Ein Debattenbeitrag zur Wissenschaftskommunikation

In den öffentlichen Diskussionen und Gesprächen seit Beginn der Pandemie haben wir sehr häufig Herrn Prof. Dr. Hendrik Streeck gehört und gelesen. Dabei fielen uns immer wieder Äußerungen auf, die unseres Erachtens allgemein im Widerspruch zum aktuellen wissenschaftlichen Konsens (auch bezüglich der Corona-Pandemie) stehen und damit das Ansehen der Wissenschaft und ihre Glaubwürdigkeit nachhaltig beschädigen. Zudem halten wir sie für nachteilig hinsichtlich eines adäquaten Diskurses und des Erfolges der Maßnahmen, um die Politiker zur Eindämmung der Corona-Virus-Pandemie ringen.

An sieben Beispielen möchten wir unsere Beobachtungen exemplarisch ausführen:

1. Masern: In der Sendung "Lanz" vom 3. Februar 2021 lehnt Prof. Streeck ab Minute 24:19 die von der Journalistin Vanessa Vu angeführte Situation der Ausrottung der indigenen Bevölkerung Nordamerikas durch die Masern mit der Bemerkung, als Virologe würden sich ihm die Nackenhaare sträuben, als irrelevant ab und begründet dies mit der Aussage, Masern seien Viren, die sich über Schmierinfektionen verbreiteten.

Das Robert-Koch-Institut stellt allerdings heraus, dass sich Masern in erster Linie durch das Einatmen aerosoler Tröpfchen verbreiten. (https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Masern.html;jsessionid=EC8F2DF148503E2C6D4E14448F3EFDC0.internet102#doc2374536bodyText2).

Weiterhin führte Prof. Streeck aus, dass Masern 2 Tage vor Symptombeginn ansteckend seien. Der RKI-Darstellung ist dagegen zu entnehmen, dass Masern etwa 4 Tage vor bis 4 Tage nach Symptombeginn ansteckend sind. Den R-Wert benannte Prof. Streeck mit 12, in der Fachliteratur wird er dagegen mit 12-18 angegeben - also mit einem bis zu 50% höheren Wert.

Prof. Streeck stellt hier unseres Erachtens eine der bekanntesten und gefährlichsten Infektionskrankheiten, deren Gefährlichkeit zu einer Impfpflicht in Deutschland geführt hat, in wesentlichen Aspekten falsch dar. Er beschreibt zudem die jeweils "harmloseren" Werte, was im Ernstfall zu falschen und gefährlichen Schlussfolgerungen führen könnte. Wir stellen uns vor, es könne heutzutage noch eine Masern-Epidemie/Pandemie geben, so würde eine solch falsche und verharmlosende Einordnung zu einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes führen.
Selbst Eltern sind von ihren Kinderärzten und aus den Eltern-Informations-Broschüren anhand der anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Allgemeinen weitaus besser informiert.

2. Coronaviren: Ab etwa Minute 26:10 derselben "Lanz"-Sendung führt er vier Coronaviren (und auf Nachfrage des Moderators "und das neue Coronavirus") an. Bislang sind allerdings in der Fachliteratur sieben (laut CDC: https://www.cdc.gov/coronavirus/types.html) humane Coronaviren beschrieben: vier davon verursachen nur leichte bis mittlere (Erkältungs-)Symptome, drei weitere (SARS 2002-2003, MERS 2012 und nun SARS-CoV 2) verursachen - als Tierseuchen entstanden - nach Übersprung schwere Krankheiten beim Menschen.
Auch hier sind wir sehr hellhörig geworden, dass von Prof. Streeck nur die vier "harmlosen" Erkältungs-Coronaviren als Bezugsviren genannt werden.

3. Glauben statt Wissen(schaft): Im ersten Teil derselben "Lanz"-Sendung teilt Prof. Streeck den Eindruck mit, dass über die Pandemie kaum etwas "gewusst", sondern mehrheitlich nur Dinge "geglaubt" werden. Diese Formulierung ist aus dem Munde eines Wissenschaftlers, der seit einem Jahr intensiv an der wissenschaftlichen Kommunikation in der Pandemie beteiligt ist, mehr als problematisch. Sie entspricht nicht dem wissenschaftlichen Forschungsstand (allein bis Oktober 2020 waren über 20.000 Studien zur Corona-Pandemie veröffentlicht - mehr als zu jedem anderen Thema in so kurzer Zeit in der Geschichte der Medizin). Diesem umfangreichen Wissen kein "Wissen", sondern nur "Glauben" zu unterstellen, empfinden wir als Herabsetzung aller wissenschaftlichen Erkenntnis, die als verlässliche und sachlich richtige Grundlage folgenreicher politischer und gesellschaftlicher Entscheidungen dienen muss.
Selbst wenn wir wohlwollend nur auf eine unglückliche Formulierung abhöben, wäre es von einem der medial mit am häufigsten präsenten Wissenschaftler angemessener, sich auf das "bisherige Wissen" zu beziehen, anstatt die Pandemie von "Geglaubtem" dominiert zu betrachten und damit als vage und und in den (politischen) Reaktionen als beliebig verhandelbar darzustellen.

