Adam Tooze - Wages of Destruction (Hörbuch) (Ökonomie der Zerstörung)

Diese Radikalisierung fand ihren Ausdruck auch in den NS-Massenmorden. Die Verfügbarkeit ineffizienter, aber extrem billiger und austauschbarer Arbeitskraft durch das System der Konzentrationslager und der Zwangsarbeit wurde von den Unternehmen wie auch von der deutschen Wirtschaftsplanung direkt einkalkuliert. Die "Vernichtung durch Arbeit" erhielt dadurch eine Ambivalenz, weil sie einerseits ein ideologisches Produkt war, aber andererseits ein wirtschaftlicher, rational kalkulierter Faktor wurde. Die Unternehmer machten sich hier auch zweifelsfrei direkt schuldig, weil sie diese Logik willentlich akzeptierten und an ihr teilhatten. Diese Mittäterschaft wurde durch die Nazis auch aktiv befeuert. So informierte Himmler auf einer Versammlung aller Gauleiter offen über den Stand des Holocaust, um den Anwesenden die Möglichkeit zu nehmen, sich durch Nichtwissen nach dem Krieg herauszureden. Speer tat genau das und behauptete später, nicht anwesend gewesen zu sein, was Tooze anhand seines Kalenders als höchst unplausibel zurückweist (auch wenn die Dokumentenvernichtung nach dem Krieg und Speers kluges PR-Management keine Sicherheit erlauben können).

Zweifelsfrei aber gehörte Speer zur vordersten Reihe beim Erhöhen des Drucks auf die Wirtschaft: mit einem Sonderzug fuhren er und Bevollmächtigte durch Deutschland und erzwangen die Umsetzung ihrer Dekrete (vor allem das Investitionsverbot und das Verbot, den Zwangsarbeiter*innen das Lebensnotwendige wie Unterkünfte und Nahrung zur Verfügung zu stellen). Anhand einiger profilierter Opfer wurde in Schauprozessen Loyalität erzwungen; Unternehmer, die "defätistische" Bemerkungen gemacht hatten, waren anders als früher nicht mehr sicher. Die Gewalt traf nun zunehmend auch sie.
Gleichzeitig stellt Tooze aber fest, dass die Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und Regime sich ständig vertiefte und ihren Höhepunkt 1944/45 erreichte. Er erklärt dies an einem entscheidenden Interessenüberlapp: die Niederlage des Nationalsozialismus bedeutete, trotz dessen immer weitreichenderen und verheerenderen Einflüssen auf das freie Wirtschaften, dass ein stalinistisches System obsiegen würde - was dies für die Unternehmer bedeutete, konnte sich jeder leicht ausmalen. Dieselbe Logik, die viele gewöhnliche Deutsche so lange zum Widerstand gegen die Rote Armee motivierte, animierte auch die Privatwirtschaft.
Ihren Höhepunkt erreichte die wirtschaftliche Gewalt aber in der Verwirklichung der fantastischen und völlig unrealistischen Pläne um Wunderwaffen. Die Düsenflieger wurden bereits angesprochen, aber das wohl auffälligste Merkmal sind die Raketen V1 und V2. Die Raketen hatten keine Chance, jemals die Wirkung zu erreichen, die ihre Proponenten sich davon versprachen, verschlangen aber unglaubliche Mengen an Ressourcen, die in der restlichen Rüstung viel besser aufgehoben wären. Dieser Hang zu Wunderwaffen war aber Mentalität und Ideologie der Nationalsozialisten inhärent. Der Bau dieser Waffen erforderte wiederum riesige Mengen an Zwangsarbeit, die vor allem in Dora zu abartigen Verhältnissen und einem Massensterben führte, das den Planern und Unternehmern nicht verborgen blieb. Hier erreichte die mörderische Logik der NS-Wirtschaft ihren traurigen Höhepunkt.
