Adam Tooze - Wages of Destruction (Hörbuch) (Ökonomie der Zerstörung)

Im Jahr 2006 wurde der Historiker Adam Tooze einer breiteren Öffentlichkeit mit seinem Magnum Opus "The Wages of Destruction" bekannt. Zum damaligen Zeitpunkt (und auch bis heute nicht) existierte keine Gesamtwirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, so dass sein Werk mit einem gehörigen Maß an Anspruch daherkam. Zusätzlich beanspruchte es nicht nur, deskriptiv die Wirtschaft des Dritten Reiches darzulegen, sondern auch, einen neuen interpretatorischen Rahmen zu bieten, den Tooze selbst gleich ausfüllte und zahlreiche bis dahin geltende Paradigmen in Frage stellte. Dass ihm dies weitgehend gelang - selbst die sonst so kritische HSozKult findet nur Details zu kritisieren - zeigt den anhaltenden Wert dieses Werkes, das ich selbst schon mehrfach gelesen habe und das bei jeder Lektüre neue Sichtweisen für mich hervorbringt, schon alleine, weil es so viele Informationen, Analysen und Deutungen enthält, die gleichzeitig notwendig kompliziert sind; Wirtschaftsgeschichte erfordert schließlich einen ganz anderen Referenzrahmen, den ich als eher mathe- und damit auch wirtschaftswissenschaftsaverser Mensch nicht mitbringe. Ich möchte auch noch die kleine Vorwarnung mitgeben, dass manche Teile des Buches viel ausführlicher rezipiert werden als andere; das hat mit der Qualität meiner Notizen und den jeweiligen Leseumständen zu tun. Das Buch ist wahnsinnig dicht und komplex und kann grundsätzlich nur unvollständig wiedergegeben werden; es lohnt in jedem Fall die eigene Lektüre. Doch damit genug der Vorrede.

Kapitel 1, die sehr ausführliche "Einführung", legt die Grundlagen für Toozes folgende Argumentation. Zentral für Adolf Hitlers Denken sei seine Vorstellung der Welt als eines rassischen Überlebenskampfes, in dem die Schwachen von den Starken verschlungen würden, gewesen. Den „endgültigen Feind“ des arischen Volkes sah er in den Juden, denen er sowohl die Katastrophe des Ersten Weltkriegs zuschrieb als auch die vermeintliche internationale Allianz des „Weltjudentums“, der er sich im Zweiten Weltkrieg gegenübersehen würde. Sollte Deutschland nicht als rassisch „reine“, militärisch potente Großmacht aus den Trümmern von 1918 auferstehen, so drohe – in dieser Logik – die Vernichtung der deutschen Nation selbst.

Das Problem bestand für Hitler darin, dass die führenden Weltmächte in diesem Weltbild unter jüdischer Kontrolle standen: sei es durch die jüdischen Banker der City of London oder durch jene, die angeblich in Washington die Fäden zögen – eine Verschwörung, die in Franklin D. Roosevelt ihren personifizierten Höhepunkt gefunden habe. Wie sollte Deutschland unter den Lasten von Versailles, Reparationen und Rüstungsbeschränkungen die Kraft aufbringen, mit dem britischen Weltreich oder der größten Volkswirtschaft der Welt, den Vereinigten Staaten, zu konkurrieren?

Tooze beschreibt zwei gegensätzliche Antworten auf diese Frage, verkörpert durch Adolf Hitler und Gustav Stresemann. Stresemann, von 1923 bis 1929 Außenminister der Weimarer Republik, setzte auf wirtschaftliche Erholung durch Kooperation mit den Siegermächten. Zwar sei er Nationalist gewesen und habe militärische Macht nicht grundsätzlich verworfen, doch habe die Niederlage von 1918 sein Vertrauen in das Militär als Instrument deutscher Machtpolitik erschüttert. Angesichts der realen Beschränkungen nach Versailles habe er Deutschlands Wiederaufstieg vor allem auf Industrie, Finanzen und Handel gründen wollen. Deutschland war zu diesem Zeitpunkt zu Reparationszahlungen verpflichtet, die es realistisch nicht leisten konnte, während Großbritannien und Frankreich ihrerseits bei amerikanischen Banken verschuldet waren. Der US-Kongress habe auf Rückzahlung bestanden, ebenso wie Paris und London auf Reparationen. Zugleich habe die deutsche Geldpolitik zur Hyperinflation geführt; Ende 1923 sei die Papiermark faktisch wertlos gewesen. Aus diesem Chaos heraus habe Stresemann die wirtschaftliche Wende organisiert.

