auf fast zwanzig Prozent zu steigern – die größte friedenszeitliche Ressourcenverschiebung zugunsten des Militärs, die je ein kapitalistischer Staat vollzogen hat. Das Ausmaß dieser Rüstungsausgaben spottete jeder Beschreibung und erforderte eine Konzentration von Ressourcen.
Das bedeutete einerseits, dass der private Konsum dramatisch unterdrückt werden musste; auf der anderen Seite musste das Regime aber den inflationären Druck durch die massive staatliche Nachfrage (bei Vollbeschäftigung!) abfangen. Die mangelnden Ressourcen (vor allem an Stahl und anderen Metallen) erforderten ein Quotierungssystem, das die Kräfte des Marktes hier weitgehend ausschaltete; der Erhalt eines privaten Wirtschaftssystems und die garantiert hohen Renditen hielten den Widerstand seitens der Wirtschaft in engen Grenzen. Um den inflationären Druck weiter unter Kontrolle zu halten, wurden Preis- und Lohnstopps verordnet und mit drakonischen Strafen durchgesetzt. Ab 1938 wurde zudem ein Kommandosystem für Arbeit eingeführt, bei dem Arbeiter zwischen den verschiedenen Industrien verschoben wurden; ein ineffizientes System, zu dem es aber mangels Anpassungsmöglichkeiten über den Preis keine Alternative gab.
Bis 1938 hatte sich zudem das Devisenproblem dramatisch zugespitzt. Ein Symptom zeigte sich ausgerechnet bei der Umsetzung eines zentralen ideologischen Ziels: der Emigration der jüdischen Bevölkerung. Nach einem anfänglichen Höhepunkt 1933 stagnierte die Zahl der Auswandernden bei rund 20.000 pro Jahr. Tooze argumentiert, das entscheidende Hindernis seien die „extrem hohen Kosten der Auswanderung“ gewesen, die wiederum auf denselben strukturellen Mangel zurückzuführen seien, der nahezu alle Bereiche der NS-Politik belastete: den Mangel an Devisen. Ohne ausreichende Rücklagen in Fremdwährung ließen sich deutsche Juden kaum zur Emigration bewegen. Schon hier zeigt sich, wie ökonomische Realitäten ideologische Ansprüche unterliefen.
Parallel dazu betrieb Deutschland eine zunehmend aggressive Außenpolitik. 1938 kulminierte diese im „Anschluss“ Österreichs im März sowie in der Annexion des Sudetenlands im Oktober. Während der Anschluss kaum Protest hervorrief, verschärfte er die Spannungen in Europa erheblich, da deutsche Truppen nun die westliche Hälfte der Tschechoslowakei von drei Seiten bedrohten. Diese Lage eskalierte in der sogenannten Maikrise vom 20./21. Mai, als Gerüchte über einen bevorstehenden Angriff zur Mobilisierung tschechoslowakischer Reservisten führten. Entscheidend war, dass Großbritannien und Frankreich hier erstmals demonstrativ klarstellten, sie würden der Tschechoslowakei im Kriegsfall beistehen. Diese Machtdemonstration prägte die strategischen Schlussfolgerungen Berlins nachhaltig. Die Krise hatte auch Auswirkungen auf die Wirtschaft: die Mobilisierung der Armee, vor allem in Bayern, zeigte die Funktionsfähigkeit der Logistik einerseits und die zu erwartenden Verwerfungen andererseits allzu deutlich auf. Die Abhängigkeit Deutschlands von der Landwirtschaft etwa zeigte sich schon darin, dass Hitler den Zeitpunkt für den geplanten Krieg gegen die Tschechoslowakei auf Oktober setzte, also nachdem die Ernte komplett eingefahren war, weil das Mobilisieren der Bevölkerung vorher die Nahrungsmittelproduktion gefährdet hätte.
Dieser Krieg fand nicht statt. Wie in Kapitel 9, "Nothing to gain by waiting", ausgeführt wird, gestatten Großbritannien und Frankreich Hitler schließlich dennoch, das Sudetenland zu übernehmen (im Münchner Abkommen vom 30. September). Aber die Maikrise hatte eine Botschaft übermittelt, die die Nationalsozialisten niemals vergessen würden. Seit dieser Krise „begann Hitler ernsthaft über die Notwendigkeit eines großen Krieges im Westen nachzudenken, als Vorspiel für seinen geplanten Vorstoß gegen die Sowjetunion [während er zuvor zumindest auf britische Duldung gehofft hatte]“. Dies sei „die entscheidende Lehre gewesen, die in Berlin bis zum Frühsommer 1938 gezogen wurde“, unabhängig von den späteren Ereignissen in München. Das Dritte Reich musste das britische Empire fortan „als eine Kraft betrachten, die Hitlers Traum von einer Eroberung im Osten entgegenstand“. Darüber hinaus hatten deutsche Militärplaner stets angenommen, dass Großbritannien und Frankreich im Falle eines Krieges von der enormen wirtschaftlichen Macht der Vereinigten Staaten unterstützt würden – also erneut jene gewaltige Allianz bilden könnten, die Deutschland bereits im Ersten Weltkrieg besiegt hatte.
Der entscheidende Punkt ist, dass diese potenziellen Gegner bereits im Frühjahr 1938 selbst umfangreiche Aufrüstungsprogramme durchführten. Diese wurden sowohl durch die Aggression Deutschlands als auch durch Italiens Angriff auf Äthiopien 1935/36 und Japans Invasion Chinas 1937 ausgelöst. Sobald diese Programme einmal angelaufen waren, hatte Deutschland kaum eine Chance, mitzuhalten. Im maritimen Bereich zeigen zeitgenössische Quellen, dass die britische Royal Navy seit 1933 etwa 30 Prozent mehr ausgegeben hatte als die deutsche Kriegsmarine. Großbritannien baute damit seinen ohnehin überwältigenden Vorsprung an Kriegsschiffen weiter aus. Noch bedrohlicher waren die Vereinigten Staaten: Am 17. Mai 1938 unterzeichnete Präsident Roosevelt ein Gesetz über ein Flottenausbauprogramm im Wert von 1,15 Milliarden Dollar, das „sicherstellte, dass die Vereinigten Staaten jeden ihrer Rivalen im weltweiten Flottenrüstungswettlauf übertreffen würden“.
Zur gleichen Zeit begann London auch ein ehrgeiziges Programm zur Erweiterung seiner Luftstreitkräfte und produzierte innerhalb von zwei Jahren 12.000 moderne Kampfflugzeuge. Frankreich startete ebenfalls ein großes Programm im Umfang von 12 Milliarden Francs zur Stärkung seiner Streitkräfte, von denen 9 Milliarden Francs für die Produktion von 4.700 neuen Flugzeugen vorgesehen waren. Nach dem Münchner Abkommen nahm auch Roosevelt eine härtere Haltung gegenüber Deutschland ein. Ende 1938 akzeptierte er eine französische Einkaufskommission, die bis zu 1.000 amerikanische Kampfflugzeuge erwerben sollte. Roosevelt sprach sogar davon, den westlichen Mächten bis zu 20.000 Flugzeuge liefern zu können. Gleichzeitig verhängte er einen Strafzoll von 25 Prozent auf deutsche Importe – eine Maßnahme, die in Berlin „als einer wirtschaftlichen Kriegserklärung gleichkommend“ angesehen wurde.
Deutschland blieb jedoch ebenfalls nicht untätig. Nach der Maikrise befahl Hitler eine erneute massive Aufrüstung, die Deutschland auf einen Krieg mit den westlichen Mächten vorbereiten sollte. Doch konnte die deutsche Wirtschaft diese Belastung überhaupt tragen? Bereits im Juni 1936 hatten Militärplaner eine Reihe von Ausbauprojekten entworfen, die der Wehrmacht bis Oktober 1940 insgesamt 102 Divisionen mit mehr als 3,6 Millionen Soldaten verschaffen sollten. So beeindruckend diese Pläne auch waren – sie hätten „die deutsche Wirtschaft bis an ihre Grenzen gedehnt“. Um eine Streitmacht von 102 Divisionen innerhalb von vier Jahren auszurüsten, wäre „eine enorme Beschleunigung der Militärausgaben“ erforderlich gewesen.
Wie General Friedrich Fromm erklärte, hätte allein das Heer jährlich 9 Milliarden Reichsmark benötigt – doppelt so viel wie zuvor für die gesamte Wehrmacht vorgesehen war. Selbst wenn ausreichende Devisen verfügbar gewesen wären – was höchst zweifelhaft war –, hätte das Rüstungsprogramm eine massive Erweiterung der Produktionskapazitäten erfordert. Gleichzeitig stellte sich die Frage, was mit diesen Kapazitäten geschehen sollte, sobald die Ziele der Wehrmacht erreicht wären. Die Fabriken hätten entweder auf zivile Produktion umgestellt werden müssen – zu hohen Kosten – oder sie hätten weiter Rüstungsgüter produziert und damit einen gewaltigen Überschuss erzeugt, es sei denn, die Wehrmacht befände sich tatsächlich im Krieg.
Nach der Maikrise von 1938 ordnete Hitler an, diesen gesamten Ausbauplan auf April 1939 vorzuziehen. Gleichzeitig sollte das Heer Vorräte anlegen, die für drei Monate Krieg ausreichen würden. Allein zwischen dem 25. und 31. Mai verdreifachte sich der zusätzliche Stahlbedarf des Heeres von 400.000 auf 1,2 Millionen Tonnen. Auch die Luftwaffe verpflichtete sich zu einem massiven Ausbauprogramm. Ihr Oberbefehlshaber Hermann Göring bestellte eine Flotte von nicht weniger als 7.000 Ju-88-Bombern. Diese Programme veränderten die Struktur der deutschen Wirtschaft grundlegend – auf Kosten des privaten Konsums, der stagnierte oder sogar zurückging. Zwischen März und Juli 1938 wurde der Stahl, der nicht für die Wehrmacht bestimmt war, um 25 Prozent gekürzt. Die wichtigste Wachstumsbremse der deutschen Wirtschaft blieb jedoch weiterhin „die äußere Begrenzung durch die Zahlungsbilanz“.
Trotz der enormen Belastungen betrachteten führende NS-Politiker wie Göring diese Anstrengungen als überlebenswichtig. Am 8. Juli erklärte er in einer großen Rede vor Vertretern der deutschen Flugzeugindustrie, Deutschland stehe möglicherweise vor einem „Weltkrieg“, in dem seine Gegner – Frankreich, England, Russland und Amerika – auf ein „gewaltiges Reservoir an Rohstoffen“ zurückgreifen könnten. Angesichts dieser Bedrohung stehe Deutschland nun vor der „größten Schicksalsstunde seit es eine deutsche Geschichte gibt“. Nach der Sudetenkrise im September 1938 kündigte Göring ein noch umfassenderes Aufrüstungsprogramm an, „gegenüber dem alle bisherigen Leistungen unbedeutend erscheinen“. Das Heer sollte weiter expandieren und verlangte nun für 1939 ein Viertel der gesamten deutschen Stahlproduktion – rund 4,5 Millionen Tonnen. Gleichzeitig plante die Luftwaffe eine Verfünffachung ihrer Stärke auf über 21.000 Kampfflugzeuge. Auch die Marine begann ein neues Programm, um mit der Royal Navy zu konkurrieren und bis 1948 eine Flotte von 797 Schiffen aufzubauen – zu Kosten von 33 Milliarden Reichsmark. Die infrastrukturellen Anforderungen dieser Programme wären enorm gewesen.
Nach Tooze war jedoch klar, dass diese Pläne „niemals eine Chance hatten, verwirklicht zu werden“, da sie die industrielle Leistungsfähigkeit Deutschlands massiv überschätzten. 1939 teilte die Reichsbank Hitler sogar mit, dass „Gold- oder Devisenreserven der Reichsbank nicht mehr vorhanden“ seien. Göring und Hitler riefen die Bevölkerung bereits dazu auf, „exportieren oder sterben“. Dennoch wurden Ende 1938 und Anfang 1939 die Rüstungsziele drastisch reduziert. Das grundlegende Problem war daher, dass Deutschland angesichts einer britisch-französischen Allianz – die nach der vollständigen Besetzung der Tschechoslowakei im März 1939 endgültig gefestigt war – und der Unterstützung der Vereinigten Staaten strategisch unterlegen war. Jede konventionelle strategische Analyse deutete darauf hin, dass Deutschland materiell unterlegen war.
Je länger Deutschland wartete, desto schlechter würden seine militärischen Aussichten werden. Gleichzeitig wusste Hitler im Sommer 1939, dass Deutschland „die größte und kampfbereiteste Armee Europas sowie die beste Luftwaffe“ besaß. Die Eroberung Polens erschien problemlos möglich. Nach Tooze ließ sich daher allein aus der Dynamik der Aufrüstung eine rationale Begründung für einen Krieg im Herbst 1939 ableiten. Wenn Krieg ohnehin unvermeidlich war – wie Hitler glaubte –, hatte die Wehrmacht wenig zu gewinnen, wenn sie wartete. Hitler entschied sich daher im September 1939 bewusst für den Krieg, obwohl er wusste, dass ein Angriff auf Polen höchstwahrscheinlich eine Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs auslösen würde. Tooze widerspricht damit der Vorstellung, Hitler habe Polen angegriffen, ohne einen größeren Krieg zu erwarten. Da er diese Konsequenzen erwartete – warum handelte er dennoch? Nach Tooze lautet die Antwort: weil es nichts mehr zu gewinnen gab, wenn man wartete.
Wenig überraschend gelang der Sieg über Polen recht schnell. Das Problem war die Westfront. Kapitel 10, "Going for broke: the first winter of the war", befasst sich vor allem mit den deutschen Planungen für diesen Krieg. Das strategische Dilemma war ja weiterhin ungeklärt: ein Krieg gegen Frankreich würde vermutlich einen Abnutzungskampf erfordern, für den Deutschland wirtschaftlich noch schlechter aufgestellt war als 1914, und der Kampf gegen Großbritannien erforderte den Aufbau einer starken Luftwaffe und Marine; auf beiden Feldern aber konnte Großbritannien durch seinen Vorsprung (vor allem bei der Marine) und seinen Zugriff auf die Ressourcen des Empire und, entscheidender, der USA zurückgreifen. Damit Deutschland Großbritannien überhaupt herausfordern konnte, brauchte es Zugang zur Kanalküste, sowohl für Marine- als auch Luftwaffenbasen.
Da die deutsche Armee aber kaum über Reserven verfügte, war die Frage nach einer Allokation von Ressourcen eine entscheidende. Tooze betont, dass die Wehrmacht nicht dem Klischee der Blitzkriegsarmee entsprach: die Panzertruppe war relativ klein und bestand weitgehend aus veralteten Modellen (Panzer I und Panzer II); für eine Aufrüstung standen nicht genug Ressourcen bereit. Hitler befahl deswegen einen konzentrierten Ausbau der Produktion von schwerer Artillerie - basierend auf den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs - und Munition.