In Kapitel 19, "Disintegration", betrachtet Tooze die letzten Monate. Der Verlust des strategischen Hinterlandes - zentral der Ölfelder in Rumänien, aber auch der Kohle- und Eisenproduktion - bedeutete ein automatisches Ablaufdatum für sämtliche Rüstungsbetätigungen. Speer kalkulierte im Januar 1945 noch optimistisch, dass die Produktion auf dem aktuellen Niveau noch ein Jahr lang möglich sei und man sich deswegen noch entsprechend lange verteidigen könnte. Er teilte damit die in der NS-Führung verbreitete Selbsttäuschung, dass wenn man nur lange genug aushielt, bessere Friedensbedingungen erreichbar sein könnten. Zwar musste diese Einschätzung schließlich auf ein halbes Jahr heruntergerechnet werden, aber Tooze hebt hervor, dass die Produktion durch den Verlust des Gebietes tatsächlich nicht endete: die deutsche Kriegswirtschaft hörte auf, der Wehrmacht und Luftwaffe Waffen zu liefern, weil ihr die Rohstoffe ausgingen, sondern weil sie durch die Alliierten zerbombt oder direkt erobert wurde.
Das Bombardement nahm Ende 1944, Anfang 1945 völlig neue Ausmaße an, die erstmals auch zur Ausschaltung ganzer Großgebiete führten. Dies lag auch daran, dass die Alliierten den Rüstungswettlauf gewannen: die P-51 Begleitjäger sicherten die Bomber bis tief ins Reich und sorgten dafür, dass die Verluste an Bombern zurückgingen und die der deutschen Abfangjäger drastisch anstiegen. Die Luftwaffe wurde durch Abnutzung völlig zerrieben. Die Alliierten zerstörten vor allem die entscheidende Infrastruktur, indem sie Bahnknotenpunkte zerstörten (was nicht nur dazu führte, dass die Rohstoffe die Fabriken nicht mehr erreichten, sondern auch, dass nach dem Krieg bis 1948 die Versorgung der Bevölkerung beinahe unmöglich war). Die Auswirkungen der Bombardements, auch in Menschenleben, waren verheerend. Tooze macht aber völlig klar, dass dies moralisch keinen besonderen Schatten auf die Alliierten wirft. Er erklärt, dass das Sterben eine Folge der Mittel, nicht eine Zielsetzung war, und dass die Alliierten keine Regel brachen, die die Deutschen nicht zuvor bereits hundertfach gebrochen hätten. Die Zerstörung Deutschlands war Konsequenz des Kampfs bis zum bitteren Ende und damit selbst verschuldet.
Bereits vorher allerdings zeigte sich das dräuende Ende. Mitte 1944 griff Speer zum ersten Mal auf aktiven Statistikbetrug zurück, um die Propaganda zu betreiben, wo er vorher vor allem übertrieben und geschönt hatte - in untrügliches Zeichen für den zunehmenden Selbstbetrug eines todgeweihten Regimes. Gleichzeitig war es auch nicht mehr möglich, die Inflation weiter unter Kontrolle zu halten. Um die Kosten weiter decken zu können, hatte der Staat effektiv mit der Druckerpresse Rüstungsgüter gekauft. Die deutsche Zahlungsbilanz, die bereits 1938 eine weitere Rüstung unter normalen Bedingungen unmöglich gemacht hatte, kehrte mit Schwung zurück. Der Staat hatte so viel zusätzliches Geld ins System geschossen, das angesichts des ohnehin minimalen Konsums nicht mehr aus dem System genommen werden konnte, dass der Schwarzmarkt im Verlauf des Jahres 1944 immer mehr an Bedeutung gewann und die Legitimität des gesamten Systems grundsätzlich in Zweifel stellte. Die Unternehmer versteckten ihr Kapital in Unternehmensbeteiligungen, kauften neue Immobilien oder rüsteten ihre Maschinenparks auf, wo immer es ihnen möglich war (was ironischerweise nach dem Krieg das "Wirtschaftswunder" massiv befeuern sollte).