Seine Strategie sah vor, amerikanisches Kapital für deutsche Unternehmen zu mobilisieren. Ein Teil dieser Kredite sollte die Reparationen finanzieren, die wiederum über Großbritannien und Frankreich in Form von Kriegsschulden an die USA zurückflössen. Gleichzeitig sollten amerikanische Gläubiger Druck auf die europäischen Siegermächte ausüben, ihre Forderungen zu mildern. Tatsächlich schien dieser Mechanismus zeitweise zu funktionieren: Anfang der 1930er Jahre war Deutschland der größte Schuldner der USA, und amerikanische Akteure drängten auf eine Neuordnung der Reparationsfrage. Doch diese „atlantische“ Strategie scheiterte. Die USA seien nicht bereit gewesen, Reparationen und Kriegsschulden offen miteinander zu verknüpfen, und die Weltwirtschaftskrise habe einen isolationistischen Kurswechsel ausgelöst, der im Smoot-Hawley-Zollgesetz gipfelte. Mit Stresemanns Tod 1929 öffnete sich der Raum für eine radikal andere Antwort: einen aggressiven, militärischen Nationalismus, dessen zentraler Vertreter Hitler war.

Hitler habe Geschichte nicht als Ergebnis von Arbeit und Industrie verstanden, sondern als Kampf um begrenzte Lebensgrundlagen. Großbritannien habe nur dank früherer militärischer Eroberungen vom Freihandel profitieren können. Deutschland hingegen müsse seinen Lebensstandard durch die gewaltsame Aneignung von „Lebensraum“ sichern – im Osten Europas. Industrie und Handel allein würden, so seine Überzeugung, nur eine Wiederholung von 1914 nach sich ziehen. Ein Schlüssel zu diesem Denken liege in Hitlers Blick auf die Vereinigten Staaten. Deren wirtschaftliche Überlegenheit erklärte er mit ihrem eigenen Lebensraum: einem riesigen Binnenmarkt, einer größeren Bevölkerung und reichlich Rohstoffen. Diese strukturellen Vorteile hätten strategische Folgen, da sie Europa zur Bedeutungslosigkeit zu degradieren drohten. Die Antwort darauf müsse von der stärksten europäischen Macht ausgehen – unausgesprochen: Deutschland.

Aus dieser Logik ergab sich die Notwendigkeit territorialer Expansion, verbunden mit Vertreibung und Vernichtung. Hitler habe eine Abfolge von Schritten vor Augen gehabt: Anschluss Österreichs, Unterwerfung Mitteleuropas, Ausschaltung Frankreichs, um den Weg nach Osten freizumachen. Großbritannien sollte dabei möglichst neutral bleiben oder gar als Partner gewonnen werden, da ein Konflikt mit dem Empire vermieden werden müsse.

Abschnitt 1, "Recovery", beginnt mit der Frühphase der NS-Wirtschaft. Diese wird oft als eine Art NS-"Wirtschaftswunder" erzählt, in der schnell Vollbeschäftigung erreicht und damit die düstere Zeit der Weltwirtschaftskrise hinter sich gelassen worden sei.

Bereits in Kapitel 2, "Every worker his work", verkompliziert Tooze dieses Bild jedoch wesentlich. Der Fokus liegt hier auf den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, etwa dem Autobahnbau, in der Propaganda des Dritten Reichs eine große Rolle spielten. Tooze bleibt jedoch nicht beim Thema Autobahnen stehen, sondern verfolgt die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu ihrem Ursprung in Ostpreußen, wo die unterbeschäftigte Landbevölkerung zur Landkultivierung herangezogen wurde. Dieses mit großem Aufwand erbrachte Projekt war zwar erfolgreich. Der Erfolg relativiert sich aber schnell: verglichen mit den eingesetzten Mitteln betraf es wenige Leute und das unter idealen Bedingungen, einer hohen Arbeitslosigkeit bei kaum vorhandenen Fertigkeiten und in einer unterentwickelten Region. Kurz gesagt konnte hier mit der Hand am Arm (und am Spaten) tatsächlich einigermaßen sinnvolle, wenngleich ökonomisch effiziente Arbeit betrieben werden. Den Arbeitslosen in Hamburg nutzte das gar nichts, hier war das Prinzip nicht anwendbar.

Das war aber letztlich auch egal, da die Nazis gar nicht vorhatten, die Arbeitsbeschaffung auf breiter Basis auszurollen. Tooze weist nach, dass sie in der Propaganda des Regimes eine wesentlich geringere Rolle spielte als gemeinhin angenommen und, vermutlich entscheidender, in den wirtschaftspolitischen Konzeptionen ebenfalls kaum vorkam. Diese konzentrierten sich vielmehr auf klassische Fragen der "balance of payment", der Austerität, Auslandsschulden etc. Das Arbeitsbeschaffungsprogramm selbst endete bereits 1934, und letztlich abgesehen von einigen stark hervorgehobenen Pilotprojekten auch ohne großen Einfluss. Das hieß jedoch nicht, dass die Erholung nicht real gewesen wäre; tatsächlich verschwand die Arbeitslosigkeit ja weitgehend. Dies war auch auf direkte staatliche Intervention zurückzuführen, aber nicht im Reichsarbeitsdienst, sondern in der Rüstungsindustrie.

