Letztes Update: 25.01.22 (Updates sind im Text kenntlich gemacht)

In diesem Artikel wird folgenden Fragen (wissenschaftlich) nachgegangen:

Vorab ein wichtiger Hinweis: Schnell- und Selbsttests sollten immer nur mit der Abstrich- bzw. Probenart verwandt werden, für die sie zugelassen wurden! Mein Anliegen ist allein, den Fragen (jetzt schon) wissenschaftlich nachzugehen, weil erste, aber statistisch (noch) nicht robuste und methodisch teils unklare Studiendaten darauf hindeuten, dass Omikron im Rachen/Speichel möglicherweise im Schnitt etwas früher in hoher (ansteckender) RNA-Konzentration nachweisbar ist als in der Nase (siehe unten). Zudem möchte ich hiermit schnellstmögliche Untersuchungen von in Deutschland erhältlichen Antigentests mit Omikron-Proben (idealerweise aus der Nase UND dem Rachen/Speichel) anregen (Update vom 14.1.22: Das Paul-Ehrlich-Institut hat erste Ergebnisse seiner Untersuchungen mit Omikron-Proben für Ende Februar 2022 angekündigt).

Funktionieren Antigen-Schnelltests bei Omikron?

Da nahezu alle Antigentests auf das N-Protein testen und in dem Protein bisher nur 4 Mutationen bekannt sind, wovon 2 in früheren Varianten (z.B. Alpha und Gamma) bereits vorkammen und die Sensitivität (Empfindlichkeit) von Antigentests nicht beeinflussten (z.B. Lindner et al., Beklitz et al.), geht das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) davon aus, dass "die allermeisten der in Deutschland angebotenen und vom PEI positiv bewerteten Antigentests auch Omikron nachweisen können" (PEI, Stand 30.12.21).

Professorin Sandra Ciesek (Twitter, 28.11.21) und Professorin Isabella Eckerle (Twitter, 1.12.21) konnten jeweils früh mit einzelnen Omikron-Proben für einige Antigentests zeigen, dass diese grundsätzlich bei Omikron funktionieren:

Die nächste Frage ist, wie gut Antigentests bei Omikron funktionieren.

In mittlerweile (am 11.1.22 geupdatet) 5 analytischen (Labor-)Studien wurde bei Omikron keine veränderte Sensitivität von verschiedenen Antigentests im Vergleich zu Delta oder zur "Wildtyp"-Variante (Deerain et al., Regan et al., Kanjilal et al., SSI, UKHSA) und in einer Studie eine geringere Sensitivität im Vergleich zu früheren Varianten (Beklitz et al.) festgestellt (die Unterschiede in den Studienergebnissen für die teils selben Tests könnten mit der unterschiedlichen Methodik zu erklären sein).

Vorläufige, bisher nur auf Twitter veröffentlichte Daten* von Professorin Isabella Eckerle aus einer retrospektiven Studie mit 10 Omikron-Proben zeigen für 4 von 5 Antigentests eine geringere Sensitivität bei wahrscheinlich ansteckenden (Nasen-Rachen-)Proben von Personen mit Omikron-Durchbruchsinfektion als aus früheren klinischen Studien (mit frischen Proben) bekannt, jedoch sind die im Twitter-Thread genannten Limitationen (kleine Anzahl gefrorener und verdünnter Proben) zu beachten.

*Update vom 18.1.22: Die Daten wurden mittlerweile in einem Preprint-Update veröffentlicht und um 2 Antigentests, 8 Omikron-Proben und einem Vergleich mit 17 Delta-Proben erweitert: 5 von 8 Antigentests schnitten bei Omikron signifikant schlechter als bei Delta ab, wobei die o.g. Limitationen weiter gelten.

Ein neuer Preprint von Adamson et al. mit kleiner Fallzahl (n=30) deutet darauf hin, dass die beiden darin genutzten Antigen-Selbsttests (und damit voraussichtlich auch die allermeisten anderen Antigentests*) mit Nasenabstrich bei Omikron wahrscheinlich weiter bei einer hohen Viruslast in der Nase gut anschlagen können (vgl. unten).

*Update vom 10.1.22 und 24.1.22: Zwei neue Preprints von Schrom et al. und Goodall et al. mit umfangreicheren Real-Life-Daten bestätigen dies für 3 verschiedene Antigentests mit vorderem Nasenabstrich (u.a. für einen der beiden in der Studie von Adamson et al. genutzten Antigentest).

Um die Sensitivät verschiedener Antigentests valide zu bestimmen, braucht es jedoch größere (klinische) Studien (mit frischen Proben). Darauf weist auch das PEI hin.

Dabei sollten idealerweise sowohl Nasen- als auch Speichel- und/oder Rachenproben (zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Infektion) untersucht werden! (vgl. unten)

Ist Omikron im Rachen/Speichel (per Antigentest) früher nachweisbar?

Zunächst gab es anekdotische Hinweise darauf, dass Antigentests mit einem (zusätzlichen) Rachenabstrich früher anschlagen als (nur) mit einem Nasenabstrich (die gab es jedoch bei den letzten Varianten auch; hier besteht immer die Gefahr eines reporting bias):

Auf Rückfrage teilte mir Frau Ciesek mit, dass sich die beiden weiter oben dargestellten Omikron-Fällen bereits einen Tag vorher mit einem der 3 Antigentests (Roche) getestet hatten und dabei nur beim Rachenabstrich, nicht aber beim Nasenabstrich positiv waren. Man erkennt auf dem Bild bei der Person D (siehe weiter oben die 4 Antigentests rechts im Bild) auch gut, dass die Person zum Testzeitpunkt wahrscheinlich viel mehr Virus im Rachen hatte als in der Nase, da die Bande/Linie beim "T" viel intensiver ist (vgl. Abusrewil et al.).

In einem neuen (bereits oben angesprochenen) Preprint von Adamson et al. mit kleiner Fallzahl (n=30), in dem täglich mit PCR-Speicheltest und Antigen-Selbsttest mit vorderem Nasenabstrich (2 verschiedene Marken) getestet wurde, schlug der Antigentest bei Omikron-Durchbruchsinfektionen im Schnitt erst 2-3 Tage nach dem ersten positiven PCR-Speicheltest an, obwohl bis zum Anschlagen des Antigentests wahrscheinlich bereits 4 Personen andere angesteckt hatten und 22 weitere Personen eine mutmaßlich ansteckende Viruslast im Speichel (hier definiert als Ct-Wert<29) aufwiesen.

