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In loser Folge stellen wir hier vergessene, verdrängte, verdrehte deutsche Stammwörter vor, stellen sie den heute gebräuchlichen Lehnwörtern und Umschreibungen gegenüber, oder ihre eigentliche Bedeutung der heute gebräuchlichen Sinnentstellung.

Stand 2023-01-27, die neusten Einträge sind stets ganz unten.

Übersicht

- Zeug, zeugen
- Erzeugnis vs. Produkt
- Zeugenschaft
- Preis, preiswert, billig
- Die Kunde vs. Information, der Kunde
- wirken, Wirklichkeit – real, Realität
- Nachricht
- Gier
- Ist Hallo ein Gruß?
- kriegen, Krieger, Krieg
- Gestalt und Form, Original und Kopie, Kollektiv und Form
- Interesse, Anteilnahme
- Munt, mündig, Mündel, Klient

Zeug, zeugen

(Er-)zeugen meint hervorbringen, eine Idee in den Stoff bringen. Hier ist ein riesiger Bedeutungsraum angesprochen, die ganze Kette entlang von der Idee über den Rohstoff über die Herstellung bis zur fertigen Sache und deren Gebrauch.

Grimm: Es geht auf ahd. giziugôn zurück und bewahrt sowohl in der Vollform gezeugen wie in dem Kurzwort zeugen die beiden Begriffsbezirke des ahd. Grundworts giziuc, m., nämlich Geräth, Stoff und Zeugnisverfahren, Zeugnis.

Im älteren Sprachgebrauch ist das Zeug (verkürzt von Gezeug) einfach der erzeugte Gegenstand, eine Sache, ein Stoff, eine Gerätschaft. Wir verwenden das freistehende Wort heute nur noch im geringschätzigen Sinne, wie Kram, Sammelsurium. Die ursprüngliche neutrale Bedeutung ist erhalten in Inseln wie Zaumzeug, Werkzeug.

Das Verb zeugen ist heute verengt auf die Fortpflanzung, ein Kind zeugen also. Dies ist einer der wenigen Bereiche, in denen die alltägliche Sprache uns heute noch ‚zeugen‘ lässt. Allerdings hat die Weise, wie heute die meisten Kinder gezeugt werden – als unbewusstes Nebenbei triebhafter Sexualität –, nurmehr wenig mit der eigentlichen Bedeutung von zeugen gemein, denn dazu müssten die Eltern das Kind zunächst geistig zeugen, seine Seele zu sich rufen, und es danach bewusst, willentlich und liebevoll gemeinsam in den Stoff bringen.

Erzeugnis vs. Produkt

Das Wort ‚Erzeugnis‘ ist im alltäglichen Sprachgebrauch vollständig durch ‚Produkt‘ verdrängt, ein lateinisches Fremdwort. Und das hat Folgen für unsere Haltung zu den Dingen wie auch deren Qualität.

In Erzeugnis steckt ‚zeugen‘, also ein Hinweis auf einen Zeugungsakt, der sowohl geistig wie auch stofflich ist. (Er-)zeugen meint hervorbringen, eine Idee in den Stoff bringen. Und das Erzeugnis zeugt von seinem Hersteller, wie auch von dem, der es erdacht hat (falls nicht derselbe); hier ist also eine Beziehung zwischen Ding und Mensch mitgemeint.

Erzeugen kann nur ein Mensch, der mit seinem Tun innerlich verbunden ist. Produzieren dagegen kann auch ein Roboter. Produzieren ist Massenfertigung von beziehungslosen und minderwertigen Produkten. Will man von einem höherwertigen Produkt sprechen, muss man ausdrücklich ‚Qualitätsprodukt‘ sagen. Produkt ist wörtlich, was man zum Markt führt, also zum Verkauf vorführt (lat. ducere: führen; Vorsilbe pro: zu, für, vor). Bei einem Produkt geht es also schon in der Wortherkunft immer um Vermarktung, um Verkauf.

Erzeugnis ist ein Handwerksbegriff, Produkt ist ein Kaufmannsbegriff.

Das korrespondiert mit zwei Mentalitäten. Deutsche und Japaner (mindestens diese) sind geprägt von der Handwerksmentalität, dem Streben nach dem bestmöglichen Erzeugnis, und dem Stolz auf Qualität, auf Werthaltigkeit und Langlebigkeit. Der Preis orientiert sich am Wert, er soll (dem Erzeugnis) gerecht sein. Ist er es nicht, fühlt sich diese Mentalität unwohl, und das in beide Richtungen, ob man nun zuviel oder zuwenig gezahlt hat.
Briten, Amerikaner, Araber und Chinesen (mindestens diese) sind geprägt von Kaufmannsmentalität, dem Streben nach dem besten ‚Deal‘, dem höchsten ‚Profit‘. Qualität ist da nur ein Mittel zum Zweck der Erzielung des höchstmöglichen Preises, und man zahlt als Käufer dem Erzeuger tunlichst nicht den Wert, sondern feilscht erbarmungslos um den Preis – nicht zu feilschen gilt sogar als unhöflich. Wenn das Produkt kurz nach dem Kauf versagt, kümmert das eine Kaufmannsmentalität nicht weiter. Das mag überspitzt klingen, man sehe mir das nach, es geht um das Prinzip dahinter.

Ich beobachte das in 25 Jahren beruflichem Umgang mit diesen Mentalitäten und Ländern aus der Nähe. Beides hat wohl seine Berechtigung, aber die Berechtigung unserer Mentalität will man uns ausreden; das gesamte Geschäftsleben ist heute merkantil dominiert (von lat. mercor: handeln, Handel treiben; lat. dominor: herrschen; dominus: der Herr); also: kaufmännisch beherrscht.

Nach meinem Verständnis des deutschen Wesens – damit ist das Sprachgebiet gemeint, nicht der politische Staat – sind wir ein Volk von stolzen Erzeugern, die nicht ruhen, ehe sie das jeweils Bestmögliche ereicht haben. Die Sprachvermischung, insbesondere die stete Injektion von Anglizismen zur Verdrängung von Wörtern, die unserer Mentalität entsprechen, war mir schon länger ein Dorn im Auge. Heute begreife ich, dass ein Plan dahintersteckt. Wir waren zu gut, man musste uns schlechter machen. Das ist gelungen, aber der Wind dreht nun.

Wir benutzen den Begriff Erzeugen heute beinahe nur noch für ‚landwirtschaftliche Erzeugnisse‘, an deren Erzeugung wir keinen nennenswerten Beitrag leisten, oder konsequent negativ konnotiert, als Erzeugen von Problemen und Katastrophen.