Gleichzeitig zeigten sich die Grenzen von Speers Rationalisierungen, die auch auf Selbstbetrug basierten. Ein Beispiel dafür ist der Bau des revolutionären neuen U-Boots XXI, das die veralteten Typ VII ersetzen sollte. Wie auch die Düsenflieger, das StG 44 oder die V2 war es eine wegweisende Neuerung, die nie die Serienreife erlangte, die nötig gewesen wäre (oder die hätte produziert werden können), um einen Unterschied zu machen. Die Rationalisierung der U-Bootproduktion zeigt gut die Entkopplung einer Ideologie von der Realität: um inländische Firmen nutzen zu können, wurden die Boote in Teilen produziert, zur Küste gebracht und dort nur noch zusammengeschweißt. Dadurch wurde die Produktionszeit auf rund 200 Tage gesenkt. Dadurch waren die Boote natürlich mit Sollbruchstellen ausgestattet, was für U-Boote gar nicht so gut ist, um es milde auszudrücken. Zudem hatte man zwar nach 200 Tagen ein offiziell fertiges Boot, das aber war so übereilt produziert, dass es weitere 150 Tage an Reparaturen und Tests brauchte, um einsatzfähig zu werden - auch hier also Selbstbetrug in riesigem Ausmaß.
Das letzte Kapitel, "The end", enthält vor allem Reflexionen und Zusammenfassungen.
War die Tragödie des Zweiten Weltkriegs durch die schreckenerregende Macht des nationalsozialistischen Deutschlands bestimmt – oder durch seine verhängnisvolle Schwäche? Diese Frage (wörtlich dem Klappentext des Buches entnommen) bringt Toozes gesamtes Projekt in The Wages of Destruction ziemlich genau auf den Punkt. Wie wir im Verlauf der Rezension gesehen haben, entwickelt Tooze ein starkes Argument dafür, dass die Entscheidungen der NS-Führung vor und während des Zweiten Weltkriegs in erster Linie durch ein Bewusstsein von Deutschlands Schwäche motiviert waren.
Hitlers antisemitisches Weltbild verlangte, dass Deutschland eine Position der Stärke errichte, wenn es im großen rassischen Überlebenskampf nicht unterliegen wollte. Dies wiederum machte den Erwerb jenes Lebensraums notwendig, der dem deutschen Volk einen angemessenen Lebensstandard sichern sollte – ein Projekt, das sich nur durch Krieg und Eroberung verwirklichen ließ. Doch Deutschlands Hauptgegner – Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten – standen diesem Ziel immer im Weg. Mehr noch: Wie Hitler sehr wohl erkannte, würde Deutschland in seinem damaligen Zustand niemals mit der industriellen Macht seiner Gegner mithalten können. Es musste daher schnell handeln, Territorium erobern und seine Gewinne konsolidieren, bevor seine Gegner ihre industrielle Stärke voll zur Geltung bringen konnten.
Es war Hitlers scharfes Bewusstsein dafür, dass die Zeit nicht für ihn arbeitete, das ihn dazu trieb, den Angriffskrieg genau zu dem Zeitpunkt zu beginnen, zu dem er ihn begann. Nachdem er im September 1939 gegen Polen losgeschlagen hatte, entschied er sich, die Länder Westeuropas – potenziell seine gefährlichsten Gegner auf dem Kontinent – im Frühjahr 1940 durch eine Blitzoffensive auszuschalten. Deutschlands erstaunlicher Sieg beruhte in erster Linie auf seiner erfolgreichen Strategie sowie auf den verheerenden taktischen Fehlentscheidungen der alliierten Armeen, nicht auf einer dem deutschen Heer innewohnenden materiellen Überlegenheit. Nach diesem kurzen Triumph überzeugte dann die katastrophale ökonomische Lage von Deutschlands europäischem Imperium die NS-Führung davon, dass sie nur dann gegen Großbritannien und Amerika gewinnen könne, wenn sie sich die gewaltigen Ressourcen der Sowjetunion aneigne – insbesondere das Öl des Kaukasus und die Kornkammern der Ukraine.
Doch nachdem es den Deutschen 1941 nicht gelungen war, den Krieg im Osten zu gewinnen, fanden sie sich in einem blutigen Abnutzungskrieg wieder, der ihre Pläne zur rassischen Neuordnung des Ostens vereitelte und die schwere Ernährungskrise des Dritten Reiches verlängerte. Der verzweifelte Bedarf an Nahrung war eng mit den genozidalen Programmen der Nationalsozialisten verknüpft, denn die NS-Führung gelobte, dass eher andere Rassen verhungern sollten als sie selbst. Diese Verbindung fand ihre entsetzlichste Umsetzung im Generalgouvernement, wo die Pläne des Landwirtschaftsministeriums die Vernichtung von 3,5 Millionen Juden vorsahen.