4. BSE - CJK/vCJK: Im Vortrag vor dem Wirtschaftsforum (https://www.youtube.com/watch?v=0KFrmgy7SCY) Anfang Oktober 2020 fiel uns auf, dass Prof. Streeck u.a. über Todesrisiken und -fälle sprach und Vergleiche zog. Abgesehen davon, dass wir denken, dass man Äpfel nicht mit Birnen (und die Gefahr an einer - zu diesem Zeitpunkt - noch nicht beimpfbaren und bis heute nicht sicher behandelbaren neuen hochansteckenden Krankheit nicht mit der Gefahr von Flugzeugabstürzen) vergleichen kann, möchten wir einen Punkt herausgreifen: Prof. Streeck berichtet ab Minute 18:42 von der Zeit, als die Rinderseuche BSE Schlagzeilen machte und aus Vorsicht weniger Produkte aus Rindfleisch bzw. bestimmte Körperteile nicht mehr verzehrt wurden. Er sagt, in dieser Zeit sei niemand in Deutschland an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben.
Dies stimmt nicht - an der CJK mit ihren verschiedenen Formen sind auch in den 90er Jahren Menschen verstorben - bspw. an der sporadischen CJK. Die gemeldeten Erkrankungsfälle können bspw. hier entnommen werden: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Erreger_ausgewaehlt/CJK/CJK_pdf_03.pdf?__blob=publicationFile.
In den maßgeblichen Ausführungen des RKI werden verschiedene Formen der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit unterschieden. Aus den Äußerungen von Prof. Streeck und dem Nachlesen beim RKI kann man folgern, dass Prof. Streeck die vCJK meint. An dieser Variante ist in der Tat bis heute in Deutschland kein Mensch gestorben, in Großbritannien aber bspw. 177 Menschen in den Jahren der Ausbreitung unter den Rindern. Und weiter: infizierte Menschen sterben teilweise erst viele Jahre später, da die Inkubationszeit sogar im Bereich zwischen (gesichert) 4,5 bis 15 Jahren liegen könnte (noch nicht abschließend erforscht).
Wir fassen zusammen: An vCJK ist in Deutschland niemand gestorben. An CJK sind in Deutschland Menschen gestorben - nachzulesen bspw. hier https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Erreger_ausgewaehlt/CJK/CJK_pdf_08.pdf?__blob=publicationFile.

Auch hier: Covid-19 und ihre Gefahren mit den Gefahren der (verschiedenen) CJK-Varianten und zudem - ebenfalls falsch dargestellten - Todesfällen durch Lampenölmissbrauch in Zusammenhang zu bringen, um über Angstwahrnehmung zu sprechen, wird von empfänglichen Ohren als willkommene lächerlich machende Verharmlosung aufgefasst. Das muss Prof. Streeck nach Monaten der Pandemie in der Welt UND den bestimmenden Diskussionen der Öffentlichkeit, an denen er maßgeblich beteiligt ist, zu jedem Zeitpunkt klar sein. Auch alle weiteren Vergleiche und In-Bezugsetzungen von Gesundheits- und Lebensrisiken kranken an der sachlichen Nichtvergleichbarkeit und erwecken den Eindruck, der Verharmlosung von Covid-19 zu dienen.