Zeugenschaft

Wer Zeuge ist, Zeugnis ablegt, etwas bezeugen kann, der war dabei. Er war also Teil oder Beobachter des Geschehens. Warum aber nutzt das Deutsche dafür das Wort Zeuge? Dies verweist auf eine tiefere Wahrheit: Der Zeuge hat am Geschehen mitgewirkt, er hat mit‑gezeugt, und nur daher kann er es be‑zeugen. Das ist quantenphysikalische Realität. Du magst nicht der Handelnde sein, der Täter im juristischen Sinne, aber so etwas wie einen neutralen Beobachter gibt es nicht. Zeuge sein ist Zeugenschaft, ist zeugend schaffen, ist Teilhabe.

Diese Bedeutungsebene ging uns im alltäglichen Gebrauch verloren. Es ist nun an der Zeit, sich wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass ein Zeuge aktiv ist, dass unser Bewusstsein, unser Blick, unser Wort Wirkung zeitigt. Immer. Die Macht der Zeugenschaft ist eine wichtige Botschaft für die neue Zeit: wo immer unsere Aufmerksamkeit liegt, verändert sie etwas, nimmt sie Einfluss: sie zeugt.

Preis, preiswert, billig

Preiswert ist ein weißer Schimmel und heute synonym für billig – ein doppelte Wortdegeneration. Denn die alte Bedeutung von Preis ist eben ‚Wert‘ – den Wert einer Sache oder eines Menschen feststellen, ihn/es loben und preisen. Billig bedeutete ursprünglich ‚angemessen‘, passend; heute nur noch geringer Preis, also unter Wert verkauft. Beides wurde ins Gegenteil verdreht.

Die Kunde vs. Information, der Kunde

mhd. künde, ahd. chundî: die Kenntnis, die Bekanntschaft, das Wissen

Bei der Kunde (f.) geht es um eine Kenntnis, ein inneres Wissen, welches im Menschen lebt und von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Kunde ist gebunden an den Menschen, der sie trägt, der sie kündet, kundtut oder verkündet. Kunde wird geschaffen durch persönliche Beobachtung und Nachfrage, durch Erkundigung, Erkundung und Auskundschaften, durch Erfahrung; letztlich durch Vertrautsein mit etwas (auch mit sich selbst); und so kommt es zur alten Nebenbedeutung von ‚Kundschaft‘ als Verwandtschaft, das sind die Menschen, mit denen man am engsten vertraut ist. Kunde ist auch Überlieferung. Kunde wird gegeben und genommen. Immer ist es ein Vorgang von wissendem Mensch zu vertrauendem Mensch, oder von Gott zu Mensch. Das Geben von Kunde ist Kündung, der sie gibt ist Künder. Der Künder steht gerade für die Wahrheit seiner Kunde. Wer die Kunde gierig (siehe Gier), vollständig und verständig aufnimmt, wird selbst zum Künder.

Auch als Adverb ‚kündlich‘ oder ‚kundlich‘ bedeutet es ‚aus eigener Erfahrung‘ sprechen.

von den webern kan ich nit sagen
kuntlich, wan ich hans nit gesehen.
       Konr. v. Ammenhausen

Kunde ohne den selbst wissenden Menschen als Träger, als Künder, ist kaum denkbar; löst sie sich, so wird sie zur Botschaft oder zur ‚fremden Kunde‘, diese aber ist anfällig für Verfälschung. Denn ein Bote hat die Kunde nicht selbst erkundschaftet, sie nicht erlebt, er ist kein Wissender. Ein Bote wird benötigt, wo der Künder nicht selbst anwesend sein kann.

Die beste Kundschaft ist sich selbst erkennen können,
denn frembde Kundschaft ist umzirket mit Gefahr.
       Hofmannswaldau

Die Kunde hat überlebt in zusammengesetzten Inselworten wie Kundschafter, Urteilsverkündung, Kundgebung, sich erkundigen, die ‚Urkunde‘ als zuverlässigste, stark bezeugte Schriftform einer Kunde. Aber im Grunde ging uns mit diesem Wort ein ganzer Bedeutungsraum verloren. Wir können dies in Alltagssprache nurmehr behelfsmäßig umschreiben, mit anderen Worten wie persönliche Mitteilung, persönliche Botschaft, zuverlässige Information, Erfahrungswissen, eigene Kenntnis.

Geblieben sind schwache und verdrehte Formen wie ‑kunde als Bezeichnung für ein Lehrfach an Schulen (Völkerkunde, Erdkunde, Rechtskunde), wobei es eigentlich um eine Lehrmeinung geht, wovon Lehrer lediglich intellektuelle Kenntnis hat, aber selten aus eigener Erfahrung spricht; oder eine falscher Gebrauch wie ‚Kündigung‘, was ja die Aufhebung eines Vertrauensverhältnisses bedeutet; das ursprüngliche Wort war dann auch richtig ‚Aufkündigung‘.

Im alltäglichen Sprachgebrauch wurde die Kunde weitgehend ersetzt durch das Lehnwort Information, kurz Info (von lat. informatio: Belehrung, Unterweisung, Deutung). Hier schwingt eine Hierarchie mit: ein höhergestellter Wissender informiert einen Untergebenen oder Schüler und deutet es ihm zugleich, hat also Deutungshoheit.
Der Information fehlt auch der feste Bezug zum Menschen. Die Information kann für sich stehen, mit beliebigem Träger: ob Mensch, Magnetband, Buch, Festplatte, Datenstrom; die Information ist stets dieselbe, so meint man. Das erzeugt den gefährlichen Eindruck der Objektivität, die ja eine Illusion ist, wie wir in Zeiten der massenhaften Propaganda, Fehlinformation und Desinformation leidvoll erfahren. Kunde kann falsch sein, aber man sieht dem Künder in die Augen, und kann so aus dem eigenen Gespür heraus prüfen: wirkt der Künder wohlwollend, ehrlich, vertrauenswürdig, so wird es auch die Kunde sein. Bei einer medial vermittelten Info fehlt diese Möglichkeit.

Regelmäßiger Austausch von Kunde führt zur Bekanntschaft, so im ahd. mîn chundo, mein Bekannter; mhd. oft verbunden in zusammenfassender Formel „die Fremden und die Kunden“. Diese zweite Bedeutungsebene hat sich bruchstückhaft erhalten, aber reduziert auf geschäftliche Beziehungen. Ein regelmäßiger und somit gut bekannter Käufer wird zum Kunden (m.) des Kaufmanns oder Handwerkers, ein regelmäßiger und somit vertrauter Gast zum Kunden des Wirts.

