Im Jahr 1936 wurde die überzeugte Nationalsozialistin Hildegard Trutz nach Abschluss ihrer Schulausbildung als "rassisch reine" Deutsche Frau für ein neues Projekt der Nazis rekrutiert.
Sie sollte ein arisches Kind von einem SS-Offizier empfangen.
Die junge Frau war Teil eines staatlich geförderten Programms namens "Lebensborn".
Der Lebensborn war einer Nazi-Initiative, die dem Geburtenrückgang im Deutschen Reich entgegenwirken und in Übereinstimmung mit der von den Nazis gewünschten Eugenik eine neue "Herrenrasse" hervorbringen sollte.

Man schätzt, dass während der 12 Jahre, die das Dritte Reich bestand, etwa 20.000 solcher Babys "gezüchtet" wurden; das geschah hauptsächlich in Deutschland und in Norwegen.

Aber warum war eine junge Deutsche Frau wie Hildegard Trutz so besessen von dem Gedanken, dem Führer ein Kind zu schenken?

Hildegard war schon seit der Machtergreifung der Nazis eine glühende Verehrerin Hitlers und eine treue Anhängering der "Partei".
Als solche war sie bereits im Jahr 1933 in den Bund Deutscher Mädel beigetreten. Der BDM war das weibliche Äquivalent zur Hitlerjugend.
Hildegard liebte es, an den wöchentlichen Treffen des BDM teilzunehmen.
"Ich war verrückt nach Adolf Hitler und unserem neuen, besseren Deutschland", gab sie später zu.
"Ich erfuhr, wie ungeheuer wertvoll wir jungen Menschen für das Reich waren."

Trutz wurde schnell zu einer Galionsfigur ihrer lokalen BDM-Gruppe; das lag nicht zuletzt an ihren germanisch-blonden Haaren und ihren leuchtend blauen Augen.
"Ich wurde als perfektes Exemplar der nordischen Frau dargestellt, denn neben meinen langen Beinen und meinem schlanken Körper hatte ich breite Hüften und ein Becken, das zum Gebären von Kindern förmlich geschaffen schien."

Im Jahr 1936, mit 18 Jahren, hatte Trutz ihre Schulausbildung abgeschlossen.
Und sie wusste eigentlich nicht so recht, was sie danach tun sollte.
Irgendwann unterhielt sie sich mit einer BDM-Funktionärin, die ihr einen Vorschlag machte, der ihr Leben für immer verändern sollte.
"Wenn du nicht weißt, was du machen sollst, mein Kind", sagte die Frau, "warum schenkst du dann nicht dem Führer ein Kind?
Denn was das Reich mehr als alles andere braucht, ist rassisch wertvolles Material".

Trutz hatte bis dahin noch nie etwas von einem staatlich geförderten Programm namens "Lebensborn" gehört.
Das Ziel dieses Programms war es, die Geburtenrate blonder, blauäugiger "arischer" Kinder durch Kreuzung zu erhöhen.
Rassisch "reine" Frauen wurden ausgewählt, um mit SS-Offizieren zu schlafen, in der Hoffnung, dass sie dabei geschwängert werden würden.

Die BDM-Funktionärin erklärte ihr ganz genau, wie "Lebensborn" funktionierte:

Sie würde eine Reihe von medizinischen Tests durchlaufen und man würde ihren familiären Hintergrund und ihren Stammbaum genauestens durchleuchten.
Es müsse ausgeschlossen werden, dass sich auch nur ein Tropfen jüdischen Blutes in ihren Adern befinde.
Sobald das geklärt und eine Freigabe erteilt wäre, würde sie aus einer Gruppe von SS-Offizieren einen geeigneten "Zuchtpartner" wählen können.

Trutz hörte mit wachsender Begeisterung zu.
"Es klang alles so wunderbar", gab sie später zu - und sie meldete sich sofort für das Projekt.
Da sie davon ausging, dass ihre Eltern damit nicht einverstanden sein würden, sagte sie ihnen, dass sie sich zu einem Internatslehrgang für den Nationalsozialismus angemeldet habe.

Man brachte die junge Frau auf ein altes Schloss in Bayern, in der Nähe des Tegernsees.
In diesem Schloss wohnten vierzig weitere Mädchen - alle unter falschem Namen.
Das was dort zählte, war nicht der Name.
Es war der Ariernachweis, der bis zur Generation der Urgroßeltern zurückreichen musste.

Das Schloss selbst war ein luxuriöser Traum.
Es gab Gemeinschaftsräume für Sport und Spiel, es gab eine Bibliothek, es gab ein Musikzimmer und es gab sogar ein Kino.
Hildegard Trutz beschreibt das so:
"Ich habe niemals besser gegessen als dort.
Wir Frauen mussten keinen Handschlag machen, wir mussten nicht arbeiten und für alles gab es Hausdiener."
Trutz sagt von sich, sie sei dort sehr schnell selbstzufrieden und faul geworden.
Sie habe das Leben im Schloss in vollen Zügen genossen.