An der Stelle bereits der Hinweis auf einige Limitationen der Studie bzw. Fragen, die sich stellen (und auf die ich bisher von der in der Studie genannten Ansprechpartnerin noch keine Antwort erhalten habe):

  1. Kleine Fallzahl
  2. Unklare Probenahme (flüssiger Speichel oder Mundabstrich, ggf. inkl. Gaumen?)
  3. Waren die Proben (Ct-Wert<29) jeweils wirklich (bereits) ansteckend? Es erfolgte keine Virusanzucht im Labor und keine Angabe der RNA-Viruslast → vielleicht entsprach eher ein geringerer Ct-Wert eine (bei Geimpften) i.d.R. ansteckende Viruslast? → mit Delta infizierte Geimpfte sind bei gleichem Ct-Wert/gleicher Viruslast offenbar weniger wahrscheinlich ansteckend als Ungeimpfte (Shamier et al., Eyre et al., Peña-Hernández et al.; Update vom 11.1.22: Puhach et al.; für Omikron liegen m.W. noch keine entsprechenden Daten vor)
  4. Wie genau wurden die vier Übertragungsfälle bestätigt bzw. wie wurden diese dem kleinen Zeitfenster, in dem die Antigentests negativ waren, so genau zugeordnet?
  5. Unklare (wurden nur "diskordante" Fälle einbezogen?) und nicht-repräsentative ("convenience sample") Stichprobe
  6. Nur bei 5 Personen wurde eine "nasale" PCR (auch vorderer Nasen-Selbstabstrich) parallel durchgeführt, wobei davon nur bei 3 Personen offensichtlich die nasale Viruslast zeitverzögert anstieg (Fälle C, H, Q; siehe unten) → keine statistisch robuste Datenlage, um valide sagen zu können, dass das Virus im Speichel im Schnitt (deutlich) früher bzw. früher in höherer Konzentration als in der Nase nachweisbar ist
  7. Wie viel Tage vor dem ersten positiven Speichel-PCR-Test (= Tag 0) fand der letzte negative Test jeweils statt (im Supplementary Material sind oft keine Ergebnisse für die Tage vor Tag 0 angegeben)? → waren es immer frische oder teils alte, nicht mehr ansteckende Fälle?
  8. Preprint (nicht begutachtete Studie) und Interessenkonflikte der Autor*innen

Bei 5 der 30 Personen fand zusätzlich - wie oben bereits erwähnt - ab Tag 1 nach dem ersten positiven PCR-Speicheltest noch eine "nasale PCR" statt (auf Rückfrage teilte mir einer der Autoren mit, dass es sich um einen Abstrich aus der vorderen Nase handelte). Der Viruslast-Gipfel im Speichel wurde dabei im Schnitt 1-2 Tage früher als in der Nase erreicht, was bedeuten könnte, dass auch die "nasale PCR" im Schnitt erst etwas später anschlägt als die Speichel-PCR.

Hierauf deutet ein weiterer aktueller Preprint aus Südafrika mit ebenfalls kleiner Fallzahl (n=36 für Omikron und n=31 für Delta) hin, in dem eine "Speichelprobe" (es handelt sich eigentlich um einen Wangen- inkl. Gaumenabstrich!) und ein zeitgleich abgenommener Abstrich aus der Nasenmuschel mit der PCR getestet wurden (Marais et al.). Denn bei Omikron war in einigen Fällen (n=5) nur die "Speichel-PCR" und bei Delta in einigen Fällen (n=9) nur die nasale PCR positiv. Leider wurde in der Studie nicht differenziert nach Abstrichzeitpunkt (Zeit seit Symptombeginn/Kontakt), um eventuell eine Abhängigkeit von der Zeit auszumachen.

Anmerkung: Beim Nasen-Rachen-Abstrich (= Rachenabstrich mit Zugang über die Nase), der normalerweise (in Deutschland) für die PCR verwendet wird, erwarte ich nicht, dass dieser beim PCR-Test (merklich) später positiv wird als ein Rachenabstrich (Zugang über den Mund) oder als eine Speichelprobe (wenn, dann dürfte das praktisch eh kaum eine Relevanz haben, da meist erst nach Symptombeginn oder nach einem positiven Antigentest per PCR getestet wird).

In dem o.g. Preprint von Adamson et al. hatten alle 30 Infizierten spätestens an Tag 2 nach der ersten positiven Speichel-PCR (= Tag 0) Symptome entwickelt (leider ist der  Symptomverlauf nicht für jeden Infizierten ersichtlich).

An Tag 2 lag jedoch der Ct-Wert (je kleiner der Ct-Wert, desto größer die RNA-Viruslast) der "nasalen PCR" im Schnitt bei (erst) 29,6 (Range 25-35). Es lag also meist wahrscheinlich noch keine (hoch)ansteckende Viruslast in der Nase vor. Der nasale Viruslast-Gipfel kam erst danach (siehe rote Linie im Bild unten), also nach Symptombeginn (das entspricht offensichtlich den ersten Beobachtungen von Professor Christian Drosten bei Durchbruchsinfektionen, von denen er im NDR Info-Podcast "Coronavirus-Update" vom 4.1.22 berichtet, und einer neuen Studie des japanischen NIID). Wahrscheinlich deshalb schlugen die nasalen Antigen-Selbsttests nicht an, denn danach - bei höherer Viruslast in der Nase - schlugen sie konstant an.

A: Viruslast-/Ct-Wert-Verlauf in der Nase (rot) und im Speichel (blau). B: Ergebnisse der parallen Antigen-Selbsttests mit Nasenabstrich. Quelle: Bill Quilty auf Twitter

Bei den 5 Fällen mit paralleler Speichel- und nasaler PCR lag im Speichel jedoch bereits meist an Tag 0, spätestens an Tag 1 eine mutmaßlich anteckende Viruslast (hier definiert als Ct-Wert<29) vor (siehe blaue Linie im Bild oben). Das gilt auch für die meisten anderen Fälle ohne zusätzliche nasale PCR.

Ein Hinweis darauf, dass die Viruslast im Rachen (und damit wahrscheinlich auch im Speichel) im Vergleich zu Delta möglicherweise im Schnitt (früher) höher ist, könnte zudem sein, dass mit Omikron Infizierte im Vergleich zu mit Delta Infizierten häufiger unter Halsschmerzen leiden (Vihta et al.; Update vom 14.1.22: UKHSA, S. 19 ff.).