Das bedeutete zwangsläufig einen Abschied von jeder Kooperation mit Großbritannien, Frankreich oder den USA. Kapitel 3, "Breaking away", zeigt die Aufkündigung der Stresemann'schen Politik durch die Nazis. Die größte Frage in diesem Zusammenhang war die um die Auslandsschulden. Effektiv nutzte das Reich die Uneinigkeit der Gläubiger aus, um bilaterale Deals mit Schuldenschnitten zwischen 20 und 80% (!) zu erreichen. Die Drohung, die Zahlungen ganz einzustellen, war wegen der offiziellen Autarkiepolitik einerseits und der Uneinigkeit der demokratischen Länder durchaus glaubhaft; ein Vergleich etwa mit Griechenlands Lage in der Krise 2010ff. zeigt das mehr als deutlich auf.

Zudem versuchten die Nazis, Deutschland so weit wie möglich aus dem internationalen Handelsgeflecht herauszunehmen. Hitler hielt überhaupt nichts von der Idee, dass es möglich sei, mit Exporten einen Außenhandelsüberschuss zu erreichen und auf diese Art zu dem Wohlstandsniveau aufzuschließen, das die westlichen Länder besaßen. Die deutsche Wirtschaft war dafür nicht leistungsfähig genug, die Abhängigkeit von den Weltmärkten etwas, das ideologisch auch nicht zu akzeptieren war. Diese Zurückweisung der liberalen Weltordnung war ein Policy- wie ideologisches Kernelement der NS-Politik.

Und das Wohlstandsniveau, das betont Tooze immer wieder, war krass unterschiedlich. Deutschland besaß damals ein BIP und einen Lebensstandard, die in einem globalen Vergleich auf dem Stand von 2006 dem Südafrikas und Irans entsprochen hatten - ein Vergleich, den Tooze noch als für NS-Deutschland schmeichelhaft bezeichnet, weil Iran und Südafrika in der Lage seien, durch Importe bestimmte Lücken zu schließen, eine Möglichkeit, die dem Nazireich verwehrt blieb. Seine Wirtschaft war insgesamt zurückgeblieben, das Wohlstandsniveau und der Lebensstandard niedrig.

Tooze erklärt damit auch einleuchtend das Mysterium, warum in Deutschland keine fordistische Massenproduktion Fuß fasste. Dies lag nicht an einer Unkenntnis der Technologien, sondern vielmehr daran, dass ein Markt für fordistische Produkte nicht existierte: die Deutschen konnten es sich schlicht nicht leisten. Die Zahl der PkW im Ursprungsland des Automobils war vernachlässigbar; in Privatbesitz befand sich so gut wie keines. Die Nazi-Fantasien von Autobahnen und Volkswagen werden erst vor diesem Hintergrund wirklich verständlich; sie beschrieben eine Zukunft, die in den 1930er Jahren fantastisch anmuten musste.

Trotzdem - oder gerade deswegen - fanden die Nazis, wie in Kapitel 4, "Partners: The Regime and German Business", beschrieben, willige Komplizen in der deutschen Wirtschaftselite. Diese war nämlich, anders als heute, auch nicht auf Freihandel und Export orientiert und besaß wenig Probleme mit der Vorstellung großer Konglomerate und staatlicher Nachfragepolitik. Die Autarkiefantasien der Nazis stießen zwar nicht zwingend in allen Vorstandsetagen, aber auf der Ebene darunter auf willige Helfer: neue Technologien, nicht marktreif und schon gar nicht rentabel, konnten plötzlich in gewaltigem Umfang ausgebaut werden. Das prominenteste Beispiel dafür ist IG Farben und die synthetische Herstellung von Kraftstoff aus Kohle: ein ineffizientes Verfahren, das aber versprach, ein Desiderat der deutschen Führung abzudecken. Entsprechend erhielt IG Farben gigantische Subventionen (verkalkulierte sich aber, weswegen die Gewinne zu einem großen Teil an den Staat gingen; die Bosse waren zu vorsichtig gewesen). Ähnlich sah es in anderen Bereichen, wo die Nationalsozialisten einerseits ein hohes Subventionsniveau versprachen, das Expansion und Gewinne ermöglichte, andererseits aber durch staatliche Nachfrage in klar gegliederte Bereiche, vor allem die Schaffung von Militärgerät, ging.

Allerdings erklärt das alles nicht, warum ein so großer Teil der Wirtschaft auf die Linie der Nationalsozialisten umschwang - und das übrigens erst im Moment der Machtübergabe; noch in den Wahlkämpfen 1932 unterstützte die Wirtschaft, anders als von der linken Propaganda behauptet, vor allem die reaktionären Rechtsextremisten, vor allem die DNVP; dieses Bündnis war auf beiden Seiten ein opportunistisches. Die deutschen Unternehmer waren im Großen und Ganzen Antidemokraten und auch Antiliberale, aber die meisten waren eben keine Nationalsozialisten. Neben der Opportunität war das größte verbindende Element das glaubwürdige und direkt 1933 umgesetzte Versprechen des Zerschlagens der Arbeiterbewegung: die Gewerkschaften wurden zerstört und die Unternehmer im Rahmen der Führerideologie zu unumschränkten Herrschern ihrer Betriebe gemacht, was dem Ego der Wirtschaftsbosse sehr entgegenkam (und, nebenbei bemerkt, die olle Kamelle von der "linken" NSDAP völlig albern macht).

Weiter geht's in Teil 2.

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