Letztere befand sich in einer absoluten Produktionskrise. Die deutsche Wirtschaft war nicht in der Lage, genug Munition für einen längeren Krieg zu produzieren. Der Verbrauch der Wehrmacht lag deutlich höher als die Produktion, und die Vorräte waren sehr gering. Diese Munitionskrise wird von Tooze als Zäsur in der NS-Führung beschrieben. Nie wieder sollte ein ähnliches Problem auftauchen, weswegen es nötig schien, die Kriegswirtschaft umzustellen. Die Bürokratie wurde reformiert, und zahlreiche Zuständigkeiten wanderten von der Wehrmachtsbeschaffung zur neu gegründeten Behörde Fritz Todts. In den Ränkespielen innerhalb des NS-Staates verlor die Wehrmacht hier zentrale Kompetenzen zugunsten eines von NS-Personal besetzten Parallelapparats, der sich wiederum gegen andere Parallelautoritäten wie die Vier-Jahresplan-Behörde durchsetzen musste. Die einzige Chance bestand daher darin, einen schnellen Sieg im Westen zu erringen, der nicht in einen Abnutzungskrieg abglitt, und so Großbritannien zum Friedensschluss zu zwingen, bestand doch kein glaubhaftes Szenario, mit dem man das Inselreich militärisch besiegen konnte.
Dieser Feldzug wird in Kapitel 11, "Victory in the west - Sieg im Westen", beschrieben. Der Krieg selbst verlief im ersten Jahr für die Wehrmacht außerordentlich erfolgreich. Die deutsche Armee errang spektakuläre Erfolge im Westen, besetzte eine Reihe europäischer Staaten – darunter vor allem Frankreich – und vertrieb die Briten innerhalb weniger Wochen vom Kontinent. Der Blitzsieg Deutschlands im Westen war ein erstaunlicher Coup, der den materiellen Kräfteverhältnissen zu widersprechen schien, mit denen das Dritte Reich zu diesem Zeitpunkt konfrontiert war – und die keineswegs eindeutig zu seinen Gunsten ausfielen.
Dies verführt leicht zu einer voluntaristischen Deutung der Ereignisse, in der Faktoren wie élan oder die „überlegene Kampfkraft“ der deutschen Truppen wichtiger erscheinen als ihre materielle Ausgangslage. Aus diesem Grund betrachtet Tooze den Westfeldzug als eine „große Herausforderung für jede ökonomische Analyse des Zweiten Weltkriegs“, insbesondere für seinen eher materialistischen Ansatz, der sich bewusst von solchen voluntaristischen Erklärungen absetzt. Daher widmet er ein eigenes Kapitel der Frage, wie es der Wehrmacht gelang, in ihrem Westfeldzug einen derart raschen Erfolg zu erzielen.
Eine mögliche Erklärung für Deutschlands erstaunlichen Erfolg im Westen lautet, dass das Land eine äußerst wirkungsvolle Strategie des Blitzkriegs eingesetzt habe – also einen hochgradig mechanisierten Militärapparat, der speziell für diese neue Form der Kriegführung geschaffen worden sei und sich deutlich vom zermürbenden Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs unterschieden habe. Eine solche Deutung würde den Westfeldzug tatsächlich materiell erklären, insofern sie auf eine überlegene deutsche Streitmacht verweist. Zugleich würde sie jedoch Toozes These untergraben, dass Deutschland im Frühjahr 1940 keinen entscheidenden militärischen Vorteil gegenüber Großbritannien und Frankreich besaß. Deshalb unterzieht er zunächst die Blitzkrieg-Hypothese einer kritischen Prüfung, bevor er seine eigene Erklärung für den deutschen Sieg darlegt.
Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Begriff „Blitzkrieg“ berühmt geworden. Üblicherweise verbindet man damit das Bild einer mechanisierten Streitmacht, die mit überlegener Geschwindigkeit und Feuerkraft einen überraschten Gegner überrollt. Der Begriff tauchte erstmals in den Berichten westlicher Journalisten über den deutschen Angriff auf Polen im September 1939 auf und wurde später häufig zur Beschreibung der deutschen Strategie in Westeuropa verwendet. Tooze – ebenso wie viele andere Historiker*innen – hält jedoch die Vorstellung eines ausgearbeiteten Blitzkrieg-Konzepts im deutschen Militärdenken für einen Mythos. Obwohl das Wort oft Hitler zugeschrieben wird, soll dieser selbst erklärt haben: „Ich habe das Wort Blitzkrieg nie benutzt, weil es ein sehr dummes Wort ist.“
Besonders richtet Tooze seine Kritik gegen die Vorstellung, Blitzkrieg sei eine bewusst entwickelte militärisch-ökonomische Strategie gewesen. Nach dieser Interpretation habe das Dritte Reich gezielt eine neue Art militärischer Organisation geschaffen – eine Armee aus „klirrenden Panzern und heulenden Stukas“, die darauf ausgelegt gewesen sei, durch einen einzigen schnellen Schlag auf dem Schlachtfeld den Sieg zu erringen. In diesem Bild seien Waffentechnologie, militärische Planung, Diplomatie und wirtschaftliche Kriegsvorbereitung zu einer hochwirksamen Einheit verschmolzen.
In Wirklichkeit war die deutsche Armee, die 1940 Frankreich angriff, „weit davon entfernt, eine sorgfältig geschliffene Waffe moderner mechanisierter Kriegführung zu sein“. Deutschlands 2.439 Panzer standen mindestens 4.200 Fahrzeugen der belgischen, französischen, niederländischen und britischen Armeen gegenüber; allein Frankreich verfügte über 3.254 Panzer. Dieser quantitative Nachteil wurde auch qualitativ nicht ausgeglichen. Die deutschen Panzer des Jahres 1940 waren in vieler Hinsicht „ihren französischen, britischen oder sogar belgischen Gegenstücken unterlegen“. Ein ähnliches Bild zeigte sich in der Luft. Im Mai 1940 verfügte die Luftwaffe über 3.578 Kampfflugzeuge, während die Alliierten insgesamt 4.469 einsetzten, darunter auch hochwertige amerikanische Jagdflugzeuge. Der deutsche Erfolg könne daher „offensichtlich nicht auf eine überwältigende Überlegenheit bei der industriellen Ausstattung moderner Kriegführung zurückgeführt werden“.
Die fehlende Verbindung zwischen den militärisch-industriellen Vorbereitungen Deutschlands und dem tatsächlichen Verlauf der Ereignisse im Jahr 1940 wird noch deutlicher durch die Tatsache, dass die Wehrmacht vor September 1939 überhaupt keinen konkreten Plan für einen Angriff auf Frankreich ausgearbeitet hatte. Als schließlich im Oktober 1939 ein solcher Plan entstand, sah er lediglich einen „kurzen Vorstoß nach Norden in Richtung der Kanalküste, gefolgt von einer Luftoffensive gegen Großbritannien“ vor – also etwas völlig anderes als der später tatsächlich durchgeführte Angriff. Dieser Plan musste jedoch aufgegeben werden, nachdem im Februar 1940 zwei deutsche Offiziere über französischem Gebiet abgeschossen worden waren und dabei eine Aktentasche mit Stabskarten bei sich trugen. Daraufhin griff die Wehrmacht auf einen alternativen Plan des Generals Erich von Manstein zurück, der noch im Dezember 1939 als „absurd riskant“ verworfen worden war. Da dieser Plan erst zwei Monate vor Beginn der Offensive übernommen wurde, war es unmöglich, die militärisch-industriellen Vorbereitungen Deutschlands noch entsprechend anzupassen.
Gerade diese Strategie – zusammen mit den unglücklichen Entscheidungen der Alliierten, die ihren Erfolg erst ermöglichten – erklärt nach Tooze den deutschen Sieg im Frühjahr 1940. Mit anderen Worten: Der Ausgang des Feldzugs war keineswegs zwangsläufig durch die deutschen Vorbereitungen vor dem Krieg bestimmt. In vielen möglichen Szenarien hätten deutsche oder alliierte Strategien anders aussehen können, und Deutschland hätte dann möglicherweise auf wesentlich größeren Widerstand gestoßen. Tooze verdeutlicht dies, indem er den Ablauf der Ereignisse schildert. In den frühen Morgenstunden des 10. Mai 1940 erwachte die Westfront zum Leben, als deutsche Artillerie französische, niederländische und belgische Stellungen beschoss. Gleichzeitig eroberten deutsche Spezialtruppen belgische Befestigungen an der Maas, während Fallschirmjäger in der Nähe von Den Haag und Rotterdam landeten. Diese Aktionen, kombiniert mit dem Vormarsch der deutschen Heeresgruppe B in Richtung der Maaslinie, lockten das britische Expeditionskorps und den Großteil der französischen Armee nach Norden, um den Angriff abzuwehren.
Die Ablenkung funktionierte. Währenddessen bewegten sich etwa hundert Kilometer weiter südlich sieben Panzerdivisionen der Heeresgruppe A unbemerkt durch die Ardennen, durch Belgien und Luxemburg, in Richtung der französischen Grenze. Bis zum 20. Mai hatte diese Heeresgruppe den Ärmelkanal erreicht und damit eine Stellung im Norden Frankreichs gesichert. Gleichzeitig hatte Heeresgruppe B ihre Positionen in den Niederlanden und Belgien gefestigt. Die britischen und französischen Streitkräfte, die den verhängnisvollen Fehler begangen hatten, nahezu alle ihre Kräfte nach Norden zu verlegen, waren nun eingekesselt.
Mansteins Plan funktionierte nahezu perfekt: „Mit einem gewaltigen Sichelschlag hatte die Heeresgruppe A einen Kessel von 200 Kilometern Länge und 140 Kilometern Breite geschaffen. Es war die größte Einkesselung der Militärgeschichte, und der Ertrag war außergewöhnlich. Zwischen Hammer und Amboss des deutschen Angriffs gerieten nicht weniger als 1,7 Millionen alliierte Soldaten [von denen die Deutschen 1,2 Millionen als Kriegsgefangene nahmen], darunter die gesamte niederländische und belgische Armee, das britische Expeditionskorps und die besten Verbände der französischen Armee“. Vor allem Mansteins brillanter Angriffsplan sicherte den deutschen Sieg im Jahr 1940. Dieser beruhte jedoch nicht auf einer revolutionären, mechanisierten Form der Kriegführung, sondern auf einem Prinzip, das die deutsche Armee bereits seit dem 19. Jahrhundert verwendete: dem Schwerpunkt. Dieses Prinzip verlangte die Konzentration überlegener Kräfte – größer als die des Gegners – an einem einzigen Punkt. Obwohl die Deutschen an den meisten Frontabschnitten zahlenmäßig im Verhältnis von 2:1 unterlegen waren, verfügten sie im Ardennengebiet über einen Vorteil von nahezu 3:1.
Diese Konzentration der Kräfte machte den Plan erfolgreich, aber zugleich äußerst riskant. Hätten die französischen und britischen Streitkräfte erhebliche Reserven zurückgehalten, anstatt fast ihre gesamte Armee nach Norden zu verlegen, wäre der Vorstoß der Heeresgruppe A im Süden anfällig für einen Gegenangriff oder sogar eine Gegenumklammerung gewesen. Tatsächlich war der Vormarsch der Heeresgruppe A außerordentlich riskant. Der Großteil der Panzer war in der gewaltigen Panzergruppe Kleist zusammengefasst, die aus 1.222 Panzern, 545 Halbkettenfahrzeugen sowie 39.373 Lastwagen und Autos bestand. Diese enorme Streitmacht bewegte sich auf lediglich vier schmalen Straßen, wobei jede der Kolonnen eine Länge von etwa 400 Kilometern erreichte. Der Plan sah vor, dass diese riesige Kolonne bis zum 13. Mai die Maasbrücken erreichen musste – andernfalls hätten die Alliierten genügend Zeit gehabt, auf den Vorstoß im Süden mit voller Kraft zu reagieren. Wären alliierte Bomber durch den deutschen Jagdschutz über den Ardennen durchgebrochen, hätten sie in diesem langsamen Fahrzeugstrom verheerende Schäden anrichten können.
Damit der Plan funktionierte, waren enorme Anstrengungen der Wehrmacht erforderlich. Um sicherzustellen, dass die Panzergruppe Kleist rechtzeitig die Maas erreichte, setzte Deutschland nahezu seine gesamten verbleibenden Treibstoffreserven ein und organisierte eine äußerst komplexe logistische Operation, um das zu verhindern, was sonst zur „größten Verkehrsblockade der Welt“ hätte werden können. Außerdem mussten die deutschen Kolonnen drei Tage und drei Nächte ohne Unterbrechung fahren. Die übermüdeten Fahrer hielten sich dabei mit Amphetaminpräparaten wach – insbesondere mit Pervitin, auch „Panzerschokolade“ genannt. Darüber hinaus musste Deutschland praktisch alle verfügbaren Panzer und Kampfflugzeuge in die Offensive werfen, um die notwendige Kräftekonzentration zu erreichen; keine einzige Panzerdivision blieb in Reserve. Auch zur Sicherung der Luftherrschaft setzte die Wehrmacht den Großteil ihrer Flugzeuge ein. Bis Ende Mai waren bereits 30 Prozent der Luftwaffenmaschinen zerstört und weitere 13 Prozent schwer beschädigt. Mit anderen Worten: Wäre Mansteins Plan gescheitert, hätte Deutschland kaum noch die Mittel gehabt, den Krieg fortzusetzen ("going for broke", hier wieder sichtbar).
Wie Tooze zusammenfasst: „Wenn der erste Angriff gescheitert wäre – und er hätte auf vielerlei Weise scheitern können –, dann wäre die Wehrmacht als offensive Streitmacht erschöpft gewesen“. Anders gesagt: Deutschland errang seinen Blitzsieg im Frühjahr 1940 nicht aufgrund einer überlegenen militärisch-industriellen Blitzkriegstrategie; tatsächlich besaß es zu Beginn der Kampagne keinen entscheidenden militärischen Vorteil. Der Sieg beruhte vielmehr auf Mansteins äußerst riskantem Plan, der für die Wehrmacht glänzend aufging, sie aber ebenso gut in eine katastrophale Lage hätte bringen können. Tooze weist daher sowohl die voluntaristische Deutung zurück, die den Erfolg dem „unheimlichen Elan der deutschen Armee“ oder der angeblichen „Kampfunwilligkeit der Franzosen“ zuschreibt, als auch die Blitzkrieg-Erklärung, nach der Deutschland tatsächlich über eine überlegene Streitmacht verfügt habe. Was Deutschland rettete, war ein improvisiertes Wagnis – ein einmaliger Versuch, der sich nicht ohne Weiteres wiederholen ließ. Doch genau das versuchten die Deutschen. Als die Wehrmacht 1940 ihren blitzartigen Angriff führte, errang sie überwältigende Erfolge. Als sie jedoch 1941 einen ähnlichen Versuch unternahm, erlitt sie in den Schneelandschaften Russlands ihre erste große militärische Katastrophe. Wie und warum kam es dazu?
Die Erklärung, die Tooze in Kapitel 12, "Britain and America: Hitler's strategic dilemma", für Hitlers Entscheidung liefert, 1939 in den Krieg zu ziehen, beruht im Kern auf militärischer Notwendigkeit infolge der materiellen Schwäche Deutschlands. Trotz der enormen Ressourcen, die das Dritte Reich in die Aufrüstung investiert hatte, war es im Rüstungswettlauf gegen wirtschaftliche Giganten wie die Vereinigten Staaten und das Britische Empire langfristig zum Scheitern verurteilt. Deutschland hatte daher nichts zu gewinnen, wenn es den Krieg hinauszögerte. Die Erklärung, die Tooze für Hitlers Entscheidung gibt, im Juni 1941 die Sowjetunion anzugreifen, ist im Grunde sehr ähnlich: Auch hier verschlechterte sich Deutschlands materielle Lage, und Hitler sah sich zum Handeln gezwungen. Das mag zunächst überraschen, denn bis Mitte 1941 kontrollierten das Dritte Reich und seine Verbündeten nahezu ganz Kontinentaleuropa. Mit diesen neu gewonnenen Ressourcen hätte Deutschland eigentlich in einer wesentlich günstigeren Position sein müssen. Dennoch sah es sich weiterhin mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert, die durch die beiden Großmächte, die noch im Spiel waren – Großbritannien und die Vereinigten Staaten –, zusätzlich verschärft wurden.