Heute wird jedoch dieses allmählich sich aneinander gewöhnen und Vertrauen aufbauen sprachlich übersprungen. Jeder Käufer heißt sogleich ‚Kunde‘, jeder unbekannte Facebook-Kontakt heißt ‚Freund‘. Diese Unwahrheit führt zu verzerrter Wahrnehmung und Realitätsverlust. Ein großes Kaufhaus oder gar ein Online-Händler hat keine Kunden. Werden sie dennoch so genant, führt das zu Verwirrung. Wollen wir heute vom Kunden im ursprünglichen Sinne reden, sind wir genötigt, die Beziehung mit Geschäftsfreund oder Stammkunde zu umschreiben.

wirken, Wirklichkeit – real, Realität

Das Lehnwort ‚real‘ (gleichlautend im Englischen) ist eine Verkürzung des lateinischen realis (dinglich, den Gegenstand betreffend) und stammt von lat. res: Ding, Sache, Gegenstand, Besitz, Habe. ‚Real‘ ist also, was man anfassen kann: Dinge, Materie, fester Stoff. Daraus abgeleitet die ‚Realität‘: das Reich der Dinge, die materielle Welt, im Gegensatz zur Welt des Wesenhaften, der Ideen und Gedanken.

Demgegenüber bezeichnet das sehr alte Wort ‚wirken‘ (ahd. wurchen und wirken, mhd. würken (wurken) und wirken) das Bewirken, Hervorbringen, Schaffen, Herstellen, Verfertigen von etwas, und ist nicht auf Dinge beschränkt. Im engeren Sinne meint es bauen (verwandt mit werken), feine schmuckvolle Metallarbeiten wie Gravieren und Goldschmieden, und insbesondere Herstellen von Kleiderstoff, wobei Wirken gleichbedeutend mit Weben sein kann, meist aber einen Stoff aus Maschen meint. Auch Brot knetend mischen (Teig gut durchwirken) oder durch kneten eine Form geben, allgemein Dinge innig miteinander vermischen und so verändern, dass sie zu einem neuen Ganzen werden.

zwar es fehlet mir die Kette,
schön gewirkt von rothem Golde
       Hoffmann von Fallersleben
... sein Flachs und Hanff stehn wol,
daraus er spinnt und wirckt, so viel er haben soll.
       Olearius
Liest sie ein Gedicht?
Wirkt sie zart Gesticke?
       Rückert
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
       Goethe
Die Seele wirkt den aufgedunsnen Stoff
bald in einander, schafft sich Raum, und Licht
und Ordnung kommen wieder.
       Lessing

Diese zwei letzten Beispiele zeigen schön die sinnbildliche Verwendung des Wirkens von Tuch für die gesamte Schöpfung der Natur durch Geist und Seele.

So ist Realität ein kleiner Ausschnitt der größeren Wirklichkeit, die alle Ebenen des Geschaffenen umfasst – das Gewirk/Gewebe des Lebens als Wirkung eines schöpferischen Wollens und Tuns – und die dabei den Aspekt des Verbundenseins, Verwobenseins und Verstricktseins von allem mit allem hervorhebt.

Nachricht

Hier schwingen zwei Nebenbedeutungen mit. Nachricht ist das, wonach ich mich richte, was mir Richtung gibt, also eine „mittheilung zum darnachrichten“ (Grimm). Und Nachricht ist ein Bericht, der nach‑gerichtet wurde, der also einem gewünschten Narrativ angepasst und dafür verfälscht wurde.

Beides trifft auf die Nachrichten der Rundfunkanstalten und Zeitungshäuser in hohem Maße zu.

Das alte Deutsch kennt den Nachrichter (mhd. nâchrihter) als jemand, der sich nach einem Vorbild richtet, aber mit verächtlicher Note, meint also Nachäffer: „den Teuffel nennet er (Luther) unsers Herr Gottes Affen und Nachrichter.“ Eine weitere Bedeutung von Nachrichter ist Scharfrichter (Henker), also derjenige, der das Todesurteil gemäß der Nachricht des Richters vollstreckt.

Und auch das trifft auf propagandistische Nachrichtensendungen zu, die Mitteilung und (Ruf‑)mord zugleich sind – nur ohne fairen Prozess.

Gier

Hören wir ‚Gier‘ dann denken wir an Negatives, sie ist ein Synonym für Habsucht, für Rücksichtslosigkeit, für Gefühlskälte. Die Abwertung dieses Wortes begann vor langer Zeit, als die Kirche die Gier zu einer der sieben Todsünden erklärte.

Neugier und Wissbegier sind zwei Verbindungen, in denen die ursprüngliche Bedeutung klar wird. Nach etwas gieren meint: sich etwas mit ganzem Wesen und ganzer Willenskraft einverleiben wollen, etwas ganz und gar erfahren wollen. Das kann körperlich sein, wie bei Essen und Trinken, wenn jemand sehr hungrig und durstig ist. Es kann sexuell sein. In erster Linie geht es aber um diese Qualität des ganz und gar in-sich-aufnehmen wollens. Gier bringt alle Kräfte unseres Wesens in Wallung und in Anwendung, sie lässt uns zeugen, werden und wachsen. Die Urkraft des unbedenklichen und rückhaltlosen Nehmens, Annehmens und Aufnehmens von etwas, das uns nährt und erfüllt, wovon wir uns Erfüllung versprechen. Wer nach dem Lebendigen, Göttlichen und Ursprünglichen giert wie ein Kind nach der Mutterbrust, mit dieser Unbedingtheit und Offenheit, wird es erreichen und Erfüllung finden.

Ist Hallo ein Gruß?

Das heute allgegenwärtige ‚Hallo‘ ist ursprünglich kein Gruß; eher im Gegenteil. Grimm verzeichnet es als „lauter antreibender Zuruf“ mit Befehlston an Entfernte, um sie herbeizurufen. Es ist verwandt mit ‚holen‘ über ahd. halôn, holôn, also zusammengenommen: herbeiholen durch anrufen. Auch als Hetzruf bei der Jagd.
Eine zweite Bedeutung ist ein Ausruf der Erregung, freudiger oder zorniger: halloh! Wach auf! Aber hallo!
Eine dritte Bedeutung des Hallo als Substantiv ist erregtes Getümmel, Geschrei, Lärm: ein großes Hallo erheben.

Desweiteren ist Hallo auch verwandt mit Hall, Halle, Höhle, Hölle, Holle. Frau Holle ist unsere alte Erdgöttin, ihr Sitz sind die hallenden Höhlen, die den Zugang zur innerirdischen Anderwelt bilden. In diesem Zusammenhang ist das Hallo eine Anrufung verborgener höherer Mächte. Die Christianisierung hat aus dieser Innenwelt der Erde dann die Hölle gemacht (die bewährte 180° Verdrehung, der wir noch öfter begegenen werden), die Verehrung der heidnischen Frau Holle wurde tabuisiert, der Öffentlichkeit das Betreten der Höhlen und unterirdischen Gänge untersagt oder unmöglich gemacht.

