Mag. Dr. Wolfgang Glass studierte Politikwissenschaft an der Uni Wien. Er arbeitete zuletzt als Personalberater und Firmenaquisor und ist seit drei Jahren hauptamtlich als Sanitäter in Wien tätig.

In Ausbildungen werden viel Informationen kontextuiert, die zu Wissen vermittelt werden können. Doch daraus entsteht nicht zwangsläufig Weisheit. Am Ehesten sind wir alle wohl eher "gebildete" Idioten, im besten Fall Fachidioten, im blödesten Fall Vollidioten.

Wie man aber in einer der komplexesten aller Welten, der heutigen Zeit, gut handelt, wird kaum vermittelt. Urteilskraft und verantwortungsvolles Entscheiden müssten bei Ausbildungen in den Vordergrund rücken. Die allumfassende Ausbildung gibt es nicht. Vielmehr versuchen wir uns an ein möglichst breites Wissen heranzutasten um die Mitwelt halbwegs verstehen, oder zumindest ertragen zu können. Die "alte Weisheit" Studium, beziehungsweise akademische Titel, sind Bildung, gelten zwar noch immer, aber im täglichen Umgang mit Menschen bemerke ich oft, dass dies zumindest meiner Lesart von Bildung nicht entspricht. Bildung ist für mich jedenfalls nicht ein auswendig Aufsagen von schwarzen Buchstaben auf weissem Papier, in der richtigen Reiehenfolge. Umso mehr komme ich drauf, dass man mit zunehmendem Alter und Erfahrung erkennt, dass immer mehr Geschehnisse unerklärlich werden. Allerdings nicht deshalb weil man damit nichts mehr anfangen kann, sondern weil die Optionen und Interdependenzen immer sichtbarer werden und man klare Aussagen kaum mehr anbieten möchte. In der komplexen Lebensart aber neigen immer mehr Menschen zu einfachen Aussagen, die Graubereiche nicht mehr zulassen. Jemand, der viel lernt kann wohl auch viel (in seinem Metier), aber weiss er auch genug (um den Anschluss zum Rest finden zu können)?

Prüfungen belohnen Genauigkeit, Regelkenntnis und Wiedererkennen. Aber die Realität folgt selten dem Muster einer Prüfungsfrage. Dort existiert nicht nur "richtig" oder "fasch". Es gibt unvollständige Informationen, widersprüchliche Befunde, limitierte Ressourcen, Zeitdruck, falsche Wahrnehmungen von befragten Zielpersonen und ständige Zielkonflikte. Als ehemaliger Student der Politikwissenschaft jongliere ich gerne mit politikwissenschaftlichen Theorien, lese sehr gerne täglich viele Pressetitel und interessiere mich in der Praxis für das Leben im weitesten Sinn. Vom Taxifahren über Tätigkeiten in Wirtschaftsbetrieben, im "sozialen" Bereich, bis hin zu Personalberatungen mitsamt Firmenaquisen nun auch noch das Sanitätswesen. Dieses summiert eigentlich die vorherigen Tätigkeiten gut. Man streift viele Lebensrealitäten die physisch und psychisch auch herausfordernd sein können, positiv wie negativ. Der Unterschied zwischen Studium und Alltag ist aber nicht der Schwierigkeitsgrad; es ist die Art der Aufgabe. In dieser Welt entscheidet weniger, ob man viel weiss. Entscheidend ist, ob man urteilen kann: unter Unsicherheit, mit unvollständigen Daten (u.a.des Patientenzustands), im Spannungsfeld zwischen Patientenerwartung, Versorgungslogik und ethischer Verantwortung. Urteilskraft ist mehr als Erfahrung. Sie bedeutet, Prioritäten zu setzen, Risiken abzuwägen, das Wesentliche vom "technisch Möglichen" zu trennen. Sie bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen, gerade dann, wenn es keine eindeutige Antworten gibt. Ausserdem erfordert sie die Fähigkeit, den eigenen Blick zu weiten: vom individuellen Fall zum System, das diesen Fall prägt.