Und diese Bedrohung war ernst. Zwar hatte sich die deutsche Armee auf dem europäischen Kontinent als äußerst schlagkräftig erwiesen, doch gegen die britischen Inseln konnte sie nicht eingesetzt werden. Diese Aufgabe wäre allein der Luftwaffe und der Kriegsmarine zugefallen, doch beide waren letztlich der Royal Air Force und der Royal Navy unterlegen. Zwar war auch Großbritannien zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Lage, eine wirkungsvolle Offensive zu führen, abgesehen von der Errichtung einer Seeblockade gegen das neue kontinentaleuropäische Imperium Deutschlands. Entscheidend war jedoch, dass Großbritannien weiterhin im Krieg blieb. Solange dies der Fall war, verfügten die Vereinigten Staaten über einen Ansatzpunkt, von dem aus sie „ihre gewaltige industrielle Macht gegen das nationalsozialistische Deutschland projizieren“ konnten. Bereits Mitte 1940 begann die Roosevelt-Regierung – aus Sorge vor einer deutschen Vorherrschaft in Europa und gestützt auf eine parteiübergreifende Mehrheit im Kongress – Schritte zu unternehmen, um das industrielle Potenzial Amerikas in eine militärische Supermacht zu verwandeln. Am 16. Mai 1940, während der Westfeldzug noch lief, legte Roosevelt dem Kongress einen Vorschlag vor, eine Produktionsbasis zu schaffen, die den Vereinigten Staaten jährlich nicht weniger als 50.000 Flugzeuge liefern sollte. Tatsächlich produzierten amerikanische Hersteller 1944 sogar 96.270 Flugzeuge, davon 74.564 Kampfflugzeuge.
Am 19. Juli verabschiedete der Kongress zudem den Two-Ocean Navy Act, der eine Erweiterung der US-Marine um 70 Prozent vorsah und den Bau von mindestens 18 Flugzeugträgern, 115 Zerstörern sowie 15.000 Flugzeugen verlangte. Am 16. September folgte der Selective Training and Service Act von 1940, der erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten eine Wehrpflicht in Friedenszeiten einführte, um eine Streitmacht von 1,4 Millionen Soldaten aufzubauen. Obwohl sich die USA weiterhin im Frieden befanden, produzierten sie bis Mitte/Ende 1940 bereits fast so viele Waffen wie Deutschland oder Großbritannien. Hitler hatte also allen Grund zur Sorge. Die Vereinigten Staaten rüsteten offensichtlich für einen Krieg auf, und es lag nahe zu vermuten, gegen wen sich diese gewaltige Mobilisierung richten würde – zumal die USA Großbritannien ab März 1941 im Rahmen des „Lend-Lease“-Programms umfangreiche materielle Hilfe gewährten. Das neue europäische Imperium des nationalsozialistischen Deutschlands musste dieser Mobilisierung mit eigenen Anstrengungen begegnen. Doch die erforderlichen Ergebnisse blieben aus.
Das Problem bestand darin, dass die neu eroberten Gebiete Deutschlands zwar „beträchtliche Beute und eine entscheidende Quelle von Arbeitskräften“ lieferten, jedoch nicht mit dem Rohstoffreichtum und der industriellen Kapazität der anglo-amerikanischen Allianz konkurrieren konnten. Während das Territorium der Alliierten „energiereich“ war, litt das europäische Imperium Deutschlands unter einem Mangel an Nahrungsmitteln, Kohle und vor allem Öl. Deutschlands Mangel an nutzbarem Erdöl hatte es schon lange dazu gezwungen, sich auf Importe aus Rumänien sowie auf die teure Herstellung synthetischer Treibstoffe zu stützen. Diese Abhängigkeit wurde durch die territorialen Gewinne von 1940 nicht gelöst – im Gegenteil: Sie verschärfte sich sogar. Zwar konnten die Treibstoffvorräte im Westen kurzfristig erweitert werden, doch gleichzeitig hatte Deutschland „eine Reihe neuer großer Ölverbraucher zu seinem eigenen Defizit hinzugefügt“. Deutschland musste nun nicht mehr nur den eigenen Bedarf decken, sondern auch den Westeuropas.
Das Ergebnis war, dass das deutsche Imperium nun unter einem akuten Ölmangel litt. Es war daher unmöglich, die industrielle Produktion in Ländern wie Frankreich wieder auf das Vorkriegsniveau zu bringen. Tatsächlich warf die deutsche Besatzung Frankreich „in eine Zeit vor der Motorisierung zurück“. Die Wehrmacht forderte von Hitler sogar eine "Demotorisierung", also einen Abbau des Bestands an Lkw und Panzern! Großbritannien hingegen verfügte dank seiner weltweiten Handelsverbindungen und seiner Kontrolle der Seewege über wesentlich bessere Möglichkeiten, Öl zu importieren. Im Januar 1941 besaß Deutschland kaum mehr als zwei Millionen Tonnen Ölreserven, während in London bereits Alarm ausgelöst wurde, sobald die Vorräte unter sieben Millionen Tonnen sanken. Der Unterschied war so groß, dass das britische Wirtschaftsministerium Schwierigkeiten hatte, seinen eigenen – sehr präzisen – Schätzungen über die deutschen Ölbestände zu glauben. Es erschien den Briten „unplausibel, dass Hitler den Krieg mit einem derart geringen Treibstoffpuffer begonnen haben könnte“ – ein Unglaube, den auch Sowjets und Amerikaner teilten, die Deutschlands Ölreserven um mindestens hundert Prozent überschätzten.
Auch die Kohlesituation war problematisch. Zwar war das absolute Defizit relativ gering im Vergleich zur Gesamtproduktion, doch das eigentliche Problem lag in der Verteilung. Vor dem Krieg hatten viele europäische Länder große Mengen Kohle aus Großbritannien importiert – was nun nicht mehr möglich war. Diese Lücke musste nun durch die großen deutschen Kohlevorkommen in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Belgien und in Nordfrankreich geschlossen werden. Ein großes Problem war jedoch der Transport, insbesondere nachdem die Wehrmacht einen Großteil des hochwertigen Eisenbahnmaterials Westeuropas beschlagnahmt hatte. In vielen Regionen führte dies zu Kohlemangel und belastete die Schwerindustrie. Frankreich etwa, das vor dem Krieg 30 Millionen Tonnen Kohle importiert hatte, um 40 Prozent seines Bedarfs zu decken, verfügte nun nur noch über etwa die Hälfte seiner früheren Kohlemenge. Die Stahlproduktion brach entsprechend ein.
Gleichzeitig hing die Kohleproduktion selbst stark von der Versorgung mit einem anderen lebenswichtigen Gut ab: Nahrung. Tooze weist darauf hin, dass es „keine Industrie der 1940er Jahre gab, in der der Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und Kalorienzufuhr direkter war als im Bergbau“. Doch nach 1939 war die Lebensmittelversorgung in Westeuropa „nicht weniger eingeschränkt als die Kohleversorgung“. Das Problem war ähnlich wie bei der Kohle. Die Viehwirtschaft in Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und auch in Deutschland selbst war stark auf importiertes Tierfutter angewiesen. Doch Getreideimporte – vor allem aus Argentinien und Kanada – wurden durch die britische Blockade abgeschnitten. Dasselbe galt für Ölsaaten. Zwar war Frankreich selbst ein großer Getreideproduzent, doch seine Erträge hingen von Stickstoffdünger ab, der wiederum nur auf Kosten der Sprengstoffproduktion hergestellt werden konnte.
Der Mangel an Dünger und Tierfutter führte bis zum Sommer 1940 zu einer „europaweiten Agrarkrise“. Frankreichs Getreideproduktion fiel auf weniger als die Hälfte des Niveaus von 1938. Die Folge waren drastische Rationierungen sowohl in Deutschland als auch in den besetzten Gebieten: In Belgien und Frankreich lagen die täglichen Rationen bei nur etwa 1.300 Kalorien, in Norwegen und den tschechischen Gebieten bei rund 1.600 Kalorien – eine offensichtliche Quelle wachsender Unzufriedenheit. Die kombinierte Wirkung der britischen Blockade und der deutschen Besatzung hatte die westeuropäischen Staaten – einst eine „beeindruckende wirtschaftliche Kraft“ – in einen „wirtschaftlichen Problemfall“ verwandelt, einen „Schatten ihrer selbst“. Das europäische Imperium Deutschlands war also keineswegs der „autarke Lebensraum, von dem Hitler geträumt hatte“. Tatsächlich blieb es stärker denn je auf Deutschlands neuen Verbündeten angewiesen: die Sowjetunion.
Die Annäherung zwischen NS-Deutschland und der Sowjetunion im Jahr 1939 eröffnete die Möglichkeit engerer wirtschaftlicher Beziehungen. Diese kulminierten im deutsch-sowjetischen Handelsabkommen vom 11. Februar 1940, in dem sich die Sowjetunion verpflichtete, Deutschland mit Rohstoffen zu beliefern, während Deutschland Maschinen und Industriegüter lieferte. Nach deutschen Angaben lieferten die Sowjets 1940 unter anderem 617.000 Tonnen Ölprodukte, 820.800 Tonnen Getreide und 846.700 Tonnen Holz. Der entscheidende Punkt war, wie Tooze formuliert:
„Kurzfristig bestand die einzige Möglichkeit, das westeuropäische Imperium Deutschlands auch nur annähernd auf seinem Vorkriegsniveau wirtschaftlicher Aktivität zu halten, darin, eine massive Steigerung der Lieferungen von Treibstoffen und Rohstoffen aus der Sowjetunion zu sichern. Nur die Ukraine produzierte die landwirtschaftlichen Überschüsse, die notwendig waren, um die dicht gedrängten Tierbestände Westeuropas zu ernähren. Nur in der Sowjetunion gab es die Kohle-, Eisen- und Metallvorkommen, die zur Aufrechterhaltung des militärisch-industriellen Komplexes benötigt wurden. Nur im Kaukasus gab es das Öl, das Europa unabhängig von Überseeimporten machen konnte. Nur mit Zugang zu diesen Ressourcen konnte Deutschland einem langen Krieg gegen Großbritannien und Amerika mit Zuversicht entgegensehen“.
Eine Möglichkeit, Zugang zu diesen Ressourcen zu sichern, bestand darin, gute Beziehungen zur Sowjetunion aufrechtzuerhalten und eine Art „kontinentalen Block“ zu bilden, der dem atlantischen Block aus Großbritannien und den USA gegenüberstand. Diese Idee fand in Berlin jedoch nie eine Mehrheit. Das Problem war, dass Deutschland aufgrund seiner extremen materiellen Abhängigkeit von der Sowjetunion zwangsläufig die Rolle eines Juniorpartners einnehmen würde – eine „demütigende Abhängigkeit“, vergleichbar mit derjenigen Großbritanniens gegenüber den Vereinigten Staaten. Eine solche Unterordnung war für das NS-Regime unakzeptabel, zumal die nationalsozialistische Ideologie slawische Völker als „Untermenschen“ betrachtete.
Diese Logik führt zu Abschnitt 3, "World War", in dem sich der Krieg direkt in den von Hitler imaginierten "Krieg der Kontinente" ausweitete, ohne dass der fragliche Kontinent (Europa) auch nur annähernd unter deutscher Herrschaft war.
Entsprechend musste, wie Kapitel 13, "Preapring for two wars at once", aufzeigt, ein Zwei-Fronten-Krieg geführt werden. Die Notwendigkeit für Hitler bestand also darin, die Sowjetunion schlicht zu erobern und sich ihre Ressourcen direkt anzueignen. Dies war Hitlers bevorzugte Option. Bereits am 31. Juli 1940 ordnete er an, mit den Vorbereitungen für eine solche Invasion zu beginnen. In einer Besprechung auf dem Obersalzberg erklärte er, die Eroberung der Sowjetunion sei der Schlüssel zum endgültigen Sieg im Krieg. Ihre Zerschlagung sei Voraussetzung dafür, Großbritannien zu besiegen und die Unterstützung der Vereinigten Staaten zu neutralisieren. „Britanniens Hoffnung liegt in Russland und den Vereinigten Staaten“, erklärte Hitler. „Wenn Russland aus dem Spiel fällt, ist auch Amerika für England verloren, denn die Ausschaltung Russlands würde Japans Macht im Fernen Osten enorm steigern.“ Russland sei somit das „fernöstliche Schwert Großbritanniens und der Vereinigten Staaten“. Seine Niederlage würde Japans Macht im Pazifik stärken – und damit direkt die Position der USA schwächen. Selbst wenn die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten sollten, würde die Kontrolle über die gewaltigen Ressourcen der eurasischen Landmasse Deutschland auf einen „Krieg der Kontinente“ vorbereiten.
Damit ergeben sich drei Elemente zur Erklärung von Hitlers Entscheidung zum Angriff auf die Sowjetunion. Erstens reichte Deutschlands europäisches Imperium schlicht nicht aus, um der „industriellen Macht auf der anderen Seite des Atlantiks“ zu begegnen. Deutschlands relative Position musste langfristig schwächer werden. Der einzige Ausweg bestand darin, die Ressourcen der Sowjetunion zu erobern. Zweitens hätten die strategischen Vorteile einer solchen Eroberung Deutschland in eine hervorragende Position gebracht, um gemeinsam mit einem gestärkten Japan Krieg gegen Großbritannien und die Vereinigten Staaten zu führen. Das dritte Element betrifft den überwältigenden Erfolg der Wehrmacht im Frühjahr 1940 in Westeuropa. Die deutsche Armee hatte „bewiesen, dass sie gegen das, was man für die stärksten Armeen Europas hielt, einen entscheidenden Sieg erringen konnte“. Das enorme Selbstvertrauen, das dieser Blitzsieg erzeugte, ermutigte die Wehrmacht, denselben Ansatz auch im Osten zu versuchen. Was 1940 improvisiert gewesen war, sollte nun bewusst wiederholt werden: Geschwindigkeit und Konzentration der Kräfte, diesmal mit Vorbereitung.
Wie Hitler im November 1941 erklärte: „Ich habe das Wort Blitzkrieg nie benutzt, weil es ein sehr dummes Wort ist. Wenn es überhaupt auf eine der Kampagnen zutrifft, dann auf diese.“ Angesichts dieser drei Gründe schien ein Krieg im Osten dringend geboten. Doch wie wir wissen, entwickelte sich der Feldzug ganz anders, als Hitler erwartet hatte. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion leitete er tatsächlich „seine eigene Zerstörung“ ein, denn die Wehrmacht wurde von der Roten Armee schließlich „ausgeblutet“, die den größten Anteil an ihrer Vernichtung hatte.
Wie kam es dazu – und war dieses Ergebnis unvermeidlich?
