Christoph Nonn - Zwölf Tage und ein halbes Jahrhundert

Es gibt zahlreiche Geschichten des Kaiserreichs, so dass es durchaus Sinn macht, über eine grundlegende Strukturierung nachzudenken, vor allem, wenn man nicht den Anspruch hat, diese Geschichte in allen Facetten umfassend, sondern etwas leichter verdaulich zu gestalten. Christoph Nonns strukturierendes Element ist es, sich zwölf Tage in dem halben Jahrhundert Existenz des Kaiserreichs herauszugreifen und an ihnen exemplarisch Elemente dieses widersprüchlichen Staates aufzugreifen. Dieses griffige und etwas populäre Konzept heißt aber nicht, dass der Band deswegen auf wissenschaftlichen Anspruch verzichten würde und müsste. Nonn ist ein Experte für sein Fachgebiet, der die Lesenden in einer leichter verdaulichen Weise an seinem Kenntnisreichtum teilhaben lässt.

In Kapitel 1, "Versailles, 18. Januar 1871", nimmt die Perspektive Anton von Werners ein, der kurzfristig den Auftrag erhielt, zur Kaiserproklamation Skizzen anzufertigen. Die Genese des berühmten Bilds, das auch den Einband des Buchs ziert, ist eine verworrene. Von Werner schuf mehrere Versionen des Gemäldes, und die eigentlich "definitive" der damaligen Zeit ist heute beinahe unbekannt, weil sie im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde. Dabei zeigte sie die Proklamation etwas "realistischer" und vor allem die Gegensätze der Deutschen mehr überbrückend; sie enthielt mehr einfache Soldaten und legte viel Wert auf den Ausgleich der verschiedenen Gruppen im Reich, vor allem Süd und Nord. Diese Gegensätze, die den Beginn der deutschen Nation schwierig gestalteten, stellt Nonn auch ins Zentrum des Kapitels. Die süddeutschen Fürsten (und auch die dortige Bevölkerung) waren eher widerwillige Teilnehmer am nationalen Projekt, und die Preußen ihrerseits waren auch bestenfalls lauwarm mit dem Projekt verbunden. Umso auffälliger war, wie schnell - binnen etwa eines Jahrzehnts - eine deutsche Identität sich wirkmächtig Bahn brach.

Das zweite Kapitel, "Marpingen, 3. Juli 1876", beginnt mit einer angeblichen Marienerscheinung im saarländischen Marpingen, wo die etwas einfältige Bevölkerung unverhofft ins Zentrum nationalen Interesses - und bald der Behörden - geriet. Die katholische Bevölkerung war wesentlich mehr als die protestantische entfernt vom neuen Staatswesen und, entscheidender, von der Moderne. Die Enzyclica des Papstes hatte das ihre getan, und der deutsche Staat war gegenüber den Katholiken extrem misstrauisch und versuchte, sie zu unterdrücken und zu gängeln, um sie so vom vermuteten Einfluss Roms (den er völlig überschätzte) zu lösen. Der politische Gegenpart dieses Drucks war das Zentrum, eine katholische Sammelpartei, die durch die Feindschaft der evangelischen Konservativen teils merkwürdige Bündnisse einging und schließlich eine demokratische Partei wurde.

