Finnland hat eine junge und, wie ich finde, sympathische neue Regierungschefin. Und Sanna Marin macht auch gleich mit ausgesprochen progressiven Ideen von sich reden, so zum Beispiel, indem sie eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 24 Stunden fordert, also eine 4-Tage-Woche mit sechs Stunden täglicher Arbeit. So etwas wurde ja immer schon mal ausprobiert von Unternehmen, die damit dann eigentlich auch durch die Bank positive Erfahrungen machten. Gut also, dass das nun endlich auch mal von einer Politikerin so deutlich geäußert wird. Was ich bei solchen Ideen dann allerdings immer interessant zu sehen finde, ist, wie viele Menschen sofort die Position der Besitzenden und Vermögenden einnehmen, die eigentlich ihren eigenen Interessen entgegensteht. Da sieht man mal, wie weit die neoliberale Indoktrination der letzten Jahrzehnte fortgeschritten ist …

Denn genau das habe ich in den letzten Tagen in den sozialen Medien beobachten können. Dass Unternehmer, Firmeninhaber, Manager und Investoren so ein Ansinnen einer Arbeitszeitverkürzung nicht gerade toll finden, dürfte ja kaum jemanden überraschen. Allerdings sind es eben auch zur Genüge ganz normal angestellt Arbeitende, die nun nicht, wie man eigentlich erwarten sollte, „Hurra, gute Idee“ schreien, sondern die erst mal vor allem Skepsis an den Tag legen.

Hier ein paar der häufig vorgetragenen Einwendungen:

Wie soll man denn davon leben können?

Was bei dieser Fragestellung nicht berücksichtigt wird, ist, dass so eine Wochenarbeitszeitverkürzung natürlich mit vollem Lohnausgleich einhergehen müsste. Dementsprechend wäre dann der gesetzliche Mindestlohn (der eh zu mickrig kalkuliert ist) auch entsprechend anzuheben.

Und das wäre ja auch etwas, was vor einigen Jahrzehnten noch vollkommen normal war: Die Produktivitätszuwächse der Wirtschaft kommen (auch) denen zugute, die sie tatsächlich erarbeitet haben – und werden nicht nur zur Erfüllung von Renditeerwartungen und Frischgeldbereitstellung fürs finanzindustrielle Zockercasino verwendet.

Es gab ja seit Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts etliche Arbeitszeitverkürzungen, die nicht dazu geführt haben, dass die Menschen weniger Geld bekommen haben. Technischer Fortschritt ermöglicht eben, dass der Einzelne mehr schaffen kann. Warum sollte er dann also nicht auch weniger arbeiten müssen fürs gleiche Geld? Im Jahr 1900 waren noch 60 Stunden in der Woche üblich, 1967 dann nur noch 40. Das ist nun schon über 50 Jahre her – und so richtig was getan hat sich nicht mehr für die Arbeitnehmer, obwohl die technologische Entwicklung wohl eher exponentiell als linear verlaufen sein dürfte seitdem.

Hier würden die angestellt Arbeitenden also nur das bekommen, was ihnen ohnehin schon längst zustünde, aber vorenthalten wurde, um Aktionärs- und Investoreninteressen zu befriedigen und diese Menschen in zum Teil obszönem Maße reich zu machen – und natürlich auch, um abenteuerlich hohe Gehälter und Abfindungen im Managementbereich zu finanzieren. Dass viele nun sich gar nicht vorstellen können, eine Arbeitszeitverkürzung zugunsten der Beschäftigten einzuführen, zeigt, wie sehr hier die Position der Arbeitgeber unreflektiert von Arbeitnehmern übernommen wird.

Wer soll das denn bezahlen?

In eine ähnliche Richtung geht dann die Frage, woher das Geld dafür kommen sollte. Immerhin ist man hier schon mal so weit, dass der volle Lohnausgleich bei der Arbeitszeitverkürzung als gesetzt angesehen wird. Aber dann wird sich sogleich um die armen Arbeitgeber gesorgt, die natürlich ihre Lasten und Leiden über die ihnen und ihren Buddies gehörenden Medien seit Jahren immer wieder gern verbreiten (so zum Beispiel beim Gejammer über die angeblich zu hohen Lohnnebenkosten).