Update vom 21.1.22: Schrom et al. haben (in einem Update ihres Preprints) bei 115 Personen (Symptom- und Impfstatus unklar) einen Nasen- und (separaten) Rachenabstrich für einen Antigen- und einen PCR-Test abgenommen. Der Antigentest mit (alleinigem) Nasenabstrich hat 85,7% und der Antigentest mit (alleinigem) Rachenabstrich hat nur 46,9% der Omikron-Infizierten mit hohen Viruslasten (Ct-Wert <30) in der Nase und/oder dem Rachen erkannt (siehe Bild unten). Kombiniert man die Ergebnisse beider Abstriche, wurden 89,8% der Personen mit hoher Viruslast erkannt (also nur <5% mehr im Vergleich zum alleinigen Antigentest mit Nasenabstrich).

Sensitivität eines Antigentests beim Nasen- (links) oder Rachenabstrich (Mitte) oder bei Kombination beider Ergebnisse (bei hohen Viruslasten in der Nase und/oder im Rachen). Quelle: Schrom et al.

Es handelte sich jedoch um keine Verlaufsstudie. Sprich: Von jeder Person wurden nur einmalig, also zu einem einzigen Zeitpunkt, Abstriche abgenommen (und nicht über mehrere Tage). Deshalb kann man aus der Studie nicht herauslesen, ob der Rachen- oder der Nasenabstrich am Anfang der Infektion bzw. Infektiosität möglicherweise (im Schnitt) früher anschlägt. Da aber der alleinige Rachenabstrich bei hohen Viruslasten in Rachen und/oder Nase deutlich seltener anschlug als der alleinige Nasenabstrich, sollte beim Antigentest kein alleiniger Rachenabstrich erfolgen. Auffällig ist auch, dass beim PCR-Test mit Rachenabstrich nur 58 und mit Nasenabstrich 92 Infizierte erkannt wurden (siehe Tabelle 4 im Preprint). Das spricht für eine unterschiedliche Viruskinetik (zeitlicher Verlauf der Viruslast) in Rachen und Nase. Unabhängig davon, ob die RNA-Viruslast im Rachen eventuell früher höher ist als in der Nase, sprechen die obigen Daten dafür, dass die Viruslast im Rachen (merklich) früher wieder abfällt als in der Nase.

Update vom 24.1.22: In einem neuen Preprint von Goodall et al. lag dagegen die Sensitivität der kombinierten Ergebnisse beider Abstriche (Nasen- und separater Rachen-Selbstabstrich) bei asymptomatischen Omikron-Infizierten (Impfstatus unklar) eindeutig höher (88,7% bzw. 95,1% → das Ganze wurde für 2 Antigentests unterschiedlicher Marken durchgeführt) als die Sensitivität des (alleinigen) Nasen- (64,5% bzw. 78,1%) oder Rachen-Selbstabstrichs (64,5% bzw. 63,4%) (siehe Tabelle unten). Zusätzlich bzw. entsprechend zeigte sich, dass der kombinierte Rachen- und Nasen-Selbstabstrich (also beide Abstriche hintereinander für denselben Antigentest) ebenfalls eindeutig sensitiver war (81,6%) als der alleinige Nasen-Selbstabstrich (68,4%).

Sensitivität zweier Antigentests mit Nasen- und/oder Rachenabstrich im Vergleich zum PCR-Test. Quelle: Goodall et al.

Da es sich wieder um keine Verlaufsstudie handelt, kann man aus der Studie wieder nicht herauslesen, ob der Rachen- oder der Nasenabstrich am Anfang der Infektion bzw. Infektiosität möglicherweise (im Schnitt) früher anschlägt. Da der (alleinige) Nasenabstrich aber hier (zumindest bei einem der beiden untersuchten Antigentests) erneut im Schnitt besser abschnitt als der (alleinige) Rachenabstrich und sich mutmaßlich einige der Infizierten (die selbst keine Symptome wahrgenommen haben) in der präsymptomatischen Phase (frühe Infektionsphase vor Symptombeginn) befanden (denn laut ersten, aber statistisch noch nicht robusten bzw. möglicherweise verzerrten Daten werden bei Omikron ca. 70-90% im Infektionsverlauf symptomatisch; Garrett et al., UKHSA, S. 21), könnte das ein Hinweis darauf sein, dass der Rachenabstrich, wenn überhaupt, im Schnitt nicht viel früher beim Antigentest positiv wird als der Nasenabstrich. Zudem ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein kombinierter Rachen- und Nasenabstrich auch bei früheren Varianten im Schnitt sensitiver war/gewesen wäre, also mehr Infizierte erkannt hat/hätte (mir ist dazu keine frühere Vergleichsstudie bekannt). In der Studie von Goodall et al. wurden übrigens angeleitete und überwachte Selbstabstriche durchgeführt: Nur 6% lehnten Selbstabstriche von vorherein ab. Der Rachen-Selbstabstrich wurde meist korrekt durchgeführt (nur selten musste von außen verbal korrigiert werden). Zwar gab es oft einen Würgereiz (was normal ist), aber nur eine Person (von 1345) erbrach.

Fazit: Anekdotische Berichte und die ersten, aber statistisch (noch*) nicht robusten und methodisch teils unklaren Studiendaten deuten darauf hin, dass Omikron im Rachen/Speichel möglicherweise im Schnitt etwas früher in hoher (ansteckender) RNA-Konzentration nachweisbar ist als in der Nase und dass Antigen(selbst)tests mit (vorderem) Nasenabstrich (wahrscheinlich dadurch) eventuell den Beginn der ansteckenden Phase verpassen, jedoch, sobald die Viruslast in der Nase hoch ist, wahrscheinlich** wieder gut anschlagen.

*Aktuell vergleicht die UK Health Security Agency (UKHSA) laut Meaghan Kall (Twitter, 6.1.22) die Sensitivität des vorderen Nasenabstrichs mit der des Rachenabstrichs bei Antigentests.

**Update vom 10.1.22 und 24.1.22: Zwei neue Preprints von Schrom et al. und Goodall et al. mit umfangreicheren Real-Life-Daten bestätigen dies für 3 verschiedene Antigentests mit vorderem Nasenabstrich (u.a. für einen der beiden in der Studie von Adamson et al. genutzten Antigentest).

Für das regelmäßge (asymptomatische) Testen (v.a. in Gruppen) wäre das weniger relevant (Hochansteckende würden statistisch immer noch relativ früh identifiziert und die anderen relativ früh gewarnt werden) als für das unregelmäßige, anlassbezogene "Freitesten" (2G+, 3G, privat). Natürlich ist 2G+ immer besser als 2G (und nicht in allen Testzentren wird nur ein Nasenabstrich gemacht), aber man sollte dies ggf. bei der (politischen wie privaten) Abwägung 2G+ vs. Ausfall des Events bzw. Fernbleiben vom Event (jetzt schon) berücksichtigen.