5. Herdenimmunität: Am 14.10.2020 spricht Prof. Streeck im Interview der Fuldaer Zeitung davon, es gäbe Hochrechnungen, dass New York keine hohen Infektionszahlen mehr zu erwarten habe, da dort bereits Herdenimmunität (ohne Impfung!) eingetreten sei (https://www.fuldaerzeitung.de/panorama/coronavirus-hendrik-streeck-ampelsystem-neuinfektionen-virologe-bonn-covid19-heinsberg-studie-90033150.html). Auch zu anderen Zeitpunkten (Sommer/Herbst) äußert er diese Vermutung. Der US-Chef-Epidemiologe Fauci beurteilt im September 2020 - also vor dem o.g. Interview - die Situation in New York allerdings vollkommen anders (auf ähnliche Herdenimmunitäts-Aussagen des Republikaners Rand Paul): " 'You are not listening,' Fauci shot back. 'In New York [immunity is] about 22%. If you believe 22% is ‘herd immunity’, I believe you’re alone in that.' "
Die Fachwelt vermutet, dass eine Herdenimmunität erreicht wird, wenn ca. 2/3 (60-70%) der Menschen immun gegen das Coronavirus sind. Bei infektiöseren Varianten nimmt man sogar 3/4 (75%) der Menschen an. Die Aussage von Prof. Streeck ist geeignet, für große Verunsicherung in der Bevölkerung zu sorgen. Die Aussicht, nach einem Jahr Pandemie ohne Impfung schon Herdenimmunität erreicht zu haben und sei es auch nur in einer Stadt, ist kaum nachzuvollziehen, wenn Berechnungen sagen, in Deutschland (ca. 83 Mill. Einwohner) würde es ca. 8 Jahre dauern, wenn man bei bspw. 20.000 Infektionen/Tag eine natürliche Herdenimmunität aufbauen wollte, wie sie für New York (ca. 8,5 Mill. Einwohner) von Prof. Streeck schon im Frühherbst postuliert wurde (https://www.tagesspiegel.de/wissen/wann-ist-es-endlich-soweit-der-muehsame-weg-zur-herdenimmunitaet/26767582.html). Im November verzeichnet New York tägliche Neuinfektionen von knapp 5.000 Personen, was zu neuer größter Besorgnis führt. Von Herdenimmunität kann hier sicher noch sehr lange nicht gesprochen werden.
Ein Blick nach Brasilien zeigt zudem, dass selbst eine zahlenmäßig erfolgte annähernde Herdenimmunität bei Laufenlassen der Pandemie nicht zur Kontrolle derselben führt, da große Infektionszahlen eine hohe Gefahr an Mutationen (und damit auch sog. "Escape"-Mutationen) nach sich ziehen, gegen die eine schon erworbene (natürliche) Herdenimmunität keinen Effekt mehr hat. Das Leid und den Tod in diesem Land (und auch im oben angeführten New York), die eine annähernd "natürliche Herdenimmunität" bedeutet, brauchen wir nicht näher darzustellen.

6. Prof. Streecks eigene Impfung: Nicht transparent ist für die Öffentlichkeit auch die Frage der Impfung von Prof. Streeck. Er selbst sagte am 23. Februar 2021: "Die Virologen gehören zur Priorisierung 1, da wir mit Aerosol-haltigen Materialien arbeiten. Ich habe bereits ein Impfstoff-Angebot bekommen." (https://www.n-tv.de/panorama/Wir-sollten-mit-Babyschritten-vorangehen-article22380933.html) und am 25. Februar 2021 antwortet er der FR, "er selbst habe als Virologe mittlerweile ein Impfangebot bekommen und werde vermutlich den Impfstoff von Moderna bekommen."
Damit widerspricht Prof. Streeck seinen eigenen Äußerungen vom 4. Februar 2021 in der NDR-Talksendung DAS (https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/das/Virologe-Prof-Hendrik-Streeck-zu-Gast,sendung1120744.html), in der er ab Minute 04.40 über seine eigene Impfung befragt wird: Er wurde am 2.2.2021 mit der ersten Dosis des Moderna-Impfstoffes geimpft. Im Interview berichtet er über seine anfängliche Verwunderung, so früh "dran" zu sein und seine diesbezügliche Rückversicherung bei seinem ärztlichen Direktor.
Geht man von der üblichen Frist für die 2. Dosis von 3 Wochen aus, wäre Prof. Streeck also am 25. Februar, als er gegenüber der FR darstellte, ein "Angebot" mit "vermutlich" dem Impfstoff Moderna bekommen zu haben, schon seit zwei Tagen vollständig geimpft gewesen.

