Berlin - Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat vor einer Verengung des öffentlichen Diskurses und einer daraus resultierenden Spaltung der Gesellschaft gewarnt. "Man muss aufhören, Debatten zu moralisieren oder bewusst darauf auszurichten, Leute niederzumachen", sagte sie der "Welt" (Montagsausgabe).

Vom konservativen bis zum linken Spektrum müssten alle, "die ein Interesse daran haben, dass unser Land nicht wie die USA endet, mit dieser extremen Spaltung", wieder lernen, mit "Anstand und Respekt" zu diskutieren. Dabei übte sie auch harsche Kritik am linken Lager. "Das, was heute Linksliberalismus genannt wird, sollte wegen seiner ausgeprägten Intoleranz eigentlich `Linksilliberalismus` heißen", so Wagenknecht. "Dieser Linksilliberalismus ist aus der neuen akademischen Mittelschicht der Großstädte entstanden, ein relativ privilegiertes Milieu, das heute weitgehend abgeschottet lebt, eine Filterblase im realen Leben."

Das Selbstverständliche müsse klar sein: "Wer bestimmte Meinungen nicht teilt, ist deshalb noch lange kein Nazi, der `gecancelt` werden muss", sagte sie. Das gelte auch für jene, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrierten. Es gebe Millionen von Menschen, die sich von der Regierung im Stich gelassen fühlten. Da sei es legitim zu protestieren.

"Viele Teilnehmer bei den großen Demonstrationen waren keine Verschwörungsideologen oder Rechtsextremisten, sondern ganz normale Bürger, deren Anliegen Politiker ernst nehmen sollten", sagte Wagenknecht. Ihrer eigenen Partei empfahl die ehemalige Fraktionsvorsitzende mit Blick auf den Bundestagswahlkampf, sich nicht auf Grünen-Klientel zu fokussieren. "Im Mittelpunkt unserer Politik müssen soziale Themen stehen, nicht Sprachverrenkungen und Lifestyle-Fragen. Und Linke müssen die selbstgerechte Attitüde ablegen, die viele Wähler vertrieben hat", sagte Wagenknecht.

Foto: Sahra Wagenknecht (über dts Nachrichtenagentur)