Somit ist ein Hallo wenig geeignet als freundliche Begrüßung eines Gegenübers im Nahbereich. Es mag passen als Anrufung und Zusammenrufung eines großen und/oder unsichtbaren entfernten Publikums.

kriegen, Krieger, Krieg

Die ursprüngliche Bedeutung von ‚kriegen‘ (mhd. krîgen, kreic) oder ‚etwas erkriegen‘ ist: sich anstrengen, angestrengt arbeiten, streben, ringen, heftig trachten, körperlich wie geistig, um etwas zu erreichen. Im Gegensatz zu bekommen, wo einem etwas gegeben wird und man es lediglich annimmt, setzt kriegen aktiven Einsatz voraus, und zuvorderst Willenseinsatz. „Kriegen fällt im Begriffe wesentlich mit Wille zusammen“ (Grimm) und beinhaltet ein Ziel, wohin man seinem Wesen nach strebt.

Aufwärts kriegen ist eine alte Umschreibung für steigen und klettern. Dies ist das Urbild von kriegen: nach oben streben, hoch steigen, gegen die Schwerkraft; körperlich wie auch sinnbildlich.

Kriegen war also ursprünglich ein alltägliches und unschuldiges Wort für den Zustand, in dem man sich für etwas einsetzt und anstrengt. Dabei geht es um Überwindung gewisser Widerstände, und zuerst um Selbstüberwindung der eigenen Bequemlichkeit. Neudeutsch würden wir vielleicht sagen: den Hintern hochbekommen für etwas.

Ein Mensch mit ausgeprägter kriegerischer Energie, ein Kriegertyp also, setzt ohne Schonung alles ein, was er hat und kann, wo nötig auch sein Leben, um für sich und die Seinen etwas zu erreichen.

Streiten und kämpfen war eher eine Nebenbedeutung, die daraus entsteht, dass einem beim erkriegen von Land, Bodenschätzen, Ressourcen meist andere Menschen im Weg stehen, die dasselbe erkriegen oder verteidigen wollen, woraus ein Handgemenge entsteht, in dem man sich bekriegt und schließlich einer den anderen überkriegt. Allmählich wurde diese Bedeutung wichtiger und der Gedanke trat in den Vordergrund, dass kriegen bedeutet, anderen mit Gewalt und ohne Rücksicht etwas wegzunehmen. Krieg im heutigen Sinn bedeutet gewaltsam und schonungslos erobern, meist zugunsten eines Herrschers, der dies befiehlt, und der Krieger wurde erst zum Kämpfer und dann zum Soldaten; zum Kämpfer für Sold. Aber das Wort kriegen existierte lange, bevor es so etwas wie Kriege gab, und es ist im Urprung nichts Negatives.

Wir sehen die bekannten zwei Methoden am Werk: Verengung auf die negative Bedeutung, Verknüpfung mit einem bedrohlichen und gefährlichen Geschehen, und Abwerten des ursprünglichen unschuldigen Wortgebrauchs, denn „kriegen“ als Verb gilt heute als vulgär, nicht als Hochsprache.

Was macht das mit uns? Es schwächt den Willen. Es entwöhnt uns der Idee, eigenverantwortlich und mit vollem Einsatz – aber gewaltlos – nach dem zu kriegen, was uns wichtig ist, wonach wir unserem Wesen nach streben.

Gestalt, Form, Kopie

Die Gestalt ist ein wichtiges ahd. Stammwort mit großem Bedeutungsraum: Beschaffenheit, Form, Figur, Eigenart, So-Sein, Zustand, Lage, Weise, Art, Bewandtnis, Eigenschaft, Natur, Bildung, Aussehen, (Gesichts-) Ausdruck, Ergebnis…

Darumb kan sein (Mosis) Gesetze auch bei uns nicht in allen Stücken rund und völlig gelten, denn wir müssen unsers Lands Gestalt und Wesen ansehen.
       Luther
Mancherlei plaudernd im Gehn von des Wetters Gestalt.
       Kosegarten
Die Gestalt der Dinge, Sir, hat sich indesz verändert.
       Schiller (Maria Stuart)
Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens.
       Goethe
(ich habe) solcher gstalt gehandelt mit ir,
dasz sie nit mehr kommet zu mir.
       H. Sachs

Wir verwenden das Hauptwort heute kaum noch und meist abschätzig, angelehnt an den sprichwörtlich gewordenen Vers:

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten
       Goethe (Faust)

Also etwa „Guck mal, die zwei Gestalten da!“ – sowie als Bezeichnung einer psycho­therapeutischen Schule aus den USA, der Gestalttherapie.

Hauptbedeutung ist das, was wir heute fast ausschließlich mit Form bezeichnen: die äußere Beschaffenheit. Das Wort Form scheint uns selbstverständlich und fast wie ein Stammwort, denn es ist ein sehr altes Lehnwort, schon seit dem Mittelalter gebräuchlich. Seine lateinische Herkunft kann man daran spüren, dass es keine Obertöne hat und sich nicht gut zum Dichten eignet, oder wie Grimm sagt: „auch die mhd. Dichter der guten Zeit enthalten sich des für den Reim untaugenden Fremdlings“. Ein weiteres Indiz: Luther verwendet es in der Bibel nur an einer einzigen Stelle.

Das lateinische forma leitet sich ab von ferre: tragen, mit sich tragen, „weil die Gestalt das an sich und mit sich getragene ist.“ (Grimm)

Zwar kann Form mit Gestalt wechselseitig übersetzt werden, doch sind sie alles andere als gleichbedeutend. Beim Hineinspüren in beide Wörter finde ich ein ähnliches Verhältnis wie oben zwischen Produkt und Erzeugnis. Stellen wir sie gegenüber und schauen auf Empfinden und Gebrauch.

Eine Gestalt wurde gestaltet, wurde aktiv und absichtsvoll geschaffen. In ‚Gestalt‘ ist das Gestalten und damit der Gestalter selbst deutlich spürbar. Sogar in „des Wetters Gestalt“ spricht die gestaltende Kraft von Wind und Sonne, als Wesenheiten gedacht. Dagegen klingt ‚Form‘ passiv und leblos. Einen „Former“ gibt es nicht. Form ist einfach, fixiert, wie der Zeit enthoben. Zwar kann man formen und umformen, das beschreibt jedoch eine Krafteinwirkung von außen. Umformen zerstört die vorherige Form. Gestalt dagegen ist aus sich selbst heraus wandelbar, kann sich verändertem Inhalt anpassen.

Die Gestalt schmiegt sich dem Inhalt an wie eine Haut. Die Form dagegen ist etwas Starres, was man lediglich mit sich herumträgt – ein Verhältnis wie zwischen Gesicht und Maske.

Das Gestalten als Tätigkeit, im heutigen Gebrauch verengt auf den künstlerischen Bereich, umfasst nicht nur die äußere Formgebung, sondern auch deren innere Voraussetzung, den Wunsch, dass eine Idee eine bestimmte Gestalt annehmen möge, herausgebildet sein möge, um es sich und anderen sichtbar zu machen und zu vermitteln. Gestalten kann man auch sein Gemüt, seine Sprache, seinen Charakter, sein Herz, sein Schicksal.