Zusatzinformation: Für frühere Varianten gab es aus kleinen Verlaufsstudien auch bereits Hinweise auf eine frühere RNA-Nachweisbarkeit (bei Ungeimpften) im Speichel (vs. vordere Nase/Nasenmuschel) (z.B. Savela et al., Ke et al., Lai et al.) bzw. im Rachen (vs. Nasenmuschel) (PROTECT COVID-19 National Core Study), wobei hier die Viruslast im Speichel wahrscheinlich nicht (immer) auch früher ansteckend war (für Delta liegen m.W. keine entsprechenden Daten vor).

Könnte man Antigen(selbst)tests für die Nase auch mit Rachenabstrich verwenden?

Vorab: Dies stellt keine Empfehlung dar! Mein Anliegen ist allein, der Frage (jetzt schon) wissenschaftlich nachzugehen, weil erste, aber statistisch (noch) nicht robuste und methodisch teils unklare Studiendaten darauf hindeuten, dass Omikron im Rachen/Speichel möglicherweise im Schnitt etwas früher in hoher (ansteckender) RNA-Konzentration nachweisbar ist als in der Nase (siehe oben).

Es gibt einige Point-Of-Care-(PoC)Antigentests (für den professionellen Gebrauch), die - neben dem Nasen-Rachen-Abstrich (Nasopharyngealabstrich) - auch für den Rachenabstrich (Oropharyngealabstrich) zugelassen (und vom Paul-Ehrlich-Institut positiv bewertet) sind. Einige davon sind wiederum auch als Selbsttest mit Nasenabstrich zugelassen. Technologisch unterscheiden sich die PoC-Antigentests und Antigen-Selbsttests zwar nicht, jedoch kann sich (muss aber nicht) das Stäbchen (bei Selbsttests ist dieses mitunter kürzer, dicker und damit stabiler/wenig flexibel) und/oder der Tupfer (bei Selbsttests ist dieser mitunter dicker, weicher) unterscheiden (das kann mindestens das Handling und Komfortgefühl beeinflussen; mit einem kurzen, nicht flexiblen Stäbchen kommt man kaum in den Rachen!).

Es gibt einzelne unabhängige Studien, die eine Handvoll Antigentests (nur) mit Rachenabstrich untersucht haben. Dabei wurden sowohl Antigentests, die (auch) für den Rachenabstrich zugelassen sind (z.B. Wagenhäuser et al.), als auch Antigentests, die nur für den Nasen-Rachen-Abstrich (und als Selbsttest auch mit Nasenabstrich, aber eventuell mit anderem Stäbchen/Tupfer!) zugelassen sind (z.B. Ngo Nsoga et al.), genutzt. Daneben gibt es einige Studien, die bei der Durchführung des jeweiligen Antigentests einen Rachenabstrich mit einem Nasen-Rachen-Abstrich (z.B. Möckel et al.) oder vorderen Nasenabstrich (z.B. García-Fiñana et al.) kombiniert haben. Dabei zeigte sich (bei hohen Viruslasten) jeweils kein Unterschied im Vergleich zur aus anderen Studien bekannten Sensitivität derselben Antigentests für den Nasen-(Rachen-)Abstrich (vgl. Brümmer et al.).

Das Paul-Ehrlich-Institut hat auch - wie oben bereits beschrieben - seine Untersuchungen mit Pools aus Nasen-Rachen-Abstrichen und Rachen-Abstrichen (vor Omikron) durchgeführt. Letztlich handelt es sich bei beiden Abstricharten um Rachenabstriche: Einmal mit Zugang durch die Nase (= Nasen-Rachen- oder Nasopharyngealabstrich) und einmal mit Zugang durch den Mund (= Rachen- oder Oropharyngealabstrich).

Ein kombinierter Rachen- und Nasenabstrich war in früheren Untersuchungen auch beim PCR-Test gleichwertig zu einem Nasen-Rachen-Abstrich (Lee et al.). Die Kombination wird auch in England in der bis heute laufenden Studienreihe "REACT" (bisher 16 Runden mit je ca. 100000 Teilnehmenden ab 5 Jahren) als Selbstabstrich für den PCR-Test angewandt:

Kombinierter Rachen- und Nasen-Selbstabstrich (für die PCR). Quelle: UKHSA auf YouTube

Wie gesagt: Das ist keine Empfehlung! Selbsttests sollten dafür zugelassen sein!

Nicht nur in der REACT-Studienreihe, sondern auch in anderen Studien wurde die Bereitschaft für sowie die Akzeptanz und die Zuverlässigkeit von zu Hause durchgeführten Rachen-Selbstabstrichen (in Kombination mit dem vorderen Nasenabstrich) bestätigt (z.B. Shakir et al., Valentine-Graves et al., Siegler et al.), auch wenn es um Selbstabstriche für den PCR-Test ging.

Aus England stammt auch eine große Studie, die die Zuverlässigkeit des dort oft eingesetzten Antigen-Selbsttests zeigt, wenn dieser unter Aufsicht in einer Teststation von asymptomatischen Personen mit Rachen- und vorderem Nasenabstrich durchgeführt wird (García-Fiñana et al.).

Update vom 24.1.22: In einem neuen Preprint von Goodall et al. wurde ein angeleiteter und überwachter Rachen-Selbstabstrich (teils in Kombination mit dem Nasen-Selbstabstrich) durchgeführt. Nur 6% lehnten Selbstabstriche von vorherein ab. Der Rachen-Selbstabstrich wurde meist korrekt durchgeführt (nur selten musste von außen verbal korrigiert werden). Zwar gab es oft einen Würgereiz (was normal ist), aber nur eine Person (von 1345) erbrach. Omikron-Infizierte mit hohen Viruslasten wurden dabei i.d.R. vom Antigen-Selbsttest erkannt.

Für die in Deutschland erhältlichen Antigen(selbst)tests bräuchte es jedoch eigene unabhängige Validierungs- und v.a. Anwendungsstudien, um die Zuverlässigkeit und Anwendungsfreundlichkeit zu evaluieren.

Gibt es gute Antigen(selbst)tests mit Speichel?

Selbst die vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) positiv bewerteten Antigen(selbst)tests, die laut Anleitung (auch) mit Speichelproben genutzt werden können, wurden nie vom PEI mit Speichelproben, sondern mit Pools aus Nasen-Rachen-Abstrichen und Rachen-Abstrichen (vor Omikron) untersucht. Zwar ließen sich die Ergebnisse bisher gut auf Nasenabstriche übertragen (z.B. Nikolai et al., Brümmer et al.), jedoch weiß man dadurch bis heute nicht, wie gut Antigentests mit Speichelproben wirklich sind.

