Zwei Wochen lief er durch Wälder und Ortschaften, durchquerte Städte und überquerte den Fluss ein paar Mal. Für die Nacht suchte er sich einen ruhigen Platz in den Sommerwäldern und brach bei Sonnenaufgang auf.

In der Tasche des Kapuzenpullovers hatte er ein großes Geldbündel vorgefunden, von dem er nicht wusste, wem es gehörte und wie es dorthin gekommen war. Doch er war ein Mann, der seinen eigenen Namen von einem Klingelschild abgelesen hatte und dennoch nicht wusste, ob er René Keller war. Zunächst wollte er, aus einem Grund, den er nicht benennen konnte, dieses Geld nicht verwenden.  Vielleicht klebte Blut daran. Vielleicht war es das Geld von dem Menschen, dessen Blut sich im Badezimmer befunden hatte?  Der Pullover verströmte einen Geruch nach Weichspüler und Zigarettenrauch. Wenn er den Kopf neigte, glaubte er  einen Hauch von Aftershave zu riechen.  Eines, das nicht er verwendete, dass wusste er. Aber eines, das er schon mehrmals gerochen hatte. Fremd und exotisch.

Nach zwei Tagen nahm der Hunger und Durst und das Bedürfnis nach einer Dusche und frischen Klamotten überhand. Jetzt roch der Pullover nach Nebel und Wald.

Kleidung und Ausrüstung fand er in einem großen Geschäft für Outdooraktivitäten in einem tristen Industriegebiet einer Stadt, dessen Namen er sofort vergaß. In diesem Einkaufszentrum kaufte er Lebensmittel, suchte und fand ein öffentliches Schwimmbad und ließ sich anschließend die Haare bei einem anonymen Friseurladen die Haare schneiden. Der Typ, der ihm im Spiegel entgegensah hatte grauen Schatten unter den Augen, wirkte leicht ausgezehrt und müde. Doch unauffällig. Wie ein mittelalter, sportlicher Wanderer.

Derer gab es einige, wie er beruhigt feststellte. Das lag daran, dass er das bewaldete Gebirge, dass er mehrere Tage in der Ferne sah, erreicht hatte.

Offenbar hatte er die Grenze überschritten. Einige sprachen zwar Deutsch mit einem Akzent, aber die wenigen Menschen, die er unterwegs traf, sprachen slowenisch. Zumindest nahm er an, dass das slowenisch war.  

Das Unwohlsein, das ihm seit dem frühen Morgen zu schaffen machte, nahm zu und er bezog Quartier in einer einfachen Herberge mitten im Wald. Die Wirtsleute empfingen ihn misstrauisch, wurden dann aber freundlich und fürsorglich, da sie sahen, dass er höflich war und Geld hatte.  Hatten sie gedacht, er wäre ein Obdachloser?

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