In der Öffentlichkeit wurde schnell gefragt, mit welcher Begründung Prof. Streeck überhaupt schon am 2. Februar 2021 geimpft wurde und damit offensichtlich zur Impfkategorie 1 gehört. Das einzig hinreichende Kriterium könnte die Arbeit "in Bereichen mit aerosolgenerierenden Tätigkeiten" (vgl. https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/tabelle_impfpriorisierung.pdf) sein. Er selbst führt (s.o.) auch an, der Grund seiner frühen Impfung bestünde in seiner Arbeit mit "aerosolhaltigen Materialien".
Die Bestimmungen, unter denen in Deutschland mit Biostoffen unterschiedlicher Gefährdungsklassen gearbeitet werden darf, sind sehr streng und wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Prof. Streecks Labor, in dem mit SARS-Cov2-Viren gearbeitet wird, mehr als gut und zuverlässig mit diesen Schutzmaßnahmen ausgestattet ist und alle Bestimmungen bestmöglich und kontrolliert beachtet, um alle Mitarbeiter zu schützen. Weiterhin gehen wir davon aus, dass die "Aerosolbelastung" im Labor mit Nichts mit der in einem Pflegeheim oder einer Schulklasse zu vergleichen ist, in denen lediglich "Alltagsschutzmaßnahmen", die keiner derart strengen Kontrolle wie in einem Universitätslabor unterliegen, angewendet werden. Nicht umsonst ist der Schutz in einem Labor an allerhöchste Ansprüche gekoppelt. Die Infektionsgefahr, die im Labor von den dort untersuchten SARS-Cov2-Virenproben ausgeht, ist sicher um ein X-faches geringer als für die Menschen "draußen" im Kontakt mit anderen (asymptomatischen, präsymptomatischen) ausatmenden/niesenden/hustenden Infizierten.

Im Interview der Sendung "Maischberger" am 27. Januar 2021 - also wenige Tage vor seiner eigenen Erstimpfung - betont er stolz ab Minute 28.45, dass sich in seinem Institut kein einziger Mitarbeiter angesteckt habe, und man gut mit dem Virus umgehen könne, wenn man vorsichtig sei.

Prof. Streeck propagiert also den erfolgreichen vorsichtigen Umgang "mit dem Virus", arbeitet in einem Labor mit höchsten Sicherheitsansprüchen und wird in Priorität 1 (und selbst innerhalb dieser Impfkategorie früher als die meisten anderen Menschen über 80 Jahren, mit gesundheitlichen Risiken, engstem Kontakt zu vielen nachweislich infizierten Personen etc.) mit einem mRNA-Impfstoff geimpft.

Die Chronologie einer Impfung in Daten:

27. Januar 2021: Interview – kein Mitarbeiter infiziert sich in Prof. Streecks Labor, ein Beweis dafür, dass man mit dem Virus gut umgehen kann.

29. Januar 2021: Zulassung von Astra-Zeneca, ab sofort werden mRNA-Impfstoffe den über 65-Jährigen (aktuell ü80-Jährigen) reserviert, alle unter 65-Jährigen können und sollen mit Astra-Zeneca geimpft werden. Klinikpersonal und Forscher an den Kliniken soll dagegen mit Moderna geimpft werden (vgl. die Ausführungen der StIKo und des BMG sowie https://www.mags.nrw/pressemitteilung/impfstart-nordrhein-westfaelischen-krankenhaeusern-minister-laumann-besucht).

2. Februar 2021: Prof. Streeck wird mit Moderna (mRNA-Impfstoff) geimpft.

4. Februar 2021: Prof. Streeck berichtet im NDR von seiner 1. Impfung.

23. Februar 2021: Prof. Streeck berichtet im Interview, er habe ein Impfangebot bekommen, da er mit „aerosolhaltigen Materialien“ arbeite.

25. Februar 2021: Prof. Streeck berichtet erneut von einem erhaltenen Impfangebot, „vermutlich“ mit dem Impfstoff Moderna.

Zu diesem Zeitpunkt war er – nimmt man den üblichen Impfabstand von 3 Wochen zwischen Dosis 1 und Dosis 2 an – vollständig mit Moderna geimpft.

Wir möchten ausdrücklich betonen, dass wir Prof. Streeck wie jedem anderen Menschen dieser Welt die schnellstmögliche Impfung gönnen, die möglich ist. Aber für eine medial derart präsente Person, die unseres Erachtens nur mit viel argumentativer Akrobatik zur Impfkategorie 1 gehören kann, halten wir eine Kommunikation, die die eigene Impfung erst darstellt und dann doch wieder bezüglich des Impfstoffes und -zeitpunktes verschleiert angesichts der vielen Menschen, die dringend auf die für sie lebensrettende Impfung warten, für mehr als problematisch. Wenn Prof. Streeck schon die eigene Impfung in der Öffentlichkeit mehrfach thematisiert, wäre eine stimmige Kommunikation angezeigt gewesen.  