Es gibt einzelne unabhängige Studien, die eine Handvoll Antigentests, für die (auch) Speichelproben empfohlen werden, untersucht haben. Darin zeigte sich stets, dass die Sensitivität auch hier (bei symptomatischen wie asymptomatischen Infizierten) immer von der RNA-Viruslast im Speichel abhängig ist (je höher die Viruslast, desto besser die Sensitivität) (z.B. Hagbom et al., Igloi et al.; siehe linkes Bild unten). Die Nachweisgrenze (limit of detection) war dabei mit der eines oft genutzten Antigentests mit Nasenabstrich vergleichbar (Hagbom et al.). Die untersuchten Antigentests haben also v.a. Speichelproben mit hoher (ansteckender) Viruslast erkannt.

Links: Abhängigkeit der Sensitivität des Speichel-Antigentests (Saliva RDT) von der Viruslast (Ct-Wert). Culture = Anzüchtbarkeit des Virus im Labor. Quelle: Igloi et al. Rechts: Abhängigkeit der Viruslast (Ct-Wert) von der Antigen-Konzentration. Quelle: Sohaei et al.

Das kann man damit erklären, dass die RNA-Viruslast (Ct-Wert) wiederum (bei symptomatischen wie asymptomatischen Infizierten) abhängig von der Antigen-Konzentration (N-Protein) im Speichel ist (je niedriger der Ct-Wert, desto höher die N-Protein-Konzentration) (Sohaei et al., Asai et al., Yokota et al., Basso et al.; siehe rechtes Bild oben).

Wichtige Hinweise:
1. Die o.g. Studienergebnisse sind nicht auf alle in Deutschland erhältlichen Antigen-Selbsttests mit Speichelproben (Spuck- und Lollitests) übertragbar, denn dafür bräuchte es eigene unabhängige Untersuchungen (z.B. durch das Paul-Ehrlich-Institut).

2. Bei Antigentests mit Speichelprobe (Spuck- und Lollitests) - und idealerweise auch bei Antigentests mit Rachenabstrich - sollte mindestens 30 Minuten vorher nichts gegessen (inkl. gekaut, gelutscht), getrunken und geraucht werden (vgl. Velavan et al., Patriquin et al.).

3. Es gibt einige Studien, die vergleichen, wie oft ein Antigentest mit Speichelprobe und mit Nasen-(Rachen-)Abstrich bei denselben Personen positiv wird, die Speichel-Antigentests mit Proben aus dem Nasen-(Rachen-)Raum untersuchen und/oder die die Ergebnisse der Speichel-Antigentests ins Verhältnis zur RNA-Viruslast oder Anzüchtbarkeit von Proben aus dem Nasen-(Rachen-)Raum setzen. Damit kann man jedoch nicht evaluieren, wie gut Speichel-Antigentests das Virus bzw. hohe (ansteckende) Viruslasten im Speichel erkennen können, denn die Viruskinetik (der zeitliche Verlauf der Viruslast) im Speichel und im Nasen-(Rachen-)Raum scheint sich - wie oben bereits angesprochen - zu unterscheiden (z.B. Savela et al., Ke et al., Kritikos et al., Lai et al.).

Könnte man Antigen(selbst)tests für die Nase auch mit Speichel verwenden?

Vorab: Dies stellt keine Empfehlung dar! Mein Anliegen ist allein, der Frage (jetzt schon) wissenschaftlich nachzugehen, weil erste, aber statistisch (noch) nicht robuste und methodisch teils unklare Studiendaten darauf hindeuten, dass Omikron im Rachen/Speichel möglicherweise im Schnitt etwas früher in hoher (ansteckender) RNA-Konzentration nachweisbar ist als in der Nase (siehe oben).

Es gibt einzelne unabhängige Studien, die eine Handvoll Antigentests, für die nur der Nasen-(Rachen-)Abstrich empfohlen wird, mit Speichelproben (Spuck- und Lollitests) untersucht haben. Die Sensitivität (von Spucktests) war auch hier immer von der RNA-Viruslast im Speichel abhängig ist (je höher die Viruslast, desto besser die Sensitivität) (z.B. Sberna et al., Yamayoshi et al.). Die Nachweisgrenze (limit of detection) war dabei mit der von üblichen Antigentests mit Nasenabstrich vergleichbar (Sberna et al. i.V.m. Cubas-Atienzar et al.). Die untersuchten Antigentests haben also v.a. Speichelproben mit hoher (ansteckender) Viruslast erkannt. Ein einfaches Lutschens des Stäbchens für 30 Sekunden könnte jedoch eventuell unzureichend sein (Stokes et al.; eventuell war in der Studie die RNA- bzw. Antigen-Konzentration im Speichel oft einfach zu gering).

Wie gesagt: Das ist keine Empfehlung! Selbsttests sollten dafür zugelassen sein!

Wichtig: Die o.g. Studienergebnisse sind nicht auf alle in Deutschland erhältlichen Antigentests mit Nasen-(Rachen-)Abstrich übertragbar, denn dafür bräuchte es eigene unabhängige Untersuchungen (z.B. durch das Paul-Ehrlich-Institut). Siehe zusätzlich die Hinweise 2 und 3 zur vorstehenden Frage.

Wie gut funktionieren Antigentests bei Geimpften?

In zwei großen niederländischen Studien (Venekamp et al., Schuit et al.), in deren Studienzeiträumen Alpha bzw. Delta dominant war, konnte für 4 Antigentests kein Unterschied in der (Gesamt-)Sensitivität bei Geimpften und Ungeimpften festgestellt werden. Jedoch wurde hier leider nicht differenziert nach Anzahl der Impfungen, Testzeitpunkt (Zeit seit Symptombeginn/Kontakt) oder Viruslast. In einer kleinen Verlaufsstudie (Ke et al.), in der (v.a. mit Alpha infizierte) Geimpfte, die vorher bei einem regelmäßigen Screening mit PCR-Speicheltests erkannt wurden, und ihre Kontaktpersonen täglich u.a. mit einem Antigentest mit Selbstabstrich aus der Nase getestet wurden und in der aus den Nasenproben versucht wurde, Virus anzuzüchten, zeigte sich, dass der Antigentest bei einmal Geimpften 85% und bei zweimal Geimpften 78% der Proben mit anzüchtbaren (wahrscheinlich ansteckenden) Viren erkannt hat:

Erkennung von Proben mit negativer und positiver Viruskultur (= wahrscheinlich ansteckend) durch einen Antigentest bei einfach (rot) und zweifach Geimpften (lila). Quelle: Ke et al.