Der Faden, der sich durch diese gesamte Erzählung zieht, ist der der Notwendigkeit. Hitler musste den Krieg im September 1939 beginnen, er musste in die Sowjetunion einfallen, auch wenn das bedeutete, das Blut Hunderttausender Deutscher zu vergießen. Die Handlungen des Dritten Reiches waren also von Notwendigkeit bestimmt – und damit von Schwäche.
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Eine Frage, die in Toozes Buch immer implizit anwesend ist, hier aber nie ausdrücklich gestellt wurde, lautet: „Warum verlor Deutschland den Zweiten Weltkrieg?“ Tooze selbst gibt im Buch darauf keine explizite Antwort, aber angesichts dieser kraftvollen Erzählung über die Schwäche des nationalsozialistischen Deutschlands – braucht es überhaupt noch eine? Tatsächlich beantwortet Tooze nicht, warum Deutschland verlor, sondern vielmehr, warum Deutschland verlieren musste (in seinem Blog schreibt er sogar: „Die Frage, die wir stellen sollten, lautet nicht, warum die Alliierten gewonnen haben, sondern warum es verdammt noch mal so lange dauerte und so viele Millionen Menschenleben kostete“). Tooze macht diesen Punkt auch in einem Vortrag deutlich, den er zehn Jahre nach Fertigstellung des Buches hielt. In einer Passage übt er scharfe Kritik an seinem Historikerkollegen Richard Overy, der sein Buch Why the Allies Won von 1995 auf die Behauptung gründete, der Sieg der Alliierten von 1945 sei nicht unvermeidlich gewesen:
„Why the Allies won? Duh. Also, ich meine: "Why the Allies Won?" Das ist ein kompliziertes Buch, das meines Erachtens eine Reihe von Fragen künstlich aufbläht, auf die es am Ende einfache, sehr kraftvolle Antworten gibt. Er verweigert die Logik des Materialismus, auf der ich bestehe. Es gab so viele verschiedene Wege. ‚Lassen Sie mich Ihnen sagen, auf welche Weise die Alliierten hätten gewinnen können‘, das wäre meine Antwort, während seine Darstellung eine Art Messerschneide-Argument ist – wenn dies nicht gewesen wäre, wenn jenes nicht gewesen wäre –, eine Logik des Kritischen, des Nagel-Kopfes, und das scheint mir vollkommen auf den Kopf gestellt. Die Alliierten haben gewonnen – es gab unzählige verschiedene Arten, wie das hätte ausgehen können, und sie hätten alle im Grunde dasselbe Ergebnis gehabt, nur mit einem noch höheren Maß an Zerstörung [für das Dritte Reich]“ (01:36:34 – 01:37:10). Overy hat immer noch viele Anhänger*innen (ich las erst kürzlich Jonathan Parshalls und Anthony Tullys "The Shattered Sword" (Rezension folgt), die ihn emphatisch verteidigten), aber ich halte Toozes Kritik für zutreffend. Die strategischen Szenarien der Nationalsozialisten entbehrten jeglicher Realität.
Was ich deswegen generell ich an Toozes Arbeit schätze, ist, dass sie zumindest ein Stück weit erklärt, warum das NS-Regime einige der Entscheidungen traf, die es traf, und diese Entscheidungen als Folge der „Explosion des Getriebes … das die radikale Ambition des NS-Regimes mit dem wirtschaftlichen Potenzial Deutschlands verband“ begreift. Die Entscheidungen Hitlers und seines Regimes wären ohne diese ökonomischen Realitäten nicht dieselben gewesen. Es ist erfrischend, auf eine derartige erklärende Erzählung zu stoßen. Ich habe oft den Eindruck, dass das schiere Grauen und die Brutalität von Hitlers Regime viele Autoren dazu verleiten, es wie eine Art deus ex machina darzustellen – eine zerstörerische Naturgewalt, die einfach irgendwie aus dem Nichts auftaucht. Indem Tooze Hitlers Entscheidungen „rationalisiert“ – im Sinne einer Darlegung ihrer ökonomischen Begründungen –, rechtfertigt er diese Entscheidungen keineswegs. Er zeigt vielmehr, dass man davon profitieren kann, einen Gedanken (oder eine Ideologie oder eine ökonomische Begründung) ernsthaft durchzuspielen, ohne ihn deshalb zu akzeptieren. Diese Ernsthaftigkeit im Umgang mit der NS-Ideologie ist tatsächlich auch ein Element, das tatsächlich oft in der Geschichtsschreibung (vor allem der Populären) so nicht vorkommt. Ich ziehe da eine Verbindung zu Hedwig Richter, die sich auch immer dafür einsetzt, das NS-Regime als ein modernes Regime zu begreifen; teleologische Betrachtungsweisen sind an der Stelle immer problematisch.