Den Zufall giebt die Vorsehung, zum Zwecke
musz ihn der Mensch gestalten.
       Schiller (Don Carlos)
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
da kann sich kein Gebild gestalten.
       Schiller (Die Glocke)
Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet
       Goethe

Hier ist zu spüren, dass wir in einer Gestalt immer Sinn und Absicht vermuten dürfen, dass sie etwas Gewolltes und Gestaltetes ist, Ergebnis eines Schöpfungsaktes, Ausdruck von Seelischem, lebendig oder Ausdruck von Leben. Form dagegen ist bloß da, ist irgendwie geworden, kann auch Zufall sein, ist von außen aufgeprägt, verändert sich nicht von selbst.

Die Gestalt weist auf Potenzial und Essenz eines Wesens, das sich wachsend zum äußeren Ausdruck bringt. Zwar kann man einen Charakter oder Wesen auch formen, aber in dieser Geste ist zu spüren eine autoritäre Pädagogik, der die Essenz gleichgültig ist, die den Menschen in eine vorgegebene Form pressen will. Ähnlich gehen wir mit unserem Körper um, wenn wir uns in Form bringen wollen, d.h. einer äußerlichen Idealvorstellung von Körperbild entsprechen passend (engl. fit) machen wollen, wo es unseren Vorfahren noch um Leibesertüchtigung ging.

Original und Kopie

Bevorzugter Gebrauch von ‚Form‘ gegenüber ‚Gestalt‘ zeigt die Abkehr von Einmaligkeit und Lebendigkeit an, und den Übergang zu einer materialistischen Weltanschauung. In der Natur gibt es kein Wesen und keine Gestalt zweimal; so ähnlich sie auch erscheinen mögen, alle lebenden Gestalten und alle handwerklichen Erzeugnisse sind einmalig. Formen dagegen lassen sich vervielfältigen, kopieren. Nicht umsonst sagen wir „Vielgestaltigkeit“  und „Einförmigkeit“. Eine gestaltete Urform, das Original (von lat. origo: Ursprung, Herkunft, Ahnherr) oder Matrize (Mutterform, von frz. matrice: Gussform, von lat. matrix: Muttertier, Gebärmutter) kann man vielfach abformen oder einprägen, wie wir alle bereits im Sandkasten mit Förmchen erprobt haben. Beim Abformen ist Formtreue das Ziel. Abweichung vom Original wird als Fehler, als Mangel betrachtet.

Form ist kopierbar, vielfache Kopie bringt wortwörtlich Wohlstand: Das lateinische copia bedeutet Menge, Fülle im Sinne des Besitzes einer großen Menge gleicher Dinge; sei es Getreide, Geldmünzen oder eine Heerschar. Copia meint Fülle in dem Sinne, dass man mehr Mittel besitzt, als man braucht, so dass man davon abgeben oder Vorrat anlegen kann. Münzen waren wohl die ersten Gegenstände, die in großer Menge abgeformt, eben kopiert wurden, durch Guss und Prägung. Herstellung und Anhäufung einer großen Menge solcher Münz-Kopien bedeutet Wohlstand,Vermögen und Macht als weitere Bedeutungen von copia. Somit ist Kopieren auch sprachlich Grundlage und Kennzeichen der (industriellen) Massenproduktion und des daraus resultierenden materiellen Wohlstands.

Wir finden schon hier, in der Denk- und Sprechweise Roms, die materialistische Definition von Fülle und Wohlstand als Anhäufung von Besitz und Geld weit über den Bedarf hinaus – passend zu einem Imperium, das sich auf militärische Raubzüge und Abpressen von Steuern im ganz großen Stil gründete und eben darin leider zum Vorbild der europäischen Adelshäuser wurde.

Für das Gestalten einer Form, die als Kopiervorlage zur Vervielfältigung und Produktion bestimmt ist, hat sich als Neusprech international das engl. Design eingebürgert (von lat. designo: einrichten, anordnen, umreißen, nachbilden), davon abgeleitet designen als Verb. Aus dem Gestalter wurde der Designer, eine sprachlich aufgewerteter Formenmacher. Für die technisch-planerische Durchgestaltung jenseits der äußeren Form gebrauchen wir im Deutschen zusätzlich konstruieren (von lat. construo: aufschichten, erbauen, errichten; dies wiederum aus con: mit/zu, und struo: legen, schichten) und die Konstruktion (lat. constructio: Bau, Zusammenfügung, Verbindung).

Kollektiv und Form

Der Hang zur Form, zum Formellen, zur Konformität kennzeichnet auch alle Kollektive (von lat. colligo: verbinden, zusammenbinden, zusammenfassen; dies wiederum aus con: mit/zu, und lego: sammeln, lesen, aufwickeln), ebenso das Brechen der Einzigartigkeit und die Bestrafung für das Abweichen von der vorgegebenen Form. Am extremsten kennen wir das vom Militär mit seinem Ideal der Einförmigkeit, der äußeren Uni-Form (lat. unus: ein, einer) und der Verhaltensangleichung durch den Drill. Das Individuelle soll verschwinden, die unverwechselbare Gestalt des Einzelnen soll völlig aufgehen in einer Masse gleichartiger, gleich reagierender Soldaten ohne erkennbare Eigenheiten, am liebsten nach Größe sortiert.

Auch der religiöse Ritus neigt zum Förmlichen, zu Uniform (Kutte, Habit, Talar) und Verhaltensdrill, ebenso Beamtenschaft und Staatsapparat mit ihren unzähligen Formblättern und Formalien. Und selbstverständlich gilt für alle, die in einer Gesellschaft etwas gelten wollen: die Form muss gewahrt bleiben, auch die Umgangsform.

Ostasien legt traditionell gesamtgesellschaftlich großen Wert auf Kollektiv und Konformität, die Unterordnung des Einzelnen in die Großgruppe (ein japanisches Sprichwort besagt: „The nail that sticks up gets hammered down“, also „der Nagel, der hervorsteht, wird eingeschlagen“, will sagen: sich von anderen zu unterscheiden, ist gefährlich) sowie das Lernen durch möglichst vollkommene Nachahmung eines Vorbilds und Einhaltung der gegebenen Form. Die ostasiatischen Kampfkünste basieren auf der „Form“ (im japanischen Budō die Kata nach dem japanischen Wort für Form), das sind komplexe Bewegungsfolgen ohne Gegner, die der Anfänger durch kopieren erlernen muss, zunächst fehlerfrei, dann formvollendet.[1] Ebenso bei Qi Gong oder Tai Chi – ein traditioneller Lehrer wird die Form nicht erklären, sondern lediglich vorführen und die Schüler in der Ausführung korrigieren. Als Europäer möchten wir gern wissen, wie und warum die Gestalt entstand, die dann zur Form wurde.[2] Ein ostasiatischer Schüler hinterfragt nicht, und sein Lehrer hätte kein Verständnis für die Frage. Die Form wird einfach so oft und so vollkommen wiederholt, bis von selbst etwas geschieht: die Form füllt sich mit Leben. Das ist der Ausweg, das Entwicklungsziel auf diesem Weg der Form: indem ich eine „Form mit Leben fülle“, führe ich sie zurück zur lebendigen Gestalt und erfahre deren gestaltende Kraft in mir. So wird die Form transzendiert (lat. transcendo = hinüberschreiten), sie wird:

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
       Goethe (Urworte. Orphisch.)