7. Beeinflussung medialer Darstellung: Einen weiteren Aspekt der Beschädigung wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit sehen wir darin, dass Prof. Streeck bei der Freigabe eines Interviewtextes des online-Magazins Cicero vom 8. Oktober 2020 exemplarisch nicht nur seine im Interview gegebenen Antworten verändert hat (was zur Klärung der Frage: bin ich vom Interviewer richtig verstanden worden - üblich ist), sondern auch die gestellten Fragen des Interviewers nachträglich verändern wollte und damit aus einem real mit den SO gestellten Fragen erfolgten Interview ein in den angesprochenen Punkten "erfundenes" Interview gemacht hätte. Das Magazin behielt die original gestellten Fragen bei, was Prof. Streeck dazu veranlasste, die Löschung des gesamten Interviews zu fordern. (https://uebermedien.de/53869/ueber-ein-erstaunlich-veraenderliches-interview-mit-hendrik-streeck/).
Für den Betrachter sendet das ein sehr ungünstiges Signal der Unglaubwürdigkeit und Manipulation: ein Interview ist erfolgt, die Fragen wurden im Vollbesitz der geistigen Kräfte des Befragten gestellt und beantwortet, die Prüfung der Verschriftlichung der Antworten erfolgt den Gepflogenheiten entsprechend und der Befragte möchte aber viel mehr: im Nachhinein Fragen verändern und dem Interview damit eine andere Aussage verschaffen. Das beschädigt die Person des Interviewers, den Journalismus (den man nicht für persönliche Interessen und Eitelkeiten benutzen sollte), den Berufsstand als Mediziner, die Wissenschaft und im weitesten Sinne auch die Institutionen, in deren Namen der Betroffene spricht - hier: die Universität Bonn.

An der Universität Bonn lernt man – so die Erfahrung einer der hier Unterzeichnenden – exaktes wissenschaftliches Arbeiten, Belegtechnik und vor allem Ehrlichkeit. Und so nehmen wir diese wunderbare, hoch renommierte Universität immer wahr: als Stätte bester und aufrichtigster Arbeit in Wissenschaft und Forschung. Dieses Bild bekommt auch in der Öffentlichkeit massive Brüche, wenn Mitglieder sich entgegen solcher sittlichen und wissenschaftlichen Grundsätze medial immer und immer wieder präsentieren.
Die Motivation halten wir dabei für irrelevant - wir sehen und können verstehen, dass Prof. Streeck durch seine mediale Präsenz ins Schussfeld der Kritik gerät. Das ist menschlich belastend und sicher nicht immer leicht auszuhalten - vor allem, wenn man sich so dramatisch in die Öffentlichkeit hat spülen lassen.

Durch die hier nur exemplarisch ausgewählten Punkte und seine selbstgewählte Dauerpräsenz durch alle Medienkanäle hindurch hat er diese Kritik aber maßgeblich selbst mitzuverantworten.
Jeder Leser, jede Leserin wird aus der öffentlichen Diskussion selbst viele weitere Punkte/Themen/Auftritte kennen, zu denen sachliche oder kommuikationswirkungsrelevante Fragen zu stellen sind - die Medien sind voll davon, es gibt jenseits eines unseres Erachtens ebenso inakzeptablen Bashings zahlreiche ernstzunehmende Analysen und Beobachtungen. (https://www.riffreporter.de/de/wissen/corona-streeck-fehler-talkshows-uebermedienhttps://uebermedien.de/57343/hendrik-streeck-der-mann-der-dauernd-falsch-liegt-aber-immer-wieder-als-corona-experte-gebucht-wird/).

Angesichts der sich zunehmend spaltenden Diskussion sehen wir gerade die Wissenschaft in der Verantwortung - ganz besonders hinsichtlich der Wortwahl und der "Botschaften", die damit verbunden sind. Umso größer sehen wir auch Prof. Streecks Verantwortung, wenn er positiv von der Situation in Schweden spricht, sie aber nicht als Vorbild anführen will (Vortrag beim Wirtschaftsforum); wenn er vorschlägt, Schulen unter wissenschaftlicher Beobachtung zu öffnen (wie ein Experiment: eine Schule soll geschlossen bleiben, eine soll öffnen - also Infektionen sollen bewusst zu Forschungszwecken in Kauf genommen werden) und gleichzeitig verneint, dass es sich um ein "Menschen-Experiment" handelt (Maischberger); wenn er ein exponentielles Wachstum mit dem Verweis auf eine Gompertz-Kurve verneint (Vortrag Wirtschaftsforum/twitter) oder sogenannte "Superspreader"-Events an Schulen verneint (Ruhr-Nachrichten Ende Oktober 2020), obwohl der große Ausbruch an der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg schon erfolgt und bekannt war (allerdings die Ergebnisse von den betreffenden Politikern zurückgehalten wurden). Von ihm als Virologen hätte man erwarten können, dass er zu den Hamburger Verhältnissen kritische Fragen stellt, anstatt dem Narrativ der sicheren Schule mediale Unterstützung zu geben. Nicht nur die vielgeschmähten "Hobbyvirologen" haben ein Superspreader-Event vermutet und Recht behalten.