Der Unterschied ist jedoch aufgrund der geringen Probenzahl statistisch nicht robust. In einer anderen Studie derselben Studiengruppe mit gleichem Studiendesign, aber mit (ebenfalls v.a. mit Alpha infizierten) Ungeimpften, wurden 93% der Proben mit anzüchtbaren Virus vom selben Antigentest erkannt (Ke et al.). Der Unterschied in der Erkennung von anzüchtbaren Proben bei Ungeimpften und Geimpften durch denselben Antigentest könnte für eine geringere Sensitivität bei (mit Alpha infizierten) Geimpften bei hohen (ansteckenden) Viruslasten sprechen (für Delta und Omikron liegen m.W. keine entsprechenden Daten vor). Es könnte gut sein, dass die geringere Sensitivität nur am Anfang der Infektion bestünde (das ist leider aus der Studie nicht herauslesbar), weil Geimpfte eventuell weniger Antigen (N-Protein) bilden/freisetzen, so dass erst mit der Zeit genug Antigen detektierbar ist. Professor Christian Drosten hatte das am 20.11.21 kurz auf Twitter angerissen und in der Folge hatten u.a. die Virologen Dr. Victor Corman (Twitter, 22.11.21) und Dr. Marco Binder (Twitter, 22.11.21) dort darüber diskutiert. Vielleicht lag die Beobachtung aber auch nur daran, dass - wie Herr Drosten im NDR Info-Podcast "Coronavirus-Update" vom 4.1.22 berichtet - der Viruslast-Gipfel (in der Nase?) immunologisch bedingt bei Durchsbruchsinfektionen wahrscheinlich erst am oder nach Symptombeginn liegt (vgl. auch eine neue Studie des japanischen NIID), so dass Antigentests mit Nasenabstrich vor Symptombeginn erwartungsgemäß seltener anschlagen würden als bei Ungeimpften, weil sie bevorzugt hohe Viruslasten erkennen. Der weiter oben bereits behandelte Preprint von Adamson et al. mit kleiner Fallzahl deutet darauf hin, dass Antigen(selbst)tests mit Nasenabstrich bei Omikron-Durchbruchsinfektionen wahrscheinlich* weiter bei einer hohen Viruslast in der Nase gut anschlagen, wobei die Viruslast dort möglicherweise erst zeitverzögert (im Vergleich zum Speichel/Rachen) ansteigt (vgl. weiter oben).

*Update vom 10.1.22: Ein neuer Preprint von Schrom et al. mit umfangreicheren Real-Life-Daten bestätigt dies für einen der beiden in der Studie von Adamson et al. genutzten Antigentest. Laut der Studie war die Sensitivität des Antigentests (mit Nasenabstrich) im Rahmen der Omikron-Welle in den USA bei Ungeimpften leicht, aber nicht signifikant höher als bei zweimal Geimpften und Geboosterten (v.a. bei hohen Viruslasten war sie ähnlich).

Wie finde ich einen guten Antigen(selbst)test?

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat bis zum 14.12.2021 245 Antigentests auf ihre (analytische) Sensitivität (Empfindlichkeit) hin untersucht (am 12.01.2022 wurde die Liste geupdatet).

Hier findet man in Tabelle 1 des PDF-Dokuments die Tests, die das Sensitivitätskriterium erfüllt haben, also vom PEI positiv bewertet wurden (vgl. auch Scheiblauer et al.).

In der 2. Spalte von links sind die als Selbsttest zugelassenen Antigentests gekennzeichnet. Eine Voraussetzung für die Zulassung als Selbsttest in Deutschland ist, dass der Test vom PEI positiv bewertet wurde.

Wie bereits oben beschrieben, wurden die (retrospektiven) Untersuchungen vom PEI jedoch mit vor Omikron* zusammengestellten Pools aus Nasen-Rachen-Abstrichen und Rachen-Abstrichen durchgeführt, was auch heißt, dass die in Deutschland erhältlichen Antigen-Selbsttests mit Speichelproben (Spuck- und Lollitests) vom PEI nicht an Speichelproben getestet wurden. Es wurde auch nicht die Spezifität (Zielgenauigkeit) untersucht. Zudem handelte es sich nicht um frische Proben (in prospektiven klinischen Studien mit frischen Proben, die aber leider nur für wenige Antigentests vorliegen, gab es teils bessere oder schlechtere Ergebnisse als in der PEI-Untersuchung).

*Update vom 14.1.22: Das Paul-Ehrlich-Institut hat die Ergebnisse seiner Untersuchungen mit Omikron-Proben für Ende Februar 2022 angekündigt.

Trotzdem sind die PEI-Untersuchungen äußerst wertvoll und die Tabelle als Richtlinie hilfreich. Vor allem die linke Spalte unter "Sensitivität" (Cq ≤25) ist relevant, denn ein Cq-Wert von 25 entspricht hier etwa 10^6 RNA-Kopien/mL. Das heißt, wenn der Cq-Wert 25 oder kleiner ist (siehe eben die rechte Spalte), dann beträgt die RNA-Viruslast 10^6 oder mehr RNA-Kopien/mL (je kleiner der Cq-Wert, desto größer die RNA-Viruslast!).

Ist der Wert in der linken Spalte also hoch, wurden hohe (wahrscheinlich ansteckende) RNA-Viruslasten vom Antigentest gut erkannt.

Die mittlere Spalte ist zudem interessant. Es handelt sich zwar um Viruslasten (<10^6 RNA-Kopien/mL), bei denen (zumindest bei früheren Varianten) meist kein (infektiöses) Virus mehr im Labor (in Zellkultur) angezüchtet werden konnte (eigener Review, 23.8.21; für Omikron liegen m.W. noch keine entsprechenden Daten vor), wenn jedoch ein Antigentest in der mittleren Spalte höhere Werte als andere aufweist, spricht das dafür, dass der Test auch mittlere (ggf. noch nicht ansteckende) Viruslasten gut bzw. besser als andere Tests nachweisen konnte.

Noch mal der Hinweis, dass sich die Werte hier immer auf Viruslasten im Nasen-Rachen- und Rachen-Bereich beziehen. Wenn ein Antigentest 100% der hohen Viruslasten dort erkennt, muss er das nicht auch im Speichel.