Eine ähnliche Entwicklung sehen wir in Kapitel 3, "Leipzig, 2. Juni 1878", wo anhand der Biografie August Bebels die Lage der Sozialisten untersucht wird. Nonn legt großes Gewicht auf die relativ geringe Größe der Sozialisten, als diese vom Staat mit großer Härte verfolgt wurden, und wie diese Verfolgung mittelfristig zur Stärkung genau dieser Bewegung beitrug, ohne das Leiden der Betroffenen deswegen kleinzureden. Er zeigt auch auf, wie innerhalb der sozialistischen Bewegung letztlich zwei reformerische Bewegungen miteinander stritten: die staatsorientierten Lassallianer gegen die eher vereinsorientierten Bebelianer. Am Ende gingen beide Bewegungen eine Synthese ein, doch die SPD konnte lange Zeit nie klären, wofür sie eigentlich ihre wachsende Macht nutzen wollte, weswegen sie auch ein Fremdkörper im deutschen Staatssystem blieb. Nonn gibt auch der Rolle der Frauenemanzipation in der SPD breiten Raum, die er recht schonungslos zeichnet: zwar war die Sozialdemokratie relativ zum Rest progressiv, aber auch hier unterdrückte man Frauen und traute ihnen nichts zu. Spannend fand ich zudem, dass die Sozialdemokratie sich lange als "Produzenten" begriff und deswegen etwa die Frage der Preise als irrelevant betrachtete, was die Frauen, deren Leben sich um Konsumentenpreise drehte, in eine Anti-Haltung brachte. Erst die Wandlung der Parteiplattform zu einer Konsumentenpartei erschloss einerseits eine breite Mitwirkung der Frauen als auch eine deutliche Erweiterung der Basis der Partei ins Angestellten- und Beamtenmilieu hinein, so dass sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs Volkspartei war. Nonn schließt aber mit der Feststellung, dass die Sozialistengesetze einen giftigen Effekt gehabt hätten, indem sie die SPD erst zu der Anti-Reichspartei gemacht hätten, als die Bismarck sie gezeichnet hatte, weswegen sie keine konstruktive parlamentarische Rolle auszufüllen in der Lage war.

Kapitel 4, "Berlin, 27. September 1883", folgt Theodor Lohmann, einem Vortragenden Rat im Ministerium, der der Vater der Sozialgesetzgebung ist (und nicht, wie gerne kolportiert, Bismarck selbst, dessen Interesse am Gegenstand saisonalen Schwankungen unterlag). Lohmann war Hannoveraner und besaß partikularistische Neigungen, freundete sich jedoch mit dem neuen Staatswesen an und versuchte, es für seine Zwecke einzusetzen. Der pragmatische Idealist wird von Nonn als eine Art idealer Weberianer beschrieben, der harte Bretter bohrte und mit Geschick Bismarcks weniger realistische Wünsche abblockte, um seine eigene Vision durchzusetzen. Spannend ist, dass auch die Arbeitgeber damals - trotz der arbeitnehmerunfreundlichen Gesetzgebung - ein Interesse an Sozialversicherungen hatten, weil diese die Risiken kalkulierbar und damit bilanzenfreundlicher machten. Auch wie Lohmann Bismarck legislativ ausmanövrierte, ist äußerst spannend. Gleichwohl macht Nonn deutlich, dass auch Lohmann nicht der alleinige Vater der deutschen Sozialversicherungen ist; wie Bismarck wurde auch er durch andere Akteure ausmanövriert und musste Kompromisse akzeptieren.

Kapitel 5, "Okahandja, 21. Oktober 1885", befasst sich mit der Kolonialgeschichte der Deutschen. Mich fasziniert, wie unklar immer noch ist, unter welchen Motiven das Kaiserreich in die Kolonialpolitik hineinging. Die Geschichte, die Nonn hier entspinnt, dreht sich um die Beziehung der Deutschen zu den Herero. Anfangs waren die zahlenmäßig kaum wahrnehmbaren Deutschen auf enge Kooperation angewiesen und versuchten, die Freundschaft der Herero zu gewinnen, vor allem, indem sie versuchten, in deren internen Streitigkeiten zu vermitteln. So wuchsen sie von Vermittlern in die Rolle von Herrschern hinein. Neuankömmlinge aus Deutschland, vor allem grobe rassistische Schlächter wie von Trotha oder raffgierige Siedler, missachteten dann das fragile Gefüge vor Ort und nutzten jeden Vorwand, um Gewalt gegen die Herero auszuüben, bis hin zur Konstruktion eines "Aufstands", der dann genozidal niedergeschlagen wurde. Nonn diskutiert auch Jürgen Zimmerers These von den Kontinuitäten zu Auschwitz, die er verwirft; die deutsche Kolonialgewalt habe in der Denke der Nazis keine Rolle gespielt.