Kapitel 14, "The grand strategy of racial war", stellt die Frage, ob das Scheitern der Deutschen, die Sowjetunion 1941 zu besiegen, ein zwangsläufiges Ergebnis oder gewissermaßen ihre eigene „Schuld“ war, weil sie den Krieg nicht so führten, wie sie es hätten tun sollen. Tooze führt diese Frage ein, indem er John Kenneth Galbraith zitiert – den berühmten kanadisch-amerikanischen Ökonomen –, der 1945 behauptete, „die einfache Tatsache ist, dass Deutschland den Krieg niemals hätte verlieren dürfen“. Nach Galbraith scheiterte die Wehrmacht deshalb, weil die nationalsozialistische Führung es „versäumt hatte, die deutsche Wirtschaft ausreichend zu mobilisieren“, um sie zu stützen – ein Fehler, geboren aus einer „Mischung aus Selbstüberschätzung und Unfähigkeit, verschärft durch einen chronischen Mangel an politischem Willen“. Inzwischen dürfte man ahnen, dass Tooze dieser voluntaristischen Lesart widerspricht. Es war nicht ein „Mangel an politischem Willen“, der Deutschland den Krieg im Osten kostete, sondern vielmehr die militärisch-ökonomischen Realitäten und die Entscheidungen, die sich aus ihnen ergaben.
Der erste Punkt ist, dass tatsächlich erhebliche Vorbereitungen im Hinblick auf den Überfall auf die Sowjetunion – Deckname „Operation Barbarossa“ – während des gesamten späten Jahres 1940 und des frühen Jahres 1941 getroffen wurden. Zwischen Mai 1940 und Juni 1941 wuchs das Heer von 143 auf 180 Divisionen. In diesem Zeitraum verdoppelte es zudem die Zahl seiner Panzerdivisionen von 10 auf 20, ebenso wie die Zahl seiner Halbkettenfahrzeuge, die zum Transport der Infanterie dienten. Die deutsche Armee, die im Juni 1941 in die Sowjetunion einfiel, war also deutlich stärker motorisiert als jene, die ein Jahr zuvor Westeuropa unterworfen hatte (wobei allerdings gesagt werden muss, dass 1941 noch immer drei Viertel der deutschen Armee auf „Fuß und Pferd“ angewiesen waren. Ähnlich spektakulär waren die Zuwächse bei der Produktion von Artilleriegeschützen, Flugzeugen, Flakgeschützen und U-Booten. Man kommt also zu dem Schluss, dass das Dritte Reich in der Tat sehr erfolgreich darin war, zur Vorbereitung auf „Barbarossa“ eine „sehr erhebliche weitere Mobilisierung“ der deutschen Kriegswirtschaft in Gang zu setzen.
Darüber hinaus begann die Wehrmacht die Invasion mit dem Überraschungsmoment auf ihrer Seite – Stalin war offenbar so erschüttert, als er von Hitlers Verrat erfuhr, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Hinzu kam, dass die deutsche Armee, die in die Sowjetunion einfiel, die unvorbereiteten Einheiten der Roten Armee in den westlichen Militärbezirken vermutlich zahlenmäßig übertraf. Tatsächlich war die Streitmacht, die Hitler nach Osten schickte, gigantisch: 3.050.000 Mann rückten entlang einer Front von mehr als 1000 Kilometern vor – die größte einzelne Militäroperation der aufgezeichneten Geschichte. Warum reichte das nicht aus? Der wichtigste Grund scheint zu sein, dass die Grundannahme, auf der die Operation Barbarossa beruhte – nämlich dass die Wehrmacht die Rote Armee in einem schnellen, entscheidenden Schlag besiegen könne –, in Wirklichkeit völlig überoptimistisch war.
Barbarossa erforderte aus mehreren Gründen einen raschen Abschluss. Der erste war, dass die Eroberung der Sowjetunion von Anfang an als ein „Mittel zum Zweck der Festigung von Deutschlands Stellung für die endgültige Konfrontation mit den westlichen Mächten“ gedacht war. Die Endschlacht lag nicht im Osten, sondern im Westen, wo Großbritannien und die Vereinigten Staaten Zeit gewannen, um wahrhaft furchteinflößende Kriegsmaschinen aufzubauen. Wenn der Zweck von Barbarossa darin bestand, Deutschland die materiellen Mittel zu verschaffen, um dieser wachsenden Bedrohung zu begegnen, dann musste der Feldzug schnell abgeschlossen werden. Hitler war daher getrieben, eine umfassende, voll ausgearbeitete „Blitzkriegstrategie“ zu übernehmen – eine beispiellose „Synthese aus Feldzugsplan, Militärtechnik und industriellem Rüstungsprogramm“, die darauf zielte, die Sowjetunion so rasch wie möglich auszuschalten. Der Sieg im Westen – und die rassistische Verachtung der Nationalsozialisten für die Slawen – überzeugte Hitler davon, dass sich auch die Rote Armee auf diese Weise bezwingen lasse.
Der zweite Grund war, dass sich mit fortschreitender Zeit und der Erholung der Roten Armee vom ersten Schock die Lage der Wehrmacht zunehmend verschlechtern musste. In einem langwierigen Kampf lag der Vorteil auf Seiten der Sowjetunion. Die Bevölkerung Deutschlands war 1941 wahrscheinlich nur etwa halb so groß wie die der Sowjetunion (ungefähr 85 Millionen gegenüber 170 Millionen). Im Gegensatz zu den Deutschen, die „nahezu ihr gesamtes erstklassiges Menschenmaterial eingezogen hatten“, konnten die Sowjets aus diesem riesigen Reservoir Millionen von Reservisten einberufen. Es war also zwingend erforderlich, dass die Wehrmacht nicht in einen langwierigen Abnutzungskrieg hineingezogen wurde.
Hinzu kam, dass die „enorme Weite“ des sowjetischen Territoriums, verbunden mit der „schieren Unpassierbarkeit“ des Geländes, bedeutete, dass die Wehrmacht vor „unüberwindlichen Problemen“ stehen würde, falls es der Roten Armee gelang, sich ins Landesinnere auf sichere Stellungen zurückzuziehen. Dann müssten die Deutschen nicht nur in großer Entfernung von ihrem eigenen Herrschaftsgebiet operieren; sie hätten es auch mit einem Gegner zu tun, der von der gewaltigen industriellen Stärke der Sowjetunion getragen wurde.
Zwar war Deutschlands Wirtschaft zu diesem Zeitpunkt deutlich weiter entwickelt, mit einem Pro-Kopf-BIP, das etwa zweieinhalbmal so hoch war wie das der Sowjetunion. Dennoch hatten Stalins Fünfjahrespläne den Zustand der sowjetischen Industrie massiv verbessert; Tooze spricht hier vom „ersten und dramatischsten Beispiel einer erfolgreichen Entwicklungsdiktatur". Er verweist auf Schätzungen, denen zufolge Stalins Regime die industrielle Gesamtproduktion zwischen 1928 und 1940 um das 2,6-Fache steigern konnte, wobei die Rüstungsproduktion noch sehr viel stärker zunahm. Obwohl ein großer Teil dieser industriellen Investitionen in den westlichen Wirtschaftszonen konzentriert war, die durch einen deutschen Angriff bedroht waren, schuf bereits der Erste Fünfjahresplan (1928–1932) „eine neue sowjetische Industriebasis sicher östlich des Urals, die die Kapazität besaß, eine autarke Bevölkerung von mindestens 40 Millionen Menschen zu tragen“. Selbst wenn es Deutschland gelingen sollte, große Teile der westlichen Sowjetunion zu überrennen, könnte die Rote Armee also weiterhin auf ein beträchtliches industrielles Potenzial zurückgreifen.
Dazu kam die kritische Rohstofflage, in der sich das Dritte Reich vor Barbarossa befand. Gerade Rohstoffmangel hatte Hitler überhaupt erst zu der Einsicht gebracht, dass er die Sowjetunion angreifen müsse. Doch wie sollte Deutschland einen langwierigen Kampf gegen eine Sowjetunion durchhalten, die bei Rohstoffen wie Öl weitaus besser ausgestattet war, wenn die Wehrmacht schon Ende 1941 „über eine Entmotorisierung als Mittel zur Verringerung ihrer Abhängigkeit von dem knappen Öl“ nachdenken musste? Die Schlussfolgerung war unausweichlich: Wie 1940 musste der Gegner in den ersten Wochen oder Monaten zerschlagen werden. Das Problem einer Strategie, die auf einen schnellen Sieg setzte, bestand jedoch darin, dass „wenn der Schock des ersten Angriffs Stalins Regime nicht zerstörte … sich das Dritte Reich einer strategischen Katastrophe gegenübersähe“ – einer Lage also, die unzureichend vorausgesehen worden war und die am Ende genau so eintrat.
Die für Juni 1941 geplante „Blitzkrieg“-Offensive bestand aus einem „massiven zentralen Vorstoß auf Moskau, begleitet von flankierenden Einkesselungen der im Norden und Süden eingeschlossenen sowjetischen Kräfte, [was] es erlauben würde, die Rote Armee an der Dnjepr-Düna-Linie [entlang der im Süden der Dnjepr und im Norden die Düna verläuft] innerhalb von 500 Kilometern von der polnisch-deutschen Grenze zu zerschlagen“. Die Dnjepr-Düna-Linie war deshalb so wichtig, weil jenseits dieses Punktes die Wehrmacht mit logistischen Zwängen zu kämpfen haben würde. Auf Grundlage ihrer Erfahrungen in Frankreich berechnete die Wehrmachtsführung, dass die „effiziente Gesamtreichweite“ ihrer Lastkraftwagen 600 Kilometer betrug, was einer „operativen Tiefe“ von 300 Kilometern entsprach. Jenseits dieses Punktes hätten die Fahrzeuge so viel von ihrem eigenen Treibstoff verbraucht, dass sie als Transportmittel ineffizient geworden wären. Die zusätzlichen 200 Kilometer bis zur Dnjepr-Düna-Linie sollten dadurch überbrückt werden, dass zwischen dem besetzten Polen und der Frontlinie Zwischenlager für Treibstoff und Munition angelegt wurden. Eine Lkw-Flotte sollte Vorräte zu diesen Depots bringen, eine andere sie von dort an die Fronttruppen weiterleiten. Diese Einschränkung war so entscheidend, dass Generalstabschef Franz Halder im Januar 1941 in sein Tagebuch schrieb, der Erfolg Barbarossas hänge ab von: „Schnelligkeit! Kein Halt! Nicht auf Eisenbahn warten! Alles mit Kraftfahrzeugen erledigen … keine Stockungen … das allein garantiert den Sieg“.
Deutschlands gigantische Invasion der Sowjetunion. Die Heeresgruppe Nord unter Generalfeldmarschall Wilhelm von Leeb hatte den Auftrag, ins Baltikum einzumarschieren und Leningrad einzunehmen. Die Heeresgruppe Mitte unter Generalfeldmarschall Fedor von Bock sollte Belarus angreifen und anschließend Minsk, Smolensk und Moskau erobern. Die Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt hatte den Auftrag, in die Ukraine – den Brotkorb der Sowjetunion – einzudringen und die Krim zu sichern.
Sollte die Rote Armee jedoch an dieser Linie der Vernichtung entgehen, dann hätte die Wehrmacht mit einer völlig neuen Reihe von Problemen zu kämpfen. Eine unmittelbare Verfolgung wäre nicht möglich gewesen, weil zunächst vorgeschobene Basen eingerichtet werden mussten, von denen aus Treibstoff und Munition an die Front geliefert werden konnten. Die einzige andere Möglichkeit wäre gewesen, sich auf das sowjetische Eisenbahnsystem zu stützen – ein fragwürdiger Plan, da dieses System selbst dann, wenn es unversehrt in deutsche Hände gefallen wäre, „unzureichend gewesen [wäre], um die deutsche Armee zu versorgen“. Zudem war die Rote Armee „äußerst geschickt darin geworden, rollendes Material zu evakuieren und Brücken, Gleise und andere Bahnanlagen zu sabotieren“. Infolgedessen musste sich die Wehrmacht mit nur 30 Prozent ihres Bedarfs an Eisenbahnkapazität begnügen. In diesem Szenario wäre der deutsche Albtraum eines langwierigen Krieges im Osten unvermeidlich geworden.
Wie sich zeigte, erwies sich dieser Plan im Lichte der tatsächlichen Ereignisse als übermäßig optimistisch. Ende Juli 1941 – also etwa einen Monat nach Beginn der Operation – hatten alle drei deutschen Heeresgruppen (Nord, Mitte und Süd) „die praktisch erreichbare Grenze ihres Versorgungssystems“ erreicht und mussten ihren Vormarsch Hunderte Kilometer westlich der Dnjepr-Düna-Linie anhalten (nur Heinz Guderian erreichte diese Linie, fand sich dort jedoch so exponiert und abgeschnitten wieder, dass er den heftigen Gegenangriffen der Roten Armee nahezu schutzlos ausgeliefert war).
Die militärische Krise der Wehrmacht veranlasste Generalfeldmarschall Fedor von Bock – den Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte – dazu, in sein Tagebuch zu schreiben: „Wie von dieser Stellung aus mit dem langsam sinkenden Kampfwert der Truppe, die immer wieder angegriffen wird, eine neue Operation beginnen soll, weiß ich im Augenblick noch nicht so recht … Wenn die Russen nicht irgendwo bald zusammenbrechen, wird es vor dem Winter sehr schwer, ihnen noch einen Schlag zu versetzen, der sie ausschaltet.“ Gleichzeitig räumte Franz Halder in seinem Tagebuch ein, „der russische Koloss, der sich mit aller einem totalitären Staat eigenen Ungehemmtheit auf den Krieg vorbereitet hat, ist von uns unterschätzt worden … Zu Kriegsbeginn rechneten wir mit rund 200 Feinddivisionen. Jetzt haben wir bereits 360 gezählt … Und wenn ein Dutzend zerschlagen ist, dann stellt der Russe eben ein neues Dutzend auf“ (tatsächlich hatte die Rote Armee bis Ende 1941 nicht weniger als 600 Divisionen aufgestellt).
Dennoch hatte die Wehrmacht Ende August wieder die Initiative ergriffen. Am 21. August „schwenkte Hitler die Hauptpanzerkräfte der Heeresgruppe Mitte in einem gigantischen Rechtshaken nach Süden [auf die Kornkammern der Ukraine] … und errang damit wohl den größten einzelnen deutschen Sieg des Ostkrieges“, indem Kiew eingekesselt und der Weg zur Eroberung des Schwerindustriegebiets im Donezbecken geöffnet wurde. Anfang September erhielt die Heeresgruppe Mitte den Befehl, den erneuten Vorstoß auf Moskau – „Operation Taifun“ – vorzubereiten, der im Oktober beginnen sollte.
Wie Kapitel 15, "December 1941: The turning point", zeigt, schien "Taifun" zunächst alle Anzeichen eines Erfolgs zu tragen. Der Wehrmacht gelang es, der Roten Armee verheerende Schläge zu versetzen; nach einer doppelten Einkesselung bei Wjasma und Brjansk machte sie sechshunderttausend Kriegsgefangene. In der zweiten Oktoberwoche geriet Stalins Regime „nahe an den Punkt des Zusammenbruchs“, als die Bevölkerung Moskaus in Panik geriet, nachdem Gerüchte aufkamen, die kommunistische Führung verlasse die Stadt. Doch die Ordnung wurde wiederhergestellt, und General Georgi Schukow gelang es, noch eine weitere Verteidigungslinie aufzubauen. Trotz ihrer Verluste fügte die Rote Armee der Wehrmacht ihrerseits schwere Schäden zu. Am 8. Oktober begannen die Herbstregen und verwandelten den Mittelabschnitt der deutschen Front in einen „unpassierbaren Morast“. Ende Oktober stand die Heeresgruppe Mitte 100 Kilometer vor Moskau still.