Erinnern wir uns: Grimm bezeichnete das Wort ‚Form‘ als Fremdling, Luther mied es. Die geistige Gestaltung galt über Jahrhunderte als die eigentliche herausragende Stärke der Deutschen. Den Hang zu Konformität und Formalismus verdanken wir eher Militär und Bürokratie des späten Preußen und des Wilhelminischen Kaiserreichs als dem Deutschtum. Heutige deutsche Sprecher gebrauchen weit überwiegend ‚Form‘ und meiden ‚Gestalt‘. Dies zeigt in meinen Augen eine seelische Verarmung und Schwächung an. Rückbesinnung auf Gestalt und Gestaltung ist angebracht, um unsere Gestaltungsfähigkeit wiederzugewinnen.

[1] Obwohl das frühe Preußen das soldatische Exerzieren und den Kasernenhof-Drill bis zum Äußersten trieb, waren sich manche preußische Offiziere in Kriegszeiten (so auch der Oberkommandierende Prinz Heinrich) mit heutigen Meistern des echten Zweikampfes in einem einig: übertreibt man den Drill bei Soldaten und drillt sie auf Konformität von Bewegung und Verhalten, dann wird ihre Unselbständigkeit zum Problem, sie taugen mehr für Paraden in Friedenszeiten als für den Krieg. Ebenso taugt formvollendete asiatische Kampfkunst nur für den Wettbewerb, jedoch nicht für einen echten Kampf ohne Regeln und Ringrichter. In der Schlacht und im Zweikampf benötigt man neben geübten Fertigkeiten vor allem Verständnis, Willen, Mut, Herz, richtige Einschätzung der Lage, Eigeninitiative, kurz: die individuelle Gestalt des Kriegers. Mit Gehorsam und Formvollendung gewinnt man keinen Krieg; den Straßenkampf gewinnt eher der Boxer als der Budō-Schwarzgurt.
Quellen hierzu:
Christian Graf von Krockow: Die preußischen Brüder.
Geoff Thompson: Die Tür – Erfahrungen eines Rausschmeißers.
Keith R. Kernspecht: Vom Zweikampf

[2] Viktor Schauberger hat dieses europäische Vorgehen in seinen berühmten Spruch gegossen: Erst kapieren, dann kopieren. Beim Ostasiaten läuft es andersherum.

Interesse – Anteilnahme

Das lateinische Interesse stammt ursprünglich aus der juristisch-wirtschaftlichen Fachsprache und meint einen Anteil am Vermögen eines anderen, auf den ich Anspruch erhebe. So wird es heute noch im Wirtschaftsenglisch gebraucht: engl. interest bedeutet Zins.

die interesse musz so hoch als möglich steigen,
der arme schuldener musz nolens volens schweigen.
        Marforio (Der Wucherer)

Daraus erwuchs die allgemeinere Verwendung von Interesse als Schaden oder Vorteil (je nach Blickrichtung), denn Interesse meint juristisch den entstandenen Schaden oder entgangenen Nutzen, also den Wert eines Streitgegenstands, an dem sich meist auch die Bezahlung des Juristen bemisst, der in unserem Interesse handelt, unsere Interessen vertritt.

Interesse setzt sich zusammen aus inter: inmitten, zwischen, unter; und esse: sein. Wörtlich bedeutet es also „dazwischen-sein“ oder „inmitten-sein“.

In der ursprünglichen Bedeutung habe ich meine Finger in den (Geld-) Angelegenheiten eines anderen, ich habe Ansprüche gegen ihn. Das Wort Interesse hatte stets den Beigeschmack von Unredlichkeit, von Gewinnsucht und Eigennutz, Nehmen soviel als ich kann. Ein deutsches Gegenstück ohne diesen Beigeschmack wäre Anteilnahme, denn ich nehme mir einen Teil dessen, was derjenige erwirtschaftet – einen Teil, der mir ja durchaus redlich zustehen kann. So sprechen wir ja kaufmännisch auch von einem Anteilseigener, einem Geschäftsanteil, einem Teilhaber.

Wenn ein Junggeselle ein Mädchen ‚interessant‘ fand, meinte er damit nicht ihre inneren Werte oder ihr schönes Antlitz, sondern brachte zum Ausdruck, dass er sie für eine ‚gute Partie‘ hielt, die ihm Nutzen bringen konnte. Der ‚Interessent‘ bewirbt sich um Eigentum, nicht um das Herz. So bezeichnet ‚Interessent‘ auch heute noch den potenziellen Käufer.

Im heute üblichen Sprachgebrauch meint Interesse zwar eher eine geistige Anteilnahme, eine innere Beteiligung, den Reiz einer Sache. Aber weiterhin klingt sprachlich mit, dass es um den Nutzen geht, den mir mein Interesse einbringen kann, und ich somit nicht am Ganzen interessiert bin, sondern nur am (nützlichen) Teil.

Man kann es neutraler auffassen als „ich bin inmitten dieses Gegenstands“ mit meinem Geist, ich begebe mich hinein. Wer mittendrin steht, kann jedoch das Ganze in seiner Gestalt nicht erfassen. Gehe ich dazwischen, dann spalte und teile ich, mische mich ein und verändere den Gegenstand bereits. Daher ordne ich Interesse eher dem analytischen Verstand zu (von griech. Ανάλυση Auflösung), der die Verbindung der Bestandteile auflöst, den Gegenstand auftrennt und zerlegt, also das Ganze zerstört, um es vermeintlich besser zu verstehen. Diese Analyse als aktive Zerlegung kennzeichnet die wissenschaftliche Methode. Man betrachtet Stücke und verkennt nur allzu leicht deren Zusammenhänge, zumal das Ganze mehr ist als die Summe der Stücke.

Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser Weissagen.
        Luther (1. Korinther 13:9)

Das Gegenstück dazu – ein ganzheitliches Erfassen ohne Zerteilung – wäre Betrachtung, Schau, Einfühlung, Annahme, Erkennen. Diese Geste ist eher passiv einhüllend, auf die gesamte Gestalt gerichtet: ich schaue aufmerksam, was sich offenbaren will, ich nehme es in mich auf.