Kapitel 6, "Berlin, 15. März 1890", skizziert anhand seines Rücktritts die Rolle Bismarcks im späteren Kaiserreich. Der alte Kanzler war zunehmend erratisch und unzuverlässig geworden, seine Politik im Inneren wie im Äußeren immer weniger erfolgreich. Ausschlaggebend aber war das eingetrübte Verhältnis zum jungen Kaiser Wilhelm, dessen Politikwechsel (so sprunghaft sie auch sein mochten) Bismarck nicht mitzumachen bereit war. Der Politrentner Bismarck denn grantelte vor allem von der Seitenlinie, ohne substanzielle Kritik beibringen zu können; er log und widersprach sich selbst ständig, in der Hauptsache um Geltung und Image bemüht. Nonn wendet den Blick dann auf Kaiser Wilhelm II. selbst, der Bismarck darin gar nicht unähnlich war. Er verwirft die Idee, dass die Technik- und Öffentlichkeitsbegeisterung Wilhelms ihn zu einem modernen Kaiser mache; seine politischen Ideen waren entschieden vormodern. Die Flitterwochen der Deutschen mit ihrem Kaiser endeten denn aufgrund dessen Sprunghaftigkeit und seiner Neigung zu Konflikten auch recht schnell, und am Ende des Kaiserreichs entglitt dem Kaiser sein Land auch politisch zunehmend.

Das siebte Kapitel, "Kiel, 3. Januar 1896", befasst sich mit dem Flottenbau. Im Zentrum steht Alfred von Tirpitz, dessen Karriere als einigermaßen bedeutsam für die weitere Geschichte Deutschland gelten dürfte. Tirpitz steht mit seinen bürgerlichen Wurzeln und monarchischer Gesinnung typisch für eine Generation von Offizieren vor allem in Marine und Artillerie, wo technisches Verständnis wichtig war (und profilierte sich auch früh mit seiner Fachkenntnis zu Torpedos). Aus Geltungssucht einerseits und ideologischer Überzeugung andererseits trieb er massiv den Ausbau der deutschen wie heute auf Küstenschutz beschränkten Flotte zu einer von "Weltrang" voran.

Nonn betont, dass die Rolle Tirpitz' dabei (auch von ihm selbst) deutlich übertrieben wurde; Flottenbegeisterung kam in allen Schichten bis tief ins sozialdemokratische Milieu vor, weil die Flottenschauen eine riesige Publikumsgaudi waren und die Flotte als modernste Technik galt (mir drängt sich der Vergleich zur Raketenbegeisterung um Space Race der 1950er und 1960er Jahre auf). Der Flottenverein errang in dieser Zeit eine (wenngleich künstlich durch Doppelmitgliedschaften inflationierte) Millionenmitgliedschaft. In der Auswirkung auf die Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland, die in einem von Deutschland entschieden verlorenen Flottenwettrüsten endeten, schließt sich Nonn weitgehend der konventionellen Lesart an, dass dies die Beziehungen der beiden Staaten nachhaltig vergiftet habe, schon allein, weil die Flotte keinen anderen Gegner als Großbritannien habe kennen können.

Kapitel 8, "Koniz/Westpreußen, 11. März 1900", befasst sich mit einem Mordfall in der westpreußischen Provinz. Die ungeklärten Umstände führten zu einer wahren Blüte von Verschwörungstheorien, anhand derer Nonn ein Sittenbild Koniz' nachzeichnet, in dem Gerüchte soziale Außenseiter treffen - etwa alleinstehende Männer mittleren Alters, religiöse Splittergruppen und Ähnliches. Am heftigsten betroffen aber waren die Juden, denen ein "Ritualmord" nachgesagt wurde. Diese Vorwürfe des Ritualmords gehörten zum Standardrepertoire auch des mittelalterlichen Antisemitismus und traten immer wieder zutage. Von der Konizer Affäre ausgehend beleuchtet Nonn den Antisemitismus im Kaiserreich: dieser sei im internationalen Vergleich nicht besonders ausgeprägt gewesen und durch die rechtsstaatlichen Strukturen, auf die besonders die Liberalen stolz waren, immer wieder in Schach gehalten worden. Mit Nachdruck verweist Nonn darauf, dass die explizit antisemitischen Parteien im Kaiserreich nie mehr als zwei Prozent der Stimmen gewannen; gleichwohl war der Antisemitismus als Grundströmung vor allem unter den Konservativen jederzeit anschlussfähig.