Im November näherte sich die Treibstofflage der deutschen Armee „rasch einem kritischen Punkt“ – so sehr, dass Anfang 1942 „nicht der russische Schlamm, sondern die Erschöpfung der deutschen Treibstoffvorräte die ‚vollständige Lähmung des Heeres‘ sicherstellen würde“. Die Panzerdivisionen hatten sich bis in Sichtweite Moskaus durchgekämpft, doch in einer Entfernung von beinahe 500 Kilometern von den vorgeschobenen Nachschubdepots um Smolensk waren sie schlicht nicht in der Lage, eine größere Offensive aufrechtzuerhalten. Außerdem hatte die Wehrmacht in der Erwartung eines schnellen Sieges „keinerlei Vorbereitungen … für aktive Operationen im Winter“ getroffen; Winterausrüstung war nur für eine verkleinerte Besatzungstruppe vorgesehen. Infolgedessen forderte die Kälte Zehntausende Ausfälle; zwischen Dezember 1941 und März 1942 verloren die Deutschen allein durch Krankheit und Erfrierungen 380.000 Mann.
Anfang Dezember hatte Schukow schließlich eine ausreichend starke Angriffsgruppe aufgebaut, um zum Gegenangriff überzugehen. Aufgrund von Geheimdienstinformationen, wonach Japan den Neutralitätspakt mit der Sowjetunion (unterzeichnet im April 1941 und gültig bis April 1946) einhalten werde, verlegte die Rote Armee eine beträchtliche Zahl von Truppen aus Sibirien und den östlichen Regionen Russlands nach Moskau. Unter Schukows Kommando standen nun 1,1 Millionen Mann, 774 Panzer und 1.370 Flugzeuge, mit denen er einen Überraschungsangriff auf die Heeresgruppe Mitte der Wehrmacht begann. In vier Monaten intensiver Kämpfe erlitten die Deutschen 420.000 Gefechtsverluste, zusätzlich zu den 380.000 Ausfällen aus „natürlichen“ Ursachen. Nur Stalins Versäumnis, den Gegenangriff auf die Heeresgruppe Mitte zu konzentrieren – stattdessen griff er entlang der gesamten 1.500 Kilometer langen Front an –, bewahrte die Wehrmacht vor einem weitreichenden Rückzug. So kehrte bis März 1942, „während die Deutschen noch immer tief in der Sowjetunion festsaßen [100–150 Kilometer vor Moskau], an der Ostfront wieder eine relative Ruhe ein“.
Aus militärischer Sicht hatten sich Wehrmacht und Rote Armee damit in eine Pattsituation hineingekämpft. Doch es war eine Lage, die eindeutig die Sowjetunion begünstigte, die nun ihre gewaltige geographische Tiefe und ihre enormen Reserven an wehrfähigen Männern einsetzen konnte, um Deutschlands Krieg im Osten zu einer beispiellosen Qual zu machen. Mehr noch: Die Deutschen hatten nun den Zorn einer vollständig mobilisierten sowjetischen Wirtschaft auf sich gezogen, die 1942 und 1943 jene des Dritten Reiches „beträchtlich übertraf“. Die deutsche Rüstungsproduktion überholte die sowjetische erst 1944, doch da war es bereits zu spät – die anglo-amerikanische Kriegsmaschine war nun endlich bereit, wirklich in das Geschehen einzugreifen.
Tatsächlich war eine der großen kontraproduktiven Folgen des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, dass Roosevelt und Churchill entschlossener denn je in ihrem gemeinsamen Kampf gegen das Dritte Reich zusammengeschweißt wurden. Bereits im Februar 1941 hatten die Vereinigten Staaten mit ihrer Lend-Lease-Politik begonnen und Großbritannien mit großen Mengen an Materialhilfe überhäuft (im Verlauf des gesamten Krieges würde die Hilfe für das Britische Empire insgesamt 31,4 Milliarden Dollar betragen; es war damit der größte Empfänger). Eine Folge von Barbarossa bestand darin, dass ein großer Teil dieser Hilfe – sowohl aus den USA als auch aus Großbritannien – nun in die Sowjetunion gelenkt wurde. 1941 beliefen sich die alliierten Lieferungen an die Sowjets auf 360.778 Tonnen Material. 1942 stieg diese Menge auf 2.453.097 Tonnen an und erreichte 1944 schließlich mit 6.217.622 Tonnen ihren Höhepunkt. Die Sowjetunion sollte am Ende der zweitgrößte Empfänger amerikanischer Hilfe sein und während des Krieges Material im Wert von 11,0 Milliarden Dollar erhalten.
Doch Lend-Lease war erst der Anfang. Am 14. August 1941, zwei Monate nach Beginn von Barbarossa, veröffentlichten Roosevelt und Churchill eine gemeinsame Erklärung, die später als „Atlantik-Charta“ bekannt wurde. Diese Erklärung, in der amerikanische und britische Ziele für die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg umrissen wurden, machte die Vereinigten Staaten im Grunde zum „Mittelpunkt der anti-nationalsozialistischen Koalition“ und stellte ihr Gewicht voll auf die Seite des Vereinigten Königreichs. Die NS-Führung deutete dies als „einer Kriegserklärung gleichkommend“.
Darüber hinaus war die US-Marine Mitte 1941 bereits „aktiv daran beteiligt, deutsche U-Boote im Mittelatlantik zu jagen“, um die Schifffahrtswege zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien zu schützen. Der Nordatlantik war in strategischer Hinsicht sogar so bedeutsam, dass Roosevelt am 9. Juli ankündigte, amerikanische Truppen würden die Besetzung Islands übernehmen – anstelle der Briten, die Island im Mai 1940 besetzt hatten, um einem möglichen deutschen Einfluss zuvorzukommen. Hitler verurteilte diesen Schritt als einen Akt der Aggression gegen Deutschland.
Zudem hatten Briten und Amerikaner bis Oktober einen gemeinsamen Ausschuss zur Rüstungsplanung eingerichtet, der mit der Ausarbeitung eines Programms begann, das unter dem Namen „the requirements of victory“ lief. Dieses Programm sah schließlich Ausgaben von nicht weniger als 150 Milliarden Dollar (mehr als 500 Milliarden Reichsmark) allein in den folgenden zwei Jahren – 1943 und 1944 – vor: mehr, als das Dritte Reich während des gesamten Krieges für Rüstung ausgeben sollte. Bis Mitte 1941 waren die Vereinigten Staaten also in jeder Hinsicht bereits ein aktiver und energischer Teilnehmer des Konflikts, auch wenn sie formal noch nicht in den Krieg eingetreten waren. Es ist gut möglich, dass ein großer Teil dieser Aktivitäten durch das Entsetzen ausgelöst wurde, das der deutsche Vormarsch auf Moskau hervorrief, und durch die Erkenntnis, dass das größte Blutvergießen nicht im Westen, sondern im Osten stattfinden würde.
Nimmt man all dies zusammen, dann deutet es darauf hin, dass die Operation Barbarossa ein Wagnis war, das von Grund auf enorme Risiken in sich barg – sowohl aufgrund der Realitäten auf dem Schlachtfeld als auch wegen des umfassenderen strategischen Zusammenhangs, in den sie eingebettet war. Doch diesmal, anders als 1940, ging das Wagnis nicht auf. Im Westen hatten die Kampfhandlungen niemals Entfernungen von mehr als wenigen hundert Kilometern umfasst; im Osten aber stand die Wehrmacht einem Gegner gegenüber, der unvorstellbare Räume beherrschte. Die deutsche Armee konnte daher den schnellen, entscheidenden Sieg, den sie brauchte, niemals erringen. Das Ergebnis war eine strategische Katastrophe, die über das Dritte Reich nicht nur die Rote Armee hereinbrechen ließ, sondern auch die militärisch-ökonomischen Ressourcen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.
Eine weitere Folge des hartnäckigen sowjetischen Widerstands war, dass Hitlers Träume von einer rassischen Umgestaltung der Gebiete östlich Deutschlands vereitelt wurden – ein Projekt, zu dem auch jenes Verbrechen gehörte, für das das Dritte Reich auf ewig bekannt bleiben wird: der Holocaust. Antisemitismus war seit langem ein Grundzug der nationalsozialistischen Ideologie, doch warum nahm der Judenmord jene entsetzliche und tatsächlich genozidale Dimension an, die er annahm?
Diese Frage steht im Zentrum von Kapitel 16, "Labor, food and genocide", das den Holocaust in einer sehr unangenehmen Art mit der Wirtschaftsgeschichte und den wirtschaftlichen Kenndaten des Dritten Reichs verknüpft.
Tooze stellt den Judenmord als tief mit den Fragen von Arbeit und Nahrung verflochten dar; in diesem Sinn lasse sich die Ideologie des Antisemitismus bei der Erklärung des mörderischen Völkermordprogramms der Nationalsozialisten nicht von ökonomischen Überlegungen trennen. Nachdem die Wehrmacht im Winter 1941 durch die zähe Verteidigung Moskaus zum Stillstand gebracht worden war, wurde der Krieg im Osten zu einem grausamen Abnutzungskrieg. Zwischen Juni 1941 und Mai 1944 verlor die Wehrmacht an der Ostfront im Durchschnitt 60.000 Gefallene pro Monat, und selbst das verblasst noch im Vergleich zu den letzten zwölf Monaten des Krieges (allein im Juni, Juli und August 1944, als die Rote Armee ihre „Operation Bagration“ durchführte, sollten die Deutschen rund 590.000 Soldaten verlieren).
Das Problem war, dass die Deutschen bereits zu Beginn von Barbarossa „an den letzten Reserven ihres Menschenmaterials kratzten“ – aufgrund der geringen Zahl von Kindern, die während des Ersten Weltkriegs geboren worden waren, hatte Deutschland „keine andere Wahl, als praktisch alle seine jungen Männer in die Schlacht zu schicken“. So gab es bis zum Herbst 1941 „praktisch keine Männer in ihren Zwanzigern mehr, die nicht eingezogen worden waren“; 1942 reichten frisch eingezogene Jugendliche nur noch aus, um die Verluste auszugleichen, die die Rote Armee verursachte. In der ersten Hälfte des Jahres 1942 umfasste diese Einziehung mindestens 200.000 Männer, die den Rüstungsfabriken entzogen wurden – eine Rezeptur für die Katastrophe in einem Moment, in dem Deutschland seine Rüstungsproduktion verzweifelt steigern musste.
Eine naheliegende Lösung für dieses Dilemma war der Einsatz ausländischer Zwangsarbeit. Diese Aufgabe fiel Fritz Sauckel zu – dem regionalen NSDAP-Führer in Thüringen –, der im März 1942 zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannt wurde. Als Reaktion auf Deutschlands Arbeitskräftemangel setzte er „eines der größten Zwangsarbeitsprogramme um, die die Welt je gesehen hat“. Bis Februar 1944 sollte die Gesamtzahl der ausländischen Arbeitskräfte 7,9 Millionen erreichen; sie stellten damit mehr als 20 Prozent der deutschen Arbeiterschaft dar (im Juni 1943 konnte General Erhard Milch von der Luftwaffe damit prahlen, der Stuka-Sturzkampfbomber werde „zu 80 Prozent von Russen hergestellt“).
Doch dieser Bedarf an ausländischer Arbeitskraft schien in einen „unauflösbaren Widerspruch“ zu den nationalsozialistischen Vernichtungsprogrammen zu geraten. Der Holocaust forderte eine ungeheure Zahl an Opfern – man schätzt sie auf rund 6 Millionen –, und der Großteil dieses Massenmords fand nach dem Beginn von Barbarossa statt und erreichte 1942 und 1944 seine Höhepunkte. Darüber hinaus verfolgte auch die Wehrmacht eine Politik brutaler Misshandlung sowjetischer Kriegsgefangener (während britische und amerikanische Kriegsgefangene davon weitgehend verschont blieben), was zum Tod von 3,3 bis 3,5 Millionen Gefangenen durch Hunger und Zwangsarbeit führte. Warum betrieben die Nationalsozialisten derart groß angelegte Vernichtungsprogramme, wenn sie sich damit zugleich eines potenziellen Reservoirs an Zwangsarbeitern beraubten?
Eine Antwort besteht darin, dies als direkten „Kompromiss“ zwischen den widersprüchlichen Imperativen von Ideologie und Ökonomie zu deuten. Während die Ideologie die Beseitigung von Juden und Slawen verlangte, um Raum für deutsche Besiedlung zu schaffen, bestand die Ökonomie auf dem Bedarf an ausländischer Muskelkraft, um Deutschlands Arbeitskräftemangel auszugleichen. Trotz ihrer genozidalen Tendenzen mussten die Nationalsozialisten also die kräftigsten Juden und Slawen am Leben lassen, um ihre Kriegsmaschine am Laufen zu halten. Tooze bemerkt, dass angesichts der Vielzahl von Belegen zugunsten dieser „Kompromiss“-Deutung „kaum Zweifel daran bestehen könne, dass sie wesentliche Züge der NS-Politik erfasst“. Das Ergebnis war angesichts der grundlegenden Bedeutung sowohl des Rassenkampfes als auch der deutschen Kriegswirtschaft „eine gewisse Segmentierung der Politik, in der der SS gestattet wurde, dem ideologischen Imperativ der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung zu folgen“, während der Umgang mit ausländischen Arbeitskräften und einem kleinen Teil der jüdischen Bevölkerung schrittweise „ökonomisiert“ wurde, um den Bedürfnissen der Kriegswirtschaft Rechnung zu tragen.
Tooze hält dies für einen „starken Deutungsrahmen“ – doch seine entscheidende Schwäche sei, dass er einen weiteren Faktor ausblende, der 1941 ein „eigenständiger und mächtiger ‚ökonomischer‘ Imperativ für Massenmord“ gewesen sei: Nahrung. Die Besessenheit der Nationalsozialisten von Deutschlands Ernährungslage zeigte sich bereits vor Barbarossa, als sie großangelegte Pläne für die Zukunft des deutsch besetzten Ostens entwickelten. Wie in Abschnitt III erörtert wurde, hatte die landwirtschaftliche Lage des von Deutschland besetzten Westeuropa das Dritte Reich vor die Wahl gestellt, entweder seine Abhängigkeit von sowjetischen Getreidelieferungen zu vergrößern oder die Kornkammern der Sowjetunion direkt in Besitz zu nehmen. Das Endergebnis dieser Überlegungen waren Pläne, die sicherstellen sollten, dass die Deutschen nach der Invasion genügend Lebensmittel aus der Sowjetunion erhielten – selbst wenn dies bedeutete, die besetzte Bevölkerung verhungern zu lassen.
