Keiner darf es wissen! Ich habe ein Geheimnis. Aber wir wissen ja: irgendwann kommt immer alles raus. Meine Tochter ist am Wochenende bei mir und als sie einen flüchtigen Blick auf mein Bett wirft, fragt sie sofort:

„Mama! Hast du jetzt eine Katze?“ und erkennt sofort nach dem Aussprechen, dass ihre Augen sie kurz in die Irre geführt haben. Drei Sekunden Stille. Dann antworte ich trotzdem:

„Nein. Das ist keine Katze, sondern ein Kater! Er heißt Adrian und er ist .... tot. Ich hab vergessen ihn zu verstecken.“

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Angestarrt zu werden ist nie schön. Dieses entsetzte Starren erst recht nicht. „Also nicht „tot“ im herkömmlichen Sinne,“ rede ich mich raus. Es ist verflixt: Geheimnisse, die verborgen bleiben sollen mache ich noch peinlicher, indem ich zu viel rede. Meine Tochter kommt näher. Begutachtet Adrian: Er ist ein lebensechter aber irgendwie unlebendiger (also toter) Gegenstand aus Plüsch. Er gehört mir: einer vierzigjährigen Frau. Ich nehme ein Augenrollen und Seufzen wahr. „Was denn? Darf ich jetzt kein Kuscheltier haben, nur weil ich erwachsen bin?“ frage ich und meine Tochter starrt noch weitere Sekunden auf mich, wie ich hilflos mit hängenden Armen neben Kater Adrian stehe und sie nuschelt dann irgendetwas. Bestimmt ein Jugendwort. Auf englisch. Klar, damit ich es nicht verstehe.

Später sitze ich mit Adrian auf dem Sofa und kraule ihn. Das beruhigt und ist bestimmt gut für die Synapsen. Oder so. Adrian ist mucksmäuschenstill und bewegungslos. Was daran liegt, dass meine Tochter den Raum betritt und er ja nur mit mir spricht und sich bewegt, wenn ich alleine mit meiner regen Fantasie bin.

Meine Tochter setzt sich neben mich.

„Kann ich auch mal? Also „Adrian“ streicheln.“ ich reiche ihn ihr rüber.

„Mama, eigentlich ist es gut, dass du ein Kuscheltier hast.“ sagt sie und krault Adrian hinter den Ohren. „Jeder hat ja einen Gegenstand, den er mag. Und andere Erwachsene sprechen mit ihrem imaginären Freund namens Gott und denken, er rettet sie.“ sie ist kurz still und ich wünschte, ich könnte ihre unausgesprochenen Gedanken hören. „Oder sie reden mit Siri oder Alexa oder so. Du hingegen hängst nur mit einem Kuscheltier rum wie ich ja auch früher und erwartest: gar nichts wahrscheinlich.“


Ich entspanne mich ein bisschen und denke: „Doch! Ich erwarte Antworten auf Lebensfragen! Und Schnurren! Aber ich geb mich auch damit zufrieden, dass ich mir einbilden kann, Antworten auf Lebensfragen und Schnurren zu bekommen.“


Geht es nur mir so? Als Erwachsene mit Kuscheltier, die verheimlicht, eines zu haben? Ihr müsst wissen, ich habe schon immer eine blühende Fantasie. Und verstecke sie auch nicht. Oft fangen meine Sätze unter Freunden mit: „Stell dir nur mal vor, wenn dieses und jenes so wäre! Und dann wäre das so und so!“ an und dabei male ich mir (und anderen) alles in den leuchtendsten Farben aus. Das macht mich innerlich glücklich. Mir Dinge vorzustellen. Die Welt ist ein Regenbogen für mich und das zeige ich meinen Mitmenschen auch. Aber mein Kuscheltier? Unterliegt der Geheimhaltung. Schließlich stehe ich mitten im Leben und bin trotz meiner Fantasie Realistin. Ich lese viel wissenschaftlichen Kram und finde Hömöopathie und Klimaleugner und Hokuspokus nervig. Mein Gehirn findet keinen Zugang zu Verschwörungstheorien. Aber wie passen da Fantasie und mein Kuscheltier dazu? Sollte jemand, mit Plüschkatze auf dem Schoß nicht lieber zur Wahrsagerin und zum Alternativmediziner gehen? Nö. Auf keinen Fall.