Auch der in Kapitel 9, "Köpenick, 16. Oktober 1906", besprochene Militarismus erhält ein Loblied des kaiserlichen Rechtsstaats. In diesem Kapitel zertrümmert Nonn vermutlich die meisten Mythen und tritt der konventionellen Kaiserreichsgeschichtserzählung am entschiedensten gegenüber. Im Fall des Hauptmanns von Köpenick erkennt er weniger eine obrigkeitsstaatliche Duckmäuserigkeit, sondern vielmehr eine starke Trennung ziviler und militärischer Sphären, weil die Köpenicker Beamten und der Bürgermeister sehr wohl alles hinterfragten und die Kooperation verweigerten, aber von den Soldaten mit Waffengewalt gezwungen wurden. Das Problem lag also eher im Militär als in der Gesellschaft als Ganzes. Den schlagkräftigsten Beweis für diese These legt Nonn mit der massiven Kritik am Militarismus vor: eine militarisierte Gesellschaft würde schließlich nicht permanent den Militarismus kritisieren. Dieser sei im internationalen Vergleich nicht stärker ausgeprägt gewesen als etwa in Frankreich oder Großbritannien.

Nonn vergleicht hier die Größe des Militärs (proportional wesentlich kleiner als in Frankreich) und seine Militärausgaben (dito), belässt es aber nicht bei den Zahlen. Besonders ab 1900 sei das deutsche Heer in seiner Größe ins Hintertreffen geraten, was im Reich auch permanent öffentlich diskutiert wurde. Die innenpolitischen Dynamiken hier sind faszinierend, weil eine Vergrößerung der Armee von Liberalen, Sozialdemokraten UND Konservativen blockiert wurde, wenngleich aus unterschiedlichen Interessen. Am interessantesten ist hier der Widerstand der Konservativen, die die ungerechte Erfüllung der Wehrpflicht (wesentlich stärker auf dem Land als in der progressiveren Stadt) erhalten wollten, damit die Armee sich nicht demokratisiere und eine Vergrößerung ablehnten, damit das Offizierskorps nicht mehr Bürgerliche aufnehmen musste. Das Ziel der Konservativen war, die Armee als innenpolitisches (!) Machtinstrument und potenzielles Putschorgan ("der Kaiser muss einem Leutnant jederzeit sagen können, nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag") zu erhalten; eine zu starke Vergrößerung hätte dies verunmöglicht, wie sich Ende des Ersten Weltkriegs ja dann auch zeigen sollte.

In Kapitel 10, "Norderney, 2. Oktober 1908", nimmt Nonn die Kanzlerschaft von Bülows anhand der Daily-Telegraph-Affäre in den Blick. Er zeichnet ein Bild von Bülows als Schmeichler, der vor allem durch sein persönlich gutes Verhältnis zu Wilhelm II. einerseits und das Glück einer ihm gewogenen Reichstagsmehrheit ("Bülow-Block") regieren könnte. Beides änderte sich 1908. Als das Außenministerium darin versagte, Wilhelm II. katastrophales Interview mit dem Daily Telegraph einzufangen, verlor von Bülow sein gutes Verhältnis zu Wilhelm II. Als wesentlich bedeutsamer aber sieht Nonn den Rückzug des Kaisers aus der Politik, der ihn von 1908 an zu einer fast rein repräsentativen Rolle ähnlich Großbritanniens brachte - ohne dass dies, typisch für das Kaiserreich, je verfassungsrechtlich abgesichert worden wäre. Dementsprechend fand auch keine Parlamentarisierung statt: zwar gewannen die Parteien an Macht und sicherten sich eine Art destruktives Misstrauensvotum gegenüber dem Reichskanzler; von einer parlamentarischen Regierung konnte aber weiterhin keine Rede sein. Die Unklarheit dieser Machtstrukturen sollte sich 1914ff. als fatal erweisen.