Immerhin ist es ja auch möglich, dass immer mehr Menschen Milliardenvermögen anhäufen, die man sich überhaupt nicht erarbeiten kann, wie hier eindrücklich dargelegt wird:

Quelle

Fragt da mal einer, wie das denn bitte bezahlt werden soll? Nö, natürlich nicht, das wird einfach so hingenommen, und diese Bezieher leistungsloser Einkommen werden auch noch bewundert und als „Leistungsträger“ tituliert.

Und bei den Jobs, die im Rahmen von öffentlicher Infrastruktur erbracht werden (Lehrer, Polizisten, Verwaltungsbeamte usw.), könnte man die Finanzierung ja durch einige steuerpolitische Maßnahmen sicherstellen, die dann eben auch diejenigen träfen, die nun seit Jahrzehnten finanziell davon profitiert haben, dass die Menschen mehr arbeiteten, als sie es eigentlich hätten machen müssen: Eine wirkungsvolle Finanztransaktionssteuer (nicht so ein populistischer Papiertiger, wie ihn Bundesfinanzminister Olaf Scholz kürzlich vorgestellt hat), eine vernünftige Besteuerung großer Erbschaften, eine Vermögenssteuer und das Schließen von Steuerschlupflöchern wären da die Mittel der Wahl. Zudem könnten m. E. die Militärausgaben auch deutlich gesenkt werden – wer soll denn bitte schön Deutschland gerade angreifen?

Aber diese Maßnahmen werden dann auch von vielen als Teufelszeug abgetan, und auch hier wird wieder die Position der Vermögenden zum eigenen Nachteil unreflektiert übernommen.

Und was noch hinzukäme: Eine Arbeitszeitverkürzung dürfte m. E. ein ziemliches Konjunkturprogramm darstellen, da auf diese Weise ja mehr Menschen einen guten Job bekämen und somit mehr Geld zur Verfügung hätten, das sie eben auch zu einem größeren Prozentsatz wieder recht schnell ausgäben für ihren Lebensunterhalt, als dies bei Milliarden hortenden Vermögenden der Fall ist.

Das geht nicht in vielen Berufen!

Dieser Einwand zeigt, wie festgefahren diejenigen, die ihn vorbringen, in ihrem Denken sind. „Ein 3-Schicht-System ist schon stressig genug – eines mit vier Schichten wäre viel schlimmer“, habe ich beispielsweise öfter gelesen. Na ja, man könnte ja auch die Arbeitszeit von acht Stunden am Tag beibehalten und dann einfach die zu arbeitenden Tage reduzieren – drei statt fünf. Ich glaube kaum, dass dies für irgendeinen Schichtarbeitenden eine Mehrbelastung darstellen würde.

Und ich möchte wetten, dass all diese Einwände auch bei jeder bisherigen Arbeitszeitverkürzung vonseiten der Arbeitgeber vorgebracht wurden – komischerweise ist so was nie zu vernehmen, wenn es denn um Arbeitszeitverlängerungen geht (solche wurden ja gerade vor einigen Monaten in Österreich von der ersten Kurz-Regierung beschlossen), die ja vom Organisationsaufwand her nicht anders zu bewerten sind. Woran man dann auch sieht, dass dies nur vorgeschobene Argumente sind, um den von den Besitzenden so gewünschten Status quo aufrechtzuerhalten.

Es gibt doch jetzt schon Personalengpässe, beispielsweise in der Pflege.

Das wirkt nun auf den ersten Blick zumindest recht logisch, erweist sich aber bei genauerer Betrachtung auch als nicht zutreffend.

Gerade in der Pflege sind die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren (vor allem auch dank der Privatisierungen im Gesundheitswesen) zunehmend schlechter geworden, sodass viele ausgebildete Pflegekräfte die Brocken hingeschmissen oder sich ins Burn-out gearbeitet haben. Eine Arbeitszeitverkürzung wäre nun eine erhebliche Verbesserung der Arbeitsumstände – da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn dann nicht auch etliche Menschen (wieder) für einen Beruf in der Pflege begeistert werden könnten, oder?