Ich bin ja gut im Trennen: Ich vermische nichts. Ich trenne Kartoffeln auf dem Teller von der Soße und Arbeit von der Freizeit. Ich trenne Papiermüll von Glasmüll und Fakten von Fantasie. Letzteres passiert ja automatisch im Kopf. Widersprüche trägt trotzdem jeder Mensch in sich und das ist auch gut so.


Miau!

Ich habe Adrian gekauft, damit ich abends auf dem Sofa etwas habe, das ich festhalten kann. Irgendeine Art Kumpel. Meine Tochter ist nur jedes zweite Wochenende bei mir und ich will gar keinen echten Kumpel neben mir auf dem Sofa sitzen haben. Abends bin ich müde und hab tagsüber auf der Arbeit mein Wortvolumen ausgeschöpft. „Ein Paket für Dich! Danke. Bitte. Ein Einschreiben. Nich da für. Bitte. Wie gehts dem Hund? Schöne Rosen hast Du im Beet. Drei Pakete für Sie. Katzenfutter? Ach darum sind sie so schwer!“ Unzählige Menschen sehe ich jeden Tag und mit unzähligen Menschen rede ich jeden Tag. Abends merke ich oft die Reizüberflutung. Die Umgebung ist mir oft zu laut. Zu hektisch. Zu störrisch. Zu viel. Zu alles. Ich brauche Ruhe, um aufzutanken. Irgendein beruhigendes Ritual und irgendwie das Gefühl, dass jemand schweigend da ist und doch wieder nicht da ist.

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Zurück aus dem Kopf ins Jetzt. Meine Tochter krault Adrian.

Meow!

Adrian ist also ein lebensgroßes Katzenkuscheltier und fühlt sich auch fast so an. Weich. Wuschelig. Samtige Ohren. Ja, eine echte Katze wäre schön, aber ich bin Allergikerin und will doch einfach nur nach der Arbeit mit jemandem kuscheln. Mein Freund ist weit weg, wie Ihr wisst und so ein bisschen Liebe braucht ja jeder. Meine Tochter kuschelt nicht. Mein Rennrad passt nicht ins Bett und ich liebe Katzen. Aber kann selber keine haben.


Oh Gott! Ich hab ...! ich bin ..!  ich werde!!! Neurotisch? Ich brauche Dr.Google. Sofort! Das Internet sagt mir beruhigende Fakten; 19% aller Frauen nehmen ihr Kuscheltier mit in den Urlaub. Jede fünfte Frau verreist also mit ihrem Kuscheltier! Wahnsinn. Anscheinend gibt es aber kaum eine zu. Die Kontrolleure am Flughafen wissen wahrscheinlich mehr über Kuscheltiere in Reisetaschen und Koffern, als ich ahne.

„Mama, wenn du dir Gedanken darüber machst, ob du ein Problem hast, weil du ein Kuscheltier besitzt, dann hast du kein Problem. Du setzt dich ja innerlich bereits damit auseinander und reflektierst.“ hat meine Tochter auch noch gesagt. Sie spricht wirklich so. Manchmal denke ich, wie es sein kann, dass sie mir als 13-Jährige besser antworten kann, als manch ein Erwachsener. Ich bilde mir ein, dass es die Gene sind. Oder dass sie in ihrer frühen Kindheit eine Kuscheltiertherapeutenausbildung erworben hat. Mit Zertifikat. „Müssen Kuscheltiere auch zu Therapeuten?“ frage ich sie „Manchmal. Wenn sie sich mit anderen Kuscheltieren nicht vertragen und dann traurig sind.“ sagt sie ernst und dann kichern wir.