Bei Spektrum.de gibt es die PEI-Liste übrigens noch mal übersichtlicher dargestellt und mit Suchfunktion, wobei hier nur die linke und mittlere Spalte aus der PEI-Tabelle dargestellt sind (und die Updates der Original-PEI-Liste mutmaßlich nicht einfließen). Man sollte sich nicht von der Bezeichnung "hohe Viruslast" auf Spektrum.de (hier die rechte Spalte, beim PEI die mittlere Spalte) verunsichern lassen. Es handelt sich - wie gesagt - eher um mittlere (zumindest bei früheren Varianten wahrscheinlich weniger ansteckungsrelevante) Viruslasten.

Update vom 25.1.22: Auf SWR.de gibt es die aktuelle PEI-Liste (vom 12.1.22) mit Suchfunktion und auf schnelltesttest.de gibt es sowohl einen Barcode-Scanner basierend auf der aktuellen PEI-Liste als auch die Liste selbst mit Suchfunktion.

Sind Antigentests geeignet zum Freitesten aus der Isolation/Quarantäne?

(Update: Die Frage wurde am 13.01.22 hinzugefügt.)

Vorab zur Begriffklärung: Isolation gilt für Infizierte und Quarantäne gilt für Verdachtsfälle (v.a. Kontaktpersonen von Infizierten).

Bund und Ländern haben am 7.1.22 folgende neue Regeln für die Isolation/Quarantäne vereinbart:

Neue Regeln für die Isolation und Quarantäne. Quelle: Bundesregierung.de, 7.1.22

Infizierte (bis auf Beschäftige in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen o.Ä.*) können sich nach 7 Tagen Isolation (und vorheriger 48-stündiger Symptromfreiheit)/Quarantäne auch mit einem "zertifizierten Antigentest (mit Nachweis)" (Bund-Länder-Beschluss vom 7.1.22) freitesten lassen. Ob sich das "zertifiziert" nur auf den Testnachweis (z.B. durch ein Testzentrum, eine Apotheke oder eine*n Arzt/Ärztin) oder auf eine positive Bewertung des Tests durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) (vgl. oben) bezieht, ist unklar**. Wobei laut eigener Erfahrung und Berichten von Bekannten (mittlerweile) sowieso durchweg vom PEI positiv bewertete Antigentests genutzt werden - auch weil die meisten noch nicht vom PEI untersuchten Antigentests kaum auf dem deutschen Markt erhältlich sind (es wurden bis zum 14.12.21 immerhin 245 Tests untersucht und danach noch weitere).

*Update vom 25.1.22: Laut Bund-Länder-Beschluss vom 24.1.22 können sich nun auch Beschäftige in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen o.Ä. nach 7 Tagen Isolation und vorheriger 48-stündiger Symptomfreiheit mit einem zertifizierten Antigentest (mit Nachweis) freitesten lassen.

**Update vom 14.1.22: Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat das Adjektiv "zertifiziert" auf seiner Webseite markiert und verweist dabei auf die Untersuchungen des PEI.

Zur Isolation: 2 neue Modelle (Bays et al. i.V.m. UKHSA, Quilty et al.) stützen das Freitesten nach 7 Tagen Isolation (beginnend am Tag der positiven PCR) durch einen negativen Antigentest, wobei das Modell von Quilty et al. m.E. hervorzuheben ist, weil es m.E. evidenzbasiertere und differenziertere Annahmen (Omikron vs. Non-Omikron und Geimpfte vs. Ungeimpfte) macht.

Sollte sich bestätigen, dass Antigentests mit vorderem Nasenabstrich bei Omikron oft den Beginn der ansteckenden Phase verpassen (siehe weiter oben), hätte das keine Auswirkungen auf das Freitesten aus der Isolation, weil der Test eben erst zum Ende der Infektion erfolgt (und weil bei Bürger*innentests und Tests bei Ärzt*innen meistens sowieso kein (alleiniger) vorderer Nasenabstbrich erfolgt).

Zur Quarantäne: Einige (gute) Modelle (z.B. Quilty et al., Ashcroft et al.) stützen das Freitesten nach 7 Tagen Quarantäne (beginnend am Tag der Exposition, d.h. des letzten Kontaktes) durch einen negativen Antigentest, wobei die Modelle weder Omikron noch die Impfung berücksichtigen. Da aber die Generationszeit (= Zeit von Infektion des Indexfalls bis Infektion des Sekundärfalls) und die Inkubationszeit (= Zeit von Ansteckung bis Symptombeginn) bei Omikron eventuell jeweils verkürzt sind (Kim et al., Abbott et al., Selby, Brandal et al.) bzw. die Inkubationszeit bei Geimpften allein immunologisch bedingt (schnellere Immunreaktion nach Infektion) wahrscheinlich kürzer ist (NDR Info-Podcast "Coronavirus-Update" vom 4.1.22) unterstützen diese Modelle das Freitesten aus der Quarantäne nach 7 Tagen bzw. bei Kindern und Jugendlichen nach 5 Tagen (wobei hier das Risiko, dass eine Infektion unerkannt bleibt, durchschnittlich leicht höher ist als nach 7 Tagen) m.E. erst recht. Aufgrund der offenen Frage, ob Antigentests mit vorderem Nasenabstrich bei Omikron oft den Beginn der ansteckenden Phase verpassen (siehe weiter oben), würde ich jedoch beim Freitesten von Kindern und Jugendlichen nach 5 Tagen Quarantäne vorsorglich einen PCR-Test oder einen Antigentest mit (Nasen-)Rachenabstrich (der sowieso oft beim Bürger*innentest oder bei Ärzt*innen erfolgt) bevorzugen. Zudem sollte man sich bei Symptomen m.E. nur durch einen PCR-Test nach 7 bzw. 5 Tagen Quarantäne freitesten lassen dürfen. Dies gilt insbesondere für Geimpfte, denn hier kommt es durch die schnelle Immunreaktion wahrscheinlich früher, das heißt noch vor dem Viruslast-Gipfel, zu Symptomen (NIID, NDR Info-Podcast "Coronavirus-Update" vom 4.1.22), so dass am oder in den ersten Tagen nach Symptombeginn aufgrund der noch relativ geringen Viruslast wahrscheinlich nur der PCR-Test zuverlässig anschlägt.

Und nun? (Fazit und Ausblick)

Fazit: Anekdotische Berichte und die ersten, aber statistisch (noch*) nicht robusten und methodisch teils unklaren Studiendaten deuten darauf hin, dass Omikron im Rachen/Speichel möglicherweise im Schnitt etwas früher in hoher (ansteckender) RNA-Konzentration nachweisbar ist als in der Nase und dass Antigen(selbst)tests mit (vorderem) Nasenabstrich (wahrscheinlich dadurch) eventuell den Beginn der ansteckenden Phase verpassen, jedoch, sobald die Viruslast in der Nase hoch ist, wahrscheinlich** wieder gut anschlagen.