Wenn ein renommierter Wissenschaftler einer Exzellenzuniversität und Mitglied des Expertenrates der Landesregierung NRW Positionen äußert, in denen wissenschaftlich erwiesene Fakten falsch und - unserem durchgängigen Eindruck nach immer die Pandemie verharmlosend - dargestellt werden, hat das eine fatale Wirkung für das Ansehen der Wissenschaft im Allgemeinen, auf Entscheidungen der Politik, aber auch auf die Bevölkerung, die auf verlässliche, sachlich richtige und in ihrer Ernsthaftigkeit vollständige wissenschaftliche Aussagen angewiesen ist, um Einsicht in Maßnahmen zur Infektionskontrolle zu bekommen. Verharmlosende Positionen werden "mit Handkuss" von Coronaleugnern aufgegriffen, wie Prof. Streeck selbst schon erleben musste. Der wichtigen Compliance der Bevölkerung für die lebensrettenden pandemieeindämmenden Maßnahmen, um so schnell wie möglich viele Infektionen/schwere und tödliche Fälle zu verhindern und so wenig wirtschaftlichen/gesellschaftlichen Schaden wie nötig anzurichten, ist jede Verharmlosung abträglich.

An verschiedener Stelle hat Prof. Streeck sich gegen Vereinnahmungsvorwürfe gewehrt, damit mag er im Einzelfall sicher Recht haben und wir sind entrüstet, was und wen Coronaleugner versuchen, für ihre gefährlichen Umtriebe zu instrumentalisieren, aber je mehr eine Person in der Öffentlichkeit steht, umso mehr muss sie ihre Worte bedenken. Im Nachhinein immer wieder umzuformulieren, zu dementieren oder ganz anders darzustellen und sich als falsch verstandenes Opfer zu inszenieren, bewirkt seit einem Jahr ständig neue Verwirrung. Vielleicht wäre es besser, die eigene Kommunikation grundlegend zu überdenken und an der einen oder anderen Stelle deutlich zurückzufahren (in der Vehemenz wie auch in der Anzahl medialer Präsenzen). "Kommunikation ist Wirkung" lautet ein Grundsatz der Kommunikationslehre. Das gilt umso mehr, je öffentlicher und relevanter eine Person kommuniziert. Mit der öffentlichen Präsenz steigt auch die Verantwortung für die eigene Kommunikation. Diese Verantwortung kann einem Menschen auch keine PR-Agentur abnehmen.

Unter dem Aspekt der Meinungsfreiheit steht es Prof. Streeck selbstverständlich frei, seine persönliche Meinung zur Pandemie zu haben, allerdings führen seine Bekanntheit und seine Reichweite als Wissenschaftler dazu, dass seine "persönliche Meinung" geeignet ist, großen Einfluss auf die Bevölkerung zu haben, ggf. zu Schaden zu führen, Menschen zu verunsichern sowie Verharmlosern und Lockerungsforderern in die Hände zu spielen. Nicht umsonst wird Prof. Streeck in wirtschaftsliberalen und Arbeitgeberkreisen sowohl auf Veranstaltungen wie auch der wirtschaftsorientierten Presse überdurchschnittlich gerne gesehen, sind seine vagen und interpretierbaren Äußerungen doch geeignet, frühen Öffnungswünschen trotz hoher Infektions- und Erkrankungszahlen Nährboden zu geben.

Falschinformationen und immer an der untersten Harmlosigkeits-Grenze argumentierende Äußerungen beschädigen zudem die Wissenschaft nachhaltig.

Die hohe Hürde der Freiheit von Forschung und Lehre durchaus kennend und unbedingt wahren wollend, denken wir gerade deswegen, dass eine zu große Nähe zu politischen Gremien und wirtschaftlichen Interessengruppen nachteilig für eine sachliche und nüchterne Unabhängigkeit wissenschaftlichen Diskurses ist. Die Zuführung von zu einem bestimmten Zeitpunkt erwünschten Studien-Ergebnissen wie die von Ministerpräsident Laschet pünktlich zum Treffen mit der Kanzlerin erbetenen Heinsberg-Daten im Frühjahr 2020 sowie die Nutzung nicht etwa der Pressestelle der Universität Bonn, sondern einer privaten PR-Agentur, die aufgrund persönlicher Bekanntschaften ausgesucht wurde, sind ebenfalls wenig geeignet, Glaubwürdigkeit in die Neutralität dieser wissenschaftlichen Beratung im Expertenrat der Landesregierung NRW sowie der Information der Bevölkerung zu haben (vgl. https://www.riffreporter.de/de/wissen/corona-streeck-heinsberg-pandemie-exit-laschet). Der Studie folgten zudem auch die Fragen zu den dort verzeichneten (nicht vollständigen) Todeszahlen, so dass ihre Aussagekraft damit mindestens zu hinterfragen ist (https://medwatch.de/2020/11/26/die-ungezaehlten-todesfaelle-aus-gangelt/).