Einen frühen Eindruck davon, wie die Nationalsozialisten dabei vorgingen, liefert ihre Verwaltung Polens. Nach dem deutschen Einmarsch in Polen im September 1939 im Westen und dem sowjetischen Einmarsch im Osten wurde das Gebiet des ehemaligen polnischen Staates in drei Teile aufgeteilt: Ein Teil wurde von der Sowjetunion annektiert, ein weiterer ans nationalsozialistische Deutschland angeschlossen, und ein dritter wurde unter ein deutsches Besatzungsregime gestellt, das als „Generalgouvernement“ bekannt war. Eine Schwierigkeit bei der Verwaltung dieses Besatzungsgebiets bestand jedoch darin, dass das Generalgouvernement 1939, nachdem die besten polnischen Agrargebiete dem Reich angeschlossen worden waren, „ein Gebiet mit schwerem Nahrungsmitteldefizit“ war. Das Reich musste das Generalgouvernement Anfang 1940 mit Brot- und Getreidelieferungen unterstützen, doch damit letzteres Selbstversorgung erreichen konnte, wurde vereinbart, dass das im Generalgouvernement verfügbare Getreide „streng nach den Bedürfnissen der deutschen Besatzung verteilt werden“ müsse. Praktisch bedeutete dies die Schaffung einer „rassischen und funktionalen“ Hierarchie der Lebensmittelverteilung.
Ganz unten standen die Juden. In den Worten Hans Franks, des Leiters des Generalgouvernements: „Die Juden interessieren mich nicht. Ob sie überhaupt irgendein Futter zu fressen bekommen [fuettern], ist das Letzte, was mich kümmert“. Die zweite Kategorie waren die Polen: „Diese Polen werde ich mit dem füttern, was übrigbleibt und was wir entbehren können. Im Übrigen werde ich den Polen sagen, dass sie für sich selbst zu sorgen haben … Ich interessiere mich für die Polen nur insofern, als ich in ihnen ein Arbeitskräftereservoir sehe, aber nicht in dem Maße, dass ich meine, es sei eine staatliche Aufgabe, ihnen eine Garantie zu geben, dass sie eine bestimmte Menge zu essen bekommen.“ Über ihnen standen die Ukrainer im Generalgouvernement und darüber wiederum jene privilegierten Polen, die „in wichtigen öffentlichen Diensten, etwa bei der Eisenbahn, oder in Fabriken arbeiteten, die für die deutsche Kriegsanstrengung produzierten“. An der Spitze dieser Hierarchie standen selbstverständlich die deutschen Besatzungsbehörden.
In der Praxis bedeutete dies, dass Anfang 1940 bei einer Ration von 2.600 Kalorien pro Tag für die Deutschen die „Bewohner der großen polnischen Städte“ nur 609 Kalorien täglich erhielten, Juden sogar nur 503 Kalorien. Ende 1940 hatte sich „die polnische Ration auf 938 Kalorien pro Tag verbessert, während jene für Juden auf 369 gefallen war“. 1940 berichtete der Völkerbund, die Rationen im Generalgouvernement seien „im Durchschnitt ausreichend, um 20 Prozent des empfohlenen täglichen Proteinbedarfs und weniger als 5 Prozent der notwendigen Fette für die polnische Stadtbevölkerung zu decken“. Qualifizierte Fabrikarbeiter im Generalgouvernement „brachen an ihren Werkbänken vor Hunger zusammen“. Der militärökonomische Stab der Wehrmacht sprach offen über die Aussicht auf eine Hungersnot.
Gleichzeitig machten die Pläne der NS-Führung zur deutschen Kolonisierung des Ostens die massenhafte Entfernung nichtdeutscher Bevölkerungen notwendig – ein Gebot, das durch die Nahrungsmittelknappheit noch dringlicher wurde. Ende 1939 sahen Vereinbarungen mit der Sowjetunion und Italien die „Rückführung“ Hunderttausender Volksdeutscher aus dem Baltikum und aus Südtirol ins Reich vor. Um Platz für sie zu schaffen, plante die SS, „sowohl die gesamte jüdische Bevölkerung als auch die überwältigende Mehrheit der polnischen Bewohner“ aus den nun dem Reich angegliederten polnischen Gebieten ins Generalgouvernement umzusiedeln. Doch die Entvölkerungspläne der SS erwiesen sich als völlig überzogen und scheiterten; bis Ende 1940 waren „nur“ 305.000 Juden und Polen vertrieben worden, statt der erhofften 600.000. Zudem stellte sich die Frage, was aus dem ohnehin bereits mangelernährten Generalgouvernement werden sollte, wenn dort noch mehr Juden und Polen zusammengepfercht würden.
Trotz dieser Schwierigkeiten wurden die SS-Planer von einer Welle der Euphorie erfasst, als sie von Deutschlands bevorstehendem Angriff auf die Sowjetunion erfuhren. Mit ihren gewaltigen Landflächen bot die Sowjetunion „die Chance, die Probleme von Raum und Bevölkerung in einem Maßstab zu lösen, der innerhalb der Grenzen Polens unvorstellbar war“, und damit riesige Gebiete für deutsche Ansiedlung freizumachen. Mit Barbarossa am Horizont begannen die SS-Stäbe, die Möglichkeit zu erwägen, „nicht nur die polnische Bevölkerung der dem Reich angeschlossenen Gebiete, sondern auch die Bevölkerung des Generalgouvernements zu entfernen … [was] auf einen Genozid an der gesamten polnischen Bevölkerung hinausgelaufen wäre“. Schon bald lagen Pläne zur vollständigen rassischen Neuordnung des Ostens vor, die nicht nur Polen und Juden, sondern auch die anderen großen Völker der Sowjetunion betrafen. Sie sollten von der SS im sogenannten Generalplan Ost festgehalten werden.
Dieser Plan, im Juli 1942 von Hitler und Himmler gebilligt, ging von der Grundannahme aus, dass „die Integration osteuropäischen Territoriums als deutscher Lebensraum die Entfernung der überwältigenden Mehrheit der einheimischen Bevölkerung erforderte“, zum größten Teil Slawen. Er sah die Entfernung von 80–85 Prozent der Bevölkerung Polens, 64 Prozent der Bevölkerung der Ukraine und 75 Prozent der Bevölkerung Weißrusslands vor; das russische Gebiet um Leningrad sollte „vollständig entvölkert“ werden. Realistische Schätzungen der Zahl der zu vertreibenden Menschen lagen bei etwa 45 Millionen. Über ihr endgültiges Schicksal bestand „noch immer keine absolute Klarheit“, doch 1942 war bereits von der möglichen „physischen Vernichtung“ ganzer Bevölkerungen die Rede – nicht nur der jüdischen Minderheit, sondern ebenso von Polen und Ukrainern.
In dem gewaltigen, durch den Generalplan Ost „gesäuberten“ Raum sahen Himmler und seine Mitarbeiter die Ansiedlung von mindestens 10 Millionen Deutschen innerhalb von zwanzig bis dreißig Jahren vor; dadurch sollte die „ethnische Grenze der deutschen Rasse“ 1000 Kilometer nach Osten verschoben werden. Nach Tooze hing die Vision, die dieses deutsche Kolonisationsprojekt im Osten beflügelte, eng mit der „amerikanischen Ideologie der Frontier“ zusammen. Im Herbst 1941 erklärte Hitler, die Wolga werde „Deutschlands Mississippi“ sein. Für ihn lieferte sogar die Eroberung des amerikanischen Westens eine „historische Legitimation“ für die Verdrängung der slawischen Bevölkerung durch Deutschland. In seinen Worten werde sich „hier im Osten ein ähnlicher Vorgang zum zweiten Mal wiederholen wie bei der Eroberung Amerikas“, bei der eine „überlegene“ Siedlerbevölkerung eine „unterlegene“ einheimische Bevölkerung verdränge und damit den Weg in „eine neue Ära wirtschaftlicher Möglichkeiten“ öffne.
Doch trotz der schon an sich erschütternden genozidalen Dimension des Generalplans Ost war dieser in Wahrheit nur eines von zwei im Osten geplanten „Programmen des Massenmords“. Das zweite, auf das sich die NS-Führung Anfang 1941 verständigte und das als „Hungerplan“ bekannt wurde, stellte eine noch direktere Verbindung zwischen deutscher Kolonisierung und der Frage der Ernährung her. Ende 1940 war die Nahrungsmittellage im europäischen Imperium Deutschlands kritisch geworden (wie wir in Abschnitt III gesehen haben), und das einzige Mittel gegen diese Knappheit – angesichts der britischen Seeblockade – war die „Kornkammer der Ukraine“. Für Hitler war dies „die oberste Priorität, die vor jeder anderen militärischen Erwägung erreicht werden müsse“. Die Nahrungsfrage war daher von allergrößter Bedeutung.
Angesichts der bestehenden Ernährungsprobleme des Dritten Reiches sollte sich die deutsche Armee im Osten vollständig aus dem Gebiet der Sowjetunion versorgen. Auf einer interministeriellen Konferenz am 2. Mai 1941 wurde vereinbart, dass „der Krieg nur fortgeführt werden kann, wenn die gesamte Wehrmacht im dritten Kriegsjahr aus Russland ernährt wird“. Das Problem bestand jedoch darin, dass die Ukraine zwar große Mengen Getreide erzeugte, der größte Teil davon aber bereits in sowjetische Städte floss, bedingt durch das „außerordentlich rasche Wachstum der sowjetischen Stadtbevölkerung“ unter Stalin – 30 Millionen neue Stadtbewohner seit 1928. Für Herbert Backe, den Staatssekretär für Ernährung und Landwirtschaft, war die Lösung einfach: Man musste die sowjetischen Städte aus der Nahrungskette herausschneiden. Die Erfüllung der deutschen Bedürfnisse würde daher erfordern, dass „die städtische Bevölkerung der westlichen Sowjetunion … dem Hungertod preisgegeben“ würde. Backe selbst nannte eine Zahl von etwa 20 bis 30 Millionen Menschen.
Der Hungerplan wurde im Mai 1941 offizielle Politik, sieben Monate vor der Wannseekonferenz vom Januar 1942, auf der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich den Plan für die „Endlösung“ formulieren sollte. Nahrung hatte dem Dritten Reich also bereits einen „schroff ökonomischen Anreiz zum Mord in einem noch größeren Maßstab als dem Holocaust“ geliefert. Das Scheitern von Barbarossa im Winter 1941/42 und die schlechten Getreideernten von 1940 und 1941 verstärkten diesen Anreiz nur noch. Bis Juni 1941 war der Schweinebestand auf 75 Prozent seines Kriegsanfangsbestands gesunken; gegen Ende des Jahres gingen auch die Getreidevorräte zur Neige. Um die Ostarbeiter zu ernähren, schlug Göring sogar eine Ernährung mit Katzen- und Pferdefleisch vor, worauf Backe düster erwiderte, es gebe „nicht genug Katzen, um für sie eine Ration zu liefern“. Im April 1942 sah sich die NS-Führung schließlich gezwungen, die Rationen für die deutsche Bevölkerung zu kürzen – ein riskanter „politischer Schritt ersten Ranges“, da Kürzungen der Lebensmittelrationen bereits im Ersten Weltkrieg innenpolitische Unruhen ausgelöst hatten. Das war Beweis genug dafür, dass Deutschlands Ernährungskrise real war.
Als Reaktion darauf verschworen sich Backe und seine Mitstreiter im Frühjahr 1942 dazu, die Grundsätze des Hungerplans in größerem Maßstab in den besetzten Gebieten Deutschlands umzusetzen. Von nun an sollten sämtliche Lebensmittellieferungen aus dem Reich an die Wehrmacht im Feld eingestellt werden; Deutschlands Armeen sollten sich „aus den von ihnen besetzten Gebieten selbst ernähren, ohne Rücksicht auf die Folgen für die einheimische Bevölkerung“. Wie Joseph Goebbels in sein Tagebuch schrieb, verlangte dieses neue Regime, dass, bevor Deutschland hungere, „eine Reihe anderer Völker an die Reihe kommen“ werde.
Alles in allem lässt sich daraus schließen, dass stets ein Zusammenhang zwischen Nahrung und Völkermord bestand – ein Zusammenhang, der hilft, die Programme der Nationalsozialisten zur Entvölkerung ganzer Regionen zu erklären, selbst in einer Situation, in der das Regime dringend Arbeitskräfte zur Aufrechterhaltung der Kriegswirtschaft benötigte. Am deutlichsten trat diese „Verknüpfung von Ernährungspolitik und Genozid“ jedoch im Generalgouvernement hervor. Wegen seines landwirtschaftlichen Defizits war das Generalgouvernement lange Zeit auf Lebensmittellieferungen aus dem Reich angewiesen gewesen – wenngleich nie in ausreichendem Maß, um eine „Epidemie von Mangelernährung und offenem Verhungern“ zu verhindern. Angesichts der erneuten deutschen Ernährungskrise von 1942 entschied Backe nun, den Strom tatsächlich umzukehren – ein Schritt, der nur möglich war, wenn der Nahrungsverbrauch des Generalgouvernements drastisch gesenkt werden konnte.
Tatsächlich knüpfte Backe in seinen Verhandlungen mit den Behörden des Generalgouvernements über die Umsetzung dieser Politik – unterstützt von Heinrich Himmler – seine Forderungen ausdrücklich an die „Ausschaltung der polnischen Juden aus der Nahrungskette“. Als die örtlichen Behörden am 23. Juni protestierten, es sei unmöglich, die verlangten Lieferungen aufzubringen, antwortete Backe: „Im Generalgouvernement befinden sich derzeit noch 3,5 Millionen Juden. Polen soll innerhalb des kommenden Jahres gesäubert werden.“ Auch Himmler stellte diesen Zusammenhang während seiner Reise durch das Generalgouvernement im Sommer 1942 implizit her: Nach seinem Besuch in Auschwitz, wo er es zum Vernichtungszentrum für die Juden Westeuropas bestimmte, ordnete Himmler zugleich an, alle „nicht unbedingt notwendigen“ Juden bis zum Jahresende zu töten, und eine drakonische Erntepolitik umzusetzen, nach der sämtliche Bauern, die ihre Ablieferungsquoten nicht erfüllten, sofort erschossen werden sollten. Überlegungen zur Ernährung waren also von Himmlers Vorstellungen der „Endlösung“ nie weit entfernt.
Gewiss standen ideologische Erwägungen im Zentrum der nationalsozialistischen Bemühungen, das europäische Judentum auszulöschen. Diese Ausführungen zur Ernährungsfrage beantworten daher nicht vollständig, warum die Nationalsozialisten dieses entsetzliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen. Aber sie zeigen doch in gewissem Maß, wie eng der Holocaust mit anderen Faktoren der Kriegsführung verbunden war – insbesondere mit Nahrung und Arbeit. Die Nationalsozialisten wurden also zumindest teilweise durch ökonomische Zwänge in ihre dunkelsten Abgründe getrieben. Diese Schlussfolgerungen relativieren weder den Holocaust noch entheben sie die Nazis ihrer Verantwortung. Sie helfen, die Genese der Form des Völkermords zu verstehen - das Ziel als solches stand ohnehin nie in Frage.
Wer allerdings dieses Ziel aktiv verfolgte, ist einer der umstrittensten Punkte in der deutschen Geschichte. Kapitel 17, "Albert Speer: "miracle man"", nähert sich einer zentralen Figur der Wirtschaftsgeschichte jener Zeit. Speer gelang es nicht nur, in Nürnberg seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, sondern sich später auch als brillanter Technokrat ohne ideologische Bindung an den NS und geläuterten Menschen zu präsentieren. Seine "Erinnerungen" mögen in den 1970er Jahren noch eine wertvolle Quelle gewesen sein, aber seit den 1990er Jahren ist eigentlich hinreichend bekannt, wie falsch die früheren Speer-Bilder waren (was Oliver Hirschbiegel nicht davon abhielt, 2004 in "Der Untergang" für eine weitere Generation das Bild des "guten Nazis" zu zeichnen).