Was heisst das für mich als Sanitäter, der seit drei Jahren Sanitäter ist und täglich mit Kollegen im Dienst ist, die gerade aus der Schule kommen? Urteilskraft zu erlernen bedeutet durch Vorbilder lernen unabhängig von Alter und Dienst-/Lebensgrade, durch Beobachtung und durch Nachahmung. Und sehr oft auch durch Fehler, ohne die es kaum zu substantiellen Änderungen im Leben kommen würde. Es bedeutet, dass man sich auch oft selbst hinterfragen muss und sich eingestehen muss, dass manchmal der Kollege mit 20 Jahren im Gegensatz zu einem selbst einfach die argumentativ fundiertere Entscheidung im konkreten Fall getroffen hat. Das, was im Alltag belohnt wird - Effizienz, Sicherheit und Routine - sind wichtig, können aber den Blick verwässern. Unsicherheit wirkt oftmals wie Schwäche. Wenn man etwas nicht gleich weiss wird man als Unwissend abgetan, obwohl vielleicht das beduetet, dass man zumindest weiss, dass man nichts weiss. Das ist argumentativ fundierter als Entscheidungen ständig nach oben zu delegieren, an Leitlinien, Apparet oder Prozesse. Es bedeutet, dass man sich durch Unsicherheit "retten" möchte, doch lernt man so nicht bei Unsicherheit zu führen.

Meine Kollegen erwarten von mir als Hauptverantwortlicher Ruhe und fundierte Entscheidungen. Wenn ich unruhig werde, werden sie es auch. Wenn ich vorgebe fundiert zu entscheiden, verlassen sie sich darauf. Doch es sollte eher so sein, dass wenn Unsicherheit vorhanden ist und man eben nicht fundiert sagen kann, wo der Weg der Therapie nun hingeht, dass man dies kommuniziert unhd durch den Kollegen und seiner Sichtweise den Blick weitet und weitere Optionen in Betracht ziehen kann. Das Eingeständnis von Ahnungslosigkeit oder Schwierigkeiten bei der Lösung von Problemen führt zu besseren Entscheidungen, auch wenn dadurch der "Ruf" im Moment vielleicht leidet. Wer aber also in der Ausbildung lernt, Risiken zu vermeiden, lernt weniger, mit Risiken bewusst umzugehen. Wenn die Ausbildungskultur gelehrt wird, in der Abweichung als Gefahr zu gelten, entwickelt selten Souveränität und kann Veränderungen nur schwer mitgestalten.  

Kompetenz haben vs. kompetent sein

Wenn man eine Bergtour macht erwartet man sich ein tolles Bergvergnügen mit Natur pur für alle Sinne. Doch wenn der unerwartete Fall von Schlechtwetter eintritt, werden alle Augen auf den gerichtet, von dem man erwartete, er könne führen. Und zwar deshalb, weil man ihm vertraut. Dies wird man nicht zwangsweise deshalb, weil er Titel hat, sondern weil diese Person verantwortungsvoll umgeht mit seiner Meinung zur Situtation und zur Natur. Auch Rückfragen an das Team sind wesentlich, genauso wie dann eine Entscheidung schlussendlich wichtig ist. Denkstrukturen, die nicht nur die Ergebnisse offenlegen, sondern die Denkprozesse die dazu geführt haben. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass Unsicherheit kein Zeichen von Inkompetenz ist, sondern von Realitätssinn. Natürlich muss man auch entscheiden. Doch der Weg dahin kann und muss beweglich bleiben. Fragen im Sanitätswesen wie zum Beispiel "welche Verdachtsdiagnose haben wir?", "Warum haben wir uns für diese Therapie entschieden?" "Welche Unsicherheit blieb?" sind bei mir mittlerweile Allltag, weil ich genau weiß, dass ich nicht die allumfassende Ausbildung habe um genau zu wissen, was das Problem ist. Es ist ein ständiges Annähern. Wichtig ist mir, dass keine groben Fehler durch Schlamperei und Überheblichkeit passieren. Aber man muss sich bei all seinen Tätigkeiten die kulturelle Veränderung erlauben dürfen, dass Unsicherheit als Normalzustand auszusprechen ist um daraus eine professionelle verantwortungsvolle Stärke machen zu können. In einer komplexen Welt reicht es nicht, viel zu wissen. Wir müssen auch wissen wie wir entscheiden: unter Druck, mit knappen Ressourcen, im Spannungsfeld von Leitlinien und Lebensrealität(en).