Ein Jahr Corona-Virus-Pandemie haben eine kaum überschaubare Vielzahl von Fragen und Zweifeln hinsichtlich der öffentlichen Wirkung von Prof. Streeck aufkommen lassen, wie zu keinem anderen Wissenschaftler.

Prof. Streeck wird vielfach vorgeworfen, in seinen Annahmen und Einschätzungen falsch zu liegen. Vergleiche mit Kollegen werden herangezogen, es wird gezählt und dokumentiert. Das sehen wir einerseits kritisch - kein Wissenschaftler hat eine Glaskugel, in der er den Fortgang einer Pandemie herauslesen kann und von keinem kann erwartet werden, dass er hellseherisch voraussagt. Andererseits fällt auf, dass es in der Tat sehr viele Kolleg:innen verschiedener Disziplinen gibt, die eine deutlich treffgenauere Einschätzung und Einordnung geben konnten und weiterhin können. Nach einem Jahr Pandemie kann man also durchaus eine Beurteilung geben, wer die Lage neutraler, virologisch genauer und wissenschaftlicher einzuschätzen in der Lage ist. Dass JEDE Einschätzung große Auswirkungen auf die Bevölkerung hat, brauchen wir dabei nicht zu betonen.
Einschätzungen derart, dass eine milde/asymptomatische Infektion gut für das Immunsystem sei und diese Patienten das Virus weder weitergeben noch sich nochmal infizieren können (Vortrag Wirtschaftsforum Anfang Oktober 2020), sind Aussagen in Richtung einer "natürlichen Herdenimmunität", zu deren wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit wir keinen Beleg finden können und deren Wirkung renommierte Wissenschaftler in der ganzen Welt für fatal halten (vgl. bspw. die Diskussion um die Great Barrington Decleration und das John Snow Memorandum). Jede Infektion birgt nach heutigem Kenntnisstand die Gefahr eines schweren und/oder tödlichen Verlaufes oder einer LongCovid-Erkrankung, abgestuft nach Alter und Risikofaktoren - selbst im Oktober wusste die Wissenschaft das schon und selbst in der so umstrittenen Patientengruppe der Kinder waren so viele Fälle weltweit beschrieben, dass man zumindest aufmerksam werden musste. Die Frage der Gefahr von Reinfektionen ist wissenschaftlich noch nicht beantwortet, v.a. mit Blick auf Brasilien ist eine solche Sichtweise mindestens fragwürdig.
Wer sich also - wir konstruieren - nach einem asymptomatischen/milden Verlauf "vorpandemisch" verhält, weil er das Virus nicht mehr übertragen, noch sich selbst erneut infizieren zu können glaubt, begeht unter Umständen einen für sich oder andere tödlichen Fehler - und bezieht sich dabei auf eine öffentliche Aussage eines im Rampenlicht stehenden Wissenschaftlers, dem man Glauben geschenkt hat.

Jüngstes Beispiel völlig unglaubwürdiger Einschätzungen ist die im Januar 2021 erfolgte "beruhigende" Äußerung, die Infektionszahlen würden ab März oder April 2021 aufgrund des üblichen saisonalen Verhaltens von Coronaviren (welche der sieben? s.o.) sinken (https://web.de/magazine/news/coronavirus/hendrik-streeck-maerz-spaetestens-april-infektionszahlen-35438144). Er bezieht sich dabei auf den beobachteten Rückgang im letzten Frühjahr, als Deutschland durch einen konsequenten Lockdown von ca. 6000 Neuinfektionen/Tag Anfang April aus erfolgreich in der Eindämmung war. Der saisonale Effekt kann nicht als ausschlaggebend für das Senken der Neuinfektionszahlen im Frühjahr 2020 angesehen werden. Wäre dem so, hätten wir weder im Frühjahr 2020 noch 2021 nicht-pharmazeutische Maßnahmen gebraucht.

Bezüglich des saisonalen Effektes halten Wissenschaftler bei SARS-CoV2 noch keine abschließende umfassend bejahende Aussage für möglich, ein erhoffter saisonaler Effekt wird heute durch die höhere Infektiosität der Mutation B.1.1.7 sowie der ins Frühjahr 2021 startenden deutlich höheren Infektionszahlen als bei weitem nicht ausreichend angesehen. Er könne auch geringer ausfallen, weil das Immunsystem der Bevölkerung gegenüber dem Virus (noch) „naiv“ sei. (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.htmlund https://www.rnd.de/gesundheit/fruhlingswetter-wird-corona-bald-durch-saisonale-effekte-gebremst-DNJCIL2U6JFBDNUPL4ECM3SIQU.html).