Ich streichle Adrian übers Fell, bis meine Tochter beschließt, dass er auch ein gutes Nackenkissen ist und sie zerquetscht ihn ein bisschen, als sie es sich gemütlich macht. „Mit einer echten Katze kann man das nicht machen.“ denke ich erhaben.

Spät abends liege ich im Bett. Adrian riecht nach nichts. Seine Haare kitzeln etwas in meiner Nase, als ich wie immer meine Kopfhörer aufsetze und meine App starte. Manchmal höre ich Podcasts zum Einschlafen (sie haben Bibi Blocksberg abgelöst) und noch viel öfter: Katzenschnurren. Ich stelle mir den Schnurrpegel neu ein und speichere ihn als Favorit: genau dieses Schnurren gehört jetzt zu Adrian. Dunkel und mit viel Bass und kein einziges Miauen kommt über seine Stofflippen. Und ich freue mich heimlich, dass sein Schnurren vielleicht meinen Blutdruck senkt und bestimmt andere heilsame Wirkungen hat. Und sei es nur als Placebo. Adrian hingegen ist kein Placebo: er ist echt. Na gut, als Kuscheltier zumindest.

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Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich Adrian mit zur Arbeit und in den Park nehmen würde. Verständnisvolle oder ungläubige Blicke von anderen (heimlichen Kuscheltier Besitzern)? Leises Tuscheln? In einer Umfrage gaben 48 % an, dass sie Verständnis haben, wenn jemand sein Kuscheltier mit in den Urlaub nimmt. Jeder Zweite würde also eher milde lächeln, wenn Adrian bei der nächsten Zugreise neben mir auf dem Platz liegt. Ich stelle mir vor, wie ein anderer Fahrgast auf Adrian, der breit auf dem Platz am Gang liegt, zeigt und fragt: „Ist hier noch frei?“ Vielleicht antworte ich: „Sorry, der Kater erträgt keine fremden Menschen neben sich.“ oder: „Klar, wenn Dich die Katerstimmung nicht stört.“ oder „Nur wenn Du ihn nicht ärgerst.“


Als ich eines Abends von der Arbeit heim komme, freue ich mich auf das Sofa. Und Adrian. Ich trinke Tee und seufze. Ohne zu sprechen sitze ich da und genieße die Stille um mich. Adrian liegt auf meinem Bauch und ist wie eine kleine Decke. Der Tee dampft etwas und ich stelle mir vor, wie mein Freund jetzt bei sich in der Wohnung meditiert, während ich ein ganz klein bisschen neurotisch - von außen betrachtet - meine Kopfhörer aufsetze, Katzenschnurren höre und Adrian durchs Fell wuschle. „Soll ich meinem Freund von Adrian erzählen?“ überlege ich. Und dann fällt mir ein, dass in seiner Wohnung ein gelbes lustiges Kuscheltier neben unseren Urlaubsbildern sitzt. Direkt neben dem Bett. Ich muss ein bisschen grinsen und weiß, was ich ihn später am Telefon fragen werde. Und dann macht sich Entspannung und Ruhe in mir breit. Das Schnurren in den Ohren beruhigt und das Kuscheln noch mehr. Es ist jetzt so, wie es nach einem langen Arbeitstag bei mir sein soll: absolut friedlich.

Ihr möchtet jetzt ein Foto von Adrian, oder? Aber das geht nicht: er hat geschnurrt, dass er es hasst fotografiert zu werden - und natürlich nehme ich auf seine Katerkuscheltiergefühle Rücksicht.

Stattdessen:

... hören wir nun auf mit den Geheimnissen und Du sagst mir: Wie heißt dein Kuscheltier?

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https://de.m.wikipedia.org/wiki/Kuscheltier

https://www.sueddeutsche.de/leben/erwachsene-und-kuscheltiere-stoff-fuer-traeume-

https://purrli.com

https://rp-online.de/leben/gesundheit/psychologie/warum-sie-ruhig-mal-wieder-zum-kuscheltier-greifen-sollten_aid-20673193

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