Die Leitung in diesem Schloss hatte ein hochrangiger SS-Arzt, ein Professor, der jeden weiblichen Neuankömmling gleich nach der Ankunft gründlich untersuchte.
"Wir mussten eine eidesstattliche Versicherung abgeben, dass es in unserer Familie nie Fälle von Erbkrankheiten, Trunksucht oder Schwachsinn gegeben hatte."

Der Professor setzte die Mädchen davon in Kenntnis, dass sie ein Dokument unterschreiben müssten, in dem sie auf alle Ansprüche auf die von ihnen geborenen Kinder verzichten müssten.
Diese Kinder seien Eigentum des Deutschen Reichs.
Und sie würden in ganz speziellen Einrichtungen aufgezogen werden, wo man ihnen bedingungslose Loyalität den Ideen des Nationalsozialismus gegenüber vermitteln würde.

Nach ihrer Aufnahme stellte man Trutz und die anderen Mädchen den SS-Männern vor, die ihre "Zuchtpartner" werden sollten.
Hildegard Trutz gefiel durchaus, was sie sah.
"Die Männer waren alle sehr groß und kräftig, mit blauen Augen und blonden Haaren. Es gab Zusammentreffen, bei denen wir gemeinsam Spiele spielten, Filme anschauten und gesellige Abende im Schloss verbrachten.
Wir hatten etwa eine Woche Zeit, uns den Mann auszusuchen, der uns gefiel.
Man sagte uns, wir sollten darauf achten, dass seine Haar- und Augenfarbe genau unseren eigenen entsprachen", sagte Trutz.
Die Mädchen erfuhren aber zu keinem Zeitpunkt die Namen der Männer.
Absolute Anonymität war ein Schlüsselprinzip des Lebensborn-Programms.

Als wir dann unsere Wahl getroffen hatten, mussten wir bis zum zehnten Tag nach Beginn unserer letzten Periode abwarten", berichtete Trutz.
"Jedes Mädchen wurde noch einmal ärztlich untersucht und angewiesen, den von ihr ausgewählten SS-Mann noch am selben Abend in ihrem Zimmer zu empfangen."

Hildegard Trutz war unglaublich aufgeregt.
Aber das war sie nicht nur wegen des bevorstehenden sexuellen Akts.
Sondern weil sie sich sagte, dass sie all das für ihren geliebten Führer tat.

"Da sowohl der Vater meines Kindes als auch ich völlig an die Wichtigkeit dessen glaubten, was wir tun wollten, hatten wir keine Scham oder Hemmungen."
Besonders beeindruckten sie die umwerfenden Blicke ihres Partners, auch wenn sie ihn für ein wenig simpel hielt.

Der SS-Mann schlief in der ersten Woche an drei Abenden mit Trutz.
An den anderen Abenden musste er mit anderen Mädchen schlafen.

Sie wurde beinahe sofort schwanger und so verlegte man sie für die nächsten neun Monate in ein Entbindungsheim.

"Meine Entbindung kam weder zu früh noch zu spät", sagte sie.
"Es war keine leichte Geburt, aber keine gute deutsche Frau wäre auf die Idee gekommen, sich irgendwelche Injektionen zur Linderung der Schmerzen geben zu lassen. So etwas taten doch nur die Frauen in den degenerierten westlichen Demokratien."

Nach der Geburt stillte sie ihren kleinen Sohn zwei Wochen lang ab, dann nahm man ihn ihr weg und brachte ihn in ein spezielles SS-Heim, wo er als getreuer Diener des Nationalsozialismus erzogen werden sollte.

(Lebensborn-Taufe)

Trutz sah ihn nie wieder.
Auch den Vater bekam sie nie wieder zu Gesicht.

In den folgenden Jahren dachte sie immer wieder daran, weitere solche Kinder zu zeugen, aber schließlich verliebte sie sich in einen jungen Offizier und sie heirateten. Irgendwann erzählte sie ihrem neuen Ehemann von ihrer Beteiligung am Lebensborn-Programm.
Aber sie stellte ziemlich überrascht fest, dass er über die Sache nicht besonders erfreut war. Eigentlich war sie nämlich davon ausgegangen.
Doch er konnte seine Frau nicht offen kritisieren, "…da ich meine Pflicht dem Führer gegenüber erfüllt hatte".

Hildegard Trutz hat nie herausgefunden, was aus ihrem Kind wurde.
Sein Schicksal bleibt wohl für immer ein Rätsel.
Sollte er den Krieg überlebt haben, fand er sich sicher auch - wie andere Lebensborn-Kinder - im Nachkriegsdeutschland geächtet.
Denn seine Geburt und Erziehung waren nun ein Stigma, das nie ganz verschwinden würde.

Viele von den im Lebensborn-Programm zur Welt gekommenen Kindern wurden nach dem Krieg adoptiert.

Unterlagen über ihre Geburt gab es nicht mehr, dann die waren alle vernichtet worden oder in den Kriegswirren der letzten Tage des Reichs verloren gegangen.

Und bis zum heutigen Tag hat die Mehrzahl der damaligen Lebensborn-Kinder die schreckliche Wahrheit über ihre Empfängnis und ihre Geburt nicht herausfinden können.

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