*Aktuell vergleicht die UK Health Security Agency (UKHSA) laut Meaghan Kall (Twitter, 6.1.22) die Sensitivität des vorderen Nasenabstrichs mit der des Rachenabstrichs bei Antigentests.

**Update vom 10.1.22 und 24.1.22: Zwei neue Preprints von Schrom et al. und Goodall et al. mit umfangreicheren Real-Life-Daten bestätigen dies für 3 verschiedene Antigentests mit vorderem Nasenabstrich (u.a. für einen der beiden in der Studie von Adamson et al. genutzten Antigentest).

Für das regelmäßge (asymptomatische) Testen (v.a. in Gruppen) wäre das weniger relevant (Hochansteckende würden statistisch immer noch relativ früh identifiziert und die anderen relativ früh gewarnt) als für das unregelmäßige bzw. anlassbezogene "Freitesten" (2G+, 3G, privat). Natürlich ist 2G+ immer besser als 2G (und nicht in allen Testzentren wird nur ein Nasenabstrich gemacht, siehe unten), aber man sollte dies ggf. bei der (politischen wie privaten) Abwägung 2G+ vs. Ausfall des Events bzw. Fernbleiben vom Event (schon jetzt) berücksichtigen.

Antigen-Selbsttests mit Nasenabstrich sollten auf jeden Fall weiterhin genutzt werden. Erstens, weil eben noch unklar ist, ob überhaupt der Beginn der ansteckenden Phase beim Nasenabstrich oft verpasst wird. Zweitens, weil sie wahrscheinlich weiter bei hohen Viruslasten in der Nase gut anschlagen (siehe oben). Drittens, weil jede frühzeitig erkannte Infektion hilfreich ist (und wenn es erst an Tag 2 der Ansteckungsfähigkeit wäre; dass man sich direkt an Tag 1 testet, ist sowieso unwahrscheinlich). Viertens, weil der zeitliche Viruslast-Verlauf und der Zeitpunkt des Symptombeginns (wenn man nicht asymptomatisch bleibt) nicht homogen (bei allen gleich) ist (bei der einen Person könnte es sein, dass der Antigentest einen und bei der anderen wiederum keinen ansteckungsfähigen Tag verpasst). Und fünftens, weil man oft Symptome gar nicht oder zu spät wahrnimmt bzw. richtig einordnet (und man so oft sowieso den Beginn der ansteckenden Phase verpasst). Man sollte sich aber generell immer bewusst sein, dass ein negativer Antigen-Schnell- oder Selbsttest nie eine Infektion ausschließen kann!

Wenn man Symptome bekommen hat und der Antigen(selbst)test negativ ist, sollte man sich am Folgetag (idealerweise an den 2 Folgetagen) noch mal testen (und vorerst möglichst Kontakte meiden), da v.a. bei Geimpften die Viruslast wahrscheinlich oft erst kurz nach Symptombeginn hoch bzw. hoch genug für den Antigentest ist.

(Unabhängig validierte) Antigentests mit Rachenabstrich (mit Zugang über den Mund = Oropharyngealabstrich), aber auch mit Nasen-Rachen-Abstrich (mit Zugang über die Nase = Nasopharyngealabstrich), ggf. in Kombination mit dem (vorderen) Nasenabstrich, oder Antigentests mit Speichelprobe könnten die Sensitivität (Empfindlichkeit bzw. Erkennungsrate) möglicherweise (wenn sich bestätigt, dass die Viruslast im Rachen/Speichel im Schnitt früher ansteckend ist als in der Nase) zumindest am Anfang der Omikron-Infektion erhöhen.

Wichtig: Schnell- und Selbsttests sollten immer nur mit der Abstrich- bzw. Probenart verwandt werden, für die sie zugelassen wurden.

In Deutschland zugelassene Antigen-Selbsttests mit Rachenabstrich (oder Nasen-Rachen-Abstrich) gibt es jedoch m.W. nicht. Dafür bräuchte es erst unabhängige Validierungs- und v.a. Anwendungsstudien, um die Zuverlässigkeit und Anwendungsfreundlichkeit zu evaluieren. Es gibt jedoch zugelassene (und vom Paul-Ehrlich-Institut positiv bewertete) Point-Of-Care-(PoC)Antigentests (für den professionellen Gebrauch), die - neben dem Nasen-Rachen-Abstrich - auch für den Rachenabstrich zugelassen sind. In Testzentren könnte also (idealerweise in Kombination mit dem Nasen-Rachen- oder Nasen-Abstrich) ein Rachenabstrich erfolgen (teils ist das auch schon zutreffend). Jetzt, wo 2G+ bundesweit (mit Ausnahmen) für die Gastronomie gilt, könnte das die Erkennungsrate von im Testzentrum i.d.R. asymptomatisch getesteten Infizierten (in der frühen Infektionsphase) möglicherweise erhöhen.

Es gibt ein paar zugelassene Antigentest-Selbsttests mit Speichelproben, wobei dafür fast nie unabhängige Validierungsstudien vorliegen. Die zugelassenen Selbsttests mit Speichelproben wurden vom Paul-Ehrlich-Institut leider nicht mit Speichelproben, sondern mit Pools aus Nasen-Rachen-Abstrichen und Rachen-Abstrichen (vor Omikron) untersucht.

Da einzelne unabhängige Studien (siehe weiter oben) gezeigt haben, dass einige Antigentests mit Rachenabstrich oder mit Speichelproben (auch wenn sie nicht dafür vorgesehen waren) eine gute Sensitivität bei hohen Viruslasten bzw. Antigen-Konzentrationen aufwiesen, wäre es wünschenwert, wenn das Paul-Ehrlich-Institut einige Antigen(selbst)tests nicht nur mit Omikron-Proben aus der Nase, sondern auch aus dem Speichel (v.a. für Selbsttests relevant) und Rachen schnellstmöglich vergleichend (neu) untersuchen/bewerten würde (Update vom 14.1.22: Das Paul-Ehrlich-Institut hat erste Ergebnisse seiner Untersuchungen mit Omikron-Proben für Ende Februar 2022 angekündigt).

Autor: Christian Erdmann, FH Münster, keine Interessenkonflikte, u.a. Mitautor einer einschlägigen Meta-Analyse und Mitgründer der wissenschaftlichen Initiative RapidTests

Hinweis: Es wurden auch einige Preprints (nicht begutachtete Vorab-Publikationen) zitiert/verlinkt (erkennbar an der URL medrxiv.org).

Artikelbild: Covid-19 Antigen tests on blue background by Marco Verch under Creative Commons 2.0