Im elften Kapitel, "Freiburg, 30. Juli 1914", nimmt sich Nonn wenig überraschend den Kriegsausbruch vor. Er untersucht diesen vor allem auf zwei Ebenen: einmal, vergleichsweise knapp und oberflächlich, als diplomatisches Versagen der Großmächte, vor allem aber der deutschen Diplomatie (deren Inkompetenz sich ja bereits in der Daily-Telegraph-Affäre abgezeichnet habe). Der Hauptblickpunkt ist aber ein soziologischer: was machte der Kriegsausbruch mit der Bevölkerung? Hier seziert er vor allem den Mythos der Kriegsbegeisterung, der sich tatsächlich nur für eine kleine Minderheit von Bürgerlichen in den Städten nachweisen lässt. Zudem offeriert er psychologische Erklärungen: die ostentative gute Laune der Soldaten maskierte oft nur die eigene Angst, um den Abschied von den Liebsten leichter zu machen. Parallel dazu zeigt er auf, dass die Frauen ebenfalls eine Maske patriotischen Opfermuts aufsetzten, einerseits um gesellschaftlichen Erwartungen zu genügen, andererseits aber auch, um den Liebsten den Abschied leichter zu machen. Die Briefe der Soldaten und die Tagebucheinträge der Frauen (deren Briefe sind fast nie erhalten) zeichneten aber ein Bild der Furcht und Vorahnung.

Das Kriegsende wie das des Kaiserreichs sind Gegenstand von Kapitel 12, "München, 7. November 1918". Nonn stellt hier die Ereignisse in München in den Mittelpunkt, wo mit Fechenbach, der rechten Hand Kurt Eisners, ein Akteur der Revolution ins Rampenlicht gestellt wird. Der radikale Linke folgte einem typischen Weg: im Krieg selbst radikalisierte er sich, trieb dann in München die Revolution voran, kehrte später zur moderaten Linken zurück und wurde dann von den Nazis ermordet. Diese Perspektive hilft Nonn zu betonen, dass die Revolution vor allem ein Soldatenaufstand war und innerhalb der Bevölkerung kein großes revolutionäres Potenzial vorhanden gewesen sei (was interessanterweise die konservativen Befürchtungen aus Kapitel 9 bestätigt). Deswegen habe die radikale Linke auch zu keiner Zeit großen Rückhalt in der Bevölkerung gehabt.

Nonn schließt das Kapitel mit einigen Betrachtungen zu den Gründen für den Untergang der Weimarer Demokratie, indem er praktisch alle Erklärungen verwirft, die ihre Wurzeln in Kaiserreich und Revolution haben. Weder Dolchstoßlegende noch Versailler Vertrag, weder das Revolutionsgeschehen noch die antidemokratischen Beamten und Soldaten hätten den Untergang Weimars verschuldet, den er weitgehend in den idiosynkratischen Entwicklungen der späten 1920er und vor allem 1930er Jahre verortet.

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Nonns Struktur in "12 Tage und ein halbes Jahrhundert" erinnert mich an die eines Schulbuchs, ohne das negativ zu meinen. Quasi alle relevanten Themen der deutschen Diskussion um die Geschichte des Kaiserreichs werden exemplarisch aufgegriffen und mit angemessener Tiefe und Seriosität behandelt. Reichsgründung, Kulturkampf, Antisemitismus, Sozialistengesetze, Militarismus, Außenpolitik - das sind die klassischen Bereiche, die man dann gerne in einem Querschnitt behandelt. Nonn schafft es dabei, die gesellschaftlichen und politischen Trends immer wieder auf den Boden zurückzuholen, indem er das Alltagsleben im kaiserlichen Deutschland plastisch schildert und sich auch mit Wertungen und Psychologisierungen nicht zurückhält, die aufzeigen, welche allzu menschlichen Dynamiken hier eigentlich wirken. Auf diesem Feld ist das Buch ein voller Erfolg.