Jetzt erkenne ich's stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
        Luther (1. Korinther 13:12)

Erkennen im hebräisch-biblischen Sprachgebrauch ist innigstes Vertrautsein.

Statt also zu sagen „das interessiert mich“ könnte man sagen: Das ist bemerkenswert, das bewegt mich, daran nehme ich Anteil, das liegt mir am Herzen, das reizt mich, das macht mich neugierig, darin möchte ich Einsicht bekommen, darum möchte ich mich kümmern, das möchte ich anschauen, es aufnehmen, es erfassen, es kennenlernen, damit vertraut werden, es erkennen.

Munt – mündig – Mündel

Diese Worte gehen zurück auf ahd. mhd. die Munt (f) oder Mund; dies wiederum von germanisch: mundō (Hand, Schutz). Munt, auch Muntgewalt, bedeutet (Rechts)schutz, Schirm, Vormundschaft und ist ein zentraler Begriff im Personenrecht des Mittelalters. Sie bezeichnet die „Gewalt eines Muntherrn über einen spezifischen Personenkreis der Hausgemeinschaft“ [wiki]

Mundich oder mündig sein bedeutet Gewalt haben, selbst walten dürfen, sich selbst vertreten können, aber auch vernünftig, bei Verstande, bevollmächtigt sein: für sich selbst sprechen können und dürfen, zugleich voll verantwortlich sein für sich. Ursprünglich beinhaltete Mündigkeit auch Waffenfähigkeit, d.h. sich selbst schützen können.

Mündig sei, wer spricht vor allen; wird ers nie, so sprech er nie.
        Platen
Die weise Natur setzte den moralischen Instinkt dem Menschen zum Vormund, bis die helle Einsicht ihn mündig macht.
        Schiller
der Ausbund eines schönen Katers,
den Muth und Alter mündig sprach.
        Lichtwer
Wer schon so früh der Täuschung schwere Kunst
ausübte, der ist mündig vor der Zeit,
und er verkürzt sich seine Prüfungsjahre
        Schiller (Maria Stuart)

Der Mundling oder Mündel ist ein Schutzbefohlener (beiderlei Geschlechts), ein Unmündiger. Dies meint einen Menschen, der durch Alter oder Stellung nicht voll rechtsfähig ist, und somit auf Schutz und Vertretung durch das Familienoberhaupt (früher der Hausvater, heute die Erziehungsberechtigten) oder (sofern nicht verwandt) den Vormund angewiesen sind. Wenn Kinder in die mündigen Jahre kommen, endet die Munt der Eltern oder des Vormunds.

Sehen Sie, Sie prassen
von Ihres Mündels anvertrautem Gut.
        Schiller (Don Carlos)

Söhne wurden selbstmündig bei Gründung eines eigenen Hausstandes. Töchter verließen die Munt des Vaters bei der Verheiratung und traten dann in die Munt des Gatten ein. Wir erinnern uns, in Europa wurden Frauen erst im 19. Jahrhundert überhaupt rechtsfähig, teils durften sie noch in der zweiten Hälfte des 20. Jhd. gegen den Willen ihres Ehemannes oder Familienoberhaupts weder rechtsgültige Entscheidungen treffen noch eigenständig Verträge abschließen. Sie blieben rechtlich stets einem Manne untergeordnet, sofern sie nicht alleinstehend lebten (als Witwe oder ‚alte Jungfer‘), was ein hartes Brot war.

Wenn einem Erwachsenen seine Mündigkeit ganz oder teilweise entzogen wurde aufgrund Geistesschwäche, Verbrechen oder Unzurechnungsfähigkeit, wurde er zum Mündel eines Vormunds – er wurde entmündigt, für mundtot erklärt.[1]

Entmündigung scheint uns modernen Menschen würdelos, demütigend. Doch leben die Deutschen nach dem 2. Weltkrieg in einem dauerhaften Zustand der Entmündigung durch die alliierte Besatzung und sind seit 1990 weiterhin faktisch ein Mündel der USA. Deutschland ist seit 1945 außenpolitisch und innenpolitisch nur eingeschränkt ‚souverän‘ (von frz. souverain für entscheidungsbefugt, herrschend), was das politische Gegenstück zur Mündigkeit ist. Auch im persönlichen Bereich greift in vielen Staaten seit einigen Jahren die allgemeine Entmündigung der Bürger durch den Staat um sich, während zugleich „der mündige Bürger“ weiterhin floskelhaft als demokratisches Ideal gepriesen wird.

Vielleicht damit uns dieser Zustand der Entmündigung weniger zu Bewusstsein kommt, wurde er sprachlich verschleiert, indem man fast alle Ableitungen von Munt fallenließ. Die Munt und alle daraus abgeleiteten Worte wurden aus dem Bestand unserer Sprache verdrängt. Statt Mündigkeit sagen wir „Erwachsenwerden“. Die Idee, dass Eltern die Munt über ihre Kinder haben, was sowohl die Vollmacht der Entscheidung wie auch die Pflicht zu ihrem Schirm und Schutz beinhaltet, wird zusehends ausgehöhlt durch die staatlich angeordnete Betreuung in der Schule (ein Verbot von Hausunterricht durch Anwesenheitspflicht im Schulgebäude gibt es nur in Deutschland und Nordkorea), durch frühes Abgeben der Kinder in Krippen und Kindergärten und durch eine staatliche Übergriffigkeit in die Familie hinein, die sich bis zur Entmündigung der Eltern in medizinischen Angelegenheiten steigerte.

Wir verwenden diese Worte heute nur noch in wenigen Inseln: z.B. bei der Strafmündigkeit und bei einer richterlich angeordneten Vormundschaft für ein Kind ohne mündige Eltern.

Bemerkenswert ist nun, dass stattdessen ein Fremdwort umfassend eingeführt wurde, das die gleiche Bedeutung wie Mündel hat! Nämlich:

Der Klient

Die Wurzel von Klient stellt die Verhältnisse unmissverständlich klar: lat. cliento: abhängig machen, und daraus cliens: „Höriger, Schützling, unfreier Abhängiger; der zu Dienstleistungen verpflichtete, halbfreie Abhängige einer patrizischen Familie, die ihm in einer Notlage half und ihn vor Gericht schützte.“ Dieser Schutz wurde gewährt vom patronus (Schutzherr, Schirmherr, Patron) und der war dazu verpflichtet; die Beziehung beruhte also auf Gegenseitigkeit, aber nicht auf Freiwilligkeit.