Tooze zeichnet nach, dass Speers Nachkriegsruhm vor allem auf der Idee aufbaute, dass er ein "Rüstungswunder" geschaffen habe, eine Behauptung, die Speer in Kriegszeiten aufstellte und propagandistisch massiv untermauerte. Der Speer-Mythos positioniert Speer und seine Mitarbeiter als technokratische Wirtschaftsexperten gegen Parteibürokraten. Sein Schlagwort war "Selbstverantwortung", die die spezifisch deutsche Art der Kriegswirtschaft charakterisieren sollte: die NS-Führung gab die Ziele vor, aber wie diese erreicht wurden, lag in der Verantwortung der privaten Unternehmen. Auf diese Weise blieb das private Unternehmertum in Deutschland intakt. Der ideologische Hauptgegner war das Beschaffungsamt der Wehrmacht, dem Speer geschickt die Verantwortung für alle Fehlschläge zuschrieb, während er seine Erfolge sich selbst zuschrieb - eine schon allein aus der Chronologie her unplausible Vorgehensweise, wie Tooze akribisch nachweist. Die größten Rationalisierungsgewinne fielen demnach in den Maßnahmenzeitraum der Wehrmachtbürokratie, nicht in Speers angebliche Rationalisierungswelle. Die Grundlagen für das deutsche "Rüstungswunder" wurden 1940 gelegt, nicht 1941/42.
Um die deutschen Unternehmen zur Rationalisierung zu zwingen - was eine Produktion nach amerikanischem Vorbild in Serienproduktion ermöglichen, dadurch Kosten senken und gleichzeitig Arbeitskräfte freisetzen sollte - legte der Staat die Preise für die Rüstungsgüter fest; alles, was darunter fiel, konnten die Unternehmen als Rationalisierungsprofite einstreichen. Diese Profite wurden so astronomisch hoch, dass die NS-Institutionen mehrfach nachsteuern mussten. Große Erfolge Speers drückten sich vor allem in Vorzeigeprojekten wie dem Panzerbau aus: hier wurden unter großem propagandistischen Begleitaufwand die Produktionszahlen deutlich gesteigert. Allein, das geschah weniger durch eine Verbesserung der Produktion als durch eine favorisierte Zuteilung knapper Ressourcen. Der Panzerbau machte zudem nur 7% der Gesamtausgaben für Rüstung aus und war so natürlich leichter zu steigern als andere Bereiche.
Vor allem aber zeigte sich hier die Schwäche des neuen Systems: im Bestreben, so schnell wie möglich in Serienproduktion zu gehen, um Kosten zu sparen, wurden unzureichend getestete Modelle übereilt in Produktion gegeben, mit dem erwartbaren Problem, dass sie dann nicht richtig funktionierten. So underperformte der Panzer V (Panther) in der Schlacht von Kursk deutlich und wurde erst durch mehrere Runden der Überarbeitung und Verbesserung zu dem Instrument, an dem praktisch alle späteren Panzermodelle ausgerichtet sein sollten. Dasselbe Problem zeigte sich im wesentlich bedeutsameren Flugzeugbau, wo technologisch obsolete Maschinen in Serie produziert wurden (vor allem die Messerschmidt Bf 109) oder neue Modelle wie die Me 210 mit revolutionären Ideen wie dem Düsenantrieb lange vor der Serienreife in hoher Stückzahl gebaut wurden, um dann nicht richtig zu funktionieren. Speer war allerdings immer sehr gut darin, die Schuld dafür an andere Stellen abzuschieben.
Tooze räumt auch mit der Idee auf, dass Speer irgendwie unideologisch gewesen sei. Er weist minutiös seine große persönliche Nähe zu Hitler und seine ideologische Bindung an die Ideen des Regimes und den "Endsieg" nach. Auch hatte Speer nicht das geringste Problem mit der massiven Zwangsarbeit oder den Massenmorden, von denen er sehr wohl wusste, auch wenn er es nach dem Krieg vermochte, sich weitgehend der Verantwortung zu entziehen.
Ein anderer Mythos, gegen den Tooze zu Felde zieht, ist der einer angeblichen Untermobilisierung der deutschen Kriegswirtschaft. Bereits in vorherigen Kapiteln hatte er sich immer wieder gegen die Idee gestellt, es habe eine Art von Gefälligkeitsdiktatur geherrscht, die hinter den Mobilisierungsgrad der britischen oder gar sowjetischen Wirtschaft zurückgefallen sei. Dieses Argument hängt vor allem an der Mobilisierung von Frauen und der geringeren Steuerlast.
Zwar ist es korrekt, dass die britische Volkswirtschaft mehr Frauen mobilisierte als die deutsche, aber sie tat das von einem niedrigeren Ausgangsniveau aus; das Gesamtniveau der weiblichen Erwerbstätigkeit war effektiv am Maximum: entsprechende Studien in Deutschland ergaben ein Maximum von 700.000 rekrutierbaren Frauen, und das nur unter maximalem Druck. Das konnte die Millionen Männer, die in die Wehrmacht rekrutiert wurden - ab 1941 auch zunehmend die älteren Facharbeiter - niemals ersetzen, weswegen Zwangsarbeit ja auch eine immer prominentere Stellung einnahm.
Ebenfalls ist korrekt, dass in den 1940er Jahren wiederholt Vorstöße abgelehnt wurden, die Steuern zu erhöhen, um die Wirtschaft zu finanzieren. Das allerdings als eine Untermobilisierung zu lesen, lehnt Tooze entschieden ab: der NS-Staat zog die überschüssige Kaufkraft der Deutschen auf andere Art aus dem System, etwa durch forcierte Anleihen. Vor allem aber bezahlte die deutsche Bevölkerung den Krieg über eine deutliche Senkung ihres Lebensstandards, weil die Konsumgüterindustrie wesentlich stärker heruntergefahren wurde als etwa in Großbritannien. Die Kosten des totalen Kriegs wurden also sehr wohl von der Bevölkerung getragen - nur nicht über Steuern.
All das wird in Kapitel 18, "No room for doubt", noch wesentlich deutlicher. Je schlechter der Krieg lief - und ab Kursk 1943 konnte auch für den Letzten halbwegs informierten Menschen kein Zweifel mehr daran bestehen, dass der Krieg verlorengehen würde - radikalisierte sich die Kriegswirtschaft zunehmend. Speer versuchte, vor allem auf zwei Gebieten weiter Propagandaerfolge zu erzielen. Einerseits bei der Produktion von Panzern, die wesentlich gesteigert werden sollte, und andererseits bei der Produktion von Flugzeugen, die für die Verteidigung der Wirtschaft gegen das alliierte Bombardement entscheidend war. In beiden Fällen gelang es Speer, überraschende Produktionssteigerungen zu erzielen. Allein, diese basierten auf einem System favorisierter Zuteilungen: Speer hatte einen Teil der Rohstoffproduktion zurückgehalten, um diesen flexibel zuteilen zu können. Da die verfügbaren Rohstoffe eine harte Grenze für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft waren (noch vor Produktionskapazitäten), konnte er auf diese Art in einzelnen Sektoren große Steigerungen erzielen. Diese gingen jedoch auf Kosten anderer Bereiche.
Das bedeutet nicht, dass Speer keinerlei Produktionssteigerungen erreicht hätte. Die Rationalisierungen fanden durchaus statt (wenngleich mit großen Folgeproblemen, vor allem was die Qualität anbelangte), und die Massenproduktion ermöglichte Kostensenkungen. Insgesamt steigerte die deutsche Kriegswirtschaft ihren Output bis 1943 kontinuierlich, als die alliierten Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet die Entwicklung kappten. Tooze sieht in dem strategischen Bombenkrieg einen definitiven Entscheidungsfaktor. Die Angriffe waren ab 1943 so massiv, dass sie die Expansion der deutschen Wirtschaft weitgehend stoppten (auch wenn sie das propagierte Ziel, sie komplett zu zerschlagen, nicht erreichen konnten). Dieser Erfolg hätte in Toozes Analyse noch größer sein könnten, hätten die Alliierten das Ruhrgebiet als Zielregion beibehalten, statt sich in der zweiten Hälfte 1943 auf Berlin zu konzentrieren; die Re-Konzentration auf die Ruhr 1944 zeigte neben der massiven Zunahme der Angriffe auch entsprechend drastische Effekte.
Umso wichtiger wurde für Deutschland die Luftverteidigung. Die Luftwaffe hatte durch den ganzen Krieg hindurch riesige Ressourcen gebunden; fast 40% der deutschen Rüstung entfielen auf sie. Zahllose Geschütze mussten für die Luftabwehr verwendet werden, statt etwa an der Ostfront eingesetzt zu werden, wo sie dringend benötigt wurden. Dasselbe galt für Flugzeuge. Zwar bezahlten die Alliierten einen horrenden Preis an abgeschossenen Bombern, aber die Effekte für die deutsche Kriegswirtschaft waren signifikant.
Man sieht dies auch an der Richtung, die die Kompetenzanhäufung Speers nahm. Im sogenannten Jägerstab wurden Kompetenzen unter ihm gebündelt, die vor allem das Ziel hatten, die Jägerproduktion zu erhöhen. Diese übrigens widerspricht auch der Idee des unpolitischen Technokraten; Speer war eine führende Stimme darin, die Radikalisierung der Wirtschaft in immer größere Grade zu treiben. So fordert er eine weitgehende Einstellung der Produktion jeglicher nicht-militärischer Güter, was den deutschen Konsumgütermarkt praktisch lahmlegte und den Lebensstandard der Bevölkerung massiv senkte (und natürlich die Rüstungsproduktion steigerte). Ab Herbst 1944 wurde zudem keinerlei Rücksicht mehr auf die Substanz genommen: die Investitionsgüterproduktion wurde ebenfalls weitgehend eingestellt; neue Maschinen oder Ersatzteile wurden praktisch nicht mehr hergestellt. Tatsächlich war es ein zunehmendes Problem für Speer, die Unternehmen von einer Investition in Kapazitäten abzuhalten, weil diese bereits ein Auge auf die Nachkriegssituation warfen.
Diese Radikalisierung fand ihren Ausdruck auch in den NS-Massenmorden. Die Verfügbarkeit ineffizienter, aber extrem billiger und austauschbarer Arbeitskraft durch das System der Konzentrationslager und der Zwangsarbeit wurde von den Unternehmen wie auch von der deutschen Wirtschaftsplanung direkt einkalkuliert. Die "Vernichtung durch Arbeit" erhielt dadurch eine Ambivalenz, weil sie einerseits ein ideologisches Produkt war, aber andererseits ein wirtschaftlicher, rational kalkulierter Faktor wurde. Die Unternehmer machten sich hier auch zweifelsfrei direkt schuldig, weil sie diese Logik willentlich akzeptierten und an ihr teilhatten. Diese Mittäterschaft wurde durch die Nazis auch aktiv befeuert. So informierte Himmler auf einer Versammlung aller Gauleiter offen über den Stand des Holocaust, um den Anwesenden die Möglichkeit zu nehmen, sich durch Nichtwissen nach dem Krieg herauszureden. Speer tat genau das und behauptete später, nicht anwesend gewesen zu sein, was Tooze anhand seines Kalenders als höchst unplausibel zurückweist (auch wenn die Dokumentenvernichtung nach dem Krieg und Speers kluges PR-Managment keine Sicherheit erlauben können).
Zweifelsfrei aber gehörte Speer zur vordersten Reihe beim Erhöhen des Drucks auf die Wirtschaft: mit einem Sonderzug fuhren er und Bevollmächtigte durch Deutschland und erzwangen die Umsetzung ihrer Dekrete (vor allem das Investitionsverbot und das Verbot, den Zwangsarbeiter*innen das Lebensnotwendige wie Unterkünfte und Nahrung zur Verfügung zu stellen). Anhand einiger profilierter Opfer wurde in Schauprozessen Loyalität erzwungen; Unternehmer, die "defätistische" Bemerkungen gemacht hatten, waren anders als früher nicht mehr sicher. Die Gewalt traf nun zunehmend auch sie.
Gleichzeitig stellt Tooze aber fest, dass die Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und Regime sich ständig vertiefte und ihren Höhepunkt 1944/45 erreichte. Er erklärt dies an einem entscheidenden Interessenüberlapp: die Niederlage des Nationalsozialismus bedeutete, trotz dessen immer weitreichenderen und verheerenderen Einflüssen auf das freie Wirtschaften, dass ein stalinistisches System obsiegen würde - was dies für die Unternehmer bedeutete, konnte sich jeder leicht ausmalen. Dieselbe Logik, die viele gewöhnliche Deutsche so lange zum Widerstand gegen die Rote Armee motivierte, animierte auch die Privatwirtschaft.
Ihren Höhepunkt erreichte die wirtschaftliche Gewalt aber in der Verwirklichung der fantastischen und völlig unrealistischen Pläne um Wunderwaffen. Die Düsenflieger wurden bereits angesprochen, aber das wohl auffälligste Merkmal sind die Raketen V1 und V2. Die Raketen hatten keine Chance, jemals die Wirkung zu erreichen, die ihre Proponenten sich davon versprachen, verschlangen aber unglaubliche Mengen an Ressourcen, die in der restlichen Rüstung viel besser aufgehoben wären. Dieser Hang zu Wunderwaffen war aber Mentalität und Ideologie der Nationalsozialisten inhärent. Der Bau dieser Waffen erforderte wiederum riesige Mengen an Zwangsarbeit, die vor allem in Dora zu abartigen Verhältnissen und einem Massensterben führte, das den Planern und Unternehmern nicht verborgen blieb. Hier erreichte die mörderische Logik der NS-Wirtschaft ihren traurigen Höhepunkt.
In Kapitel 19, "Disintegration", betrachtet Tooze die letzten Monate. Der Verlust des strategischen Hinterlandes - zentral der Ölfelder in Rumänien, aber auch der Kohle- und Eisenproduktion - bedeutete ein automatisches Ablaufdatum für sämtliche Rüstungsbetätigungen. Speer kalkulierte im Januar 1945 noch optimistisch, dass die Produktion auf dem aktuellen Niveau noch ein Jahr lang möglich sei und man sich deswegen noch entsprechend lange verteidigen könnte. Er teilte damit die in der NS-Führung verbreitete Selbsttäuschung, dass wenn man nur lange genug aushielt, bessere Friedensbedingungen erreichbar sein könnten. Zwar musste diese Einschätzung schließlich auf ein halbes Jahr heruntergerechnet werden, aber Tooze hebt hervor, dass die Produktion durch den Verlust des Gebietes tatsächlich nicht endete: die deutsche Kriegswirtschaft hörte auf, der Wehrmacht und Luftwaffe Waffen zu liefern, weil ihr die Rohstoffe ausgingen, sondern weil sie durch die Alliierten zerbombt oder direkt erobert wurde.