Zudem haben wir in Deutschland (auch wenn die Neoliberalen immer populistisch vom „Jobwunder“ schwadronieren) nach wie vor Massenarbeitslosigkeit. Dazu kommen dann noch viele Menschen, die in Minijobs und Teilzeit stecken, obwohl sie gern mehr arbeiten würden. Und was noch hinzukommt: Es gibt sehr viele Menschen, die sogenannte Bullshitjobs machen, also Arbeiten, die im Grunde nicht in irgendeiner Form produktiv oder gesellschaftlich sinnvoll sind, sondern die sich nur für irgendwelche anderen Leute rechnen und finanzielle Profite abwerfen. Die meisten Angestellten in Callcentern gehören beispielsweise dazu, zumindest wenn sie keinen Kundensupport machen, sondern Leute anrufen, um ihnen irgendeinen Kram zu verkaufen. Aber auch das mittlere Management ist dazuzuzählen, also die Sesselfurzer, die sich vor allem die Zeit damit vertreiben, den Inhalt ihrer Aktenköfferchen hin und her zu sortieren und sich zur Rechtfertigung ihrer Arbeitsexistenz blödsinnige Maßnahmen auszudenken, die dann Beschäftigte, die richtige Arbeit leisten, auf Trab halten.

Einen Mangel an Menschen, die gern einer sinnvollen und manierlich bezahlten Beschäftigung nachgehen würden, dürfte also kaum vorhanden sein. Und sollte es tatsächlich einmal Engpässe geben, dann könnte man ja immer noch Menschen aus anderen Ländern, die froh wären, hier in Deutschland eine gute Arbeit zu bekommen, anwerben. Zum Zwecke der Lohndrückerei ging das ja schließlich auch!

Betriebswirtschaftliche Denke statt volkswirtschaftlicher Sichtweise

Was bei all diesen Argumenten gegen eine Arbeitszeitverkürzung auffällt: Es wird immer nur betriebswirtschaftlich gedacht, die volkswirtschaftliche Gesamtperspektive fehlt meistens komplett (was allerdings auch typisch für den neoliberalen Mainstream in den Wirtschaftswissenschaften ist). Da werden dann beispielsweise Löhne nur als Kosten gesehen und nicht auch als eine Größe, mit der die Binnennachfrage gesteigert wird (gerade beim Exportweltmeister Deutschland ist diese ja sehr defizitär ausgeprägt). Und eine solche erhöhte Binnennachfrage würde ja auch zu Mehreinnahmen der Unternehmen führen, mit denen die gestiegenen Lohnkosten ein Stück weit wieder ausgeglichen werden könnten.

Schon bei der Einführung des Mindestlohns haben ja etliche ökonomische Blindgänger (wie beispielsweise Hans-Werner Sinn) den Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft mit den gleichen Begründungen, die nun bei der Arbeitszeitsenkung angeführt werden, prognostiziert. Tja, ist nur eben nicht eingetreten, was auch niemanden überrascht, der eben ein wenig die rein betriebswirtschaftliche Perspektive verlässt.

Und was an dieser derzeitigen Diskussion auch offensichtlich wird: Der deutsche Untertanengeist à la Heinrich Mann feiert weiterhin fröhliche Urständ! Die Idee, dass es den Beherrschten besser ginge, je besser es ihren Herrschern geht, ist immer noch sehr populär, wie es scheint.

Aber das alles ist natürlich auch ein Ergebnis der leider sehr erfolgreichen neoliberalen Indoktrination der letzten Jahre. Diese hat nicht nur eine weitgehende Entsolidarisierung der Menschen untereinander bewirkt, sondern auch dazu geführt, die Perspektive derjenigen, die vom zunehmend ungerechten System profitieren, als normal wahrzunehmen.

Alexander Schöndeling brachte dieses Dilemma mal recht gut auf den Punkt:

Das wohl größte Drama auf diesem Planeten ist, dass hochgradig manipulierte Menschen ihre Manipulierer verteidigen, weil sie die Wahrheit für Manipulation halten.

Das ist bei der Diskussion zur Arbeitszeitverkürzung gerade sehr gut zu beobachten …

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