Gleichwohl tun sich für mich einige bemerkenswerte Lücken vor allem in den Bereichen von Militär und Außenpolitik auf. So schildert Nonn zwar ausführlich die innenpolitischen Dynamiken und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, die die Flottenrüstung befeuerten und den Wettstreit mit Großbritannien auslösten, beschäftigt sich aber erstaunlich wenig mit der Frage, welche konkreten strategischen Überlegungen dem eigentlich zugrundelagen und, vor allem, wie berechtigt diese waren. Dass etwa eine reine Küstenschutzmarine kaum in der Lage ist, den globalen Handel einer exportorientierten Volkswirtschaft zu schützen, ist eine Erkenntnis, die wir im Rahmen des amerikanischen Rückzugs aus ihrer Rolle als Garant der liberalen Weltordnung gerade wieder gewinnen.

Dasselbe gilt auch für die relativen Armeestärken, wie sie im Kapitel über den Militarismus diskutiert werden. Es ist gut, dass Nonn hier aufzeigt, dass die Armee im kaiserlichen Deutschland gar nicht die hervorgehobene Stellung anderer Länder hatte (sondern dass das Problem eher ihr konservativer, isolierter Kern war), aber merkwürdigerweise klammert er gerade in der Diskussion um die Heeresvorlagen die Frage weitgehend aus, inwiefern diese eigentlich begründet waren. Fiel das Kaiserreich militärisch gegenüber seinen (zweifellos eher feindlich eingestellten) Nachbarn zurück? Welche strategische Situation bot sich für das Kaiserreich in den 1910er Jahren? Ohne diese Fragen bleibt gerade die Betrachtung des Kriegsausbruchs oder der diplomatischen Initiativen zwangsläufig immer eine, die auf die innenpolitische Situation konzentriert bleibt, so dass es nicht verwundert, dass die Kapitel genau dieser Linie folgen.

Man muss sich ja nicht gerade Niall Fergusons eher steile Thesen aus "A Pity of War" zu eigen machen, aber zumindest ein Nachdenken in diese Richtungen wäre durchaus angebracht. So bleiben gerade Kapitel 7 (Flottenrüstung), 9 (Militarismus) und 10 (Daily-Telegraph-Affäre) merkwürdig unvollständig. So bleibt die Frage nach der Berechtigung der Ängste und Befürchtungen beziehungsweise der Fruchtbarkeit der Kriegspläne weitgehend unklar. Nonn scheint vor größeren Vergleichen mit anderen Ländern immer wieder zurückzuschrecken, ein Trend, der sich (weniger wahrnehmbar) auch bei den anderen Themen zeigt. Zwar unternimmt er diese Vergleiche immer wieder (besonders erfolgreich beim Thema Antisemitismus), aber letztlich bleibt der Blick arg deutschlandzentriert. Das ist natürlich auch der Struktur des Buchs geschuldet.

Am deutlichsten werden diese Schwächen für mich in den beiden Abschlusskapiteln. Die Widerlegung des Mythos "Augusterlebnis" von 1914 scheint mir ein vergleichsweise ausgetretener Pfad zu sein (am interessantesten fand ich die retrospektive Überschätzung der Ermordung Franz Ferdinands durch die Zeitgenoss*innen), während der eigentliche Kriegsausbruch, also die diplomatischen und militärischen Mechanismen, praktisch keine Rolle spielen.

Aber natürlich hat das Buch mit rund 900 Seiten ohnehin bereits ein ordentliches Volumen und bietet eine Art Meistererzählung des Kaiserreich. Sofern man sich bewusst ist, dass die Fragen von Militär und Strategie weitgehend ausgeklammert werden und der Fokus ganz klar auf Deutschland und der Gesellschaft des ersten deutschen Nationalstaats liegt, kann die Lektüre praktisch uneingeschränkt empfohlen werden.

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