Das Bombardement nahm Ende 1944, Anfang 1945 völlig neue Ausmaße an, die erstmals auch zur Ausschaltung ganzer Großgebiete führten. Dies lag auch daran, dass die Alliierten den Rüstungswettlauf gewannen: die P-51 Begleitjäger sicherten die Bomber bis tief ins Reich und sorgten dafür, dass die Verluste an Bombern zurückgingen und die der deutschen Abfangjäger drastisch anstiegen. Die Luftwaffe wurde durch Abnutzung völlig zerrieben. Die Alliierten zerstörten vor allem die entscheidende Infrastruktur, indem sie Bahnknotenpunkte zerstörten (was nicht nur dazu führte, dass die Rohstoffe die Fabriken nicht mehr erreichten, sondern auch, dass nach dem Krieg bis 1948 die Versorgung der Bevölkerung beinahe unmöglich war). Die Auswirkungen der Bombardements, auch in Menschenleben, waren verheerend. Tooze macht aber völlig klar, dass dies moralisch keinen besonderen Schatten auf die Alliierten wirft. Er erklärt, dass das Sterben eine Folge der Mittel, nicht eine Zielsetzung war, und dass die Alliierten keine Regel brachen, die die Deutschen nicht zuvor bereits hundertfach gebrochen hätten. Die Zerstörung Deutschlands war Konsequenz des Kampfs bis zum bitteren Ende und damit selbst verschuldet.
Bereits vorher allerdings zeigte sich das dräuende Ende. Mitte 1944 griff Speer zum ersten Mal auf aktiven Statistikbetrug zurück, um die Propaganda zu betreiben, wo er vorher vor allem übertrieben und geschönt hatte - in untrügliches Zeichen für den zunehmenden Selbstbetrug eines todgeweihten Regimes. Gleichzeitig war es auch nicht mehr möglich, die Inflation weiter unter Kontrolle zu halten. Um die Kosten weiter decken zu können, hatte der Staat effektiv mit der Druckerpresse Rüstungsgüter gekauft. Die deutsche Zahlungsbilanz, die bereits 1938 eine weitere Rüstung unter normalen Bedingungen unmöglich gemacht hatte, kehrte mit Schwung zurück. Der Staat hatte so viel zusätzliches Geld ins System geschossen, das angesichts des ohnehin minimalen Konsums nicht mehr aus dem System genommen werden konnte, dass der Schwarzmarkt im Verlauf des Jahres 1944 immer mehr an Bedeutung gewann und die Legitimität des gesamten Systems grundsätzlich in Zweifel stellte. Die Unternehmer versteckten ihr Kapital in Unternehmensbeteiligungen, kauften neue Immobilien oder rüsteten ihre Maschinenparks auf, wo immer es ihnen möglich war (was ironischerweise nach dem Krieg das "Wirtschaftswunder" massiv befeuern sollte).
Gleichzeitig zeigten sich die Grenzen von Speers Rationalisierungen, die auch auf Selbstbetrug basierten. Ein Beispiel dafür ist der Bau des revolutionären neuen U-Boots XXI, das die veralteten Typ VII ersetzen sollte. Wie auch die Düsenflieger, das StG 44 oder die V2 war es eine wegweisende Neuerung, die nie die Serienreife erlangte, die nötig gewesen wäre (oder die hätte produziert werden können), um einen Unterschied zu machen. Die Rationalisierung der U-Bootproduktion zeigt gut die Entkopplung einer Ideologie von der Realität: um inländische Firmen nutzen zu können, wurden die Boote in Teilen produziert, zur Küste gebracht und dort nur noch zusammengeschweißt. Dadurch wurde die Produktionszeit auf rund 200 Tage gesenkt. Dadurch waren die Boote natürlich mit Sollbruchstellen ausgestattet, was für U-Boote gar nicht so gut ist, um es milde auszudrücken. Zudem hatte man zwar nach 200 Tagen ein offiziell fertiges Boot, das aber war so übereilt produziert, dass es weitere 150 Tage an Reparaturen und Tests brauchte, um einsatzfähig zu werden - auch hier also Selbstbetrug in riesigem Ausmaß.
Das letzte Kapitel, "The end", enthält vor allem Reflexionen und Zusammenfassungen.
War die Tragödie des Zweiten Weltkriegs durch die schreckenerregende Macht des nationalsozialistischen Deutschlands bestimmt – oder durch seine verhängnisvolle Schwäche? Diese Frage (wörtlich dem Klappentext des Buches entnommen) bringt Toozes gesamtes Projekt in The Wages of Destruction ziemlich genau auf den Punkt. Wie wir im Verlauf der Rezension gesehen haben, entwickelt Tooze ein starkes Argument dafür, dass die Entscheidungen der NS-Führung vor und während des Zweiten Weltkriegs in erster Linie durch ein Bewusstsein von Deutschlands Schwäche motiviert waren.
Hitlers antisemitisches Weltbild verlangte, dass Deutschland eine Position der Stärke errichte, wenn es im großen rassischen Überlebenskampf nicht unterliegen wollte. Dies wiederum machte den Erwerb jenes Lebensraums notwendig, der dem deutschen Volk einen angemessenen Lebensstandard sichern sollte – ein Projekt, das sich nur durch Krieg und Eroberung verwirklichen ließ. Doch Deutschlands Hauptgegner – Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten – standen diesem Ziel immer im Weg. Mehr noch: Wie Hitler sehr wohl erkannte, würde Deutschland in seinem damaligen Zustand niemals mit der industriellen Macht seiner Gegner mithalten können. Es musste daher schnell handeln, Territorium erobern und seine Gewinne konsolidieren, bevor seine Gegner ihre industrielle Stärke voll zur Geltung bringen konnten.
Es war Hitlers scharfes Bewusstsein dafür, dass die Zeit nicht für ihn arbeitete, das ihn dazu trieb, den Angriffskrieg genau zu dem Zeitpunkt zu beginnen, zu dem er ihn begann. Nachdem er im September 1939 gegen Polen losgeschlagen hatte, entschied er sich, die Länder Westeuropas – potenziell seine gefährlichsten Gegner auf dem Kontinent – im Frühjahr 1940 durch eine Blitzoffensive auszuschalten. Deutschlands erstaunlicher Sieg beruhte in erster Linie auf seiner erfolgreichen Strategie sowie auf den verheerenden taktischen Fehlentscheidungen der alliierten Armeen, nicht auf einer dem deutschen Heer innewohnenden materiellen Überlegenheit. Nach diesem kurzen Triumph überzeugte dann die katastrophale ökonomische Lage von Deutschlands europäischem Imperium die NS-Führung davon, dass sie nur dann gegen Großbritannien und Amerika gewinnen könne, wenn sie sich die gewaltigen Ressourcen der Sowjetunion aneigne – insbesondere das Öl des Kaukasus und die Kornkammern der Ukraine.
Doch nachdem es den Deutschen 1941 nicht gelungen war, den Krieg im Osten zu gewinnen, fanden sie sich in einem blutigen Abnutzungskrieg wieder, der ihre Pläne zur rassischen Neuordnung des Ostens vereitelte und die schwere Ernährungskrise des Dritten Reiches verlängerte. Der verzweifelte Bedarf an Nahrung war eng mit den genozidalen Programmen der Nationalsozialisten verknüpft, denn die NS-Führung gelobte, dass eher andere Rassen verhungern sollten als sie selbst. Diese Verbindung fand ihre entsetzlichste Umsetzung im Generalgouvernement, wo die Pläne des Landwirtschaftsministeriums die Vernichtung von 3,5 Millionen Juden vorsahen.
Der Faden, der sich durch diese gesamte Erzählung zieht, ist der der Notwendigkeit. Hitler musste den Krieg im September 1939 beginnen, er musste in die Sowjetunion einfallen, auch wenn das bedeutete, das Blut Hunderttausender Deutscher zu vergießen. Die Handlungen des Dritten Reiches waren also von Notwendigkeit bestimmt – und damit von Schwäche.
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Eine Frage, die in Toozes Buch immer implizit anwesend ist, hier aber nie ausdrücklich gestellt wurde, lautet: „Warum verlor Deutschland den Zweiten Weltkrieg?“ Tooze selbst gibt im Buch darauf keine explizite Antwort, aber angesichts dieser kraftvollen Erzählung über die Schwäche des nationalsozialistischen Deutschlands – braucht es überhaupt noch eine? Tatsächlich beantwortet Tooze nicht, warum Deutschland verlor, sondern vielmehr, warum Deutschland verlieren musste (in seinem Blog schreibt er sogar: „Die Frage, die wir stellen sollten, lautet nicht, warum die Alliierten gewonnen haben, sondern warum es verdammt noch mal so lange dauerte und so viele Millionen Menschenleben kostete“). Tooze macht diesen Punkt auch in einem Vortrag deutlich, den er zehn Jahre nach Fertigstellung des Buches hielt. In einer Passage übt er scharfe Kritik an seinem Historikerkollegen Richard Overy, der sein Buch Why the Allies Won von 1995 auf die Behauptung gründete, der Sieg der Alliierten von 1945 sei nicht unvermeidlich gewesen:
„Why the Allies won? Duh. Also, ich meine: "Why the Allies Won?" Das ist ein kompliziertes Buch, das meines Erachtens eine Reihe von Fragen künstlich aufbläht, auf die es am Ende einfache, sehr kraftvolle Antworten gibt. Er verweigert die Logik des Materialismus, auf der ich bestehe. Es gab so viele verschiedene Wege. ‚Lassen Sie mich Ihnen sagen, auf welche Weise die Alliierten hätten gewinnen können‘, das wäre meine Antwort, während seine Darstellung eine Art Messerschneide-Argument ist – wenn dies nicht gewesen wäre, wenn jenes nicht gewesen wäre –, eine Logik des Kritischen, des Nagel-Kopfes, und das scheint mir vollkommen auf den Kopf gestellt. Die Alliierten haben gewonnen – es gab unzählige verschiedene Arten, wie das hätte ausgehen können, und sie hätten alle im Grunde dasselbe Ergebnis gehabt, nur mit einem noch höheren Maß an Zerstörung [für das Dritte Reich]“ (01:36:34 – 01:37:10). Overy hat immer noch viele Anhänger*innen (ich las erst kürzlich Jonathan Parshalls und Anthony Tullys "The Shattered Sword" (Rezension folgt), die ihn emphatisch verteidigten), aber ich halte Toozes Kritik für zutreffend. Die strategischen Szenarien der Nationalsozialisten entbehrten jeglicher Realität.
Was ich deswegen generell ich an Toozes Arbeit schätze, ist, dass sie zumindest ein Stück weit erklärt, warum das NS-Regime einige der Entscheidungen traf, die es traf, und diese Entscheidungen als Folge der „Explosion des Getriebes … das die radikale Ambition des NS-Regimes mit dem wirtschaftlichen Potenzial Deutschlands verband“ begreift. Die Entscheidungen Hitlers und seines Regimes wären ohne diese ökonomischen Realitäten nicht dieselben gewesen. Es ist erfrischend, auf eine derartige erklärende Erzählung zu stoßen. Ich habe oft den Eindruck, dass das schiere Grauen und die Brutalität von Hitlers Regime viele Autoren dazu verleiten, es wie eine Art deus ex machina darzustellen – eine zerstörerische Naturgewalt, die einfach irgendwie aus dem Nichts auftaucht. Indem Tooze Hitlers Entscheidungen „rationalisiert“ – im Sinne einer Darlegung ihrer ökonomischen Begründungen –, rechtfertigt er diese Entscheidungen keineswegs. Er zeigt vielmehr, dass man davon profitieren kann, einen Gedanken (oder eine Ideologie oder eine ökonomische Begründung) ernsthaft durchzuspielen, ohne ihn deshalb zu akzeptieren. Diese Ernsthaftigkeit im Umgang mit der NS-Ideologie ist tatsächlich auch ein Element, das tatsächlich oft in der Geschichtsschreibung (vor allem der Populären) so nicht vorkommt. Ich ziehe da eine Verbindung zu Hedwig Richter, die sich auch immer dafür einsetzt, das NS-Regime als ein modernes Regime zu begreifen; teleologische Betrachtungsweisen sind an der Stelle immer problematisch.
Ein anderer Aspekt des Buches ist natürlich die Masse an Zahlen und Statistiken, denn die zeichnen jene Verbindung nach – stets vorhanden, aber nicht immer gewürdigt – zwischen dem Quantitativen und dem Qualitativen: zwischen Ernteerträgen und Massenhunger, zwischen BIP und Armut, zwischen Rüstungsproduktion und Waffentechnologie. Ich denke, die Stärke von Toozes Buch liegt in seinem Gespür für eben die daraus resultierenden „bindenden Gesetze“, die in vielen Darstellungen ausgeblendet werden, um sich ausschließlich auf die wahnsinnigen Begierden des Dritten Reiches zu konzentrieren.
Der Faktor der Notwendigkeit, mit dem die inhaltliche Zusammenfassung geschlossen wurde, ist für mich ein wichtiger. Was Tooze nicht explizit sagt, aber was für mich implizit durch die Zeilen schimmert, ist, dass Hitler im Großen und Ganzen korrekte Analysen der deutschen Situation abgab. Er hatte 1939 "nothing to gain by waiting", die deutsche Situation trieb in eine Abhängigkeit von der UdSSR, die materielle Überlegenheit der Westmächte war erdrückend, Deutschland war nicht in der Lage, autark ein amerikanisches Wirtschaftsniveau auf Basis seiner Landesgröße zu erreichen, und so weiter.
Was falsch war, waren seine Schlussfolgerungen, die aus der Ideologie herrührten. Die Zielsetzung, eine militärische Weltmacht zu sein, war ja keine, die sich notwendigerweise ergab. Man konnte wie Stresemann (den Tooze in der Einführung des Buches und in seinem Nachfolgewerk "The Deluge" (hier rezensiert) auch zu dem Schluss kommen, dass der Weg Deutschlands der einer Mittelmacht war, dominierender Faktor in Europa, durch die natürliche Schwerkraft als wirtschaftliches Zentrum des Kontinents. Das ist ja denn auch der Weg, den das Land nach dem Zweiten Weltkrieg mit wesentlich größerem Erfolg einschlug. Die Notwendigkeiten, unter denen Hitler operierte, schuf er sich ja selbst. Ohne die krasse Aufrüstung wäre die Lage 1939 nicht gewesen, wie sie war. Die Nahrungsmittelkrise, die den Massenmord 1941/42 so sehr befeuerte, war eine, die durch Krieg und Vertreibung entstanden war. Und so weiter. Die Politik Hitlers war in sich konsequenter und kohärenter, als man oft annimmt, aber ihre Prämissen waren mörderisch. Es ist Toozes Verdienst, diese Zusammenhänge herauszustellen, ohne dabei in Revisionismus zu verfallen. Er hat keinerlei Sympathie für seinen Gegenstand - aber er nimmt ihn bitter ernst. Das hilft dem Verständnis und dem Erkenntnisgewinn enorm.
Für mich ist das die mittlerweile vierte Lektüre dieses Buchs, wenn ich richtig gezählt habe. Es ist ungemein faszinierend und enthält eine solche Breite von wertvollen Informationen, Diskussionen und Thesen, dass selbst diese riesige Rezension ihm nicht gerecht werden kann. Die relative Länge der einzelnen Kapitelzusammenfassungen macht das schon deutlich; die Kapitel selbst sind alle ungefähr gleich lang. Jedes Mal, wenn ich es wieder lese, entdecke ich für mich neue Dinge, gewinne neue Erkenntnisse über die Geschichte des Dritten Reiches. Ich kann es jedem, der sich für das Thema interessiert, nur dringend empfehlen. Es ist das absolute Standardwerk zum Thema, und bisher hat es niemanden gegeben, der seine Thesen ernsthaft in Zweifel zieht.
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