Zuerst erschienen in Katja Adlers Komumne im meraner-morgen.it

Kapitalismus abschaffen? Die Stimmen, die dies fordern, scheinen immer lauter zu werden. Einen Kapitalismus abschaffen, der die Armen, die Arbeiter, die Angestellten, die Arbeitslosen immer ärmer machen soll und die Reichen, die Industriellen, die Unternehmer und Eigentümer – ja die sogenannte Elite immer reicher. Hat man diese Stimmen früher überwiegend der heranwachsenden Jugend zugeordnet, so scheinen sich zunehmend junge und auch nicht mehr allzu junge Erwachsene dafür auszusprechen, den Kapitalismus abzulösen, durch eine vom Staat gelenkte Wirtschaft. Mehr Staatseigentum und mehr Gleichheit in der Gesellschaft als neues Ideal.

Die Soziale Marktwirtschaft als wesentlicher Kern des realen Kapitalismus in Deutschland gerät dabei zunehmend unter Druck und wird in ihren positiven Möglichkeiten und Wirkungen für die Menschen mehr und mehr in Frage gestellt.

Was ist eigentlich passiert, seit der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, seit der Zeit Ludwig Erhards, als die soziale Marktwirtschaft in einem demokratischen Kapitalismus noch Garant für Wohlstand und Grundlage einer fortschrittlichen Gesellschaftsordnung war?

Ich selbst bin aufgewachsen in dem sozialistischen System der DDR. In Schule und Freizeit wurde mir propagandistisch offenbart, dass der Westen und sein Kapitalismus schlecht und die meisten Menschen arm seien. Eine kleine reiche Elite würde die BRD beherrschen.

Ich war angesichts dieser Aussagen wirklich froh, in meinem sicheren sozialistischen System zu leben. Wir waren auch immer gut beschäftigt. Wir mussten schnell sein (und Freunde an der richtigen Stelle haben), wenn es zum Beispiel mal Orangen gab. Nicht die Saftorangen aus Kuba. Nein, die richtigen, die Navelorangen. Meine Mutter hat Pullover gestrickt. So hatten wir wirkliche Einzelstücke und nicht die Massenware aus dem Kaufhaus. Ananas aus der Dose gab es manchmal aus dem „Delikat“ – einem Geschäft mit Luxuswaren zu Luxuspreisen. Der Kaffee hieß Rondo und wurde in 100 g Packungen zu 8,75 Mark verkauft.

In die Pubertät kam ich mit „Action“, einer pinken Kosmetikserie. Der einzigen Kosmetikserie. Und es war egal, ob das Haarspray die Haare völlig verklebt und der Lippenstiftdie Lippen ausgetrocknet hat. Es gab schlicht nichts anderes.

Es gab Familien, die hatten Westverwandtschaft und das Glück, Westkaffee, Kaugummis, gut duftendes Duschbad und manchmal auch eine Jeans zugeschickt zu bekommen. Wir hatten das Glück nicht.

Es gab kaum Wohneigentum. Warum jemand in seinem eigenen Haus wohnen durfte, habe ich nicht verstanden. Verstanden habe ich jedoch, dass ich mit meinem 18. Geburtstag eine Anmeldung für mein eigenes Auto – einen Trabbi – abgeben werde, um diesen 20 Jahre später abholen zu können.

Urlaub haben wir in unserem Garten gemacht. Die Anmeldung oder Bitte um einem Urlaub in den staatlichen Ferieneinrichtungen war meinen Eltern zu „umständlich“. Meine Liebe zu den Rosen habe ich in diesem Garten gefunden.

Was ich ebenfalls in dieser Zeit gefunden habe, war meine Vorsicht und meine Skepsis dem Staat gegenüber. Niemand musste hungern. Alle haben gewohnt. Die meisten jedoch haben geflüstert und versteckt. Und jeder hat sich irgendwie eingerichtet. Am liebsten mit kapitalistisch hergestellten Produkten.

Die Wende kam so rechtzeitig, dass ich mich nicht mehr in die lange Trabbi-Anmelde-Schlange stellen musste. Die Wende kam mit Macht und der Kapitalismus über mich. Die Kaufhalle war plötzlich voll mit sehr verschiedenen Sorten Jogurt, Bier, Käse oder Kosmetik.

Unseren Skoda hat mein Vater gegen einen Opel getauscht. Einfach so. Mein erster Urlaub mit dem Flugzeug ging in die Türkei.

Mir stand die Welt offen, mit all seinen Möglichkeiten. Ich musste nur zugreifen. Und ich konnte zugreifen, wenn ich nur wollte. Ich war plötzlich frei in meinen Möglichkeiten und Entscheidungen. Denn der Kapitalismus hat sich mir völlig und mit seiner sozialen Marktwirtschaft erhellend offenbart.

Eine Marktwirtschaft, die sich über Jahrzehnte als sehr robust erwiesen und einige Krisen überstanden hat. Eine Marktwirtschaft, die trotz aller negierenden Verheißungen Wohlstand in den Westen Deutschlands gebracht hat. Eine Marktwirtschaft, die im wettbewerblichen Ringen um die beste Lösung Fortschritt ermöglicht und die Marke „Made in Germany“ geprägt hat.

Und heute, gut 30 Jahre später, erlebe ich eine Gesellschaft, die sich nach mehr Staat, nach mehr Verboten, nach mehr Vorschriften und Einschränkungen zu sehnen scheint.

Wettbewerb wird gelenkt über Subventionen und Kaufprämien. Bestimmte Technologien werden staatlich für gut befunden und nicht wettbewerblich im Wege der Bestenauslese erstritten.  Eigentum wird bekämpft. Freiheit wird eingeschränkt. Verhalten vorgeschrieben. Alles für ein höheres moralisches Ziel.

Menschen, die mitunter ein großes persönliches Risiko eingehen und eine Firma, ein Unternehmen, ein Start-Up gründen und Arbeitsplätze schaffen, werden zur beneideten Elite. Und von Tötungsphantasien aus der linken (extremen) Ecke wird sich kaum hörbar distanziert.

Die Frage also bleibt: Was ist passiert?

Wohlstand ist nicht selbstverständlich und kann auch nicht staatlich angeordnet werden. Genauso wenig, wie Technik und Fortschritt staatlich herbeigeredet und herbeisubventioniert werden kann. Es braucht Wettbewerb. Es braucht Leistungsbereitschaft. Es braucht Chancen. Und es braucht eine gesellschaftliche Akzeptanz des Unterschiedes. Solange dieser sozial ausgeglichen wird und niemand in unserem Land hungert oder ohne Wohnung, Pflege und Betreuung bleibt, hat dieser Unterschied in der sozialen Marktwirtschaft des Kapitalismus seinen sogar fördernden und fordernden Platz.

Möglicherweise ist nun einem unüberhörbaren Teil unserer Gesellschaft diese Akzeptanz und der Mut zur eigenen, freiheitlichen Wirksamkeit abhanden gekommen.