Die einfache Aussage, SARS-CoV2 wird sich im Frühjahr 2021 wie andere (harmlose) Coronaviren auch saisonal rückläufig verhalten, ist somit schlicht falsch und berücksichtigt keinen anderen Parameter, der für die aktuelle Beurteilung der Lage UND die seriöse wissenschaftliche Einschätzung eines möglichen saisonalen Effektes dringend als notwendig zu beachten wäre.

Gleichzeitig berechnen das RKI, Kolleg:innen und renommierte Modellierer:innen ein gegenteiliges Szenario und die Entwicklung in der ersten Märzhälfte 2021 zeigt eine deutliche Verschärfung der Situation. Zum Zeitpunkt diese Briefes befinden wir uns trotz Maßnahmen UND beginnender möglicher saisonaler Wirkung mitnichten in einer Situation sinkender Infektionszahlen, sondern erneut in einer Situation außer Kontrolle geratenden Wachstums mit großen Befürchtungen bezüglich der Altersgruppe der „Eltern“-Generation und der Kinder und Jugendlichen.

Auch hier sehen wir eine Form der „Verharmlosung“, die in die Bevölkerung ein falsches Signal sendet und schwerwiegende, tödliche Folgen haben kann.

Ein letztes Wort des Erstaunens: an unterschiedlicher Stelle hat Prof. Streeck sich entrüstet über den Gegenwind geäußert, der ihm (und allen Kollegen aus den je unterschiedlichen Meinungsrichtungen) entgegenschlägt. Damit spricht er ein grundsätzliches Thema des Umgangs mit in der Öffentlichkeit stehenden Personen an und zu Recht verwehrt er sich persönlicher Angriffe und Beleidigungen. Mit Verwunderung durfte man auf Twitter aber bspw. Anfang Februar sehen, dass er selbst sich nicht nur einmal an Diffamierungen und Beleidigungen seiner Wissenschaftskolleg:innen beteiligt, wenn er diffamierende hetzerische Tweets des umstrittenen Journalisten Ulf Poschardt gegen seine Kollegin Brinkmann mit "gefällt mir" markierte...


...oder die Bevölkerung in Deutschland als "80 Millionen Hobby-Virologen" bezeichnet, bei denen es schwer sei „Argumente sachlich vorzubringen“ (Vortrag vor dem Wirtschaftsforum 2020 ab Minute 08.30) - angesichts der boomenden exzellenten Wissenschaftskommunikation, die die Pandemie bewirkt hat (wir dürfen auf den NDR-Podcast mit über 80 Millionen Downloads oder die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim verweisen) und der dringenden Notwendigkeit mündiger aufgeklärter Bürger, um die notwendige Compliance in die Maßnahmen der Eindämmung zu erreichen, eine nicht nachzuvollziehende Äußerung. Es wirkt (fast) so, als dürfe der Bürger, der Nicht-Virologe, am Diskurs nicht teilnehmen, weil es sich dabei immer nur um ein "Hobby", aber nicht um ernstzunehmende Debattenbeiträge handeln könne. Allein diesen, die Bevölkerung schmähenden Begriff zu verwenden, halten wir für ein grundfalsches Signal an die Menschen, deren seriöse Sachkenntnis "auf allen Kanälen" – vom Tiktok-Video des Bundesgesundheitsministers bis zum Faltblatt im Wartezimmer – ausdrücklich gefördert werden soll.

Auch unser Beitrag hier ist in diesem Sinne sicher "hobby-virologisch". Wir wagen ihn dennoch, weil wir der Auffassung sind, dass gebildete, wissenschaftsinteressierte Bürger:innen, die aufmerksam zuhören, ein Recht auf Beiträge und Fragen zur Diskussion haben und zum Verständnis der Maßnahmen und Reaktionen auf die Pandemie notwendig sind.

Isabel Ruland, Bonn

Christoph Otte, Lübeck

Angelika Greiner, Swisttal

R. L., Radevormwald

Dr. Roland Gromes, Heidelberg

Sava Stomporowski, Bonn

Ivan Saric, Frankfurt

Dr. Michael Oberst, Berlin

Haidi Ruland, Bergneustadt

Bruno Capra, Berlin

Michael Kunz, Hürth

Christoph Althammer, Regensburg