Hintergrund ist, dass im römischen Recht bis ca. 400 v. Chr. nur der Patron einer Patrizier-Familie rechtsfähig war, also nur das (männliche) Familienoberhaupt. Sein Gefolge war nicht rechtsmündig, es konnte also seine Interessen nicht selbst wahrnehmen, sondern der Patron hatte seine Familie und sein Gesinde vor Gericht zu vertreten. Ab etwa 400 v. Chr. wurde das (männliche) Gefolge rechtsfähig, behielt aber die untergeordnete Stellung gegenüber dem Patron. In diesem Sinne weitete sich die Bedeutung von Klient aus auf Vasall, Dienstmann, Gefolgsmann, Lehnsmann; und der Schutz des Patrons war nicht mehr selbstverständlich, sondern musste erworben werden.

Einen wesentlichen Unterschied scheint es zu geben: bei der germanischen Munt wurden zumindest die Männer der Familie von allein mündig; mündige Männer konnten die Muntgewalt des Muntherrn verlassen. Beim römischen Klienten war das nicht vorgesehen, sondern der Klient war und blieb Leibeigener des Patron, sofern er nicht freigelassen wurde.

Diese Rechtsauffassung des römischen Rechts verbreitete sich mit dem römischen Imperium und dem aufkommenden Erbadel in Europa, wobei sich beides überlagerte: die Munt im Rahmen der Familie, das Verhältnis von Klient und Patron zwischen Volk und Feudalherren. (Wer hierzu mehr weiß, bitte gern kommentieren)

Da Kultur und Sprache des höheren Adels stark geprägt waren vom Vorbild des französischen Königshofes, sind dort die französischen Wörter geläufig: frz. Client(e) bezeichnete eine abhängige Stellung im Gefolge eines adeligen Feudalherren (frz. Souverain, engl. Sovereign), dessen Gunst und Schutz man sich durch Dienstleistung und Gefälligkeit verdienen und erhalten musste. Umgekehrt stiegen politisches Ansehen und Macht des Adeligen mit der Größe seiner Clientèle, also der Zahl von Abhängigen oder Anhängern, die dem Souverain zu Treue und Dienst verpflichtet waren bis hin zum Kriegsdienst. Oberster Souverän war der König.

Mit der allmählichen Schwächung und Entmachtung des Adels, die in Frankreich begann, ergab sich auch eine Bedeutungsverschiebung und Übertragung der Worte auf bürgerliche Verhältnisse. Fortan waren die Mächtigen nur noch bedingt souverän, sie mussten als Politiker um ihre Klientel buhlen und sie zufrieden stellen, also Klientelpolitik betreiben, denn sonst wandte diese sich ab. Die demokratische Theorie hat sogar das Gedankenkunststück versucht, das breite Volk zur Klientel und zugleich zum obersten Souverän der Politiker zu erklären. In der Praxis hat das jedoch noch nie funktioniert, wie die unzähligen Verstöße und Verschwörungen der Mächtigen gegen Wille und Wohl der Wähler eindrucksvoll belegen. In den parlamentarisch-repräsentativen Demokratien (frz. parle reden, parlementer verhandeln; lat. repraesento nachahmen, vergegenwärtigen, verwirklichen; griech. δημοκρατία Volksherrschaft von griech. δήμος Stadtverwaltung, also eigentlich Verwaltungsherrschaft!) haben wir Sprachverwirrung und Doppelbödigkeit der Machtverhältnisse. Tatsächlich gibt es keinen Souverän, das Volk hat nichts Wesentliches zu sagen, im Parlament wird nichts verhandelt; die Politiker sind bloße Schausteller und Verwalter auf Zeit im Auftrag ihrer Klientel, und die wahre Klientel aller Regierungspolitiker waren stets Hochfinanz, Konzernchefs und Oligarchen.

Im Französischen wird Client heute sehr breit für jede Art Käufer- und Kundenverhältnis verwendet. Es suggeriert eine Freiwilligkeit, Gleichstellung und Freiheit, die jedoch in der Wortgeschichte nicht zu finden ist.

Das Englische unterscheidet noch zwischen client und customer, wobei customereher für den Käufer einer Ware steht und eine ähnliche Idee beinhaltet wie der Kunde (siehe dort): engl. custom ist Gewohnheit und Brauch, das Vertrauensverhältnis durch Wiederkehr.

Heute verwenden wir im Deutschen Klient ähnlich wie das Englische den Client. Es hat sich eingebürgert für den Auftraggeber eines Rechtsbeistands oder Steuerberaters, den Käufer höherwertiger Dienstleistungen, für den Empfänger von bezahltem Beistand oder Beratung aller Art, sogar bei Heilkundigen und Pflegern.

Die erste Verwendung im Deutschen war noch eng gefasst: Klient ist, wer seine rechtlichen oder finanziellen  Interessen (siehe dort) von einem Juristen oder Steuerberater vertreten lässt. Mit Aufkommen eines freien Bürgertums und freier Gerichtbarkeit – zuvor war ja der herrschende Fürst zugleich oberster Gerichtsherr – übertrug sich zugleich Vertretungsrolle des Muntherrn oder Patron vor Gericht auf den bezahlten Rechtsgelehrten. Unser bürgerliches Rechts- und Finanzsystem ist darauf angelegt, uns zu entmündigen, da es so ungeheuer verkompliziert wurde, dass ein juristischer Laie im Grunde keine Möglichkeit hat, erfolgreich vor Gericht oder dem Staat gegenüber seine Interessen zu vertreten. Man braucht zwingend den Beistand eines Fachmanns. Man gewährt uns eine Illusion von Freiheit, indem wir uns die Person des Fachmanns meist (nicht immer) wählen können, aber sowie wir ein Mandaterteilt haben, sind wir in dessen Hand gegeben (lat. manus: Hand, dare: geben, daraus mando: übergeben, überlassen, anvertrauen).

In der modernen Gesellschaft ist nun Klient zwar anscheinend entkoppelt vom Mündel und entlastet vom patriarchalen Kontext. Jedoch lassen sich Worte nicht wirklich von ihrer Geschichte befreien. Bei Klient schwingt Unmündigkeit, Unterordnung, Abhängigkeit, auf jeden Fall aber Machtgefälle und Bedürftigkeit mit. Der inflationäre Gebrauch dieses Fremdwortes färbt Geschäftsbeziehungen auf eine ungute Weise. Da Klient aber – anders als Mündel– ein Fremdwort ist, bleibt dies unserem Bewusstsein verschleiert.

Was könnte man stattdessen nehmen? Nun, das wäre der Kunde (siehe dort) im ursprünglichen Sinne, als wiederkehrender Auftraggeber in einer langfristigen, vertrauten Beziehung. Ein Kunde ist gleichgestellt und mündig. Ein Klient ist untergeordnet und unmündig.

[1] Seit 1992 kann ein Erwachsener nicht mehr entmündigt werden, sondern nur Betreuung angeordnet werden.


(wird fortgesetzt)