Ein anderer Aspekt des Buches ist natürlich die Masse an Zahlen und Statistiken, denn die zeichnen jene Verbindung nach – stets vorhanden, aber nicht immer gewürdigt – zwischen dem Quantitativen und dem Qualitativen: zwischen Ernteerträgen und Massenhunger, zwischen BIP und Armut, zwischen Rüstungsproduktion und Waffentechnologie. Ich denke, die Stärke von Toozes Buch liegt in seinem Gespür für eben die daraus resultierenden „bindenden Gesetze“, die in vielen Darstellungen ausgeblendet werden, um sich ausschließlich auf die wahnsinnigen Begierden des Dritten Reiches zu konzentrieren.
Der Faktor der Notwendigkeit, mit dem die inhaltliche Zusammenfassung geschlossen wurde, ist für mich ein wichtiger. Was Tooze nicht explizit sagt, aber was für mich implizit durch die Zeilen schimmert, ist, dass Hitler im Großen und Ganzen korrekte Analysen der deutschen Situation abgab. Er hatte 1939 "nothing to gain by waiting", die deutsche Situation trieb in eine Abhängigkeit von der UdSSR, die materielle Überlegenheit der Westmächte war erdrückend, Deutschland war nicht in der Lage, autark ein amerikanisches Wirtschaftsniveau auf Basis seiner Landesgröße zu erreichen, und so weiter.
Was falsch war, waren seine Schlussfolgerungen, die aus der Ideologie herrührten. Die Zielsetzung, eine militärische Weltmacht zu sein, war ja keine, die sich notwendigerweise ergab. Man konnte wie Stresemann (den Tooze in der Einführung des Buches und in seinem Nachfolgewerk "The Deluge" (hier rezensiert) auch zu dem Schluss kommen, dass der Weg Deutschlands der einer Mittelmacht war, dominierender Faktor in Europa, durch die natürliche Schwerkraft als wirtschaftliches Zentrum des Kontinents. Das ist ja denn auch der Weg, den das Land nach dem Zweiten Weltkrieg mit wesentlich größerem Erfolg einschlug. Die Notwendigkeiten, unter denen Hitler operierte, schuf er sich ja selbst. Ohne die krasse Aufrüstung wäre die Lage 1939 nicht gewesen, wie sie war. Die Nahrungsmittelkrise, die den Massenmord 1941/42 so sehr befeuerte, war eine, die durch Krieg und Vertreibung entstanden war. Und so weiter. Die Politik Hitlers war in sich konsequenter und kohärenter, als man oft annimmt, aber ihre Prämissen waren mörderisch. Es ist Toozes Verdienst, diese Zusammenhänge herauszustellen, ohne dabei in Revisionismus zu verfallen. Er hat keinerlei Sympathie für seinen Gegenstand - aber er nimmt ihn bitter ernst. Das hilft dem Verständnis und dem Erkenntnisgewinn enorm.
Für mich ist das die mittlerweile vierte Lektüre dieses Buchs, wenn ich richtig gezählt habe. Es ist ungemein faszinierend und enthält eine solche Breite von wertvollen Informationen, Diskussionen und Thesen, dass selbst diese riesige Rezension ihm nicht gerecht werden kann. Die relative Länge der einzelnen Kapitelzusammenfassungen macht das schon deutlich; die Kapitel selbst sind alle ungefähr gleich lang. Jedes Mal, wenn ich es wieder lese, entdecke ich für mich neue Dinge, gewinne neue Erkenntnisse über die Geschichte des Dritten Reiches. Ich kann es jedem, der sich für das Thema interessiert, nur dringend empfehlen. Es ist das absolute Standardwerk zum Thema, und bisher hat es niemanden gegeben, der seine Thesen ernsthaft in Zweifel zieht.
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