Warum schreibe ich so gern Artikel über Qualen, gruselige Orte oder Ereignisse, Wunden, Folter oder Tod?

Warum werden die so gern und viel gelesen?

Warum schaue ich so gern Gefängnis- oder Lagerfilme?

Warum gibt es so viele weltberühmte davon? Ebenso Film über Krieg und Folter?

Warum sind wir neugierig, wenn irgendwo ein totes Tier liegt oder ein Unfall geschieht und müssen uns mit unserem Verstand zwingen, nicht stehenzubleiben , um zu schauen?

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Kali, Göttin der Zerstörung

2004 wurde der britische Ingenieur Ken Bigley im Irak hingerichtet. Am nächsten Tag soll das Video seiner Enthauptung auf Google das meistgesuchteste gewesen sein.

Warum gehen Menschen zu Hinrichtungen? Warum sind sie davon fasziniert?

Die Psychologie hat dafür keine wirkliche Antwort.

Eine Vermutung ist, dass es daran liegt, dass wir in einem keimfreien Zeitalter leben.

Der Tod und schlimme Krankheiten finden nicht mehr öffentlich statt sondern hinter dicken Mauern…als ob sie nicht existierten.

Selbst die Pornos sind keimfrei, alle sauber, gepflegt und glattrasiert bei dem, was doch eigentlich schmutzig sein sollte.

Sogar Körperhaare werden als schmutzig angesehen. Aber es gibt eine Tendenz, dass Leute, auch wenn sie es vielleicht nicht zugeben, sich Filme mit unperfekten, behaarten Körpern anschauen. Körper, die man als hässlich und schmutzig sieht.

Das findet der Kopf oft eklig aber unter der Gürtellinie gefällt es.

Sexshops.Da gibt es jetzt überall diese ebenfalls keimfreien Orte, wo Frauen sich wohlfühlen sollen, mit rosa Plüschhandschellen. Klinisch. Nur Bücher mit schönen Sexgeschichten.

Alles sauber, keine Kabinen, in denen sich Typen, die verschämt dort hingehen, sexuell allein erleichtern.

Orte, die keine Scham und andere unangenehmen Gefühle auslösen.

Und alles, was immer mehr verborgen wird, wird faszinierender.

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Platon erzählt in einem Buch, das er vor 2500 Jahren geschrieben hat, von einem Adligen aus Athen, der spazieren geht und vor der Stadtmauer die Leichname frisch hingerichteter Verbrecher sieht.

Er schlägt die Hände vors Gesicht, weiß, er sollte nicht hinsehen, rennt aber doch hin, um sich dass genau anzusehen. Er saugt den Anblick in sich hinein.

Platon wagt keine Erklärung.

Viele Philosophen haben es versucht.

Es gibt drei Theorien:

  1. Es sei kathartisch (reinigend), dem Leiden anderer zuzusehen. Kant sagte, dass Menschen begierig zu Hinrichtungen eilen wie zu einem Schauspiel. Er meint, dass sie es nicht machen, weil sie es genießen, sondern weil sie hinterher ein Gefühl der Entspannung erleben. Aristoteles hatte weit vorher die Katarsistheorie aufgestellt. Die besagt, dass wir uns durch das Aufrühren starker Gefühle von Schrecken und Mitleid selbst reinigen und danach leichter und erfrischt fühlen.
  2. Adam Smith sagt, dass man, wenn man Zeuge beim Leiden anderer wird, dadurch die Sympathie (heute Empathie genannt) fördert. Wenn wir selbst zusammenzucken, wenn jemand gequält wird, spüren wir ein wenig des Leidens des anderen in uns selbst. Dies bedeute, dass wir den Instinkt haben, uns in andere hineinzuversetzen. Heute spricht man von einem durch Evolution erworbenen Impuls. Wenn wir also gaffen, wenn jemand in einen Krankenwagen gehieft wird, nehmen wir die Gelegenheit wahr, Empathie zu empfinden und soziale Bindungen zu stärken. Morbide Neugier sei also angeboren wie die Reflexe, so, wie es uns zum Lachen bringt, wenn man uns kitzelt.
  3. Die dritte ist meine Lieblingstheorie. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung vertrat die Ansicht, dass wir tief in unserer Seele ein dunkles "Lager " haben. Dort befinden sich unsere erotischen Wünsche, unsere Mordlust, und unsere Verzweiflung, die zur Selbstzerstörung drängt. Das ist unser "Schatten", der uns gleichzeitig anzieht und abstößt. Die Anziehung kommt von der Sehnsucht unserer Seele, ganz zu werden, jeden Aspekt von sich selbst zu integrieren. Normalerweise fragmentieren (zerstückeln) wir unsere Seelenaspekte und unterdrücken so vieles, was wir eigentlich wollen. Wenn wir nun Bilder gefolterter Gefangener sehen, geben wir damit unseren Ganzwerdungsimpulsen Raum und spüren danach Erleichterung.

Trotzdem bleibt die morbide Neugier für uns etwas, was schuldbehaftet ist.

Wir schauen verstohlen und starren nicht, wir verurteilen Kulturen, wo man offen hinsieht.

Auschwitz zu besuchen, verursacht uns gleichzeitig Bestürzung und Kummer, aber auch Scham und Verwirrung, weil wir uns unser morbides Interesse daran nicht erklären können.

Wir schauen hin, wenn jemand stirbt und gleichzeitig schämen wir uns, weil wir vielleicht seine Privatsphäre verletzen.

Später sagen wir dann vielleicht, dass uns der Übergang von Leben zu Tod so fasziniert hat.

Nur Ärzte und Krankenpersonal "dürfen" in unserer Kultur das Leid sehen, weil sie die einzigen sind, die die Möglichkeit haben, es zu lindern.

Alle anderen sind "böse", wenn sie es sehen wollen.

Die Kunst ist nun, diesen dunklen Teil von uns leben zu lassen. Ihn herauszuholen, zu betrachten, den Schrecken auszuhalten, zu sehen, dass wir es selbst sind.

Er darf nur nicht das Kommando übernehmen, denn dann würde es schrecklich auf der Welt.

Der dunkle Teil in uns muss geschützte Räume haben, wo er leben darf und uns gleichzeitig nicht in Gefahr bringt.

Ein verdrängter dunkler Teil agiert oft genug dann eigenmächtig, aus unserem Unbewussten heraus, wenn er nie ans Licht darf und nie betrachtet wird.

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Dann, ja dann richtet er Schaden an.

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